INHALTLICHE KONZEPTION
Diese Tagung bildet den Abschluss eines dreijährigen Konferenzzyklus,
der sich auf Perspektiven und Probleme einer 'grenzenüberschreitenden
ArbeiterInnengeschichte' konzentrierte, mit historiographischen Perspektiven,
welche die Annahme in Frage stellen, dass Wirkungszusammenhänge von
Arbeitergeschichte räumlich auf nationalstaatliche Grenzen oder andere
Territorialräume beschränkbar seien. Die Fragestellung der Linzer
Konferenz 2009 ist daher eine zweifache.
Nach einer Bestandsaufnahme der Ergebnisse vorangegangener Diskussionen
und der steigenden Zahl an Publikationen zu diesem Thema, werden wir zuerst
theoretische und methodologische Kernprobleme einer globalen Arbeitergeschichte
identifizieren. Wie können wir 'globale Arbeitergeschichte' schreiben,
ohne ahistorisch einen triumphalistischen 'Globalisierungs'-Diskurs zurück
auf die Vergangenheit zu projizieren? Wie zweckmäßig sind nicht-territoriale
Analyserahmen überhaupt und wo liegen ihre Grenzen? Wie können
Methoden eines systematischen interregionalen Vergleichs mit Methoden in
Einklang gebracht werden, die auf eine historische Analyse globaler Verflechtungen
abzielen? Wo liegt der Nutzen von Netzwerkkonzepten für eine globale
Arbeitergeschichtsschreibung – und welche Fallen gibt es? Grundüberlegungen
von Historikern des 'globalen Südens' werden eine Debatte über
diese und andere konzeptionelle Kernfragen zwischen Historikern eröffnen,
die verschiedene regionale Traditionen der Arbeitergeschichtsschreibung
repräsentieren.
In einem zweiten Schritt gehen wir von der Annahme aus, dass das Potenzial
einer 'grenzenüberschreitenden Arbeitergeschichte' an der Identifizierung
und Untersuchung konkreter, für mehr als eine Weltregion maßgeblicher
Problembereiche gemessen werden muss. Auf dieser Konferenz wollen wir uns
auf drei solcher Problembereiche konzentrieren und WissenschafterInnen aller
Karrierestufen dazu anregen, Vorschläge für einschlägige
Beiträge einzureichen:
(a) Globale Verflechtungen textiler Industrien und
ihre Auswirkungen auf Arbeitsbeziehungen und Arbeiterkämpfe.
Zunehmend blicken Historiker von einer globalen Perspektive ausgehend auf
die Geschichte der Arbeit in bestimmten Industriesektoren – sowohl
zum Zweck des Vergleichs als auch zwecks Identifizierung globaler Verbindungen.
Produktionsketten, der Austausch von Technologien und Fachkenntnissen, Arbeitsmigration,
die Regulierung des Arbeitsmarkts und des Warenmarkts sowie Konflikte sind
alles relevante Gesichtspunkte, die von solchen Herangehensweisen abgedeckt
werden. Eine Session widmen wir dem Textilsektor, der seit Jahrhunderten
an verschiedenen Typen globaler Transaktionen beteiligt ist.
(b) Arbeit, Migration und die Transformation ländlicher
Regionen. Die Erforschung der industriellen Lohnarbeit wurde häufig
auf die Stadt und den 'Produktionsstandort' konzentriert, während den
Auswirkungen, die die Entstehung einer industriellen Arbeiterklasse auf
die ländlichen Regionen hat, viel weniger Aufmerksamkeit zuteil wurde
– und das, obwohl die nachfolgende Transformation ein ganz elementarer
Prozess ist, der fast alle Teile der Welt betrifft, in denen die Reproduktion
der Industriearbeiterschaft ohne den Beitrag der ländlichen Gesellschaft
undenkbar ist. Die Vernachlässigung der ländlichen Ursprungsgebiete
von Migration war in den letzten Jahren sogar noch extremer, da eine hohe
Konzentration transnationaler Kapitalflüsse auf 'globale Städte'
von abnehmendem wissenschaftlichem Interesse an der ländlichen Gesellschaft
begleitet wurde. Die dramatischen Folgen der uneinheitlichen städtischen/ländlichen
Entwicklung werden jedoch immer sichtbarer. HistorikerInnen der Arbeiterbewegung
wird deshalb nachdrücklich angeraten, ländliche soziale Beziehungen
in ihrer Agenda weit oben zu reihen.
(c) Religion and Klassenbildung in globaler Perspektive.
Jüngste Fortschritte in der Arbeitergeschichte sind in vielen Teilen
der Welt vor allem im Bereich der Kultur und der Strukturen des Alltagslebens
deutlich geworden. Eines der Hauptthemen in diesem Zusammenhang war die
Frage der Religion und ihres Beitrags zum Klassenbildungsprozess. Der Versuch,
solche Beiträge jenseits religiöser Grenzen zu vergleichen, muss
jedoch erst unternommen werden. Die abschließende Session dieser Konferenz
widmen wir Beiträgen, die Themen wie religiöse Konflikte innerhalb
der Arbeiterklassen oder den Beitrag religiöser Bräuche und Feste
zur Ausbildung von Klassenidentitäten behandeln.
Vorbereitungskomitee:
Koordinator: Marcel van der Linden (IISG
Amsterdam)
Ravi Ahuja (School of Oriental and African Studies, London)
Bruno Groppo (Centre d'Histoire Sociale, Université de Paris
I)
Eva Himmelstoss (ITH)
Dirk Hoerder (North American Center for Transborder Studies, Arizona
State University)
David Mayer (Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte,
Univ. Wien)
Jürgen Mittag (Institut für Soziale Bewegungen, Ruhr-Univ.
Bochum)
Silke Neunsinger (Arbetarrörelsens arkiv och bibliotek, Stockholm)
Berthold Unfried (ITH & Institut für Wirschatfs- und Sozialgeschichte,
Univ. Wien)
Kontakt:
Eva Himmelstoss
International Conference of Labour and Social History (ITH)
Altes Rathaus, Wipplingerstr. 8, A-1010 Wien, Österreich
E-Mail: ith@doew.at