Mit Klaus Tenfelde ist am 1. Juli 2011 einer der prägenden Historiker
zur Geschichte der Arbeiterbewegung im 19. und 20. Jahrhundert verstorben.
Als Wissenschaftler hat Tenfelde nicht nur wesentliche Grundlagen für
die Erforschung der deutschen und europäischen Sozialgeschichte erarbeitet,
sondern sich auch stets für die Vermittlung von Geschichte engagiert.
Klaus Tenfeldes Lebensweg, der ihn aus der Arbeiter- in die Akademikerwelt
geführt hat, ist außergewöhnlich: Er wurde am 29. März
1944 im niederrheinischen Erkelenz geboren und absolvierte nach der Schule
zunächst eine bergmännische Lehre bei den Bergwerken Essen-Rossenray.
Nach einem Jahr als Bergknappe, in dem er auch unter Tage tätig war,
wechselte er zum Bundesgrenzschutz. Als Tenfelde 1967 sein Abitur nachgeholt
hatte, nahm er ein Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität
Münster auf, das er 1973 abschloss. Bereits zwei Jahre später
wurde er mit einer ebenso voluminösen wie viel beachteten Studie über
die „Sozialgeschichte der Bergarbeiterschaft an der Ruhr im 19. Jahrhundert”
promoviert. 1981 habilitierte er sich an der Universität München
mit einer Arbeit zum Thema „Proletarische Provinz. Radikalismus und
Widerstand in Penzberg/Oberbayern 1900 bis 1945”. Seinen ersten Ruf
erhielt Tenfelde 1985 auf eine Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
in Innsbruck, 1990 wechselte er an die Universität Bielefeld. In dieser
Zeit erschien u.a. sein gemeinsam mit Gerhard A. Ritter verfasstes Werk
„Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871-1914“, das von Hans-Ulrich
Wehler als überzeugende „Verbindung von verständnisvoller
Beschreibung und distanzierter Problemanalyse“ charakterisiert wurde,
da „nie zuvor (…) die innere Vielfalt der Arbeiterschaft im
Kaiserreich und die zeitweilige Vereinheitlichung zu einer politisch aktiven,
sozialen Klasse so wirklichkeitsgerecht, ausführlich und sachkundig
geschildert“ worden sei.
Im Jahr 1995 übernahm Klaus Tenfelde den Lehrstuhl für Sozialgeschichte
und soziale Bewegungen an der Ruhr-Universität in Bochum, der verbunden
ist mit der Leitung des – auf Hans Mommsen und Helga Grebing zurückgehenden
– Instituts für soziale Bewegungen. In diesem Rahmen sind von
Klaus Tenfelde zahlreiche weitere Vorhaben zur Arbeiterbewegung angestoßen
und bearbeitet worden, nicht zuletzt ein großes Projekt zur Geschichte
der Zwangsarbeit im Bergbau.
Der ITH war Klaus Tenfelde über Jahrzehnte als regelmäßiger
Teilnehmer der Linzer Konferenzen eng verbunden, zuletzt amtierte er als
Mitglied des Internationalen Wissenschaftlichen Beirats. Bereits aber im
Jahr 1973, als Tenfelde gerade sein Studium abgeschlossen hatte, findet
sich sein Name erstmals in der Liste der Konferenzteilnehmer im Bericht
zur 9. Linzer Tagung. In den folgenden Jahren meldete sich Tenfelde in den
Linzer Diskussionen immer wieder mit eigenen Beiträgen zu Wort, so
etwa im Rahmen der Tagung des Jahres 1976 zu den Konferenz-Themen „Arbeiterparteien
und Gewerkschaften vor 1917“ und „Methodologische Probleme der
Gewerkschaftsgeschichtsschreibung“. Auf der 16. Linzer Konferenz (1980)
hielt Klaus Tenfelde erstmals einen ausführlicheren Vortrag, der auch
im Tagungsband veröffentlicht wurde. Weitere publizierte Vorträge
Tenfeldes finden sich in den Bänden zur 35. Linzer Konferenz von 1999
zum Thema „Arbeiterbewegung in Westeuropa“ sowie zur 41. Linzer
Konferenz von 2005 zum Thema „Generationen in der Deutschen Sozialdemokratie“.
Wer Klaus Tenfelde kannte, dem werden sowohl sein Erscheinungsbild als auch
seine wissenschaftlichen Beiträge in Erinnerung verhaftet geblieben
sein. Seite Statur verschaffte ihm Präsenz, noch mehr aber waren es
seine inhaltlichen Ausführungen, mit denen er auffiel und wissenschaftliche
Tagungen prägen konnte. Tenfelde lieferte inspirierende Anregungen,
kommentierte hart, aber dennoch fair und er wusste vor allem durch umfangreiche
Literaturkenntnis zu überzeugen. Weiterführend waren vor allem
seine Verbindungslinien zwischen Arbeits-, Arbeiter- und Arbeiterbewegungsgeschichte.
Klaus Tenfelde war in allen drei Feldern ein ausgewiesener Experte, dessen
Urteil und Ratschlag man aufmerksam zur Kenntnis nahm.
Seit Mitte der 1990er Jahre ist in räumlicher Hinsicht – wieder
– verstärkt das Ruhrgebiet in Tenfeldes Blickfeld gerückt.
Mit der von ihm mitinitiierten „Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets“
wurde 1999 eine sozial- und geschichtswissenschaftliche Einrichtung geschaffen,
die die Erforschung der Geschichte und Gegenwart des Ruhrgebietes betreibt
und zugleich mit dem „Haus der Geschichte des Ruhrgebiets“ ein
Forschungsstätte unterhält, die dafür sorgt, dass wichtige
Archive und Schriften in der Region verbleiben und der Forschung zur Verfügung
stehen. Tenfeldes wissenschaftliche Arbeiten haben wesentlich dazu beigetragen,
die industriellen Wurzeln der Ruhrgebietsgeschichte im 19. Jahrhundert zu
beleuchten, aber auch den Blick auf die sozialstrukturellen Wandlungsprozesse
der Region zu lenken, die sich nicht zuletzt in der Geschichte der Arbeit
widerspiegeln. Die Formel „Vati arbeitete im Pütt, die Tochter
ging auf die Uni“ steht nicht nur exemplarisch für seine wissenschaftlichen
Arbeitsfelder, sondern auch für die Art und Weise, in der Tenfelde
seine Ergebnisse auch jenseits des akademischen Elfenbeinturms in den öffentlichen
Diskurs einbrachte. In diesem Sinne ist auch seine letzte Veröffentlichung
zu verstehen, eine umfangreiche Quellensammlung zur Geschichte des Ruhrgebiets.
Die Krankheitsdiagnose, die ihn im Sommer 2010 ereilte, hat Klaus Tenfelde
nicht verstummen lassen. Unverdrossen hat er bis zum Schluss weitergearbeitet,
aber nicht mehr alle Vorhaben umsetzen können. Klaus Tenfeldes Tod
hinterlässt eine Lücke, seine Stimme wird vielen von uns fehlen.
Jürgen Mittag