CALL FOR PAPERS
Krisen erschüttern den Kapitalismus in regelmäßigen
Abständen. Es liegt also nahe, sie miteinander in Beziehung zu setzen
und ihnen eine historische Dimension zu geben. Auch in der gegenwärtigen
Wirtschafts- und Finanzkrise sind zahlreiche Bezüge auf zurückliegende
Krisen des 20. Jahrhunderts hergestellt worden. Die Vergangenheit liefert
einen wichtigen Deutungsrahmen, weil sich Krisenerfahrungen und Erwartungshorizonte
der Menschen in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben. Die
Bewertung von Entwicklungen der Gegenwart im Lichte von historischen Erfahrungen
kann gemeinsame Strukturmerkmale herausarbeiten, aber auch leicht dazu führen,
die Gegenwartsdeutung auf Irrwege zu lenken. Es besteht die Gefahr, Pfadabhängigkeiten
zu konstruieren, die nicht bestehen, Kontinuitäten herzustellen, wo
Diskontinuierliches vorliegt, und so falsche, aber vordergründig bewährte
Schlüsse zur Bewältigung aktueller Krisen zu ziehen.
Die geplante Tagung möchte Erfahrungsräume und Erwartungshorizonte
historisieren, die sich aus der Deutung vergangener Krisen ergeben und auf
die zur Interpretation gegenwärtiger Phänomene zurückgegriffen
wurde. Besondere Aufmerksamkeit sollen die politische Relevanz und schwindende
Durchsetzungskraft von Arbeitnehmerinteressen in Europa und den USA finden.
Als Bezugspunkte dienen jene Krisenperioden, für die stichwortartig
die Weltwirtschaftskrise 1929, der Ölpreisschock und „Strukturbruch“
von 1973/74 und die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzmarktkrise
der Jahre 2008ff. stehen.
Wirtschaftskrisen waren im globalen Zusammenhang mitverursachend für
strukturelle Umbrüche und wirkten stets auf Arbeitnehmerinnen- und
Arbeitnehmerinteressen zurück. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 bereitete
den Boden für autoritäre Krisenbewältigungsstrategien, an
deren Ende etwa in Deutschland die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten
stand. In den 1970er Jahren vollzog sich krisenbedingt ein langsamer Übergang
zu einem postfordistischen Produktionsregime, das sich in einer fortschreitenden
Tertiarisierung der Gesellschaft niederschlug, ebenso wie in einem Wandel
gesellschaftlicher Leitbilder, mit dem sich neoliberale Deutungsmuster durchsetzten.
Der Stellenwert und die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise
von 2008ff. sind zeitdiagnostisch nicht abschließend zu bewerten,
jedoch ist abzusehen, dass diese die europäischen und nordatlantischen
Arbeitsgesellschaften tiefgreifend verändern und auch die Arbeitnehmerinteressenvertretung
berühren werden.
Vor allem diachron vergleichende Untersuchungen von Arbeitnehmerinteressen
in Krisenzeiten sind noch ein Desiderat. Neben Tagungsbeiträgen, die
sich nur auf einen Zeitabschnitt konzentrieren, sind daher Vorschläge,
die zumindest zwei Krisenperioden in den Blick nehmen, besonders erwünscht.
Auf diese Weise kann ausgelotet werden, welche Erfahrungen und Interpretationen
einer Krise bei der Wahrnehmung von anderen Krisen wirksam geworden sind.
Folgende Themenbereiche bieten sich für genauere
Analysen an:
• Krisenwahrnehmung, Krisendiskurse und Krisengefühl:
Wer definiert, wann eine Krise herrscht? Wie ändern sich Semantiken
und welche Deutungsmacht üben verschiedene Akteure aus?
• Krise und Gesellschaft: Wie verhalten
sich Fortschrittsoptimismus und permanente Krisenstimmung zueinander? Inwieweit
lassen sich insbesondere die 1970er Jahre als Zäsur begreifen? Inwiefern
wurden Krisenszenarien mit entsprechenden „Reform“-Diskursen
zur Regelerscheinung? Wie wirken Krisen auf verschiedene gesellschaftliche
Schichten? Lassen sich geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich
der Krisenfolgen ausmachen?
• Gestaltungsspielräume, Handlungsstrategien
und Krisenmanagement: Wie reagieren verschiedene Gruppen von Akteuren
(Gewerkschaften, Parteien, Unternehmer, aber auch Regierungen, Medien, soziale
Bewegungen, Expertengremien, Ratingagenturen) auf Krisen? Welche Beobachtungen
lassen sich auf transnationaler, nationaler und regionaler Ebene machen?
• Konflikt und Konsens – der Sozialstaat
in der Krise: Welchen Stellenwert haben konfliktorische versus korporatistische
beziehungsweise sozialpartnerschaftliche Bewältigungsstrategien von
Gewerkschaften und Unternehmerverbänden in den Krisen?
• Mobilisierung in der Krise: Welche
Wechselwirkungen bestehen zwischen direkten Krisenwirkungen wie Arbeitslosigkeit,
politischen Reaktionen wie dem so genannten Rückbau der Sozialversicherungssysteme
und der Mitgliederentwicklung in Arbeitnehmerorganisationen? Wie wirken
sich diese Entwicklungen auf Organisations-, Verhandlungs- und Deutungsmacht
der Gewerkschaften aus?
• Systemimmanenter Charakter oder ideologische
Funktion: Sind Krisen ein immanenter und notwendiger Bestandteil
der Systemdynamik des Kapitalismus oder dienen sie primär als Bedrohungsszenario
zur Durchsetzung autoritärer beziehungsweise neoliberaler Politiken
zum Abbau von Errungenschaften des Sozialstaats?
• Produktionsregime und Krise: In welcher
Weise stoßen Krisen einen Wandel der Produktionsregime an (Aufstieg
und Transformation des Fordismus, Informatisierung und Entstehung der Netzwerkgesellschaft,
Rationalisierung und Automatisierung)?
• Veränderungen von Arbeitsregimes in Krisenzeiten:
Inwiefern ist die Ökonomie durch die Politik in Krisenzeiten zu steuern?
Konzeptionell und methodisch sollten die Beiträge ebenso sozial- und
wirtschaftsgeschichtlich fundiert wie den Ansätzen der neueren Kulturgeschichte
gegenüber aufgeschlossen sein. In dieser Perspektive sind quellengestützte
Arbeiten gefragt, die sich auch mit interdisziplinären Ansätzen
und Forschungsfragen den Krisen von 1929, 1973/74 und 2008ff. zuwenden.
Die Tagung wird bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin stattfinden.
Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Vorschläge für einen
Vortrag sind bis zum 15. März 2012 bei Johannes
Platz einzureichen. Die Exposés sollten 3.000 Zeichen nicht überschreiten.