René-Kuczynski-Preis 2006
an Alexander Nützenadel für sein Buch:
Stunde der Ökonomen. Wissenschaft, Politik und Expertenkultur in der Bundesrepublik 1949-1974
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Bd. 166), 427 Seiten, ISBN 3-525-35149-6, EUR 49,90 (kartoniert)

Die Jury des Vereins zur Vergabe des René Kuczynksi Preises hat als Preisträger für 2006 Alexander Nützenadel, Professor für Vergleichende Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder nominiert.

Nützenadel hat keine Dogmengeschichte der Bundesrepublik geschrieben. Ihn interessiert, welche Rolle die Auffassungen der Ökonomen in der (Wirtschafts-)politik spielten und inwieweit durch sie die Wirtschaftsentwicklung beeinflusst wurde. Im Mittelpunkt des Buches stehen „die Experten“, jene Wirtschaftswissenschaftler, die die Regierung berieten bzw. selbst für den Wirtschaftsbereich Regierungsämter übernehmen, von Erhard bis Schiller. Das Buch macht deutlich, in welchem Maße traditionell vor allem politikgeschichtlich eingeordnete Ereignisse in der Wirtschaftsentwicklung begründet und wirtschaftspolitisch dominiert waren. (Prof. Dr. Jörg Roesler, Mitglied der Jury)

 

Preisverleihung

René-Kuczynski-Preise 2005 & 2006:
Verleihungsfeier in der Universität Wien

Do, 19. Oktober 2006, 19 Uhr
Marietta Blau-Saal
Universität Wien, Hauptgebäude
Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, A-1010 Wien

Verein zur Vergabe des René-Kuczynski-Preises
International Conference of Labour and Social History (ITH)
Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien

luden ein zur

Verleihung der René-Kuczynski-Preise 2005 und 2006
für hervorragende Publikationen aus dem Bereich der
internationalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte

an
Dr. Annemarie Steidl
(Univ. Wien)

Prof. Dr. Alexander Nützenadel
(Univ. Frankfurt/Oder)

Für die Bücher:

Annemarie Steidl: Auf nach Wien! Die Mobilität des mitteleuropäischen Handwerks im 18. und 19. Jahrhundert am Beispiel der Haupt- und Residenzstadt. München: Oldenbourg 2003 (Sozial- und Wirtschaftshistorische Studien 30)

Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Wissenschaft, Politik und Expertenkultur in der Bundesrepublik 1949-1974. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Bd. 166)

Laudationes
Prof. Dr. Claudia Ulbrich (FU Berlin)
Prof. Dr. Jörg Roesler (Berlin)

Vorträge
Annemarie Steidl: „Malen nach Zahlen. Die Visualisierung handwerklicher Zuwanderungsräume am Beispiel Wien“
Alexander Nützenadel: „Bilder in der Ökonomie. Einige historische Reflexionen“

Laudatio von Jörg Roesler

Laudatio von Jörg Roesler, Berlin anlässlich der Verleihung des René Kuczynski-Preises 2006 an Alexander Nützenadel

Verehrte Stifter und Juroren, geschätzter Preisträger, liebe Kollegen, meine Damen und Herren,

als im Januar 1990 in der Bundesrepublik von Politikern in Regierung und Opposition die Frage, wie sich das Wirtschaftssystem der DDR verändern müsse, damit der Annäherungsprozesse beider deutscher Staaten – von Vereinigung war noch keine Rede – erfolgreich gestaltet werden könne, meldete sich der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung mit einer 61 Seiten umfassenden Expertise zu Wort, betitelt „Zur Unterstützung der Wirtschaftsreform in der DDR: Voraussetzungen und Möglichkeiten“ . Das Sondergutachten der „fünf Weisen“ – nur wenige Wochen nach dem turnusgemäßen Jahresgutachten für die Bundesrepublik Deutschland der Bundesregierung überreicht, demonstrierte einmal mehr die gefestigte Stellung, die die Wirtschaftsexperten im gesellschaftlichen Leben Westdeutschlands einnahmen, aber auch deren Selbstbewusstsein. Der damalige Vorsitzende der Wirtschaftsrates, Hans K. Schneider, beunruhigt durch Signale, dass man im Kanzleramt den Ratschlägen des Sachverständigenrates gegenüber nicht die notwendige Aufmerksamkeit walten ließ, griff am 9. Februar 1990 noch einmal zur Feder und forderte im Auftrage der fünf „Weisen“ dringlich die Beachtung des Standpunktes der Wirtschaftswissenschaftler.

Die Anfänge dieser Beraterpolitik in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und deren Entwicklung bis zu dem Zeitpunkt, da die Politikberatung durch die Wirtschaftswissenschaftler in den 60er Jahren zu einer allgemein akzeptierten Tatsache wurde, hat Alexander Nützenadel in seinem 2005 bei Vandenhoeck Ruprecht in Göttingen erschienenen Buch, das von den Mitgliedern der Jury für den Rene-Kuczynski-Preis ausgewählt wurde, analysiert. Nachzulesen ist, wie sich aus den Versuchen einer Politik zur Konjunkturdämpfung während der 50er Jahre die „Globalsteuerung“ der 2. Hälfte 60er Jahre entwickelte, wie mit Hilfe von Stabilitätsgesetz und Konzertierter Aktion ein expansives konjunkturpolitisches Instrumentarium entwickelt wurde, das sich in der Bekämpfung der Rezession von 1966/67 bewährte. Dank dieser erfolgreichen Politikberatung erreichte das Ansehen der Ökonomen in der bundesdeutschen Öffentlichkeit Ende der 60er Jahre einen ersten Höhepunkt.

In Nützenadels Buch stellt die Analyse der Entwicklung der wirtschaftswissenschaftlichen Politikberatung allerdings nur einen Untersuchungsstrang dar. Bevor er sich unmittelbar dem Thema Politikberatung zuwendet, schildert der Preisträger die Entwicklung der Volkswirtschaftslehre in der Bundesrepublik zwischen 1949 und 1974. Deutlich wird im ersten Teil von Nützenadels Buch die früh einsetzende Ablösung ordoliberaler Ideen durch keynesianistisches Gedankengut, dessen Akzeptanz die theoriegeschichtlichen Voraussetzungen für eine Steuerung der Wirtschaft über Konjunkturprogramme, für die Gestaltung eines „Wachstums nach Maß“ erst schuf.

Alexander Nützenadel ist es in seinem Buch nicht nur gelungen, Dogmengeschichte und Geschichte der Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik sowie die Geschichte der Wirtschaftsentwicklung des Landes, also Wirtschaftsgeschichte im engeren Sinne miteinander zu kombinieren. Seine Analyse reicht über die Bundesrepublik hinaus. Er ermöglicht dem Leser einen Vergleich des westdeutschen wirtschaftswissenschaftlichen Denkens und der bundesrepublikanischen Wirtschaftspolitik sowohl mit der im anderen Teil Deutschlands sich in der Erprobungsphase befindlichen sozialistischen Planwirtschaft als auch mit der Planification, die die französische Regierung Anfang der 60er Jahre mit Eifer zum Wirtschaftsmodell der Europäischen Gemeinschaft zu machen versuchte. Dass Alexander Nützenadel beiden Planungssystemen ernsthafte Aufmerksamkeit widmet und auch die bundesdeutsche Globalsteuerung keineswegs von ihrem späteren – im Buch abschließend angedeuteten – Scheitern aus beurteilt, wie das manche Kritiker gern gesehen hätten, weist Nützennadel auch als einen Wirtschaftshistoriker aus, der sich von der heute verbreiteten teleologischen Geschichtsauffassung, nach der sich im ungebändigten Markt und schlanken Staat das letztlich das Ende der Wirtschaftsgeschichte manifestiert habe, bei seinen Untersuchungen nicht hat beeindrucken lassen. Indem er sich nicht mit dem augenblicklichen real existierenden Wirtschaftssystem hat verheiraten lassen, fand er in seinen Studien Zeit und in seinem Buch Raum für die Behandlung der Ängste, die die Planwirtschaft unter bundesdeutschen Ökonomen seit der zweiten Hälfte der 50er Jahre hervorrief, so dass von ihnen ernsthaft über die „bedrohlichen Überlegenheit totalitärer Systeme in der Frage der Produktivitätssteigerung und der Sicherung der Investitionsquote“ nachgedacht wurde. Diese Ängste haben zweifellos die Bereitschaft, das eigene System zu verbessern – von mehr Staatsintervention als dies der Ordoliberalismus billigen konnte bis hin zur Programmplanung – deutlich erhöht.

Das Kapitel zur Diskussion der Möglichkeiten der Planwirtschaft durch die bundesdeutschen Ökonomen ist insofern genauso wenig wie das über die Konvergenzdebatte der 60er Jahre als Exkurs anzusehen, es handelt sich bei beiden Abschnitten vielmehr um einen konstitutiven Bestandteil des Buches. Beide Kapitel wären freilich unter den Tisch gefallen, wenn Nützenadel, wie es sich mancher Rezensent gewünscht hätte, die Geschichte der Politikberatung der Bundesrepublik vom neoliberalen Standpunkt aus, d. h. „von hinten nach vorn“ geschrieben hätte.

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass Alexander Nützennadel eine umsichtig argumentierende, kenntnisreiche und quellengesättigte Studie geschrieben hat – die bewundernswerte Leistung eines Wissenschaftlers, dessen wissenschaftliche Biographie 1984 mit der Aufnahme des Studium der Geschichte und Volkswirtschaftslehre an der Universität Göttingen begann. Nach der Promotion zum Dr. phil. 1995 war unser Preisträger wissenschaftlicher Mitarbeiter bzw. Assistent am Historischen Seminar der Universität Köln, bis 2001 unter Wolfgang Schieder. Im Jahre 2004 habilitierte er sich in Köln und hat mit dem laufenden Semester eine Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Viadrina, der Universität Frankfurt/Oder erhalten. Dazwischen lagen Studienaufenthalte im Ausland, so in Italien, den Vereinigten Staaten und den Niederlanden.

Alexander Nützenadels wissenschaftliche Arbeiten umfassen einen weiten Themenkreis und reichen von der Nationenbildung in Deutschland über die Agrarpolitik im faschistischen Italien bis zur Modelldarstellung in der Ökonomie und Problemen der Globalisierung. Zeitlich umfassen die von ihm behandelten Themen das 18. bis 20. Jahrhundert.
Diese Vielseitigkeit, die Tatsache, dass der Preisbuch von jemanden geschrieben wurde, der mehr ist als ein gelernter Wirtschaftshistoriker mit der Spezialisierung Bundesrepublik, war m. E. eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Alexander Nützenadel das Thema der wirtschaftswissenschaftliche Politikberatung in der Bundesrepublik, das er sich stellte – es war im Übrigen sein Habilitationsthema – in einer so komplexen Manier und auf so hohen Niveau – uns allen zum Nutzen und – ich sage es ganz offen – auch zur Freude, bewältigen konnte.

19.10.2006