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Marta Vartíková (1928-2016)

Am 28. Juli 2016 starb in Bratislava die slowakische Historikerin Marta Vartíková. Am 20. Oktober 1928 in Rimavská Bana, einem alten Bergwerksort im mittelslowakischen Bezirk Banská Bystrica, geboren, studierte sie Geschichte in Bratislava, heiratete den Sozialphilosophen František Vartík und trat als Mitarbeiterin in das Institut für die Geschichte der Kommunistischen Partei der Slowakei ein. 1962 veröffentlichte sie unter dem Titel „Roky rozhodnutia“ („Jahre der Entscheidung“) ihr erstes Buch. Darin untersuchte sie die politischen Auseinandersetzungen in der Slowakei von der Bildung der ersten tschechoslowakischen Koalitionsregierung unter Staatspräsident Beneš und Ministerpräsident Fierlinger im April 1945 im befreiten Košice über die Wahlen 1946 bis zum Februarumsturz des Jahres 1948, der die KPC an die Macht brachte. Sie betonte darin die positive Rolle der slowakischen bürgerlichen Koalitionspartner für die Reintegration der Bevölkerung des Landes, das 1938 bis 1945 einen eigenen (faschistischen) Staat gebildet hatte, in die wiedererstandene Tschechoslowakische Republik. Neben der Edition von Dokumenten zur Geschichte der kommunistischen Partei – wobei ihr Schwerpunkt die ersten Jahre nach dem Slowakischen Nationalaufstand 1944 war – begann sie mit sozialgeschichtlichen Forschungen zur Stellung der Frau in der Slowakei.

Aufgrund ihrer Sprachkenntnisse zählte sie zu den ersten regelmäßigen Besucherinnen der Linzer Konferenzen der ITH aus der CSSR. Eines ihrer für die ITH verfassten Papiere – „Die werktätige Frau in der Tschechoslowakei zwischen den zwei Weltkriegen“ (Linzer Konferenz 1978) – wurde auch über die ITH hinaus publik, da Ernest Borneman es in den von ihm 1983 bei Ullstein herausgebrachten Sammelband „Der Neanderberg. Vom Aufstieg der Frauen aus dem Neandertal. Beiträge zur Emanzipationsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ aufnahm. Auch nach ihrer Pensionierung blieb Marta Vartíková der ITH verbunden und stellte österreichischen KollegInnen ihre Archiv- und Sprachkenntnisse zur Verfügung. So übersetzte sie für Claudia Kuretsidis-Haiders Studie über die Verbrechen von Wiener SA-Männern im Judenlager Engerau bei Kriegsende den Bericht der Slowakischen Untersuchungskommission aus dem Jahre 1945, den sie zuvor im Slowakischen Nationalarchiv ausfindig gemacht hatte. Der darin enthaltene Exhumierungsbericht ist bis heute fixer Bestandteil der jährlichen Gedenkveranstaltungen vor dem Denkmal für die ermordeten ungarischen Juden auf dem Friedhof von Bratislava-Petržalka.

Marta Vartíková war eine typische Vertreterin jener Generation an WissenschaftlerInnen, die sich zwar nicht durch innovative Diskussionsbeiträge auszeichneten, durch ihre auf die Auswertung von Archivalien gestützten Tagungsbeiträge zu den unterschiedlichen Themen der Linzer Konferenzen aber dazu beitrugen, dass diese Archivquellen – über die ITH-Publikationen – auch westeuropäischen ForscherInnen zugänglich wurden.

Winfried R. Garscha (Wien)