Konzept für einen Dreijahreszyklus
2010-2012
Arbeiterbewegung und soziale Bewegungen als Triebkräfte gesellschaftlicher
Entwicklung
Labour and Social Movements as Agents of Social
Development / Mouvements ouvriers et mouvements sociaux comme moteur de
transformation sociale
(Stand Mai 2009)
Zielsetzung
Mit Blick auf die gegenwärtige Schwerpunktsetzung der Linzer Konferenzen
– die Impulse des "globalen Südens" zur Arbeiter- und
Arbeiterbewegungsgeschichte kreativ aufzunehmen, um sie in ein produktives
Spannungsverhältnis zur Geschichtsschreibung in Europa und Nordamerika
zu setzen – richtet auch der kommende ITH-Tagungszyklus das Augenmerk
auf eine Kontrastierung von Entwicklungen dies- und jenseits tradierter
Formen "westlicher" Staatlichkeit. Im Mittelpunkt des geplanten
Zyklus, der die drei Tagungen 2010, 2011 und 2012 umspannen soll, steht
eine kritische Betrachtung der gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse des
20. Jahrhunderts, die sich mittelbar oder unmittelbar auf Arbeiterbewegungen
zurückführen lassen, sowie der Formen ihrer Präsenz in der
kollektiven Erinnerung.
"Entwicklung" wird dabei bewusst als ein mehrdeutiger und vielschichtiger
Begriff verstanden. Er bezeichnet u.a.
• den langen Prozess gesellschaftlicher Umgestaltung/sozialen Wandels
mit offenem Ende,
• gesellschaftliche Umgestaltung durch bewussten aktiven Eingriff
zur Erreichung bestimmter Zielsetzungen wie "Modernisierung" oder
"Sozialismus",
• einen Diskurs als Teil "westlicher" Dominanz in der Welt,
der "entwickelte" von "unterentwickelten" Gesellschaften
unterscheidet.
Wir wollen den Konferenzzyklus auf den Entwicklungsbegriff im Sinne bewusster
aktiver Interventionen zur Erreichung bestimmter Zielsetzungen konzentrieren,
die dazu geführt haben, dass sich Gesellschaften und Staaten verändert
haben. Dabei ist nicht in erster Linie eine modernisierungstheoretische
Abgrenzung zum Begriff der Traditionalität im Sinne eines wirtschaftlichen,
politischen oder technischen Vorrangs von einigen Pioniergesellschaften
und den darauf folgenden als "Entwicklung" definierten Wandlungsprozessen
der Nachzügler gemeint, sondern es soll um grundlegende, graduelle
oder bruchhafte Veränderungsprozesse gehen, bei denen einer Gesellschaft
oder einem Staatswesen neue Elemente hinzugefügt oder Bestehende modifiziert
wurden. Dabei sollen revolutionäre "Kampfzyklen" ebenso wie
evolutionäre Tendenzen berücksichtigt werden und darüber
hinaus auch jene Konzepte und Praktiken von "Entwicklung" angesprochen
werden, durch welche Gesellschaften durch Interventionen von außen
("zivilisatorische Missionen", "Entwicklungshilfe",
"sozialistische Hilfe") verändert wurden.
Neben der Betrachtung der "realen" Wandlungsprozesse sollen in
diesem Konferenzzyklus aber auch die wirkungsgeschichtlichen Zusammenhänge,
das Nachleben in der "kollektiven Erinnerung" beleuchtet werden.
Mit Blick auf das Interesse der historischen Forschung an Fragen des (öffentlichen)
Gedenkens und der Repräsentanz von Vergangenheit in Form von Museen,
Ausstellungen, Denkmälern, Architektur oder Gedenkfesten diskutiert
der Konferenzzyklus auch Wechselwirkungen von Arbeiterbewegungen und sozialem
Wandel auf der Ebene von Rekonstruktion, Deutung und Symbolisierung.
Diese Wandlungsprozesse und ihre Wahrnehmung(en) sollen auf einzelne Arbeiterbewegungen
und Staaten, aber auch auf transnationale Zusammenhänge bezogen werden.
Zeitlicher Referenzrahmen soll das 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart
– mit Fokus auf die postkoloniale Epoche – sein. In diesem Zusammenhang
ist angestrebt, die unterschiedlichen Zeitphasen so abzudecken, dass zeitliche
Asymmetrien ebenso deutlich werden wie übergreifende Entwicklungen.
Geplant ist, den angestoßenen Wandel in fünf Problemfeldern näher
zu beleuchten:
1) Arbeiterbewegungen und verwandte soziale Bewegungen in der globalen Erinnerung
(Konferenz 2010)
2) Konzepte und Praktiken von "Entwicklung" im Kontext von Arbeiterbewegungen
und verwandter sozialer Bewegungen (Konferenz 2011)
3) Beiträge von Arbeiterbewegungen für die Ausgestaltung gesellschaftlicher
Normen (Konferenz 2011)
4) Beiträge von Arbeiterbewegungen für soziale Integration und
die Entwicklung des Sozialstaats (Konferenz 2012)
5) Beiträge von Arbeiterbewegungen für kulturelle und bildungsbezogene
Entwicklung (Konferenz 2012)
Der Beitrag von Arbeiterbewegungen zu diesen einzelnen Themenfeldern soll
in den Konferenzen zwischen 2010 und 2012 nicht nur in einem affirmativen
Sinne ausschließlich positiv bewertete Errungenschaften behandeln,
sondern vielmehr in einem analytischen Sinne aufzeigen, welche - aus späterer
Sicht oft kontrovers bewerteten - Effekte die Aktivitäten von Arbeiterbewegungen
oder verwandter sozialer Bewegungen zur Folge hatten. Deutlich kann diese
Ambivalenz etwa an den "zivilisatorischen" Entwürfen für
Bauern in der Sowjetunion und an der Erziehung zu Sowjetbürgern verdeutlicht
werden, aber auch an der Beteiligung europäischer Arbeiterbewegungen
an zivilisatorischen Projekten kolonialistischer Art. Der Blick soll in
globaler Perspektive sowohl auf die "klassischen" Arbeiterbewegungen
als auch auf die Arbeiterbewegungen und verwandten sozialen Bewegungen in
den "emerging countries" gerichtet werden.
2010: Arbeiterbewegungen und soziale Bewegungen in der globalen Erinnerung
Den Ausgangspunkt des Dreijahreszyklus bildet die Frage nach der Präsenz
der Arbeiterbewegungen im Repertoire der Vergegenwärtigung von Vergangenheit
("kollektive Erinnerung"). Dieser Startpunkt ist nicht zuletzt
deswegen relevant, weil in den letzten Jahrzehnten das Spannungsfeld von
Geschichtsschreibung, Erinnerungskultur, Geschichtspolitik und öffentlicher
Wahrnehmung neu justiert wurde. Die weltpolitischen und erinnerungspolitischen
Verschiebungen nach dem Ende des bipolaren Weltsystems führten zu äußerst
kontroversen Debatten - von Fragen zur Instrumentalisierung von Vergangenheit
für politische Zwecke und für Ziele der Identitätsstiftung
im internationalen Vergleich bis hin zu Auseinandersetzungen über die
Deutungshoheit nationaler Erinnerung in den Medien oder Gedenkstätten
sowie zur Transnationalisierung von Formen und Inhalten "kollektiver
Erinnerung".
Die Rolle der Arbeiterbewegungen blieb in diesem Zusammenhang bisher jedoch
weitgehend unkonturiert und wurde kaum thematisiert. Vor diesem Hintergrund
gilt es im Rahmen der Konferenz 2010 zu untersuchen, welche Erinnerungs-
und Verdrängungsmuster an das Wirken von Arbeiterbewegungen in das
"kollektive Gedächtnis" eingegangen sind, welche Ereignisse
von wem in den Erinnerungskanon eingespeist wurden, welche "Mechanismen"
hierbei zum Tragen kamen und welchen Veränderungen diese Erinnerungsprozesse
in den vergangenen Jahren unterliegen: Stehen die sozialen Emanzipationsbestrebungen
und der Einsatz für eine Humanisierung der Arbeits- und Lebensbedingungen
im Mittelpunkt der Erinnerung, ist es der Beitrag der Arbeiterbewegungen
bei der Formierung von (europäischen) Sozialstaaten und bei der Schaffung
relativ homogener Gesellschaften in Europa - oder spielen ganz andere kognitive
und affektive Denktraditionen eine Rolle?
Die Konferenz soll aus 2 Teilen bestehen:
- Erinnerungspolitische Strategien der Arbeiterbewegung
- Der Platz der Arbeiterbewegung und sozialer Bewegungen in der europäischen
und globalen Erinnerungspolitik
Während der erste Teil den Blick auf das erinnerungspolitische Repertoire
der Arbeiterbewegungen richten soll, beschäftigt sich der zweite Teil
mit der Erinnerung an Arbeiterbewegungen und die Ergebnisse ihres Wirkens
im Inventar "globaler" Erinnerung.
Zu fragen ist in diesem Zusammenhang, ob und inwieweit Arbeiterbewegungen
- im Sinne von Bewegungen, die in größere Zusammenhänge
historischer Entwicklung eingebunden waren - prägend waren für
erinnerungspolitische Strategien politischer Bewegungen überhaupt?
Ist diesem erinnerungspolitischen Zusammenhang durch das neue Erinnerungsregime,
in dem die Zukunft in der Vergangenheit verschwindet, die Grundlage abhanden
gekommen?
Und wie positionieren sich Arbeiterbewegungen und soziale Bewegungen weltweit
in dem Versuch, der Gegenwart durch den Blick auf die Vergangenheit eine
Perspektive auf die Zukunft zu verschaffen?
1) Konzepte und Praktiken von "Entwicklung",
"Fortschritt" und "Zivilisation"
Ein weiterer Schwerpunkt der Konferenz 2011 will den grundsätzlichen
konzeptionellen und methodischen Rahmen für den Konferenzzyklus vertiefen,
der sozialen Wandel mit Begriffen wie "Entwicklung", "Fortschritt"
und "Zivilisation" umschreibt. Auch Arbeiterbewegungen situierten
sich in dem großen Set an Einstellungen und Praktiken, für die
seit der Aufklärung der "Fortschritt" eine chronologisch
aufsteigende Entwicklung zu "Zivilisation" und "Kultur"
ausmacht. Die Schaffung "einer (zivilisierten) Welt" und sozialer
Gerechtigkeit durch die Beseitigung "unzivilisierter" Zustände
waren Zielvorstellungen der sozialdemokratisch/sozialistischen wie der kommunistischen
Arbeiterbewegung in Europa. Sie schlugen sich in Politiken vom Kolonialismus
bis zur "Entwicklungshilfe" und zur "sozialistischen Hilfe"
als konkurrierende Entwürfe für Entwicklung in der bipolaren Welt
nieder. Der "Sozialismus" sowjetischer Prägung kann als ein
kompetitives Entwicklungsprojekt einer politisch beschleunigten Entwicklung
betrachtet werden ("in 10 Jahren 100 Jahre Rückstand aufholen"),
das seinerseits einen "sozialistischen Entwicklungsweg" als Modell
des Fortschritts, verstanden als materieller Wohlstand plus "Zivilisierung"
der Menschen und ihrer sozialen Formen, vorzeichnete. Anhand von Fallbeispielen
sollen so Schlüsselelemente von Konzepten und Praktiken des Wandels
und der Entwicklung herausgearbeitet werden.
2) Der Beitrag der Arbeiterbewegungen für die
Ausgestaltung gesellschaftlicher Normen
Im zweiten Teil der Konferenz 2011 ist beabsichtigt, die auf Arbeiterbewegungen
zurückgehenden Prozesse gesellschaftlicher und sozialer Normbildung
zu untersuchen. Vorstellungen und Praktiken der Entwicklung von Gesellschaften
waren eng mit Vorstellungen und Praktiken der Entwicklung von Individuen
verbunden. In diesem Zusammenhang können etwa so unterschiedliche Normierungsprozesse
wie die Herausbildung spezifischer Vorstellungen vom Wohnen, die gesellschaftliche
Stellung der Frau, der Familie, der Vorstellungen vom rechten Leben oder
auch die Haltung zu Fragen der politischen Partizipation, der Demokratie
sowie von Frieden und Gewalt behandelt werden. Die Normen und Werte, die
durch Arbeiterbewegungen beeinflusst oder geprägt wurden, sollten in
diesem Themenfeld sowohl für die "klassischen" Staaten der
Arbeiterbewegung wie auch für die Staaten untersucht werden, in denen
sich Arbeiterbewegungen erst in jüngerer Zeit formiert haben.
1) Der Beitrag der Arbeiterbewegungen zur sozialen
Integration und zur Entwicklung von Sozialstaaten
Als Problemkreis der Konferenz 2012 soll der Bereich der sozialstaatlichen
Ausgestaltung von Gemeinwesen durch die Arbeiterbewegung sowie die Frage
der sozialen Integration bzw. der Desintegration behandelt werden. In diesem
Rahmen können sowohl Aspekte der Sicherung fundamentaler materieller
Existenzgrundlagen als auch "modernere" Erscheinungsformen wie
die Gesundheitsvorsorge, Arbeitsrecht und Arbeitsschutz oder allgemeine
sozialstaatliche Leitbilder thematisiert werden. Die Debatten um Aspekte
wie Sozialhilfe, Kündigungsschutz und Altersversorgung sollen erneut
sowohl mit Blick auf europäische wie außereuropäische Entwicklungen
betrachtet werden und die historischen Entwicklungspfade des Sozialstaats
sowie Fragen nach der Zukunft der sozialen Sicherungssysteme berücksichtigen.
In diesem Zusammenhang ist die Frage zu stellen, inwieweit Arbeiterbewegungen
die soziale Integration der Bevölkerung in Staat und Gesellschaft forciert
haben (wobei der Begriff Gesellschaft und seine vielschichtigen Konnotationen
durchaus kritisch zu reflektieren sind) und inwieweit Formen sozialer Desintegration
auf Arbeiterbewegungen zurückgehen.
2) Der Beitrag der Arbeiterbewegung für die
Gestaltung von Kultur und Bildung
Als ein weiterer Problemkomplex der Tagung 2012 soll die Kultur- und Bildungspolitik
von Arbeiterbewegungen in einem umfassenden Begriffsverständnis behandelt
werden. In diesem Sinne können einerseits Wissenschaft und Künste
im Hinblick auf primär ästhetische Definitionen, die Malerei,
Plastik, Architektur, Musik, Tanz, Theater, Literatur und Film usw. umfassen,
einbezogen werden. Es können aber auch Aspekte der Wirtschaft und Geschäftsmoral
oder der Staats- und der Gesellschaftsordnung – also die so genannte
politische Kultur und die Rechtskultur – in diesem Themenfeld behandelt
werden. Grundlegend ist darüber hinaus aber auch zu behandeln, inwieweit
Arbeiterbewegungen überhaupt erst einen Zugang zur Kultur ermöglicht
haben, sei es durch den materiellen Zugang zu Kultur (Arbeiterbibliotheken)
oder sei es durch die Entwicklung sozialistischer Kulturtheorien.
Kontext und weiterführende Überlegungen
Die Zusammenführung der einzelnen hier kurz skizzierten Stränge
in den Diskussionen der ITH-Tagungen 2010-2012 soll letztlich dazu beitragen,
die Rolle, die Arbeiterbewegungen heute in "emerging countries"
ausüben, in ihrer "zivilisatorischen" Funktion mit der historischen
Rolle von Arbeiterbewegung in Europa sowohl synchron wie diachron zu vergleichen.
Darüber hinaus sollen aber auch Verbindungslinien gezogen werden, die
Wechselwirkungen oder Ex- bzw. Importe herausarbeiten und zeigen ? sei es
explizit oder implizit ?, welche transnationalen Bezüge zwischen Arbeiterbewegungen
bestehen.
Diese transnationale Dimension dient sowohl dem Ziel, das Netzwerk von "Labour
historians" aus den alten und neuen Zentren zu festigen als auch neue
theoretische und methodologische Fragen der globalen Arbeiterbewegungsgeschichte
zu erörtern. So wäre es etwa interessant zu sehen, ob die Arbeiterbewegungen
in den "emerging countries" heute in ihrer "elitendomestizierenden"
Funktion mit den Arbeiterbewegungen in Europa verglichen werden können.
Organisation und zeitlicher Rahmen
Im Frühsommer 2009 sollte ein erster konkreter Programmentwurf für
die Konferenz 2010 ausgearbeitet werden. Im September 2009 sollte das Thema
dann formell in Linz beschlossen werden. Im Anschluss daran kann für
die Programmteile, für die noch keine konkreten Referent/inn/en festgelegt
wurden, ein ergänzender CFP lanciert werden. Die Vorbereitungsteams
für 2010/11/12, die sich für jede dieser Tagungen neu gruppieren
sollten, würden sich in 2010 und 2011 und 2012 weitere Male treffen,
um ein detailliertes Programm für die Konferenz im jeweiligen Jahr
auszuarbeiten und das nachfolgende Jahr bereits jeweils in Blick zu nehmen.
Vorbereitungsgruppe (vorläufig):
Die hier zusammengefassten Überlegungen basieren auf Treffen in Linz
(September 2007), in Amsterdam (Dezember 2007), Linz (September 2008) und
Berlin (Januar 2009). Beteiligt waren daran: Jürgen Mittag (vorl. Koordination),
Ravi Ahuja, Rudolf Ardelt, Michael Buckmiller, Bruno Groppo, Eva Himmelstoss,
Jürgen Hofmann, Marcel van der Linden, Alexander Prenninger, Feliks
Tych und Berthold Unfried.