Abstracts
(in the language of the papers)
Peter Birke (Historisches
Seminar, Universität Hamburg)
Die Sozialproteste der 1968er Jahre und ihre
Folgen – "Modernisierungsschub" und "kulturelle Revolution"
In der jüngsten Historiografie der 1968er Jahre spielt die These,
dass die Folgen der Revolte als "Modernisierungsschub" bezeichnet
werden können, eine wichtige Rolle. Die mit dieser These verbundenen
Forschungen richten ihre Aufmerksamkeit aktuell unter anderem auf die
Untersuchung einer "kulturellen Revolution", die sich in den
nordwesteuropäischen Gesellschaften in Formen wie dem Massenkonsum
oder der Popkultur sowohl geäußert als auch artikuliert habe.
Betont wird, dass die Proteste und sozialen Kämpfe um das Jahr 1968
herum lediglich eine Art Katalysator waren, dessen Impulse schließlich
in Innovationen der westlichen Gesellschaften überführt worden
seien. Aber kann die globale Protestbewegung wirklich als "kulturelle
Revolution" begriffen werden? Wie schreibt sich diese These in einen
Diskurs ein, der den "neuen Geist des Kapitalismus" als wesentlich
postindustriell, immateriell und informell beschreibt? In welchem Verhältnis
steht die Setzung von der "kulturellen Revolution" zu den Veränderungen
in den Herrschaftsbeziehungen innerhalb der Arbeitswelt und zum Begriff
der Arbeit überhaupt? In meinem Vortrag werde ich danach fragen,
ob der universalistische Begriff der "Moderne", mit dem diese
Forschungen operieren, geeignet ist, die Transnationalität und Globalität
der Protestbewegungen der 1968er Jahre zu erfassen.
Samantha Christiansen
(Department of History, Northeastern University, Boston)
Beyond Liberation: Students and Protest in East
Pakistan and the International 1968
This paper seeks to locate East Pakistan (presently Bangladesh) in the
study of 1968. The postwar period in East Pakistan was marked by decades
of student agitation eventually leading to national independence. Perhaps
as a result of the traumatic experiences of the 1971 Liberation War, the
East Pakistan student movement is frequently examined in nationalist terms,
focusing on the contributions made by students during the turbulent period
of liberation. Yet the East Pakistani student movement of the late 1960's
also demonstrates an engagement with the larger international phenomenon
of student revolts of "1968". In the late 1960s, culminating
in the largest student demonstrations of 1968, student activists in East
Pakistan challenged the cultural and political status quo and asserted
a political identity rooted in culture and youth. They participated in
transnational activities via West Pakistan and London, in particular,
and recreated the "spirit of '68" in local terms. Building on
the theoretical foundation of viewing "1968" as a case in which
"different languages of radicalism arose in different contexts that
shared a common vocabulary but derived their grammar from their concrete
historicity," (Dirlik: 1998) this paper draws on primary and secondary
material from participants in "1968" both in East Pakistan and
in other national arenas that came into contact with East Pakistan to
demonstrate the international components as well as the expressions of
1968 particular to the context of East Pakistan.
Avishek Ganguly (Dept
of English/Center for Comparative Literature and Society, Columbia University,
New York)
A 'Naxalite International'? A review of some
of the Indian protest movements 40 years later
Utpal Dutt's Bengali play Teer [The Arrow] (1967) – one of
the earliest dramatizations of the militant left Naxalite movement that
started off in the foothills of northern Bengal around that time only
to be severely repressed by the state soon after – stages some important
questions in revolutionary politics in India: autochthonous agency, the
politics of language and representation, vanguardism and the role of the
party etc. Founded in April, 1968, the Calcutta-based English weekly Frontier,
on the other hand, became an important site for the debates and discussions
not only about revolutionary politics and culture in India but significantly,
also contemporary global protest movements and conflicts ranging from
May '68 in Paris and the Black Panthers in the US to the Biafran War in
Nigeria. When read together, the literary and the journalistic texts might
thus provide us with interesting insights for rethinking a comparative
context for the discussion of trans/national political protest movements
both during the sixties and in the present.
Paul Benedikt Glatz (Freie
Universität Berlin)
'To American Soldiers in Europe': GI-Agitation
und amerikanische Deserteure in Europa während des Vietnamkriegs
Dieser Vortrag untersucht, welche Rolle amerikanische
Deserteure und GIs in internationalen Protestbewegungen gegen den Vietnamkrieg
spielten. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Westdeutschland und West-Berlin
im europäischen und transatlantischen Kontext. Während der zweiten
Hälfte der 1960er Jahre begannen amerikanische Deserteure, Veteranen
und sogar GIs innerhalb der US-Streitkräfte, Protest gegen den Krieg
in Indochina zu äußern. Zivile Gruppen riefen ihrerseits zu
Desertion und Widerstand innerhalb der Kasernen auf. Diese Proteststrategie
wurde nicht nur von Aktivisten in den USA, sondern auch in Europa und
Japan verfolgt, wo eine große Zahl von US-Truppen stationiert war.
Über intellektuelle Netzwerke und Ideendiffusion zwischen Protestbewegungen
um 1968 hinaus, widmet sich dieser Beitrag praktischeren Formen von internationaler
Protestzusammenarbeit. Als Beispiel für eine solche Praxis dienen
die Verbindungen zwischen amerikanischen Deserteuren und GIs und zivilen
Protestgruppen in Westdeutschland und West-Berlin. Der Vortrag untersucht,
inwiefern die Präsenz der US-Streitkräfte in Deutschland die
Mobilisierung von Vietnamprotest hier beeinflusste, wie GIs ein wichtiges
Agitationsziel wurden und wie einige US-Soldaten und Deserteure zu Alliierten
von zivilen Protestgruppen wurden. Weiterhin werden Formen und Möglichkeiten
zur Kooperation zwischen diesen unterschiedlichen Gruppen betrachtet.
Befriedigte diese Proteststrategie den Wunsch nach konkreten Aktionen,
besonders deutlich im Aufruf des West-Berliner Vietnam-Kongress im Februar
1968, den Schritt "vom Protest zum Widerstand" zu vollziehen?
Schließlich geht der Beitrag der Frage nach, ob die Praxis der Unterstützung
von Deserteuren und die Zusammenarbeit mit oppositionellen GIs eine Rolle
in der allgemein beobachteten Radikalisierung der Protestbewegungen in
den späten 1960er und frühen 1970er Jahren spielten.
Von der 'antiautoritären Revolte' zum 'bewaffneten
Kampf'. Ein internationaler Vergleich mit den Schwerpunkten BRD und Italien
In mehreren Ländern, in denen in den 1960er Jahren eine Studentenbewegung
aktiv war, kam es bereits kurze Zeit später zur Entstehung von bewaffneten
Untergrundgruppen. Wo sind die Gründe dafür zu suchen und wie
stark war die Kontinuität zwischen ihnen und der Studentenbewegung?
Nach einem Überblick über die in der aktuellen Forschungsliteratur
vertretenen Positionen sollen die weltweiten politischen Ereignisse, vor
deren Hintergrund sich das Abflauen der Studentenbewegung und die Entstehung
der bewaffneten Gruppen vollzogen haben, kurz skizziert werden. Dabei
sollen insbesondere jene internationalen Entwicklungen benannt werden,
die für Studentenbewegung und bewaffnete Gruppen gleichermaßen
als politische Bezugspunkte fungierten. Im Anschluss an die Skizze des
internationalen Kontextes wird schwerpunktmäßig auf die BRD
und Italien einzugehen sein: zwei Länder, in denen die Entstehung
bewaffneter Gruppe einen besonders tiefen und bis heute vieldiskutierten
Einschnitt markiert. Dabei sollen einige Etappen im Übergang von
der "antiautoritären Revolte" zum "bewaffneten Kampf"
aus den Jahren 1969-71 in den beiden Ländern benannt und relevante
Wortmeldungen der damaligen ProtagonistInnen – von deren auch heute
noch starker Befangenheit auszugehen sein wird – mit einander verglichen
werden.
Christoph Kalter (Zentrum
für Zeithistorische Forschung, Potsdam)
'Dritte Welt', Frantz Fanon und radikale Linke
in Frankreich, den USA und der Bundesrepublik. Zur Geschichte eines zentralen
mobilisation myth der 68er Jahre
Eingeführt im Frankreich der 1950er Jahre, wurde der Begriff "Dritte
Welt" bald in zahllose Sprachen übertragen und blieb dreißig
Jahre lang ein Paradigma sozialwissenschaftlicher, journalistischer und
alltagssprachlicher Weltdeutungen. Im Kontext des Algerienkriegs wurde
die Dritte Welt auch zentraler Bestandteil politischer Diskurse. Dabei
oszillierte sie von Anfang an zwischen Selbst- und Fremdzuschreibung:
Frantz Fanon und andere Sprecher der Dritten Welt adaptierten das Konzept,
gaben ihm neue Akzente und machten es zum Mobilisierungsmythos anti- und
postkolonialer Projekte des nation building oder kollektiver
Interessenvertretung (Blockfreie, Gruppe 77, Trikontinentale). Doch auch
in den westlichen Gesellschaften hatte das Konzept eine wichtige Funktion,
und dies vor allem für eine neue, radikale Linke. Diese verdankte
der Dritten Welt einerseits ihre Genese und ihr Profil, machte andererseits
aber durch ihre Repräsentationen und Praktiken die Dritte Welt überhaupt
erst zu einer diskursiven und politischen Realität. Dritte Welt und
radikale Linke entstanden also nicht nur in etwa zur selben Zeit, sondern
waren wechselseitig konstitutiv. Das mit der Dritten Welt verbundene Arsenal
von Theoremen, Bildern und Werten erleichterte zudem die transnationale
Kommunikation und Synchronisierung der radikalen Linken und der Protestbewegungen
in verschiedenen Ländern, wie am Beispiel Frankreichs, Westdeutschlands
und der USA skizziert werden soll. Die grundlegende Ambivalenz des linksradikalen
Dritte-Welt-Diskurses der 68er Jahre – einerseits Ermächtigung
neuer Akteurssubjekte, andererseits eurozentrische Projektionen –
hinterlässt ein reiches, aber schwieriges Erbe, das in aktuelle Debatten
über "Globalisierung" eingegangen ist.
Boris Kanzleiter (Freie Universität
Berlin)
Neue Linke und Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien
Im Zentrum der Massenproteste vom Juni 1968 in Jugoslawien standen Auseinandersetzungen
um das Modell der "Arbeiterselbstverwaltung", welches die jugoslawischen
Kommunisten nach dem Bruch mit Moskau 1948 als Alternative zum Sowjetsystem
entwickelt hatten. Die demonstrierenden Studenten und Professoren der
besetzten "Roten Universität Karl Marx" in Belgrad affirmierten
dabei grundsätzlich die Idee einer "direkten Produzentendemokratie"
und eines "demokratischen Sozialismus", so wie sie in der Verfassung
und dem Parteiprogramm des herrschenden Bundes der Kommunisten Jugoslawiens
(BdKJ) formuliert waren. Sie kritisierten aber die mangelnde Umsetzung
der Parteiversprechen. Die Persistenz bürokratischer Kontrollmechanismen,
Privilegienwirtschaft sowie wachsende soziale und regionale Ungleichheiten
deuteten in der Perspektive der Protestbewegung auf schwer wiegende Probleme
und Defizite in der Gesellschaftsentwicklung hin. Im vorliegenden Paper
sollen die Auseinandersetzungen um die "Arbeiterselbstverwaltung"
im weiteren Kontext der Herrschaftskritik der jugoslawischen Neuen Linken
am Ende der 1960er und Beginn der 1970 Jahre dargestellt werden. Es soll
außerdem nach der Rezeption dieser Debatten in der westlichen (Neuen)
Linken gefragt werden, die ihrerseits nach Alternativen zum etatistischen
Sozialismusmodell in Osteuropa suchte.
Hannes Lachmann (Karlsuniversität Prag/Universität
Passau)
Der 'Prager Frühling' und die ungarische
Gesellschaft: Reaktionen und transnationale Einflüsse jenseits der
Parteieliten im ostmitteleuropäischen Kontext von 1968
Der tschechoslowakische Reformprozess von 1968 ist seit Jahrzehnten Gegenstand
zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen. Zugunsten einer großmachts-,
national- oder parteipolitischen Perspektive wurden die Reaktionen innerhalb
der Nachbargesellschaften bisher oft vernachlässigt. In diesem Beitrag
sollen deshalb jenseits der Parteieliten Reaktionen verschiedener Trägergruppen
der ungarischen Gesellschaft auf Entstehung, Verlauf und Niederschlagung
des tschechoslowakischen Liberalisierungsprozesses erörtert werden.
Denn auch in Ungarn gab es ein Echo auf die Militäraktion gegen die
ČSSR, z.T. sogar in Form von Protesten, wobei es im Vergleich zu ČSSR,
Polen, Jugoslawien und DDR scheinbar dennoch sehr ruhig blieb. Gestalt
und Ausmaß dieser Reaktionen sowie ein ihnen vorausgegangener und
nachfolgender Austausch zwischen Tschechoslowakei und Ungarn sollen Gegenstand
dieser Untersuchung sein. Dazu gehören auch die Auswirkungen auf
das weitere Widerstands- bzw. Reformverhalten in Ungarn. Es sollen Protestaktionen
und Versöhnungsgesten - oder auch deren explizite Abwesenheit - bei
Intellektuellen, Wissenschaftlern Gewerkschaften und Studenten aufgegriffen
werden. Deren Verhalten soll nicht nur dargestellt, sondern auch in den
ungarischen Gesamtkontext dieser Zeit gesetzt werden. Schließlich
war in Ungarn 1968 ein umfassendes, auf die Wirtschaft begrenztes Reformprogramm
angelaufen, mit dem sowohl die politische Führung als auch breite
Teile der Bevölkerung große Hoffnungen (allerdings auch gewisse
Ängste) verbanden. Darin und in den eigenen Erfahrungen seit 1956
sind wesentliche Ursachen nicht nur für die scheinbare Ruhe bei breiten
Teilen der ungarischen Bevölkerung zu sehen, sondern ebenso für
deren große, bis heute erkennbare Anteilnahme und Sympathie gegenüber
dem militärisch erstickten tschechoslowakischen Reformexperiment.
Ilse Lenz (Lehrstuhl für Geschlechter-
und Sozialstrukturforschung, Ruhr-Universität Bochum)
Die neuen Frauenbewegungen und 1968. Ein internationaler
Vergleich mit dem Schwerpunkten BRD, Japan und Korea
In den USA, Westeuropa, aber auch in Japan entstanden die neuen Frauenbewegungen
in der Auseinandersetzung mit den 1968er Bewegungen. Dies war kein Zufall.
Die 68er Bewegungen thematisierten Fragen wie die der gesellschaftlichen
Befreiung, der strukturellen Macht und der Kapitalismuskritik, die die
Frauen ermutigten, ihre Rolle in diesen politischen Kontexten ebenso zu
hinterfragen wie ihre gesellschaftliche Rolle insgesamt. Die Kapitalismuskritik
erweiterten die Frauen zu einer grundlegenden Infragestellung patriarchalischer
Strukturen in den allen gesellschaftlichen Bereichen und Beziehungen.
Die Eingangsthese dieses Beitrags ist, dass die wirkungsmächtigsten
sozialen Bewegungen des 20. Jahrhunderts, die neuen Frauenbewegungen,
diese Ausgangspunkte mit den 68er Bewegungen teilt, sie aber konkretisiert
und damit die demokratischen Potentiale der 68er Bewegungen weiter entwickelt
hat.
In einem zweiten Schritt sollen die inneren Transformationen der neuen
Frauenbewegungen in den Gesellschaften der Bundesrepublik Deutschlands
und Japans konkret und ausführlich dargestellt werden, die erstaunlicherweise
parallel verlaufen sind, von erstens der Bewusstwerdungs- und Artikulationsphase
(1968-1975) über zweitens die Konsolidierungs-, Professionalisierungs-
und Differenzierungsphase (1978-1989) bis drittens zur Internationalisierung
und Neuorientierung seit 1989. Auf die letzte Phase wird allerdings nur
im Ausblick kurz eingegangen. Zum Kontrast wird die Entwicklung der Frauenbewegung
in Südkorea unter der Diktatur und in der Demokratie umrissen.
Die Grundthese, dass die neuen Frauenbewegungen nach dem 1968er Aufbruch
Demokratisierungsansätze erweitert, konkretisiert und umgesetzt haben,
soll anhand ausgewählter Themen vergleichend betrachtet und konkret
dargestellt werden. Im Zuge ihrer Formierung bildeten sie Kleingruppen
und Netzwerke, in denen sich vor allem Frauen aus verschiedenen Lebensbereichen
und Schichten zusammenfanden. Sie forderten weibliche wie persönliche
Autonomie in ihrer radikalen Kritik an den bestehenden Strukturen und
Beziehungen ein, sie hinterfragten ihre Unterordnung im privaten und sexuellen
Bereich, aber kritisierten ebenso ihre Ausgrenzung im beruflichen, im
öffentlichen und politischen Feld. Auf die Kampagnen (Selbstbestimmung
über den Körper und die Sexualität) und Projekte (Frauenhäuser
gegen Gewalt gegen Frauen), die in dieser Phase in den verschiedenen Ländern
entstanden, wird ebenso vergleichend eingegangen wie auf den Themenbereich
Migration/Internationalisierung.
Die Diskurse und Forderungen der neuen Frauenbewegungen trugen in allen
drei Gesellschaften entscheidend zum Bewusstseinswandel bei. In der Phase
der Konsolidierungs-, Professionalisierungs- und Differenzierung (1978-1989)
wurden die unterschiedlichsten Frauenprojekte in Medien, Kultur und Sozialarbeit
gegründet. An den Hochschulen wurden Frauenseminare und die ersten
Frauenforschungsprojekte gegründet, aber auch Kirchen, Gewerkschaften
und Verbände öffneten sich feministischen Fragen und Projekten.
Die Lesbenbewegung wie später die der Migrantinnen stehen beispielhaft
für plurale und flexible Identitäten innerhalb der Frauenbewegungen.
David Mayer (Institut für Wirtschafts-
und Sozialgeschichte, Universität Wien)
Kubanischer Zyklus, Ungleichzeitigkeiten und
transnationale Zusammenhänge – 1968 aus und in Lateinamerika
Diesem Beitrag geht die Leitfrage voran, ob sich ein lateinamerikanisches
1968 als großregionaler bzw. kontinentaler Zusammenhang begründen
lässt. Dies gilt zunächst für die Ebene des Unmittelbaren
und Gleichzeitigen, also jene Ereignisse, die sich in großer zeitlicher
Nähe zum Pariser Mai und ähnlich beispielhaften Prozessen vollzogen
(z. B. die Ereignisse in Mexiko oder im argentinischen Córdoba).
Zugleich lässt sich 1968 auch in Lateinamerika zeitlich wesentlich
breiter definieren. In solch einer langfristigen Perspektive fällt
der Kubanischen Revolution und ihrer transnationalen Wirkmacht im Lateinamerika
der 1960er Jahre besondere Bedeutung zu. Der Zyklus der Kubanischen Revolution
kann zudem als ein wichtiger außereuropäischer Faktor für
das Entstehen des globalen "1968" gedeutet werden. Mit Blick
auf eine außereuropäische Großregion sollen Einheit und
Bedeutungsvielfalt von 1968 debattiert und sowohl die "Ungleichzeitigkeiten
im Zusammenhang" als auch die "zusammenhangslosen Gleichzeitigkeiten"
ein Stück weit herausgearbeitet werden.
Kees van der Pijl (Department of International
Relations, University of Sussex)
May 1968 and the Alternative Globalisation Movement
– Cadre Class Formation and the Transition to Socialism
By the confluence of workers' struggles and the student movement, May
1968 was the first time in history that 'the collective worker' theorised
by Marx made its self-conscious appearance on the political stage as a
movement. The movement was worldwide, erupting in the Western Europe and
the Americas, as well as in state-socialist countries. In the ensuing
years it became contained by forcing it into the straitjacket of national
politics as mainstream Left parties restored their hegemony and the contestation
of capitalism and imperialism also shifted to national and inter-national
formats. The alternative globalisation movement on the other hand has
emerged as a straightforward global movement, retaining the 'collective
worker' dimension but transcending the division of the world into separate
sovereignties. It too is subject to a powerful counteroffensive, the neo-imperialism
of the 'War on Terror' - which attacks the alternative globalism at the
heart by rekindling animosity and distrust along ethno-religious lines.
It is in this force-field that contemporary social struggles evolve.
Devi Sacchetto (Dipartimento di Sociologia,
Università di Padova)
When Political Subjectivity Takes Roots. The
Case of Porto Marghera (Venice, Italy)
This paper analyzes the political campaigns that developed in the industrial
area of Porto Marghera between the late Sixties and the late Seventies.
In those years a deep social rupture between trade unions and political
parties on the one hand and the working class on the other took the centre
of the stage. Through 24 life history video-interviews the paper investigates
the path of political activism of these groups of workers, both factory
intellectual workers, according to a pattern that can be traced to the
so-called Italian operaismo (Workerism).
Those groups came from very different backgrounds and political experiences.
They joined to fight for equalitarianism, for a pro-worker use of science,
for the idea of "refusal of work" and against hazardous working
conditions. Between 1968 and 1973 this movement was able to place the
"hell of production" within a political agenda, thus breaking
barriers between work in universities, the world of industrial work and
the world of domestic reproduction. When political tension decreased and
repression expanded, few people decided to join official trade unions
or political parties. These factory workers chose to retire to private
life or, in a few cases, to join the new social movements developing in
the 1980-90’s.
Susanne Weigelin-Schwiedrzik (Institut für
Ostasienwissenschaften, Universität Wien)
China: Das Zentrum der (Welt)-Revolution? Die
chinesische Kulturrevolution und ihre internationale Ausstrahlung
Im Kontext der von Edward Shils entwickelten und Smuel Eisenstadt auf
Asien übertragenen Theorie des Verhältnisses von Zentrum und
Peripherie diskutiert dieser Vortrag die Frage, ob es der VR China und
der KPCh in der Zeit zwischen 1966 und 1969 gelungen ist, Peking als symbolisches
Zentrum zu etablieren, obwohl das Land ansonsten im System der internationalen
Beziehungen eine periphere Position eingenommen hat.
Eingangs wird im Vortrag ein Erklärungsmodell für die Kulturrevolution
vorgestellt, das diese in den Zusammenhang fundamentalistischer Bewegungen
stellt. Von diesem Erklärungsmodell ausgehend wird untersucht, inwiefern
die Jugend- und Studentenbewegungen der sechziger Jahre Bezug auf die
Kulturrevolution nehmen. Anhand einer Reihe von Fallstudien wird analysiert,
inwiefern sich die Rezeption der Kulturrevolution kultur- und länderspezifisch
unterscheidet. Dabei wird der viel diskutierten These nachgegangen, dass
die Attraktivität der Kulturrevolution in dem Versuch besteht, eine
alternative Moderne zu definieren und in die Praxis umzusetzen, die sich
sowohl von der marktorientierten als auch von der real-sozialistischen
Variante der Moderne unterscheidet.