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Nachruf: Helga Grebing (1930 – 2017)

Helga Grebing mahnte bis zuletzt mit ihrem profunden historischen Wissen ihre Partei, die SPD, sich ihrer Wurzeln zu vergewissern. Deshalb fehlte sie nie bei Sitzungen der Historischen Kommission. Sie suchte die Kommunikation mit den nächsten Generationen. Sie führte die Auseinandersetzung mit den Historikern der unterschiedlichen linken Strömungen der alten Bundesrepublik in den 1970er und 1980er Jahren. Sie diskutierte engagiert auf den damals berühmten jährlichen Linzer Tagungen (Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung) mit den Kollegen aus der DDR und den anderen Ostblockländern.[1] Helga setzte dies bis zuletzt mit Die LINKE fort: das zeigt der am 5. Dezember 2016 im Neuen Deutschland von ihr erschienene Artikel über Vergessene Traditionsströme, der – so der Untertitel – einen „Versuch zur Umorientierung der Lehren aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ darstellte.

Nach der Habilitation 1969 wurde Helga Grebing im Sommersemester 1971 in Frankfurt/M. als Professorin für Politische Wissenschaften an die Goethe-Universität berufen und kam zum Wintersemester 1971/72 zunächst als Lehrstuhlvertreterin für Mittlere und Neuere Geschichte an die Georg-August-Universität in Göttingen. Hier übernahm sie Ende 1972 die ordentliche Professur für Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. 1988 wechselte sie zur Ruhr-Universität Bochum auf die Professur für die vergleichende Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung und der sozialen Lage der Arbeiterschaft. Verbunden war dies mit der Funktion als Leiterin des „Instituts zur Erforschung der europäischen Arbeiterbewegung“ (heute „Institut für soziale Bewegungen“). Im Februar 1995 wurde sie emeritiert.

Helga Grebing „war und ist die deutsche Historikerin der Geschichte der Arbeiterbewegung“, so hat es Dietmar Süß anlässlich der Beerdigung am 24. Oktober 2017 auf dem Münchner Nordfriedhof gesagt. Wir kennen den Satz aus den Nachrufen. Historische Forschung, ihre gesellschaftliche Relevanz, und politisches Engagement gehörten für Helga zusammen. Und weil sie bereits 1974 diesen Ruf hatte, ging ich in Göttingen zu ihr in die Vorlesung, und zähle mich zu der Generation Studenten der 70er Jahre, die durch Helga geprägt wurde. Helga stellte sich unseren drängenden Fragen zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die meisten Studierenden wurden Lehrerinnen und Lehrer, sie trugen so Helgas Grundverständnis weiter: Jeder Lehrer und Wissenschaftler, so das Credo auch in ihren Vorlesungen, hat der Verantwortung für gesellschaftliche Weiterentwicklung gerecht zu werden, Krieg und Diktatur künftig zu verhindern, allen gleiche Bildungschancen zu ermöglichen und gewonnenes Wissen in die Gesellschaft einzubringen.

Nationalsozialismus und Konservatismus

Helga stammte aus einer Arbeiterfamilie; ihr Anspruch und ihre Einstellung waren geprägt von ihren Erfahrungen im NS als junges Mädchen, als junge BDM-Führerin und ihrer Verarbeitung nach der Niederlage 1945. Das „Nie Wieder!“ blieb lebenslanger Bezugspunkt. Das begann schon mit der Dissertation des gerade einmal 22jährigen Fräulein Grebing über das Zentrum und katholische Arbeiterschaft 1919-1933. Ihren Weg bis 1953 hat Helga ungewöhnlich offen und ehrlich gerade hinsichtlich ihrer Ablösung vom Nationalsozialismus aufbereitet. In den Jahren 2010-2012, wieder in Berlin, schrieb sie deshalb ihre Memoiren über ihre ersten, prägenden Berliner Jahre, die unter dem Titel Freiheit, die ich meinte 2012 erschienen. Ich hätte mir eine Fortsetzung gewünscht, das wollte sie jedoch von Anfang an nicht.

Was heute viele nicht mehr wissen: Helga war Autorin des ersten mit dem Dritten Reich abrechnenden historischen Sachbuches Der Nationalsozialismus. Ursprung und Wesen (Erstauflage 1959, letztmalig überarbeitet 1974). Entstanden war der Text während ihrer Tätigkeit als Lektorin für Zeitgeschichte und Politik im Münchner Olzog-Verlag, der den Band auch herausgab. Wenn wir den Text heute lesen, könnte man vieles finden, was fehlt. Aber sie war die erste, die die Geschichte von Terror, Gewalt und dem beschämend geringen Widerstand – auch für historisch weniger versierte Leserinnen und Leser – thematisierte.

Sie hatte sich schon damals in den Dienst der „Erziehung zur Demokratie“ durch politische Erwachsenenbildung[2] gestellt. Aus diesem Kontext heraus publizierte sie bereits 1959 die Geschichte der deutschen Parteien. Immer wieder richtete sie Publikationen an eine nicht-wissenschaftliche Leserschaft. So erarbeitete sie 2011 – zusammen mit Siegfried Heimann – einen Stadtführer über die Arbeiterbewegung in Berlin.

Weil das Sprechen über den NS nach wie vor schwerfiel, aber die Studentenbewegung die Auseinandersetzung zu Recht einforderte, hatte Helga Grebing 1974 Aktuelle Theorien über Faschismus und Konservatismus. Eine Kritik publiziert. Nach zahlreichen weiteren Artikeln zum Thema[3] erschien dann 1990 Arbeiterbewegung und Faschismus – Faschismus-Interpretationen in der europäischen Arbeiterbewegung. 1994 gaben wir beide zusammen Das andere Deutschland im Widerstand gegen den Nationalsozialismus heraus.

In ihrer Habilitationsschrift von 1969 hatte Grebing[4] die unterschiedlichen autoritären, demokratiefeindlichen Strömungen der Bundesrepublik in den Fokus genommen: der Konservatismus zielte – nach ihrer Analyse – auf die soziale, ökonomische und kulturelle Macht- und Herrschaftssicherung. Die Gefahren, die unserer Demokratie drohen, so neuerdings durch die AfD, trieben sie nicht nur theoretisch bis zuletzt um.[5] Die in ihrer Habilitation aufgegriffenen Überlegungen waren eine Grundlage ihrer Kritik am „deutschen Sonderweg“ in Europa, der unter Mitarbeit von Doris von der Brelie und Hajo Franzen 1986 erschien. Helga Grebing warnte eindringlich vor der Entkoppelung der deutschen von der europäischen Geschichte ebenso wie vor einer verkürzten Sichtweise auf das Jahr 1933. Was war der westliche "Normalweg" überhaupt und worin bestand eine ideale Modernisierungsentwicklung? So fragte Helga zu Recht.

Zur Geschichte der Arbeiterbewegung und ihrer Ideen

1966 erstmals publiziert, erreichte die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bis 1981 alleine 11 Auflagen. 1969 erschien sie auf Englisch, 1982 auf Griechisch und 1993 auf Chinesisch. Auch hier war Helga Vorreiterin mit ihrem Gesamtblick von 1850 bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. 1985 veröffentlichte sie eine erste ausführliche Überarbeitung zur Arbeiterbewegung im Kaiserreich (1993, 3. Auflage) bei dtv.[6] Mit über 70 unterzog sich Helga noch einmal einer grundsätzlichen Überarbeitung und Erweiterung ihrer Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, die 2007 auf den Markt kam. Im Zentrum stand die Frage, wie im nachindustriellen Deutschland Arbeit für alle aussehen und welchen Beitrag zur Schaffung von Arbeitsplätzen die SPD leisten kann und soll. Helga sammelte und las alle Aufsätze und Bücher zum Thema; nahm das Internet als Werkzeug, um sich zu informieren. Es fiel ihr nicht leicht, denn sie hatte ihre Stütze, Lucinde Sternberg-Worringer, nicht mehr. Aber sie hatte in Dietmar Süß einen jüngeren Kollegen gefunden, der sie mit aller Akribie unterstützte und ihre Texte las und kommentierte. Wäre Helga nicht in der Lage gewesen, ihn und andere Jüngere zu interessieren und um Hilfe zu bitten, hätte sie dieses Unterfangen nicht geschafft. Sie brauchte eine ganze Weile, um sich von dieser enormen Anstrengung zu erholen.

Zuvor hatte sie sich schon einmal der Aufgabe gestellt, eine Publikation unter dem Zeichen neuerer Entwicklungen zu überarbeiten: Die Geschichte der sozialen Ideen in Deutschland war 1969 (757 S.) fertig gestellt worden. Das mit Kollegen wie u.a. Walter Euchner und Franz J. Stegmann zusammen erarbeitete neue Handbuch zur Geschichte der sozialen Ideen in Deutschland. Sozialismus, Katholische Soziallehre, Protestantische Sozialethik war ihr erstes größeres Projekt nach der Emeritierung. Es erschien 2000 (2. Auflage 2005) und war nun auf über 1000 Seiten gewachsen.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: die Forderungen der Französischen Revolution prägten Helgas Vorlesungen und ihre Forschungen: Daraufhin klopfte sie die Theorien ab, die politisch linke Denkerinnen und Denker und Akteurinnen und Akteure seit dem Kaiserreich ihrem Selbstverständnis zu Grunde legten.
- Das waren, um nur Beispiele zu nennen, August Bebel, Willy Brandt, Waldemar von Knoeringen, Rosa Luxemburg, Alva und Gunnar Myrdal oder Paul Fröhlich und Rosi Wolfstein-Fröhlich, nicht zu vergessen Fritz Sternberg.
- Schon 1959 erschien in den Politische Studien die Dokumentation So macht man Revolution.
- 1994 publizierte sie über die Frauen in der deutschen Revolution 1918/19. Überhaupt stand die Revolution 1918/19 bis zuletzt im Zentrum von Helgas Denken, wie der Artikel Einhundert Jahre deutsche Revolution 1918/19 in der Zeitschrift Perspektiven des demokratischen Sozialismus, Heft 1/2017, verdeutlicht.[7]
- Die Forderungen der Französischen Revolution leiteten Helga und mich auch beim Verfassen eines Überblicks über die Widerstandsarbeit von Frauen gegen den Nationalsozialismus 1994.

Helga Grebing – engagiert bis zuletzt

Gestatten Sie mir eine sehr persönliche Geschichte aus dem Sommer 2017. Helga lag nach ihrem 3. Schlaganfall in der Schlosspark-Klinik in Berlin. Auf dem Weg zu meiner Buchpräsentation „... unmöglich, diesen Schrecken aufzuhalten“. Über die medizinische Versorgung durch Häftlinge im KZ Ravensbrück besuchte ich sie. Ihr Sprechen war noch unverständlich, aber sie freute sich über meinen Besuch. Als ich mich verabschieden musste und den Grund nannte, wurde sie sehr unruhig. Etwas passte ihr nicht, ich verstand sie nicht. Ich musste raten. Erst als ich versprach, ihr am nächsten Tag das Buch zu bringen, durfte ich gehen. Das hatte eine besondere Bedeutung für sie, denn mit diesem Band erhält auch Lucindes Cousine Else Court einen Platz im Ravensbrück-Gedächtnis. Das war Helga wichtig. Else Court war Häftlingsärztin in Ravensbrück gewesen und bereits 1947 verstorben. Lucinde Sternberg-Worringer hatte mich noch zu ihren Lebzeiten gebeten, ihre Spuren zu suchen. Die rekonstruierte Biografie, 2014 in einem Aufsatz erschienen, hat Helga noch als Manuskript ausführlich kommentiert und damit diesen Beitrag zur Geschichte der Worringers, denen sie selbst durch ihr Buch ein Denkmal gesetzt hatte, bereichert.

Fritz Sternberg galt Helgas letztes Projekt, dessen Sammelband unter dem Titel Streiten über eine Welt jenseits des Kapitalismus gedruckt vorlag, als sie bereits im Krankenhaus lag. Ich kannte Sternberg aus ihrer Vorlesung im WS 1975/76 über „Faschismustheorien“. Da hatte sie im Jahr zuvor schon über die Faschismusanalysen Arthur Rosenbergs, Richard Löwenthals und Fritz Sternbergs geschrieben und den Band Aktuelle Theorien über Faschismus und Konservatismus publiziert. Das, was sie im letzten Lebensjahr reflektiert und neu durchdacht hat, beschäftigte sie seit 50 Jahren.

Sehr dankbar war Helga, dass sie in Klaus-Jürgen Scherer die Stütze gefunden hatte, die sie benötigte, diesen Band nach ihren beiden ersten Schlaganfällen zu realisieren. Ein letztes Mal schöpfte Helga aus ihrem Wissen und der Kenntnis des Nachlasses und der Schriften von Fritz Sternberg, die sie gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Lucinde Sternberg-Worringer bewahrt hatte.

Helga Grebing war eine Ausnahmeerscheinung in der ersten Generation der Nachkriegshistoriker/innen: Sie hatte es nicht einfach, sich als Arbeiterkind, Sozialdemokratin und Frau durchzusetzen, manchmal auch durchzubeißen, aber schaffte es, ihrem Selbstverständnis treu zu bleiben. Dabei war ihr Lucinde Sternberg-Worringer bis zu ihrem Tod 1998 die wichtige Stütze. Sie begleitete sie, wann immer es möglich war, so auch auf die Linzer Tagungen der ITH. Beiden war der Austausch wichtig: Lucinde erdete Helga nicht nur im Alltag und für den Umgang mit ihren Mitarbeitern, sondern war jeweils auch die erste kritische Leserin ihrer Texte. Ohne sie hätte Helga uns wahrscheinlich nicht ein solches Werk hinterlassen.

Christl Wickert (Berlin)

 

[1] Die Autorin konnte bereits als Doktorandin seit den frühen 1980er Jahren Helga Grebing auf dem Ticket ihres jeweiligen Instituts nach Linz begleiten.
[2] Insbesondere bis zuletzt in der Georg-Vollmar-Akademie in Kochel oder der Evangelischen Akademie in Tutzing.
[3] Um nur wenige Texte zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu erwähnen, wie 1978 in Wolfgang Luthardt (Hrsg.): Sozialdemokratische Arbeiterbewegung und Weimarer Republik, 1984 in der Festschrift für Alfred Kubel zur Niederlage der organisierten Arbeiterschaft im Kampf gegen den deutschen Faschismus oder 1996 über Die Arbeiterbewegung in Europa und ihre Auseinandersetzung mit dem Faschismus zwischen den Weltkriegen in der Festschrift für Herbert Obenaus. Die Frage „Was lässt sich aus der Geschichte lernen?“ trieb Helga um.
[4] 1971 unter dem Titel Konservative gegen die Demokratie publiziert.
[5] Ich möchte aus Platzgründen auf ihre Beiträge zur Demokratietheorie nicht eingehen.
[6] Vgl. auch Jürgen Kockas Traditionsbindung und Klassenbildung. Zum sozialhistorischen Ort der frühen deutschen Arbeiterbewegung erschien 1987. Von Wolfgang Abendroth, mit dem sie sich insbesondere auf den ITH-Konferenzen wiederholt bis zu seinem Tod 1985 in sehr langen Auseinandersetzungen wiederfand, erschien seine Geschichte der Arbeiterbewegung bis 1933, erst 1996 posthum.
[7] 2007 hatte Helga Grebing unter dem Titel Die deutsche Revolution 1918/19 zentrale Artikel von Eberhard Kolb, Peter von Oertzen, Gerhard A. Ritter, Richard Löwenthal, Susanne Miller u.a. noch einmal für die Diskussionen zusammengestellt.