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Nachruf: Claudie Weill (1942-2018)

1942 in Lyon geboren, entging sie den Massenverhaftungen der Nazis dank der Courage protestantischer Familien aus Chambon-sur-Lignon, einem Dorf in der Haute-Loire, das ihr und anderen jüdischen Kindern Zuflucht gewährte.

Nachdem sie Deutsch und Russisch – Sprachen, die sie fließend beherrschte – studiert hatte, spezialisierte sich auf die Sozial- und Politikgeschichte sozialistischer und studentischer Bewegungen Studenten in Europa. Diesen Themen widmete sie zwei (Abschluss-)Arbeiten: Marxistes russes et social-démocratie allemande 1898-1904 [Russische Marxisten und die deutsche Sozialdemokratie, 1898-1904] (Paris, Maspero, 1977) und Étudiants russes en Allemagne: 1900-1914 [Russische StudentInnen in Deutschland: 1900-1914] (Paris, L‘Harmattan, 1996). Als Assistentin von Georges Haupt an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris arbeitete sie als Forscherin im Team für Zeitgeschichte, das von Michaël Werner geleitet wurde.

Sie interessierte sich insbesondere für das Denken und die politische Praxis von Rosa Luxemburg. Weill übersetzte Luxemburgs politische Schriften, die in den letzten zwei Jahren vor ihrem Tod entstanden, ins Französische und machte sie in Frankreich bekannt: Œuvres II. Oeuvres politiques 1917-18 [Werke II. Politische Schriften 1917-1918] (Paris, Maspero, 1971). Darüber hinaus veröffentlichte Weill Luxemburgs Korrespondenz in französischer Sprache: Vive la lutte! Correspondance 1891-1914 [Es lebe der Kampf! Korrespondenz 1891-1914] (Paris, Maspero, 1975) und J‘étais, je suis, je serai! Correspondance 1914-1919 [Ich war, ich bin, ich werde sein! Korrespondenz 1914-1919] (Paris, Maspero, 1977) und weitere, weniger bekannte Schriften: La question nationale et l’autonomie [Nationale Frage und Autonomie] (Paris, Le Temps des Cerises, 2001). Unter dem Titel Rosa Luxemburg: ombre et lumière [Rosa Luxemburg: Schatten und Licht] (Paris, Le Temps des Cerises, 2009) erschien ihre letzte Arbeit über die deutsche Revolutionärin, eine Aufsatzsammlung.

Die nationale Frage und die Debatten, die diese im Marxismus und in der sozialistischen Bewegung vor 1914 in Europa auslöste, bildeten eine weitere zentrale Achse ihrer Forschungen: Les marxistes et la question nationale, 1848-1914 [Die Marxisten und die nationale Frage, 1848-1914] (Paris, Maspero, 1974, in Zusammenarbeit mit Georges Haupt und Michael Löwy). Weill trug insbesondere zur Verbreitung der Werke von Otto Bauer und anderer austromarxistischer Theoretiker zur Nationalitätenfrage in Frankreich bei.

Claudie Weil beschäftigte sich in ihren Forschungen außerdem mit dem Bund [dem Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund, tätig in Russland, Polen und Litauen], dem Verhältnis zwischen Sozialismus und Judentum in Russland (Les cosmopolites: socialisme et judéité en Russie, 1897-1917) [Die Kosmopoliten: Sozialismus und Judentum in Russland, 1897-1917] (Paris, Syllepse, 2004), den interethnischen Beziehungen in der Zweiten Internationale: L’Internationale et l’autre: les relations inter-ethniques dans la IIe Internationale: discussions et débats [Die Internationale und das Andere: Interethnische Beziehungen in der Zweiten Internationale: Diskussionen und Debatten] (Paris, Arcantère, 1987) und den Studentenbewegungen in Deutschland und im Russischen Reich vor 1914.

Aufgrund der Breite ihrer Interessen und ihrer profunden Kenntnis der sozialistischen Bewegungen in mehreren europäischen Ländern (Deutschland, Österreich, Russland, Polen) unterschied sich Claudie Weill deutlich von den meisten französischen SozialhistorikerInnen. In dieser Hinsicht stand sie eher dem wirklich „kosmopolitischen“ Sozialhistoriker Georges Haupt nahe, mit dem sie auch eng zusammenarbeitete. Als Historikerin war sie von einer militanten Leidenschaft beseelt, die ihr Interesse an jenen heterodoxen und dissidenten Persönlichkeiten hervorbrachte, denen sie den größten Teil ihrer Forschung widmete.

Sie hat mehrere wissenschaftliche Zeitschriften inspiriert und aktiv an diesen mitgearbeitet, so insbesondere L’Homme et la société und Matériaux pour l’histoire de notre temps, und sie nahm oft an den jährlichen Konferenzen der ITH (Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung, später Internationale Tagung der HistorikerInnen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen) teil, die in Europa während der Zweiteilung durch den Kalten Krieg einen der seltenen Treffpunkte und Diskussionsforen von SozialhistorikerInnen aus Ost und West darstellte. Claudie Weill entwickelte und verfügte über ein weites Netzwerk an Kontakten und Freundschaften mit HistorikerInnen aus Mittel- und Osteuropa, sowie mit SpezialistInnen zu Rosa Luxemburg in Japan und anderen Ländern.

Viele von uns, in der ITH und anderswo, können uns nur den Worten von Michael Löwy in seinem Artikel zu Ehren von Claudie Weill (Médiapart, 14. Oktober 2018) anschließen: „Wir haben eine geliebte Freundin, und das Forschungsgebiet des internationalen Sozialismus eine engagierte Forscherin voll menschlicher Sensibilität verloren.“

Bruno Groppo (Université de Paris I / Centre National de la Recherche Scientifique)
Übersetzung aus dem Französischen von Susan Zimmermann