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Laudatio von Berthold Unfried, Wien
anlässlich der Verleihung des René Kuczynski-Preises 2009 an Marcel van der Linden
Linz, 10.9.2009

Das Buch ist eine Art Summe von van der Lindens langjährigen Überlegungen und empirischen Studien zu einer durch eine globale Sichtweise erneuerten Geschichte der Arbeit und der Arbeiter und Arbeiterinnen. Der Band enthält zum Teil schon publizierte und zum Teil neu geschriebene Beiträge, die ein kohärentes Ganzes ergeben. Van der Lindens Anliegen ist die Entwicklung eines Forschungsfelds Global Labour History. Der Autor will folgende Neuerungen mit seinen Konzeptualisierungen erreichen: eine Überwindung des Eurozentrismus und des methodologischen Nationalismus, die dazu beigetragen haben, die "alte" Arbeitergeschichte – und damit ist die New Labour history der 1980er und 1990er gemeint – in die Isolierung zu führen. Die Beschränkung auf den Nationalstaat war natürlich nicht nur eine geistige Beschränktheit der Protagonisten dieser Arbeitergeschichte – immerhin war die organisierte Arbeiterbewegung in Europa im Rahmen des Nationalstaats zu Einfluss gekommen und nicht durch transnationale Organisierungsformen. Der Eurozentrismus hatte also eine Grundlage in der europäischen Wirklichkeit. Von Eurozentrismus geprägt sind die grundlegenden Konzepte von Arbeit, Lohnarbeit und von Arbeiterklasse, von denen nähere Forschung bald zeigt, dass sie nicht problemlos globalisiert werden können. Vielmehr entsprechen die Arbeitsverhältnisse im globalen "Süden" nicht diesen Konzepten. Van der Linden antwortet darauf mit einer sehr weiten Fassung des Begriffs "Arbeit". Er umfasst bei ihm neben der Lohnarbeit auch Formen "unfreier" Arbeit, von gebundener Vertragsarbeit bis hin zur Sklaverei. Er umfasst bezahlte wie unbezahlte Arbeit, also auch Arbeit im Rahmen der Subsistenzproduktion und Hausarbeit, Arbeit im industriellen wie im agrarischen Umfeld.

Der Einwand liegt nahe: Überspannt van der Linden hier den Begriff der Arbeit, sodass er diffus wird und sich in andere Formen menschlicher Tätigkeit auflöst? Wo ist die Grenze zwischen "Arbeit" und anderer menschlicher schöpferischer Tätigkeit? Wie sieht denn die "Arbeiterklasse" als globales Forschungsobjekt aus? Wie kann Labour history als eigenes Feld abgesteckt werden?
Das sind Fragen, deren Diskussion Voraussetzung für eine Definierung des Forschungsfelds "Arbeit" ist. Mir scheint der Vorteil zu überwiegen, dass solche weiten Konzeptionen von "Arbeit" den Weg öffnen für eine umfassende Sozialgeschichte menschlicher Tätigkeit. Das Feld der Arbeitergeschichte erneuern, indem man es verbreitert in das weitere Feld der Sozialgeschichte hinein; die Arbeitergeschichte auflösen und aus dem plastischen Material neu backen, das scheint mir das Konzept des Buchs.

In jedem Fall regt das zum Denken an. Das Buch erhebt nicht den Anspruch, fertige Ergebnisse zu liefern, sondern mögliche Neuorientierungen zur Diskussion zu stellen. Darin ist die ITH by the way Wegbegleiterin. Wir suchen ja auch nach Wegen, Arbeitergeschichte zu erneuern und in die internationale Diskussion einzubringen.
Methodologischer Nationalismus: Darunter versteht van der Linden die Beschränkung der Forschung auf den Rahmen des Nationalstaats. Der Nationalstaat muss als europäisches Phänomen des 19. und 20.Jh. betrachtet werden, als vergängliches Zwischenergebnis historischer Entwicklung und nicht als Endprodukt der Weltgeschichte. Das mag uns evident erscheinen, aber wenn das ernst genommen wird, hat das weit reichende Konsequenzen: Kann man von einer Gesellschaft sprechen, die dem Rahmen des Nationalstaats kongruent ist? Wenn wir den Blick außerhalb Europas richten, wird bald klar, dass dieses unausgesprochene Konzept nicht gut anwendbar ist. Etwa in Lateinamerika. Eine guatemaltekische, eine ecuadorianische Gesellschaft? Jeder, der diese Länder kennt, wird nicht davon ausgehen. Es gibt dort vielmehr viele Gesellschaften, die wenig miteinander verbunden sind.

Eurozentrisch
sind auch alle Konzeptionen von Entwicklung, die implizit die europäische Variante der Entwicklung als den Pfad ansehen, den alle anderen Zivilisationen dieser Erde einzuschlagen hätten, um zu zivilisierten Zuständen, zu Wirtschaftswachstum und Wohlstand, oder auch zum Sozialismus zu gelangen. Etwa die Modernisierungstheorien in allen ihren Varianten, wie sie auch von Teilen der europäischen Arbeiterbewegung vertreten wurde. Konzeptionen wie Modernisierungstheorien und marxistisch inspirierte Theorien vom Fortschritt der gesellschaftlichen Entwicklung teilen diese Grundannahmen.

Eine Hauptfrage des Buches ist, wie verwandte Diziplinen für die Global Labour History nutzbar gemacht werden können? Was kann von Sozialanthropologen, Soziologen und anderen Sozialwissenschaftlerinnen gelernt und übernommen werden? Einer von vier Teilen des Buches beschäftigt sich damit und thematisiert Beiträge der Weltssystemtheorie, der Debatte über die Verflechtung verschiedener Arbeitsformen und der Ethnologie, für eine globale Geschichte der Arbeit. Das Konzept von Global Labour History, das der Autor in seinem Buch entwickelt, bezieht Disziplinen, Themen und Diskussionszusammenhänge ein, die heute spontan nicht unbedingt mit Labour history verbunden werden: die Bielefelder Schule der Entwicklungssoziologie etwa mit ihren Arbeiten zur Verflechtung von Lohnarbeit und von Subsistenzarbeit, die das Überleben sichert. Dieser fruchtbaren Denkfabrik der 1970er bis zu Beginn der 1990er Jahre ist ein Kapitel gewidmet.
In ihren empirischen Studien richteten die "Bielefelder" den Blick auf Haushalte in Afrika und Asien und fanden vielfältige Verflechtungen zwischen Subsistenzarbeit, also der Produktion für den eigenen Gebrauch, und marktorientierter Lohnarbeit. Subsistenzarbeit ist notwendig für die Reproduktion von Lohnarbeit. Dadurch rückt unter Anderem die Hausarbeit in den Blickpunkt des Forschungsfelds "Arbeit".
Die Bielefelder zeichneten sich durch einen Zugang aus, der mitgebrachte Konzeptualisierungen nicht auf das empirische Material überzustülpen versuchte; sondern der im Gegenteil versuchte, neue Konzeptualisierungen zu entwickeln, die der vorgefundenen Situation angepasst waren. Die so entwickelten Begriffe – neben "Subsistenz" etwa jener der "strategischen Gruppen", der "Klasse" ersetzen sollte – waren vieldeutig und unscharf, sie oszillierten über die Jahre in ihrem Gebrauch. Das war Ausdruck des Versuchs, das heterogene empirische Material in den Griff zu bekommen. Aber diese Konzeptualisierungsversuche brachten in all ihrer Anfechtbarkeit oder gerade deswegen lang anhaltende und fruchtbare Diskussionen in Gang.

Mit dem Blick eines Sozialanthropologen/Ethnologen hat van der Linden ein Kapitel geschrieben, das man in diesem Zusammenhang auch nicht unbedingt erwartet hätte: "The Iatmul experience". Der Preisträger wird uns vielleicht selber erzählen, wie er zum Studium dieser Ethnie, der Iatmul in Papua-Neuguinea gekommen ist. Er verfolgt anhand ethnographischen Materials die Einbeziehung dieses Territoriums und seiner Einwohner in das Weltsystem seit der australischen Mandatszeit in den 1920er Jahren. Den Link zur Labour history stellt er über die Einführung von Vertragsarbeit und die sukzessive Entstehung eines Arbeitsmarkts in Papua-Neuguinea seit den 1960er Jahren her, die zu einer ausgedehnten Arbeitsmigration führten. In den 1980ern griff die Lohnarbeit auch auf den weiblichen Teil der Iatmul-Bevölkerung über. Das brachte neue Abgrenzungen der Geschlechter-Arbeitsteilung mit sich.

Die Geschichte der Arbeit ist ein weites Feld und sie birgt große Möglichkeiten für unterschiedliche Zugänge. Der Labour historian kann sich auch anhand der Iatmul betätigen und historische Quellenstudien und die Analyse vorliegenden ethnographischen Materials mit eigener teilnehmender Beobachtung kombinieren. Er kann Studien zum Arbeitsmarkt in Papua-Neuguinea auswerten sowie Berichte und Evaluierungen von Entwicklungsprojekten. Er kann sich in die scientific communities der Sozialanthropologen, der Entwicklungsforscher, der Migrationsforscherinnen und der entsprechenden area studies einklinken. Das alles bedeutet heute Labour history. Das ist die Botschaft des Buches, die uns Sozial- und Arbeiterhistoriker anspricht. Der Autor hat wagemutige Schritte in neues Land gesetzt. Deswegen haben wir – die Jury des Kuczynski-Preises – Marcel van der Linden den Preis verliehen.