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Konzept für einen Dreijahreszyklus 2010-2012
Arbeiterbewegung und soziale Bewegungen als Triebkräfte gesellschaftlicher Entwicklung

Labour and Social Movements as Agents of Social Development / Mouvements ouvriers et mouvements sociaux comme moteur de transformation sociale
(Stand Mai 2009)

46. Linzer Konferenz (Sept. 2010): Arbeiterbewegungen und soziale Bewegungen in der globalen Erinnerung

47. Linzer Konferenz (Sept. 2011): Arbeiterbewegungen und soziale Bewegungen als Triebkräfte der Entwicklung von Gesellschaften und von Individuen (Arbeitstitel)

48. Linzer Konferenz (Sept. 2012): Soziale und kulturelle Entwicklung durch Arbeiterbewegungen (Arbeitstitel)


Zielsetzung

Mit Blick auf die gegenwärtige Schwerpunktsetzung der Linzer Konferenzen – die Impulse des "globalen Südens" zur Arbeiter- und Arbeiterbewegungsgeschichte kreativ aufzunehmen, um sie in ein produktives Spannungsverhältnis zur Geschichtsschreibung in Europa und Nordamerika zu setzen – richtet auch der kommende ITH-Tagungszyklus das Augenmerk auf eine Kontrastierung von Entwicklungen dies- und jenseits tradierter Formen "westlicher" Staatlichkeit. Im Mittelpunkt des geplanten Zyklus, der die drei Tagungen 2010, 2011 und 2012 umspannen soll, steht eine kritische Betrachtung der gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse des 20. Jahrhunderts, die sich mittelbar oder unmittelbar auf Arbeiterbewegungen zurückführen lassen, sowie der Formen ihrer Präsenz in der kollektiven Erinnerung.
"Entwicklung" wird dabei bewusst als ein mehrdeutiger und vielschichtiger Begriff verstanden. Er bezeichnet u.a.
• den langen Prozess gesellschaftlicher Umgestaltung/sozialen Wandels mit offenem Ende,
• gesellschaftliche Umgestaltung durch bewussten aktiven Eingriff zur Erreichung bestimmter Zielsetzungen wie "Modernisierung" oder "Sozialismus",
• einen Diskurs als Teil "westlicher" Dominanz in der Welt, der "entwickelte" von "unterentwickelten" Gesellschaften unterscheidet.

Wir wollen den Konferenzzyklus auf den Entwicklungsbegriff im Sinne bewusster aktiver Interventionen zur Erreichung bestimmter Zielsetzungen konzentrieren, die dazu geführt haben, dass sich Gesellschaften und Staaten verändert haben. Dabei ist nicht in erster Linie eine modernisierungstheoretische Abgrenzung zum Begriff der Traditionalität im Sinne eines wirtschaftlichen, politischen oder technischen Vorrangs von einigen Pioniergesellschaften und den darauf folgenden als "Entwicklung" definierten Wandlungsprozessen der Nachzügler gemeint, sondern es soll um grundlegende, graduelle oder bruchhafte Veränderungsprozesse gehen, bei denen einer Gesellschaft oder einem Staatswesen neue Elemente hinzugefügt oder Bestehende modifiziert wurden. Dabei sollen revolutionäre "Kampfzyklen" ebenso wie evolutionäre Tendenzen berücksichtigt werden und darüber hinaus auch jene Konzepte und Praktiken von "Entwicklung" angesprochen werden, durch welche Gesellschaften durch Interventionen von außen ("zivilisatorische Missionen", "Entwicklungshilfe", "sozialistische Hilfe") verändert wurden.
Neben der Betrachtung der "realen" Wandlungsprozesse sollen in diesem Konferenzzyklus aber auch die wirkungsgeschichtlichen Zusammenhänge, das Nachleben in der "kollektiven Erinnerung" beleuchtet werden. Mit Blick auf das Interesse der historischen Forschung an Fragen des (öffentlichen) Gedenkens und der Repräsentanz von Vergangenheit in Form von Museen, Ausstellungen, Denkmälern, Architektur oder Gedenkfesten diskutiert der Konferenzzyklus auch Wechselwirkungen von Arbeiterbewegungen und sozialem Wandel auf der Ebene von Rekonstruktion, Deutung und Symbolisierung.
Diese Wandlungsprozesse und ihre Wahrnehmung(en) sollen auf einzelne Arbeiterbewegungen und Staaten, aber auch auf transnationale Zusammenhänge bezogen werden. Zeitlicher Referenzrahmen soll das 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart – mit Fokus auf die postkoloniale Epoche – sein. In diesem Zusammenhang ist angestrebt, die unterschiedlichen Zeitphasen so abzudecken, dass zeitliche Asymmetrien ebenso deutlich werden wie übergreifende Entwicklungen. Geplant ist, den angestoßenen Wandel in fünf Problemfeldern näher zu beleuchten:

1) Arbeiterbewegungen und verwandte soziale Bewegungen in der globalen Erinnerung (Konferenz 2010)
2) Konzepte und Praktiken von "Entwicklung" im Kontext von Arbeiterbewegungen und verwandter sozialer Bewegungen (Konferenz 2011)
3) Beiträge von Arbeiterbewegungen für die Ausgestaltung gesellschaftlicher Normen (Konferenz 2011)
4) Beiträge von Arbeiterbewegungen für soziale Integration und die Entwicklung des Sozialstaats (Konferenz 2012)
5) Beiträge von Arbeiterbewegungen für kulturelle und bildungsbezogene Entwicklung (Konferenz 2012)

Der Beitrag von Arbeiterbewegungen zu diesen einzelnen Themenfeldern soll in den Konferenzen zwischen 2010 und 2012 nicht nur in einem affirmativen Sinne ausschließlich positiv bewertete Errungenschaften behandeln, sondern vielmehr in einem analytischen Sinne aufzeigen, welche - aus späterer Sicht oft kontrovers bewerteten - Effekte die Aktivitäten von Arbeiterbewegungen oder verwandter sozialer Bewegungen zur Folge hatten. Deutlich kann diese Ambivalenz etwa an den "zivilisatorischen" Entwürfen für Bauern in der Sowjetunion und an der Erziehung zu Sowjetbürgern verdeutlicht werden, aber auch an der Beteiligung europäischer Arbeiterbewegungen an zivilisatorischen Projekten kolonialistischer Art. Der Blick soll in globaler Perspektive sowohl auf die "klassischen" Arbeiterbewegungen als auch auf die Arbeiterbewegungen und verwandten sozialen Bewegungen in den "emerging countries" gerichtet werden.


2010: Arbeiterbewegungen und soziale Bewegungen in der globalen Erinnerung

Den Ausgangspunkt des Dreijahreszyklus bildet die Frage nach der Präsenz der Arbeiterbewegungen im Repertoire der Vergegenwärtigung von Vergangenheit ("kollektive Erinnerung"). Dieser Startpunkt ist nicht zuletzt deswegen relevant, weil in den letzten Jahrzehnten das Spannungsfeld von Geschichtsschreibung, Erinnerungskultur, Geschichtspolitik und öffentlicher Wahrnehmung neu justiert wurde. Die weltpolitischen und erinnerungspolitischen Verschiebungen nach dem Ende des bipolaren Weltsystems führten zu äußerst kontroversen Debatten - von Fragen zur Instrumentalisierung von Vergangenheit für politische Zwecke und für Ziele der Identitätsstiftung im internationalen Vergleich bis hin zu Auseinandersetzungen über die Deutungshoheit nationaler Erinnerung in den Medien oder Gedenkstätten sowie zur Transnationalisierung von Formen und Inhalten "kollektiver Erinnerung".
Die Rolle der Arbeiterbewegungen blieb in diesem Zusammenhang bisher jedoch weitgehend unkonturiert und wurde kaum thematisiert. Vor diesem Hintergrund gilt es im Rahmen der Konferenz 2010 zu untersuchen, welche Erinnerungs- und Verdrängungsmuster an das Wirken von Arbeiterbewegungen in das "kollektive Gedächtnis" eingegangen sind, welche Ereignisse von wem in den Erinnerungskanon eingespeist wurden, welche "Mechanismen" hierbei zum Tragen kamen und welchen Veränderungen diese Erinnerungsprozesse in den vergangenen Jahren unterliegen: Stehen die sozialen Emanzipationsbestrebungen und der Einsatz für eine Humanisierung der Arbeits- und Lebensbedingungen im Mittelpunkt der Erinnerung, ist es der Beitrag der Arbeiterbewegungen bei der Formierung von (europäischen) Sozialstaaten und bei der Schaffung relativ homogener Gesellschaften in Europa - oder spielen ganz andere kognitive und affektive Denktraditionen eine Rolle?

Die Konferenz soll aus 2 Teilen bestehen:
- Erinnerungspolitische Strategien der Arbeiterbewegung
- Der Platz der Arbeiterbewegung und sozialer Bewegungen in der europäischen und globalen Erinnerungspolitik

Während der erste Teil den Blick auf das erinnerungspolitische Repertoire der Arbeiterbewegungen richten soll, beschäftigt sich der zweite Teil mit der Erinnerung an Arbeiterbewegungen und die Ergebnisse ihres Wirkens im Inventar "globaler" Erinnerung.
Zu fragen ist in diesem Zusammenhang, ob und inwieweit Arbeiterbewegungen - im Sinne von Bewegungen, die in größere Zusammenhänge historischer Entwicklung eingebunden waren - prägend waren für erinnerungspolitische Strategien politischer Bewegungen überhaupt?
Ist diesem erinnerungspolitischen Zusammenhang durch das neue Erinnerungsregime, in dem die Zukunft in der Vergangenheit verschwindet, die Grundlage abhanden gekommen?
Und wie positionieren sich Arbeiterbewegungen und soziale Bewegungen weltweit in dem Versuch, der Gegenwart durch den Blick auf die Vergangenheit eine Perspektive auf die Zukunft zu verschaffen?


2011: Arbeiterbewegungen und soziale Bewegungen als Triebkräfte der Entwicklung von Gesellschaften und von Individuen (Arbeitstitel)

1) Konzepte und Praktiken von "Entwicklung", "Fortschritt" und "Zivilisation"
Ein weiterer Schwerpunkt der Konferenz 2011 will den grundsätzlichen konzeptionellen und methodischen Rahmen für den Konferenzzyklus vertiefen, der sozialen Wandel mit Begriffen wie "Entwicklung", "Fortschritt" und "Zivilisation" umschreibt. Auch Arbeiterbewegungen situierten sich in dem großen Set an Einstellungen und Praktiken, für die seit der Aufklärung der "Fortschritt" eine chronologisch aufsteigende Entwicklung zu "Zivilisation" und "Kultur" ausmacht. Die Schaffung "einer (zivilisierten) Welt" und sozialer Gerechtigkeit durch die Beseitigung "unzivilisierter" Zustände waren Zielvorstellungen der sozialdemokratisch/sozialistischen wie der kommunistischen Arbeiterbewegung in Europa. Sie schlugen sich in Politiken vom Kolonialismus bis zur "Entwicklungshilfe" und zur "sozialistischen Hilfe" als konkurrierende Entwürfe für Entwicklung in der bipolaren Welt nieder. Der "Sozialismus" sowjetischer Prägung kann als ein kompetitives Entwicklungsprojekt einer politisch beschleunigten Entwicklung betrachtet werden ("in 10 Jahren 100 Jahre Rückstand aufholen"), das seinerseits einen "sozialistischen Entwicklungsweg" als Modell des Fortschritts, verstanden als materieller Wohlstand plus "Zivilisierung" der Menschen und ihrer sozialen Formen, vorzeichnete. Anhand von Fallbeispielen sollen so Schlüsselelemente von Konzepten und Praktiken des Wandels und der Entwicklung herausgearbeitet werden.

2) Der Beitrag der Arbeiterbewegungen für die Ausgestaltung gesellschaftlicher Normen
Im zweiten Teil der Konferenz 2011 ist beabsichtigt, die auf Arbeiterbewegungen zurückgehenden Prozesse gesellschaftlicher und sozialer Normbildung zu untersuchen. Vorstellungen und Praktiken der Entwicklung von Gesellschaften waren eng mit Vorstellungen und Praktiken der Entwicklung von Individuen verbunden. In diesem Zusammenhang können etwa so unterschiedliche Normierungsprozesse wie die Herausbildung spezifischer Vorstellungen vom Wohnen, die gesellschaftliche Stellung der Frau, der Familie, der Vorstellungen vom rechten Leben oder auch die Haltung zu Fragen der politischen Partizipation, der Demokratie sowie von Frieden und Gewalt behandelt werden. Die Normen und Werte, die durch Arbeiterbewegungen beeinflusst oder geprägt wurden, sollten in diesem Themenfeld sowohl für die "klassischen" Staaten der Arbeiterbewegung wie auch für die Staaten untersucht werden, in denen sich Arbeiterbewegungen erst in jüngerer Zeit formiert haben.


2012: Soziale und kulturelle Entwicklung durch Arbeiterbewegungen (Arbeitstitel)

1) Der Beitrag der Arbeiterbewegungen zur sozialen Integration und zur Entwicklung von Sozialstaaten
Als Problemkreis der Konferenz 2012 soll der Bereich der sozialstaatlichen Ausgestaltung von Gemeinwesen durch die Arbeiterbewegung sowie die Frage der sozialen Integration bzw. der Desintegration behandelt werden. In diesem Rahmen können sowohl Aspekte der Sicherung fundamentaler materieller Existenzgrundlagen als auch "modernere" Erscheinungsformen wie die Gesundheitsvorsorge, Arbeitsrecht und Arbeitsschutz oder allgemeine sozialstaatliche Leitbilder thematisiert werden. Die Debatten um Aspekte wie Sozialhilfe, Kündigungsschutz und Altersversorgung sollen erneut sowohl mit Blick auf europäische wie außereuropäische Entwicklungen betrachtet werden und die historischen Entwicklungspfade des Sozialstaats sowie Fragen nach der Zukunft der sozialen Sicherungssysteme berücksichtigen. In diesem Zusammenhang ist die Frage zu stellen, inwieweit Arbeiterbewegungen die soziale Integration der Bevölkerung in Staat und Gesellschaft forciert haben (wobei der Begriff Gesellschaft und seine vielschichtigen Konnotationen durchaus kritisch zu reflektieren sind) und inwieweit Formen sozialer Desintegration auf Arbeiterbewegungen zurückgehen.

2) Der Beitrag der Arbeiterbewegung für die Gestaltung von Kultur und Bildung
Als ein weiterer Problemkomplex der Tagung 2012 soll die Kultur- und Bildungspolitik von Arbeiterbewegungen in einem umfassenden Begriffsverständnis behandelt werden. In diesem Sinne können einerseits Wissenschaft und Künste im Hinblick auf primär ästhetische Definitionen, die Malerei, Plastik, Architektur, Musik, Tanz, Theater, Literatur und Film usw. umfassen, einbezogen werden. Es können aber auch Aspekte der Wirtschaft und Geschäftsmoral oder der Staats- und der Gesellschaftsordnung – also die so genannte politische Kultur und die Rechtskultur – in diesem Themenfeld behandelt werden. Grundlegend ist darüber hinaus aber auch zu behandeln, inwieweit Arbeiterbewegungen überhaupt erst einen Zugang zur Kultur ermöglicht haben, sei es durch den materiellen Zugang zu Kultur (Arbeiterbibliotheken) oder sei es durch die Entwicklung sozialistischer Kulturtheorien.

Kontext und weiterführende Überlegungen
Die Zusammenführung der einzelnen hier kurz skizzierten Stränge in den Diskussionen der ITH-Tagungen 2010-2012 soll letztlich dazu beitragen, die Rolle, die Arbeiterbewegungen heute in "emerging countries" ausüben, in ihrer "zivilisatorischen" Funktion mit der historischen Rolle von Arbeiterbewegung in Europa sowohl synchron wie diachron zu vergleichen. Darüber hinaus sollen aber auch Verbindungslinien gezogen werden, die Wechselwirkungen oder Ex- bzw. Importe herausarbeiten und zeigen ? sei es explizit oder implizit ?, welche transnationalen Bezüge zwischen Arbeiterbewegungen bestehen.
Diese transnationale Dimension dient sowohl dem Ziel, das Netzwerk von "Labour historians" aus den alten und neuen Zentren zu festigen als auch neue theoretische und methodologische Fragen der globalen Arbeiterbewegungsgeschichte zu erörtern. So wäre es etwa interessant zu sehen, ob die Arbeiterbewegungen in den "emerging countries" heute in ihrer "elitendomestizierenden" Funktion mit den Arbeiterbewegungen in Europa verglichen werden können.

Organisation und zeitlicher Rahmen
Im Frühsommer 2009 sollte ein erster konkreter Programmentwurf für die Konferenz 2010 ausgearbeitet werden. Im September 2009 sollte das Thema dann formell in Linz beschlossen werden. Im Anschluss daran kann für die Programmteile, für die noch keine konkreten Referent/inn/en festgelegt wurden, ein ergänzender CFP lanciert werden. Die Vorbereitungsteams für 2010/11/12, die sich für jede dieser Tagungen neu gruppieren sollten, würden sich in 2010 und 2011 und 2012 weitere Male treffen, um ein detailliertes Programm für die Konferenz im jeweiligen Jahr auszuarbeiten und das nachfolgende Jahr bereits jeweils in Blick zu nehmen.

Vorbereitungsgruppe (vorläufig):
Die hier zusammengefassten Überlegungen basieren auf Treffen in Linz (September 2007), in Amsterdam (Dezember 2007), Linz (September 2008) und Berlin (Januar 2009). Beteiligt waren daran: Jürgen Mittag (vorl. Koordination), Ravi Ahuja, Rudolf Ardelt, Michael Buckmiller, Bruno Groppo, Eva Himmelstoss, Jürgen Hofmann, Marcel van der Linden, Alexander Prenninger, Feliks Tych und Berthold Unfried.