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1968 — A view of the protest movements 40 years after, from a global perspective

Abstracts
(in the language of the papers)

 
»»Peter Birke
»»Samantha Christiansen
»»Avishek Ganguly
»»Paul Benedikt Glatz
»»Max Henninger
»»Christoph Kalter
»»Boris Kanzleiter
»»Hannes Lachmann
»»Ilse Lenz
»»David Mayer
»»Kees van der Pijl
»»Devi Sacchetto
»»Susanne Weigelin-Schwiedrzik


Peter Birke (Historisches Seminar, Universität Hamburg)

Die Sozialproteste der 1968er Jahre und ihre Folgen – "Modernisierungsschub" und "kulturelle Revolution"
In der jüngsten Historiografie der 1968er Jahre spielt die These, dass die Folgen der Revolte als "Modernisierungsschub" bezeichnet werden können, eine wichtige Rolle. Die mit dieser These verbundenen Forschungen richten ihre Aufmerksamkeit aktuell unter anderem auf die Untersuchung einer "kulturellen Revolution", die sich in den nordwesteuropäischen Gesellschaften in Formen wie dem Massenkonsum oder der Popkultur sowohl geäußert als auch artikuliert habe. Betont wird, dass die Proteste und sozialen Kämpfe um das Jahr 1968 herum lediglich eine Art Katalysator waren, dessen Impulse schließlich in Innovationen der westlichen Gesellschaften überführt worden seien. Aber kann die globale Protestbewegung wirklich als "kulturelle Revolution" begriffen werden? Wie schreibt sich diese These in einen Diskurs ein, der den "neuen Geist des Kapitalismus" als wesentlich postindustriell, immateriell und informell beschreibt? In welchem Verhältnis steht die Setzung von der "kulturellen Revolution" zu den Veränderungen in den Herrschaftsbeziehungen innerhalb der Arbeitswelt und zum Begriff der Arbeit überhaupt? In meinem Vortrag werde ich danach fragen, ob der universalistische Begriff der "Moderne", mit dem diese Forschungen operieren, geeignet ist, die Transnationalität und Globalität der Protestbewegungen der 1968er Jahre zu erfassen.


Samantha Christiansen (Department of History, Northeastern University, Boston)

Beyond Liberation: Students and Protest in East Pakistan and the International 1968
This paper seeks to locate East Pakistan (presently Bangladesh) in the study of 1968. The postwar period in East Pakistan was marked by decades of student agitation eventually leading to national independence. Perhaps as a result of the traumatic experiences of the 1971 Liberation War, the East Pakistan student movement is frequently examined in nationalist terms, focusing on the contributions made by students during the turbulent period of liberation. Yet the East Pakistani student movement of the late 1960's also demonstrates an engagement with the larger international phenomenon of student revolts of "1968". In the late 1960s, culminating in the largest student demonstrations of 1968, student activists in East Pakistan challenged the cultural and political status quo and asserted a political identity rooted in culture and youth. They participated in transnational activities via West Pakistan and London, in particular, and recreated the "spirit of '68" in local terms. Building on the theoretical foundation of viewing "1968" as a case in which "different languages of radicalism arose in different contexts that shared a common vocabulary but derived their grammar from their concrete historicity," (Dirlik: 1998) this paper draws on primary and secondary material from participants in "1968" both in East Pakistan and in other national arenas that came into contact with East Pakistan to demonstrate the international components as well as the expressions of 1968 particular to the context of East Pakistan.


Avishek Ganguly (Dept of English/Center for Comparative Literature and Society, Columbia University, New York)

A 'Naxalite International'? A review of some of the Indian protest movements 40 years later
Utpal Dutt's Bengali play Teer [The Arrow] (1967) – one of the earliest dramatizations of the militant left Naxalite movement that started off in the foothills of northern Bengal around that time only to be severely repressed by the state soon after – stages some important questions in revolutionary politics in India: autochthonous agency, the politics of language and representation, vanguardism and the role of the party etc. Founded in April, 1968, the Calcutta-based English weekly Frontier, on the other hand, became an important site for the debates and discussions not only about revolutionary politics and culture in India but significantly, also contemporary global protest movements and conflicts ranging from May '68 in Paris and the Black Panthers in the US to the Biafran War in Nigeria. When read together, the literary and the journalistic texts might thus provide us with interesting insights for rethinking a comparative context for the discussion of trans/national political protest movements both during the sixties and in the present.


Paul Benedikt Glatz (Freie Universität Berlin)

'To American Soldiers in Europe': GI-Agitation und amerikanische Deserteure in Europa während des Vietnamkriegs
Dieser Vortrag untersucht, welche Rolle amerikanische Deserteure und GIs in internationalen Protestbewegungen gegen den Vietnamkrieg spielten. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Westdeutschland und West-Berlin im europäischen und transatlantischen Kontext. Während der zweiten Hälfte der 1960er Jahre begannen amerikanische Deserteure, Veteranen und sogar GIs innerhalb der US-Streitkräfte, Protest gegen den Krieg in Indochina zu äußern. Zivile Gruppen riefen ihrerseits zu Desertion und Widerstand innerhalb der Kasernen auf. Diese Proteststrategie wurde nicht nur von Aktivisten in den USA, sondern auch in Europa und Japan verfolgt, wo eine große Zahl von US-Truppen stationiert war.
Über intellektuelle Netzwerke und Ideendiffusion zwischen Protestbewegungen um 1968 hinaus, widmet sich dieser Beitrag praktischeren Formen von internationaler Protestzusammenarbeit. Als Beispiel für eine solche Praxis dienen die Verbindungen zwischen amerikanischen Deserteuren und GIs und zivilen Protestgruppen in Westdeutschland und West-Berlin. Der Vortrag untersucht, inwiefern die Präsenz der US-Streitkräfte in Deutschland die Mobilisierung von Vietnamprotest hier beeinflusste, wie GIs ein wichtiges Agitationsziel wurden und wie einige US-Soldaten und Deserteure zu Alliierten von zivilen Protestgruppen wurden. Weiterhin werden Formen und Möglichkeiten zur Kooperation zwischen diesen unterschiedlichen Gruppen betrachtet. Befriedigte diese Proteststrategie den Wunsch nach konkreten Aktionen, besonders deutlich im Aufruf des West-Berliner Vietnam-Kongress im Februar 1968, den Schritt "vom Protest zum Widerstand" zu vollziehen? Schließlich geht der Beitrag der Frage nach, ob die Praxis der Unterstützung von Deserteuren und die Zusammenarbeit mit oppositionellen GIs eine Rolle in der allgemein beobachteten Radikalisierung der Protestbewegungen in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren spielten
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Max Henninger (Berlin)

Von der 'antiautoritären Revolte' zum 'bewaffneten Kampf'. Ein internationaler Vergleich mit den Schwerpunkten BRD und Italien
In mehreren Ländern, in denen in den 1960er Jahren eine Studentenbewegung aktiv war, kam es bereits kurze Zeit später zur Entstehung von bewaffneten Untergrundgruppen. Wo sind die Gründe dafür zu suchen und wie stark war die Kontinuität zwischen ihnen und der Studentenbewegung? Nach einem Überblick über die in der aktuellen Forschungsliteratur vertretenen Positionen sollen die weltweiten politischen Ereignisse, vor deren Hintergrund sich das Abflauen der Studentenbewegung und die Entstehung der bewaffneten Gruppen vollzogen haben, kurz skizziert werden. Dabei sollen insbesondere jene internationalen Entwicklungen benannt werden, die für Studentenbewegung und bewaffnete Gruppen gleichermaßen als politische Bezugspunkte fungierten. Im Anschluss an die Skizze des internationalen Kontextes wird schwerpunktmäßig auf die BRD und Italien einzugehen sein: zwei Länder, in denen die Entstehung bewaffneter Gruppe einen besonders tiefen und bis heute vieldiskutierten Einschnitt markiert. Dabei sollen einige Etappen im Übergang von der "antiautoritären Revolte" zum "bewaffneten Kampf" aus den Jahren 1969-71 in den beiden Ländern benannt und relevante Wortmeldungen der damaligen ProtagonistInnen – von deren auch heute noch starker Befangenheit auszugehen sein wird – mit einander verglichen werden.


Christoph Kalter (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam)

'Dritte Welt', Frantz Fanon und radikale Linke in Frankreich, den USA und der Bundesrepublik. Zur Geschichte eines zentralen mobilisation myth der 68er Jahre
Eingeführt im Frankreich der 1950er Jahre, wurde der Begriff "Dritte Welt" bald in zahllose Sprachen übertragen und blieb dreißig Jahre lang ein Paradigma sozialwissenschaftlicher, journalistischer und alltagssprachlicher Weltdeutungen. Im Kontext des Algerienkriegs wurde die Dritte Welt auch zentraler Bestandteil politischer Diskurse. Dabei oszillierte sie von Anfang an zwischen Selbst- und Fremdzuschreibung: Frantz Fanon und andere Sprecher der Dritten Welt adaptierten das Konzept, gaben ihm neue Akzente und machten es zum Mobilisierungsmythos anti- und postkolonialer Projekte des nation building oder kollektiver Interessenvertretung (Blockfreie, Gruppe 77, Trikontinentale). Doch auch in den westlichen Gesellschaften hatte das Konzept eine wichtige Funktion, und dies vor allem für eine neue, radikale Linke. Diese verdankte der Dritten Welt einerseits ihre Genese und ihr Profil, machte andererseits aber durch ihre Repräsentationen und Praktiken die Dritte Welt überhaupt erst zu einer diskursiven und politischen Realität. Dritte Welt und radikale Linke entstanden also nicht nur in etwa zur selben Zeit, sondern waren wechselseitig konstitutiv. Das mit der Dritten Welt verbundene Arsenal von Theoremen, Bildern und Werten erleichterte zudem die transnationale Kommunikation und Synchronisierung der radikalen Linken und der Protestbewegungen in verschiedenen Ländern, wie am Beispiel Frankreichs, Westdeutschlands und der USA skizziert werden soll. Die grundlegende Ambivalenz des linksradikalen Dritte-Welt-Diskurses der 68er Jahre – einerseits Ermächtigung neuer Akteurssubjekte, andererseits eurozentrische Projektionen – hinterlässt ein reiches, aber schwieriges Erbe, das in aktuelle Debatten über "Globalisierung" eingegangen ist.


Boris Kanzleiter (Freie Universität Berlin)

Neue Linke und Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien
Im Zentrum der Massenproteste vom Juni 1968 in Jugoslawien standen Auseinandersetzungen um das Modell der "Arbeiterselbstverwaltung", welches die jugoslawischen Kommunisten nach dem Bruch mit Moskau 1948 als Alternative zum Sowjetsystem entwickelt hatten. Die demonstrierenden Studenten und Professoren der besetzten "Roten Universität Karl Marx" in Belgrad affirmierten dabei grundsätzlich die Idee einer "direkten Produzentendemokratie" und eines "demokratischen Sozialismus", so wie sie in der Verfassung und dem Parteiprogramm des herrschenden Bundes der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ) formuliert waren. Sie kritisierten aber die mangelnde Umsetzung der Parteiversprechen. Die Persistenz bürokratischer Kontrollmechanismen, Privilegienwirtschaft sowie wachsende soziale und regionale Ungleichheiten deuteten in der Perspektive der Protestbewegung auf schwer wiegende Probleme und Defizite in der Gesellschaftsentwicklung hin. Im vorliegenden Paper sollen die Auseinandersetzungen um die "Arbeiterselbstverwaltung" im weiteren Kontext der Herrschaftskritik der jugoslawischen Neuen Linken am Ende der 1960er und Beginn der 1970 Jahre dargestellt werden. Es soll außerdem nach der Rezeption dieser Debatten in der westlichen (Neuen) Linken gefragt werden, die ihrerseits nach Alternativen zum etatistischen Sozialismusmodell in Osteuropa suchte.


Hannes Lachmann (Karlsuniversität Prag/Universität Passau)

Der 'Prager Frühling' und die ungarische Gesellschaft: Reaktionen und transnationale Einflüsse jenseits der Parteieliten im ostmitteleuropäischen Kontext von 1968
Der tschechoslowakische Reformprozess von 1968 ist seit Jahrzehnten Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen. Zugunsten einer großmachts-, national- oder parteipolitischen Perspektive wurden die Reaktionen innerhalb der Nachbargesellschaften bisher oft vernachlässigt. In diesem Beitrag sollen deshalb jenseits der Parteieliten Reaktionen verschiedener Trägergruppen der ungarischen Gesellschaft auf Entstehung, Verlauf und Niederschlagung des tschechoslowakischen Liberalisierungsprozesses erörtert werden. Denn auch in Ungarn gab es ein Echo auf die Militäraktion gegen die ČSSR, z.T. sogar in Form von Protesten, wobei es im Vergleich zu ČSSR, Polen, Jugoslawien und DDR scheinbar dennoch sehr ruhig blieb. Gestalt und Ausmaß dieser Reaktionen sowie ein ihnen vorausgegangener und nachfolgender Austausch zwischen Tschechoslowakei und Ungarn sollen Gegenstand dieser Untersuchung sein. Dazu gehören auch die Auswirkungen auf das weitere Widerstands- bzw. Reformverhalten in Ungarn. Es sollen Protestaktionen und Versöhnungsgesten - oder auch deren explizite Abwesenheit - bei Intellektuellen, Wissenschaftlern Gewerkschaften und Studenten aufgegriffen werden. Deren Verhalten soll nicht nur dargestellt, sondern auch in den ungarischen Gesamtkontext dieser Zeit gesetzt werden. Schließlich war in Ungarn 1968 ein umfassendes, auf die Wirtschaft begrenztes Reformprogramm angelaufen, mit dem sowohl die politische Führung als auch breite Teile der Bevölkerung große Hoffnungen (allerdings auch gewisse Ängste) verbanden. Darin und in den eigenen Erfahrungen seit 1956 sind wesentliche Ursachen nicht nur für die scheinbare Ruhe bei breiten Teilen der ungarischen Bevölkerung zu sehen, sondern ebenso für deren große, bis heute erkennbare Anteilnahme und Sympathie gegenüber dem militärisch erstickten tschechoslowakischen Reformexperiment.


Ilse Lenz (Lehrstuhl für Geschlechter- und Sozialstrukturforschung, Ruhr-Universität Bochum)

Die neuen Frauenbewegungen und 1968. Ein internationaler Vergleich mit dem Schwerpunkten BRD, Japan und Korea
In den USA, Westeuropa, aber auch in Japan entstanden die neuen Frauenbewegungen in der Auseinandersetzung mit den 1968er Bewegungen. Dies war kein Zufall. Die 68er Bewegungen thematisierten Fragen wie die der gesellschaftlichen Befreiung, der strukturellen Macht und der Kapitalismuskritik, die die Frauen ermutigten, ihre Rolle in diesen politischen Kontexten ebenso zu hinterfragen wie ihre gesellschaftliche Rolle insgesamt. Die Kapitalismuskritik erweiterten die Frauen zu einer grundlegenden Infragestellung patriarchalischer Strukturen in den allen gesellschaftlichen Bereichen und Beziehungen. Die Eingangsthese dieses Beitrags ist, dass die wirkungsmächtigsten sozialen Bewegungen des 20. Jahrhunderts, die neuen Frauenbewegungen, diese Ausgangspunkte mit den 68er Bewegungen teilt, sie aber konkretisiert und damit die demokratischen Potentiale der 68er Bewegungen weiter entwickelt hat.

In einem zweiten Schritt sollen die inneren Transformationen der neuen Frauenbewegungen in den Gesellschaften der Bundesrepublik Deutschlands und Japans konkret und ausführlich dargestellt werden, die erstaunlicherweise parallel verlaufen sind, von erstens der Bewusstwerdungs- und Artikulationsphase (1968-1975) über zweitens die Konsolidierungs-, Professionalisierungs- und Differenzierungsphase (1978-1989) bis drittens zur Internationalisierung und Neuorientierung seit 1989. Auf die letzte Phase wird allerdings nur im Ausblick kurz eingegangen. Zum Kontrast wird die Entwicklung der Frauenbewegung in Südkorea unter der Diktatur und in der Demokratie umrissen.

Die Grundthese, dass die neuen Frauenbewegungen nach dem 1968er Aufbruch Demokratisierungsansätze erweitert, konkretisiert und umgesetzt haben, soll anhand ausgewählter Themen vergleichend betrachtet und konkret dargestellt werden. Im Zuge ihrer Formierung bildeten sie Kleingruppen und Netzwerke, in denen sich vor allem Frauen aus verschiedenen Lebensbereichen und Schichten zusammenfanden. Sie forderten weibliche wie persönliche Autonomie in ihrer radikalen Kritik an den bestehenden Strukturen und Beziehungen ein, sie hinterfragten ihre Unterordnung im privaten und sexuellen Bereich, aber kritisierten ebenso ihre Ausgrenzung im beruflichen, im öffentlichen und politischen Feld. Auf die Kampagnen (Selbstbestimmung über den Körper und die Sexualität) und Projekte (Frauenhäuser gegen Gewalt gegen Frauen), die in dieser Phase in den verschiedenen Ländern entstanden, wird ebenso vergleichend eingegangen wie auf den Themenbereich Migration/Internationalisierung.

Die Diskurse und Forderungen der neuen Frauenbewegungen trugen in allen drei Gesellschaften entscheidend zum Bewusstseinswandel bei. In der Phase der Konsolidierungs-, Professionalisierungs- und Differenzierung (1978-1989) wurden die unterschiedlichsten Frauenprojekte in Medien, Kultur und Sozialarbeit gegründet. An den Hochschulen wurden Frauenseminare und die ersten Frauenforschungsprojekte gegründet, aber auch Kirchen, Gewerkschaften und Verbände öffneten sich feministischen Fragen und Projekten. Die Lesbenbewegung wie später die der Migrantinnen stehen beispielhaft für plurale und flexible Identitäten innerhalb der Frauenbewegungen.


David Mayer (Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien)

Kubanischer Zyklus, Ungleichzeitigkeiten und transnationale Zusammenhänge – 1968 aus und in Lateinamerika
Diesem Beitrag geht die Leitfrage voran, ob sich ein lateinamerikanisches 1968 als großregionaler bzw. kontinentaler Zusammenhang begründen lässt. Dies gilt zunächst für die Ebene des Unmittelbaren und Gleichzeitigen, also jene Ereignisse, die sich in großer zeitlicher Nähe zum Pariser Mai und ähnlich beispielhaften Prozessen vollzogen (z. B. die Ereignisse in Mexiko oder im argentinischen Córdoba). Zugleich lässt sich 1968 auch in Lateinamerika zeitlich wesentlich breiter definieren. In solch einer langfristigen Perspektive fällt der Kubanischen Revolution und ihrer transnationalen Wirkmacht im Lateinamerika der 1960er Jahre besondere Bedeutung zu. Der Zyklus der Kubanischen Revolution kann zudem als ein wichtiger außereuropäischer Faktor für das Entstehen des globalen "1968" gedeutet werden. Mit Blick auf eine außereuropäische Großregion sollen Einheit und Bedeutungsvielfalt von 1968 debattiert und sowohl die "Ungleichzeitigkeiten im Zusammenhang" als auch die "zusammenhangslosen Gleichzeitigkeiten" ein Stück weit herausgearbeitet werden.


Kees van der Pijl (Department of International Relations, University of Sussex)

May 1968 and the Alternative Globalisation Movement – Cadre Class Formation and the Transition to Socialism
By the confluence of workers' struggles and the student movement, May 1968 was the first time in history that 'the collective worker' theorised by Marx made its self-conscious appearance on the political stage as a movement. The movement was worldwide, erupting in the Western Europe and the Americas, as well as in state-socialist countries. In the ensuing years it became contained by forcing it into the straitjacket of national politics as mainstream Left parties restored their hegemony and the contestation of capitalism and imperialism also shifted to national and inter-national formats. The alternative globalisation movement on the other hand has emerged as a straightforward global movement, retaining the 'collective worker' dimension but transcending the division of the world into separate sovereignties. It too is subject to a powerful counteroffensive, the neo-imperialism of the 'War on Terror' - which attacks the alternative globalism at the heart by rekindling animosity and distrust along ethno-religious lines. It is in this force-field that contemporary social struggles evolve.


Devi Sacchetto (Dipartimento di Sociologia, Università di Padova)

When Political Subjectivity Takes Roots. The Case of Porto Marghera (Venice, Italy)
This paper analyzes the political campaigns that developed in the industrial area of Porto Marghera between the late Sixties and the late Seventies. In those years a deep social rupture between trade unions and political parties on the one hand and the working class on the other took the centre of the stage. Through 24 life history video-interviews the paper investigates the path of political activism of these groups of workers, both factory intellectual workers, according to a pattern that can be traced to the so-called Italian operaismo (Workerism).
Those groups came from very different backgrounds and political experiences. They joined to fight for equalitarianism, for a pro-worker use of science, for the idea of "refusal of work" and against hazardous working conditions. Between 1968 and 1973 this movement was able to place the "hell of production" within a political agenda, thus breaking barriers between work in universities, the world of industrial work and the world of domestic reproduction. When political tension decreased and repression expanded, few people decided to join official trade unions or political parties. These factory workers chose to retire to private life or, in a few cases, to join the new social movements developing in the 1980-90’s.


Susanne Weigelin-Schwiedrzik (Institut für Ostasienwissenschaften, Universität Wien)

China: Das Zentrum der (Welt)-Revolution? Die chinesische Kulturrevolution und ihre internationale Ausstrahlung
Im Kontext der von Edward Shils entwickelten und Smuel Eisenstadt auf Asien übertragenen Theorie des Verhältnisses von Zentrum und Peripherie diskutiert dieser Vortrag die Frage, ob es der VR China und der KPCh in der Zeit zwischen 1966 und 1969 gelungen ist, Peking als symbolisches Zentrum zu etablieren, obwohl das Land ansonsten im System der internationalen Beziehungen eine periphere Position eingenommen hat.

Eingangs wird im Vortrag ein Erklärungsmodell für die Kulturrevolution vorgestellt, das diese in den Zusammenhang fundamentalistischer Bewegungen stellt. Von diesem Erklärungsmodell ausgehend wird untersucht, inwiefern die Jugend- und Studentenbewegungen der sechziger Jahre Bezug auf die Kulturrevolution nehmen. Anhand einer Reihe von Fallstudien wird analysiert, inwiefern sich die Rezeption der Kulturrevolution kultur- und länderspezifisch unterscheidet. Dabei wird der viel diskutierten These nachgegangen, dass die Attraktivität der Kulturrevolution in dem Versuch besteht, eine alternative Moderne zu definieren und in die Praxis umzusetzen, die sich sowohl von der marktorientierten als auch von der real-sozialistischen Variante der Moderne unterscheidet.