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Eine wichtige Rolle bei der Gründung der ITH
Dem Gewerkschafter Alfred Ströer, ITH-Ehrenmitglied, zum 90er

1920 als Kind einer Arbeiterfamilie im Wiener Bezirk Simmering geboren, als Jugendlicher aktives Mitglied im kommunistischen Widerstand gegen den Faschismus, Kerkerstrafe im NS-Regime, dann bis zum Kriegsende „zur Bewährung“ in der Deutschen Wehrmacht, nach 1945 als sozialistischer Gewerkschafter führend an der Organisation des überparteilichen Österreichischen Gewerkschaftsbundes beteiligt – zunächst als Jugendsekretär, später und viele Jahre lang als Leitender Sekretär des ÖGB, nach seiner Pensionierung unter anderem Vorsitzender des Bundes sozialdemokratischer Freiheitskämpfer, Opfer des Faschismus und aktiver Antifaschisten. Das sind im Telegrammstil die Eckdaten des Lebens von Alfred Ströer.

Ein Bereich seiner Tätigkeit wird aber höchstwahrscheinlich in den vielen Dankes- und Würdigungsreden aus Anlass seines 90. Geburtstags kaum oder gar nicht zur Sprache kommen: seine Mithilfe bei der Gründung der Internationalen Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung (so die ursprüngliche Bezeichnung der ITH), die er über sehr viele Jahre fördernd begleitete und deren Ehrenpräsident er heute ist. ITH-Kassier Friedl Garscha, damals als ganz junger Historiker auch schon dabei, erzählt darüber: „Es war in Ströers Arbeitszimmer im ÖGB, in dem die ITH de facto 'geboren' wurde: Herbert Steiner, er und meines Wissens dazu noch Rudi Neck, der damals noch nicht Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, sondern Direktor des Allgemeinen Verwaltungsarchivs war, haben sich 1964 in Fredls Büro versammelt und beraten, was man anlässlich des Welthistorikertags in Wien 1964 tun könnte und wie man aus der in Wien anberaumten Vor-Konferenz der 'Arbeiterhistoriker' aus den Ländern der ehemaligen Donaumonarchie (sie fand im September 1964 im Saal der niederösterreichischen Arbeiterkammer statt) eine dauernde wissenschaftliche Kommunikationsplattform machen könnte.”

Das Interesse des führenden Gewerkschafters am Aufbau eines Wissenschaftsnetzwerkes war vielleicht ungewöhnlich, aber neben Alfred Ströers persönlichem Interesse an der Geschichte der ArbeiterInnenbewegung als wesentliche, Identität stiftende Basis der Gewerkschaftsbewegung auch durch die „Außenpolitik“ des ÖGB in der Phase des „Kalten Krieges“ in den 1960er Jahren zu erklären: Als einziges Mitglied der „westlichen“ Gewerkschaftsinternationale IBFG hielt der ÖGB offiziell Kontakt zu den Gewerkschaften der kommunistischen Staaten Mittel- und Osteuropas, um „Vorurteilen entgegenzuwirken, um gegenseitige Informationen zu ermöglichen, sowie bestehende Klüfte, die ein friedliches Zusammenleben der Völker stören, zu überbrücken“, wie Alfred Ströer im ÖGB-Jahrbuch 1970 schrieb. Wobei er ausdrücklich darauf verwies, dass „diese Kontakte selbst in Zeiten unterhalten“ wurden, „in denen manche freie Gewerkschaftsverbände solchen Versuchen mit Skepsis gegenüberstanden“.

Die Gründung der ITH als ein Netzwerk, dessen Aktivitäten sich auch in einer – damals fast als sensationell zu bezeichnenden – Konferenz unter Beteiligung von WissenschafterInnen aus dem so genannten „Ostblock“ manifestierten, passte perfekt zu dieser ÖGB-Linie. Das schönste Geburtstagsgeschenk, das die ITH Alfred Ströer machen kann, ist es daher wohl, wenn es ihr gelingt, unter den Bedingungen des globalisierten ungebremsten Kapitalismus des dritten Jahrtausends unserer Zeitrechnung wieder neu die ihr zukommende PionierInnenrolle in der Positionierung ihres zentralen Forschungsfeldes „ArbeiterInnenbewegung“ wahrzunehmen.

Brigitte Pellar, Wien