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Grenzenüberschreitende ArbeiterInnengeschichte: Konzepte und Erkundungen
Labour History beyond Borders: Concepts and Explorations

45. Linzer Konferenz: 10.—13. September 2009

 

INHALTLICHE KONZEPTION

Diese Tagung bildet den Abschluss eines dreijährigen Konferenzzyklus, der sich auf Perspektiven und Probleme einer 'grenzenüberschreitenden ArbeiterInnengeschichte' konzentrierte, mit historiographischen Perspektiven, welche die Annahme in Frage stellen, dass Wirkungszusammenhänge von Arbeitergeschichte räumlich auf nationalstaatliche Grenzen oder andere Territorialräume beschränkbar seien. Die Fragestellung der Linzer Konferenz 2009 ist daher eine zweifache.

Nach einer Bestandsaufnahme der Ergebnisse vorangegangener Diskussionen und der steigenden Zahl an Publikationen zu diesem Thema, werden wir zuerst theoretische und methodologische Kernprobleme einer globalen Arbeitergeschichte identifizieren. Wie können wir 'globale Arbeitergeschichte' schreiben, ohne ahistorisch einen triumphalistischen 'Globalisierungs'-Diskurs zurück auf die Vergangenheit zu projizieren? Wie zweckmäßig sind nicht-territoriale Analyserahmen überhaupt und wo liegen ihre Grenzen? Wie können Methoden eines systematischen interregionalen Vergleichs mit Methoden in Einklang gebracht werden, die auf eine historische Analyse globaler Verflechtungen abzielen? Wo liegt der Nutzen von Netzwerkkonzepten für eine globale Arbeitergeschichtsschreibung – und welche Fallen gibt es? Grundüberlegungen von Historikern des 'globalen Südens' werden eine Debatte über diese und andere konzeptionelle Kernfragen zwischen Historikern eröffnen, die verschiedene regionale Traditionen der Arbeitergeschichtsschreibung repräsentieren.

In einem zweiten Schritt gehen wir von der Annahme aus, dass das Potenzial einer 'grenzenüberschreitenden Arbeitergeschichte' an der Identifizierung und Untersuchung konkreter, für mehr als eine Weltregion maßgeblicher Problembereiche gemessen werden muss. Auf dieser Konferenz wollen wir uns auf drei solcher Problembereiche konzentrieren und WissenschafterInnen aller Karrierestufen dazu anregen, Vorschläge für einschlägige Beiträge einzureichen:

(a) Globale Verflechtungen textiler Industrien und ihre Auswirkungen auf Arbeitsbeziehungen und Arbeiterkämpfe. Zunehmend blicken Historiker von einer globalen Perspektive ausgehend auf die Geschichte der Arbeit in bestimmten Industriesektoren – sowohl zum Zweck des Vergleichs als auch zwecks Identifizierung globaler Verbindungen. Produktionsketten, der Austausch von Technologien und Fachkenntnissen, Arbeitsmigration, die Regulierung des Arbeitsmarkts und des Warenmarkts sowie Konflikte sind alles relevante Gesichtspunkte, die von solchen Herangehensweisen abgedeckt werden. Eine Session widmen wir dem Textilsektor, der seit Jahrhunderten an verschiedenen Typen globaler Transaktionen beteiligt ist.

(b) Arbeit, Migration und die Transformation ländlicher Regionen. Die Erforschung der industriellen Lohnarbeit wurde häufig auf die Stadt und den 'Produktionsstandort' konzentriert, während den Auswirkungen, die die Entstehung einer industriellen Arbeiterklasse auf die ländlichen Regionen hat, viel weniger Aufmerksamkeit zuteil wurde – und das, obwohl die nachfolgende Transformation ein ganz elementarer Prozess ist, der fast alle Teile der Welt betrifft, in denen die Reproduktion der Industriearbeiterschaft ohne den Beitrag der ländlichen Gesellschaft undenkbar ist. Die Vernachlässigung der ländlichen Ursprungsgebiete von Migration war in den letzten Jahren sogar noch extremer, da eine hohe Konzentration transnationaler Kapitalflüsse auf 'globale Städte' von abnehmendem wissenschaftlichem Interesse an der ländlichen Gesellschaft begleitet wurde. Die dramatischen Folgen der uneinheitlichen städtischen/ländlichen Entwicklung werden jedoch immer sichtbarer. HistorikerInnen der Arbeiterbewegung wird deshalb nachdrücklich angeraten, ländliche soziale Beziehungen in ihrer Agenda weit oben zu reihen.

(c) Religion and Klassenbildung in globaler Perspektive. Jüngste Fortschritte in der Arbeitergeschichte sind in vielen Teilen der Welt vor allem im Bereich der Kultur und der Strukturen des Alltagslebens deutlich geworden. Eines der Hauptthemen in diesem Zusammenhang war die Frage der Religion und ihres Beitrags zum Klassenbildungsprozess. Der Versuch, solche Beiträge jenseits religiöser Grenzen zu vergleichen, muss jedoch erst unternommen werden. Die abschließende Session dieser Konferenz widmen wir Beiträgen, die Themen wie religiöse Konflikte innerhalb der Arbeiterklassen oder den Beitrag religiöser Bräuche und Feste zur Ausbildung von Klassenidentitäten behandeln.

Vorbereitungskomitee:
Koordinator: Marcel van der Linden (IISG Amsterdam)
Ravi Ahuja (School of Oriental and African Studies, London)
Bruno Groppo (Centre d'Histoire Sociale, Université de Paris I)
Eva Himmelstoss (ITH)
Dirk Hoerder (North American Center for Transborder Studies, Arizona State University)
David Mayer (Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Univ. Wien)
Jürgen Mittag (Institut für Soziale Bewegungen, Ruhr-Univ. Bochum)
Silke Neunsinger (Arbetarrörelsens arkiv och bibliotek, Stockholm)
Berthold Unfried (ITH & Institut für Wirschatfs- und Sozialgeschichte, Univ. Wien)

Kontakt:
Eva Himmelstoss
International Conference of Labour and Social History (ITH)
Altes Rathaus, Wipplingerstr. 8, A-1010 Wien, Österreich
E-Mail: ith@doew.at