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Gratulation an ITH-Ehrenmitglied Feliks Tych zum 80. Geburtstag

Feliks Tych, Ehrenmitglied der ITH, zählt seit den 1970er Jahren zu jenen Persönlichkeiten, die die International Conference of Labour and Social History und ihre Linzer Konferenzen am nachhaltigsten geprägt haben.

Tych wurde am 31. Juli 1929 als neuntes Kind einer jüdischen Familie in Warschau geboren. Er wuchs im zentralpolnischen Radomsko (Noworadomsk) auf, einer der ältesten polnischen Städte, gelegen an der ersten Eisenbahnlinie Warschau-Wien. In dieser mehrheitlich jüdischen Kleinstadt besaß sein Vater eine kleine Metallfabrik. Nur drei Tage nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf Polen im September 1939 besetzte die Deutsche Wehrmacht die Stadt, die nur sechzig Kilometer von der damaligen deutsch-polnischen Grenze entfernt war. Am 20. Dezember richtete die deutsche Besatzungsverwaltung hier das erste Ghetto im so genannten "Generalgouvernement Polen" ein. Als sich im Sommer 1942 die Anzeichen einer bevorstehenden "Aktion" gegen die Bewohner des Ghettos verdichteten, entschieden sich Feliks Tychs Eltern, ihren 13-jährigen Sohn mit Hilfe eines nicht-jüdischen Bekannten heimlich nach Warschau zu bringen. Tatsächlich wurde das Noworadomsker Ghetto am 9. Oktober 1942 liquidiert. Eltern und Geschwister Feliks Tychs wurden im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Er selbst konnte in Warschau mit gefälschten Papieren als verwaister "Neffe" einer polnischen Gymnasiallehrerin überleben.

Feliks Tychs habilitierte sich 1960 mit einer Arbeit zum Thema "Die Linke in der Polnisch-Sozialistischen Partei (PPS) im Ersten Weltkrieg". Sein Engagement für die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung und sein Organisationstalent hatten sich schon 1957 gezeigt, als es ihm gelungen war, das Institut für Geschichte beim Zentralkomitee der Arbeiterpartei zur Herausgabe der ersten polnischen wissenschaftlichen Vierteljahresschrift für Sozialgeschichte und Geschichte der Arbeiterbewegung zu bewegen: "Z Pola Walki" ("Vom Felde des Kampfes").

Während der unter antisemitischem Vorzeichen geführten "Säuberungskampagne" in der Polnischen Arbeiterpartei verlor Tych jedoch 1968 seine Dozentenstelle am Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften; auch seine Frau Lucyna, Tochter des Altkommunisten Jakub Berman, wurde damals von ihrem Posten als Theaterregisseurin verdrängt. Tych wurde 1968 nicht nur aus allen wissenschaftlichen Gremien, denen er angehörte, "gesäubert", er wurde kurze Zeit später sogar als Chefredakteur seiner eigenen Zeitschrift abgesetzt. Er gab aber nicht auf, setzte – als nunmehr "freier Schriftsteller" – mit Hochdruck seine Arbeit an der Edition der tausend Briefe Rosa Luxemburgs an ihren Geliebten und politischen Mitkämpfer Leon Jogiches fort, die 1968 bis 1971 in drei Bänden erschien. Nach Abebben der antisemitischen Welle wurde Tych 1970 zum außerordentlichen Professor ernannt, fand 1971 eine Anstellung im Archiv des Zentralkomitees der Polnischen Arbeiterpartei und wurde schließlich 1982 ordentlicher Professor für Geschichtswissenschaft.

Durch die Brief-Edition war Tych international bekannt geworden, in zahlreichen beruflichen und persönlichen Kontakten konnten sich auch "westliche" Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen von seiner beeindruckenden Sachkenntnis und persönlichen Integrität überzeugen.

Jener Ort, der zur "Relais-Stelle" wurde, die einerseits Tych insbesondere im deutschsprachigen Raum bekannt machte und ihm andererseits ermöglichte, sich in internationale wissenschaftliche Diskussionen einzubringen, war Linz, genauer: der Jägermayrhof. Fast jedes Jahr nahm Feliks Tych im September an den Linzer Konferenzen der ITH, der "Internationalen Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung", wie die International Conference of Labour and Social History damals noch hieß, teil.

Tychs Rolle war schon durch seine Konferenzbeiträge sowie seine – oft mit lebhaftem Engagement vorgetragenen – Stellungnahmen in den Generalversammlungen sichtbar, wodurch er wesentlich die Themenfestsetzung künftiger Konferenzen beeinflusste und so für die weitere Entwicklung der ITH und die Attraktivität der Linzer Konferenzen von nicht zu unterschätzender Bedeutung war. Und er ist es immer noch, auch wenn seine Konferenzteilnahmen mit zunehmendem Alter und zunehmenden internationalen Verpflichtungen, insbesondere, seit er 1996 die Leitung des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau übernommen hatte, seltener geworden sind. Doch selbst, wenn er es nicht schaffte, im September dabei zu sein, bringt er sich häufig intensiv in die Vorbereitungsarbeiten der Linzer Konferenzen ein.

Winfried Garscha