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Feliks Tych (1929-2015)

Am 17. Februar 2015 starb mit Feliks Tych eine jener Persönlichkeiten, die die ITH, die „Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung“ (wie die International Conference of Labour and Social History ursprünglich hieß) und ihre jährlichen Konferenzen in Linz am nachhaltigsten geprägt haben.

Schon als Dreißigjähriger hatte Tych zu den international bekanntesten polnischen Historikern gezählt – ein Ruf, den er sich als Herausgeber der Briefe Rosa Luxemburgs an ihren Geliebten und politischen Mitkämpfer Leo Jogiches erworben hatte („Róza Luksemburg, Listy do Leona Jogichesa-Tyszki“). Tych hatte in den späten 1950er Jahren in einem Moskauer Archiv fast Tausend Briefe Rosa Luxemburgs in polnischer Sprache gefunden, die er in einer kommentierten Edition zugänglich machte. Dieses dreibändige Werk war Resultat eines erzwungenen mehrjährigen „Sabbaticals“ gewesen: Im Zuge der antisemitischen Kampagne, die 1967 von der kommunistischen Führung initiiert worden war, hatten ab März 1968 fast 20.000 als „Zionisten“ und „fünfte Kolonne“ gebrandmarkte Juden und Jüdinnen die Volksrepublik Polen verlassen müssen, die im Land Verbliebenen verloren Arbeit und Funktionen; meist versuchten sie – wie Tych und seine Frau – sich als „Freiberufler“ über Wasser zu halten. Allerdings war gegen Tych am 17. Mai 1968 eine Einschränkung der Reisefreiheit wegen "antisozialistischer Betätigung" von "revisionistischen und zionistischen Positionen" aus verhängt worden. Die viel beachtete Briefedition bescherte Tych berufliche und persönliche Kontakte ins westliche Ausland, zahlreiche KollegInnen zeigten sich von seiner Sachkenntnis und Integrität beeindruckt, die Briefe erschienen 1971 in einer einbändigen deutschen und 1979 in einer englischen Ausgabe („Comrade and Lover: Rosa Luxemburg’s Letters to Leo Jogiches“).

Es war ein Bildungszentrum der oberösterreichischen Arbeiterkammer – der Jägermayrhof auf dem Freinberg über Linz – das zu jener „Relais-Stelle“ wurde, die Tych insbesondere im deutschsprachigen Raum bekannt machte. Die zahlreichen während der Linzer Konferenzen geführten Diskussionen ermöglichten es Tych auch viele persönliche Kontakte zu knüpfen. Fast jedes Jahr nahm Feliks Tych im September an den Linzer Konferenzen der ITH teil. Mit seinen Stellungnahmen in den Generalversammlungen gelang es ihm immer wieder, maßgeblichen Einfluss auf die Themenfestsetzung künftiger Linzer Konferenzen zu nehmen. Tych war unter jenen, die vehement gegen die Auflösung der ITH eintraten, als diese nach der Beendigung des Kalten Krieges ihre ursprünglich wichtige diplomatische Funktion im Wissenschaftsaustausch zwischen Ost und West verloren hatte. Für die weitere Entwicklung der ITH und die Wiederherstellung der Attraktivität der Linzer Konferenzen war sein Engagement von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Feliks Tych wurde am 31. Juli 1929 als neuntes Kind einer jüdischen Familie in Warschau geboren. Er wuchs im zentralpolnischen Radomsko auf, einer der ältesten polnischen Städte, an der ersten Eisenbahnlinie Warschau-Wien gelegen. Sein Vater besaß dort eine kleine Metallfabrik. Die Kleinstadt war mehrheitlich jüdisch geprägt, doch gab es auch eine polnische Volksschule, die Feliks besuchte. Radomsko, sechzig Kilometer hinter der damaligen deutsch-polnischen Grenze gelegen, wurde nur drei Tage nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf Polen im September 1939 durch die Deutsche Wehrmacht besetzt. Am 20. Dezember richtete die deutsche Besatzungsverwaltung hier das erste Ghetto im so genannten „Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete“ ein. Bereits vor dem formellen Start der „Aktion Reinhardt“ im Juli 1942 begannen die deutschen Besatzer im Frühjahr 1942 mit der Auflösung der Ghettos im Generalgouvernement. Als Feliks Tychs Eltern den Eindruck gewannen, dass eine Aktion gegen die Bewohner ihres Ghettos bevorstand, brachten sie ihren 13-jährigen Sohn Feliks im Sommer 1942 mit Hilfe eines nicht-jüdischen Bekannten heimlich nach Warschau, wo er mit gefälschten Papieren als verwaister „Neffe“ einer polnischen Gymnasiallehrerin überleben konnte. Tatsächlich wurde das Radomsker Ghetto am 9. Oktober 1942 liquidiert. Eltern und Geschwister Feliks Tychs wurden im Vernichtungslager Treblinka ermordet.

Nach der Befreiung studierte Tych zunächst in Warschau, dann in Moskau Geschichte. Seine Dissertation behandelte die Geschichte der SDKPiL („Sozialdemokratie im Königreich Polen und Litauen“), das war der von Rosa Luxemburg, Leo Jogiches und Julian Marchlewski repräsentierte internationalistische Flügel der polnischen Arbeiterbewegung im zaristischen Russland. 1960 habilitierte er sich in Warschau mit einer Arbeit zum Thema „Die Linke in der Polnisch-Sozialistischen Partei (PPS) im Ersten Weltkrieg“. Sein Engagement für die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung und sein Organisationstalent hatten sich schon 1957 gezeigt, als es ihm gelungen war, das Institut für Geschichte beim Zentralkomitee der Arbeiterpartei zur Herausgabe der ersten polnischen wissenschaftlichen Vierteljahresschrift für Sozialgeschichte und Geschichte der Arbeiterbewegung zu bewegen: „Z Pola Walki“ („Vom Felde des Kampfes“).

1968 verlor Tych seine Dozentenstelle am Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften und wurde aus allen wissenschaftlichen Gremien, denen er angehörte, „gesäubert“, kurze Zeit später sogar als Chefredakteur seiner eigenen Zeitschrift abgesetzt. Auch seine Frau Lucyna wurde damals von ihrem Posten als Theaterregisseurin verdrängt. Tychs Frau war die Tochter des Altkommunisten und zeitweiligen Geheimdienstchefs Jakub Berman, der nach dem XX. Parteitag der KPdSU als einer der Schuldigen für die „Irrtümer und Fehler der Stalin-Ära“ aus der Polnischen Arbeiterpartei ausgeschlossen worden war. Tych gab aber nicht auf und setzte – als nunmehr „freier Schriftsteller“ – mit Hochdruck seine Arbeit an der eingangs erwähnten Rosa-Luxemburgs-Edition fort.

Nach Abebben der antisemitischen Welle wurde Tych 1970 zum außerordentlichen Professor ernannt, fand 1971 eine Anstellung im Archiv des Zentralkomitees der Polnischen Arbeiterpartei und wurde schließlich 1982 ordentlicher Professor für Geschichtswissenschaft. 1973 übernahm Tych die Leitung des Archiwum ruchu robotniczego („Archiv der Arbeiterbewegung“) genannten Editionsprojekts, das schließlich elf Bände aus polnischen und sowjetischen Archivbeständen umfasste. Ein besonderes Anliegen war Tych das 1978 begonnene Slownik biograficzny dzialaczy polskiego ruchu robotniczego („Biographisches Wörterbuch der polnischen Arbeiterbewegung“), das allerdings wegen der politischen Umbrüche nur bis 1992 (bis zum Buchstaben „K“) erscheinen konnte. Die Besonderheit des Slownik biograficzny bestand in der Gleichbehandlung aller Richtungen innerhalb der polnischen Arbeiterbewegung. Am Heikelsten erwies sich aber die Umsetzung des Anspruchs, alle zur Verfügung stehenden Lebensdaten aufzuzählen, weil damit in einem „offiziösen“ Werk erstmals auf die Verfolgungsgeschichte zur Zeit des stalinistischen Terrors ausführlich und detailliert eingegangen wurde.

Nach seiner Pensionierung 1996 wurde Feliks Tych mit der Leitung des Warschauer ZIH (Zydowski Instytut Historyczny, „Jüdisches Historisches Institut“) betraut, dessen Direktor er elf Jahre lang war. Zu den Themen, mit denen sich Tych in diesen Jahren auseinandersetzte, zählten die Anfänge der Holocaust-Forschung durch jüdische Dokumentationsprojekte in der unmittelbaren Nachkriegszeit, sowie das Schicksal jener Hunderttausender polnischer Jüdinnen und Juden, die 1939-1941 in die sowjetisch besetzten Gebiete Polens (die „Kresy“) geflohen waren. Ein Resultat dieser Tätigkeit war der 2006 von Tych mitherausgegebene Band Widzialem aniola smierci. Losy deportowanych Zydów polskich w ZSRR w latach II wojny swiatowej („Ich habe den Todesengel gesehen. Schicksale der im Zweiten Weltkrieg in der UdSSR deportierten polnischer Juden“), eine Sammlung von Zeugnissen des Ministeriums für Information und Dokumentation der polnischen Exilregierung in den Jahren 1943-1944. Im Jahre 2008 erschien Tychs Aufsatz The Emergence of Holocaust Research in Poland: The Jewish Historical Commission and the Jewish Historical Institute (ZIH), 1944-1989. Ausgehend von diesen Forschungen beteiligte sich Feliks Tych auch an den Planungen des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes und der österreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz, eine kommentierte Übersetzung des 1947 in der Schriftenreihe des ZIH erschienenen Hauptverhandlungsprotokolls des Prozesses gegen den Kommandanten des KZ Plaszow, den Österreicher Amon Leopold Göth, vor dem Obersten Volkstribunal in Krakau herauszubringen.

Tychs „Abschiedsgeschenk“ an die ITH war der seit 2008/2009 wiederholt unternommene Versuch einer Gesamtschau auf das, was er den „zivilisatorischen Beitrag“ der Arbeiterbewegung zur menschlichen Entwicklung nannte, gerade auch in dem von Eric Hobsbawm als „Zeitalter der Extreme“ apostrophierten 20. Jahrhundert. Tychs Argumentation war, dass der Einfluss (er liebte in diesem Zusammenhang das englische Wort impact) der Arbeiterbewegung auf das historische Geschehen sehr viel breiter war als es eine Sichtweise nahe legt, die ausschließlich auf den Staat (die kommunistische Diktatur bzw. den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat) fokussiert. Feliks Tychs Vorschlag wurde schließlich in modifizierter Form angenommen, der Titel der 48. Linzer Konferenz (September 2012) lautete: „Interventionen: Soziale und kulturelle Entwicklung durch Arbeiterbewegungen“.

Winfried R. Garscha (Wien)