TAGUNGSPAPIER / CALL FOR PAPERS
Wenn wir auf die 68er-Protestbewegungen zurückschauen,
haben wir einen Zeitkorridor von zwei Jahrzehnten, die sechziger und siebziger
Jahre, im Blick. Denn die sozialen und politischen Protestbewegungen lagen
weltweit fast überall deutlich vor 1968 und sie ebbten erst Ende der
siebziger Jahre endgültig ab. Deshalb stellt "1968" nur eine
Chiffre dar.
Die Chiffre "1968" steht für die weltweiten Sozialbewegungen,
die vor allem von Jugendlichen und Studierenden getragen wurden, sich durch
eine spezifisch "jugendliche" Mentalität, Kultur und Lebensweise
auszeichneten und deshalb klassen- und schichtenübergreifend wirksam
waren. Die soziale Zusammensetzung dieser Sozialbewegungen variierte von
Ort zu Ort und von Land zu Land.
Diese Sozialbewegungen, die in einigen – insbesondere nicht europäischen
– Ländern durchaus den Charakter von Sozialrevolten annahmen,
waren ein internationales Phänomen und zunehmend auch international
vernetzt. Sie reichten von den drei Kontinenten über die Sozialbewegungen
der Schwellenländer bis in die Metropolen des kapitalistischen Weltsystems.
Innerhalb der Sphäre des Staatssozialismus blieben sie im Wesentlichen
auf die CSSR und Jugoslawien sowie einige dissidente Parteiströmungen
(Polen, DDR, Ungarn) beschränkt.
Auf dieser Tagung wollen wir vor allem auch außereuropäische
Erfahrungen mit einbeziehen und einen Schwerpunkt auf transnational- und
transkontinental-vergleichende Analysen legen.
Einleitungsveranstaltung
(Do-Abend, 11.9.08)
Die Einleitungsveranstaltung wird diesen inhaltlichen wie methodischen Rahmen
konturieren. Zwei einleitende Vorträge sollen in Form von leitenden
Fragestellungen, thematischen Schwerpunktsetzungen, methodischen Fragen
– wie beispielsweise der Vergleichbarkeit der Sozialbewegungen und
ihrer Darstellung als Protestzyklus – den Rahmen unserer Tagung abstecken
und Impulse für die Diskussionen geben.
Panel I und II: Länder-Fallstudien
(Fr, 12.9.08)
In zwei Panels wollen wir uns anhand von sechs Fallstudien dem Anspruch,
auf die Protestbewegungen aus globaler Perspektive zu blicken, nähern.
Uns ist bewusst, dass die Länderauswahl ein Zugeständnis an die
begrenzten Möglichkeiten einer zweitägigen Tagung ist.
In den Länder-Fallstudien wollen wir auf folgende Problemfelder eingehen:
Inhaltliche Themen und Schwerpunkte der Sozial- und Protestbewegungen; Protestformen;
Breite und gesellschaftliche Akzeptanz; soziale Zusammensetzung; Interaktionen
(praktische und intellektuelle Netzwerke); die Auswirkungen staatlicher
Repression; nachhaltige Wirkungen und Folgen der sozialen Bewegungen; die
länderspezifischen Sozialbewegungen im transnationalen und transkontinentalen
Vergleich.
Panel I (Fr. Vormittag)
1. Frankreich und Italien
2. Argentinien, Mexiko und eventuell auch Brasilien
3. USA und Kanada
Panel II (Fr. Nachmittag)
4. Polen und CSSR
5. Senegal und Südafrika
6. Pakistan und Indien
Öffentliche Podiumsdiskussion: "Gewinner und Verlierer der 68er
Sozialbewegungen"
(Fr. Abend, 12.9.08)
Die Sozialbewegungen von "1968" haben ein polarisiertes Spektrum
von Gewinnern und Verlierern hervorgebracht. Aus der Krise von 1978/79 haben
einige Gruppierungen den Weg des sozialen Aufstiegs eingeschlagen und sich
in das gesellschaftlich-politische Establishment zu integrieren verstanden.
Ihnen stehen viele Verlierer gegenüber, die beruflich, sozial und psychisch
unter die Räder gerieten oder kriminalisiert und inhaftiert wurden.
Die zwischen diesen beiden Polen stehende Schicht derjenigen, die sich nur
partiell arrangierte und weiterhin für eine gesellschaftsemanzipatorische
Perspektive eintrat, scheint hingegen schmal, so dass "1968" zur
Chiffre werden konnte und durch kein nachhaltiges soziales Gedächtnis
unterlegt ist. In der Diskussion wollen wir auch darauf eingehen, inwieweit
diese Problematik für alle Sozialbewegungen typisch war oder welche
spezifischen Unterschiede es auf globaler Ebene gab.
Panel III: Interaktionen und Synchronisationen –
Praktische und intellektuelle Netzwerke
(Sa. Vormittag, 13.9.08)
Gab es Themen und Formen des Protests, die die 68er-Sozialbewegungen weltweit
verbanden? Wir wollen uns exemplarisch auf drei Themen konzentrieren, die
unseres Erachtens zu weltweiten Interaktionen und Synchronisationen der
Protest- und Sozialbewegungen geführt haben und in deren Folge praktische
und intellektuelle Netzwerke über Länder und Kontinente hinweg
entstanden sind.
1. Verbindende Denkhorizonte und Wissenstransfer
Ein wichtiger konzeptioneller Vorläufer und Begleiter der Sozialbewegungen
war die internationale "New Left", die die traditionelle und insbesondere
kommunistische Linke seit der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre
verlassen hatte. Sie trug wesentlich zu einer kritischen Auseinandersetzung
mit den autoritären und dogmatisch erstarrten Strukturen des osteuropäischen
Staatssozialismus und der kommunistischen Parteien im Westen bei. Im Ergebnis
dieser Auseinandersetzungen entstanden neue Modelle und Konzepte gesellschaftlicher
Emanzipation und Transformation des Kapitalismus. Die Themen und die international
bekannten ReferentInnen der Sommerschule von Korcula (Jugoslawien) stehen
beispielhaft für ein intellektuelles Netzwerk, das weltweit auf die
Sozialbewegungen Einfluss ausübte. Ebenso wichtig wie intellektuell
verbindend waren die Dritte-Welt-Konzepte wie die Theorien zur abhängigen
Entwicklung (z.B. André Gundar Frank) und die Programme wie Analysen
der Entkolonialisierung (z.B. Frantz Fanon). Die schwarze Bürgerrechtsbewegung
und die Black-Power-Bewegung mit ihren programmatischen Forderungen sensibilisierten
die Sozialbewegungen bezüglich rassistischer Politik und Verhaltensweisen.
In diesem Panel soll erörtert werden, welche TheoretikerInnen, welche
Texte, welche Literatur und welche Musik die Akteurinnen und Akteure der
Sozialbewegungen weltweit rezipiert und ihr Denken beeinflusst haben.
2. Vietnamkrieg
Der Protest und Widerstand gegen den Vietnamkrieg verband die 68er-Sozialbewegungen
weltweit. Als 1967 die afroamerikanischen Organisationen und die Students
for a Democratic Society der USA in ihrem Widerstand gegen den Vietnamkrieg
zur Desertion aus der U.S. Army aufriefen, fand dies weltweit Gehör
und führte – auch aufgrund des praktischen Engagements für
die Kriegsdienstverweigerer – international zu einer praktischen Solidarisierung,
aber auch zur politischen Radikalisierung.
3. Rezeption der chinesischen Kulturrevolution
Wie wurde die chinesische Kulturrevolution von den Sozialbewegungen weltweit
mehrheitlich wahrgenommen und interpretiert? Warum wurde ihre autoritäre,
undemokratische und gewalttätige Seite von weiten Teilen der Sozialbewegungen
nicht wahrgenommen oder sogar akzeptiert? Die Rezeption der und die politische
Orientierung an der chinesischen Kulturrevolution gehören unserer Meinung
nach zu dem noch unbeantworteten Fragenkomplex, wieso die anfänglich
antiautoritären Sozialbewegungen sich seit Beginn der 70er Jahre mehrheitlich
an autoritären und hierarchisch strukturierten Parteimodellen ausrichteten.
Inwieweit gab es bei der Rezeption der chinesischen Kulturrevolution einheitliche
– Länder und Kontinente übergreifende – Muster, und
inwieweit länderspezifische Differenzen und wenn ja, worin bestanden
diese?
Intermezzo
Bevor wir am Samstagnachmittag die Nachwirkungen und Folgen der 68er-Sozialbewegungen
thematisieren, sollen die Fragestellungen, Kontroversen, methodischen Anregungen
und mögliche weißen Stellen der bisherigen Panels noch einmal
zusammengefasst und pointiert werden. Die Aufgabe dieser "Fadenspinnerin"/
dieses "Fadenspinners" ist es, Verbindungen und Klammern zwischen
den Panels aufzuzeigen und damit die Schlussdiskussion bereits vorzubereiten.
Panel IV: Nachwirkungen und Folgen der 68er-Sozialbewegungen
(Sa. Nachmittag)
1. Veränderte Lebensstile und Einstellungen
In welchen Bereichen haben die Sozialbewegungen andauernde soziale und mentale
Veränderungen bewirkt? Dies gilt unserer Meinung nach für die
Frauenbewegungen, die die in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Alltags
verankerte Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen gesellschaftlich
bewusst gemacht und das Geschlechterverhältnis ein Stück weit
egalisiert haben. Im Kontext dieser Debatten hat sich auch die Einstellung
gegenüber unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und Lebensweisen
verändert. Ähnliche Anstöße sind von der Ökologiebewegung
ausgegangen. In ihrem Kontext entstanden wichtige theoretische Debatten
und Gesellschaftskonzepte, die auch heute noch – trotz einer weitgehenden
politischen Integration über die Grünen Parteien – nachwirken
und zu erheblichen Modifikationen in den gesellschaftlichen und ökonomischen
Beziehungen zur Umwelt geführt haben.
Ohne eine Analyse des Verhältnisses der Generationen zueinander ist
es nicht möglich, die Sozialpsychologie des sozialen Umbruchs der 1960er
und 1970er Jahre zu verstehen. Ein wesentliches Motiv, sich politisch zu
engagieren, kam insbesondere in Deutschland aus der Auseinandersetzung mit
der Zeit des Faschismus und der Kriegsgeneration der Eltern. Der historisch
vergleichende Ansatz wird klären helfen, inwieweit diese Fragestellungen
auch für die Sozialbewegungen in anderen Ländern relevant waren.
Dagegen sind die Auswirkungen der Sozialbewegungen auf den sozioökonomischen
Zyklus strittig. Zwar waren sie Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre
nicht ohne Einfluss auf den Bereich der Produktion, weil sie die tayloristische
Betriebsverfassung in Frage stellten. In welchem Ausmaß die Sozialbewegungen
auch einen Anstoß für die Transformation der sozialstaatlich
garantierten Arbeitsverhältnisse gaben, die inzwischen weitgehend sozial
ungesichert und prekär sind, ist noch nicht beantwortet. Ebenso wenig
wie die Frage, inwieweit das aus den Sozialbewegungen hervorgegangene Bedürfnis
nach individueller Zeitsouveränität und selbst bestimmter Lebensplanung
in diesem Transformationsprozess genutzt wurde.
2. Autoritäre Bewegungen und Gewalt
Ein zentrales Problem der historischen Analyse vom "1968" in Europa
ist der Umschlag der antiautoritären Sozialbewegungen seit Beginn der
1970er Jahre in teilweise autoritär und hierarchisch strukturierte
Organisationen ("K-Gruppen", Maoismus), während andere Gruppen
den sich abzeichnenden Niedergang der Sozialbewegungen mit paramilitärischen
Strukturen und bewaffneter Gewalt beantworteten. Uns ist es wichtig, die
"K-Gruppen"/Maoismus wie die bewaffneten Gruppen/ den Terrorismus
in diesem Kontext zu analysieren.
In diesem Panel soll auch auf die häufig autoritären politischen
Orientierungen der bewaffneten Gruppen in den nicht europäischen Ländern
eingegangen – wie zum Beispiel auf deren maoistischen, leninistischen
oder stalinistischen Konzepte – und Gemeinsamkeiten beziehungsweise
Unterschiede zu den "westlichen" Sozialbewegungen dieser Jahre
diskutiert werden.
3. Was ist normal? Die Anti-Psychiatrie-Bewegungen
In vielen Ländern gab es breite Bemühungen um eine Humanisierung
und Ent-Institutionalisierung der Psychiatrie. Die historische Rekonstruktion
dieser Anti-Psychiatrie-Bewegungen könnte wichtige Einsichten in die
Sozialpsychologie des sozialen Umbruchs der 1960er und 1970er Jahre vermitteln,
in denen es auch um eine möglichst herrschaftsferne "Normalisierung"
abweichender psychischer, "anomaler" Verwaltensweisen ging. Auch
in diesem Kontext wurden eine Reihe von Texten publiziert, die weltweit
rezipiert wurden und die Einstellungen gegenüber Menschen, die –
aus welchen Gründen auch immer – von der gesellschaftlichen Norm
abwichen, nachhaltig beeinflussten.
Abschlussdiskussion: "Was bleibt von den 68er-Sozialbewegungen?"
Organisatorische Hinweise:
Konferenzsprachen sind Deutsch, Englisch und Französisch. Ein Referat
sollte 20 Minuten nicht überschreiten. Für ReferentInnen ist die
Unterbringung und Verpflegung kostenlos, die Reisekosten (APEX-Flüge,
Bahnfahrten 2. Klasse) werden nach vorheriger Absprache mit dem ITH-Büro
in Wien erstattet. Ein Vortragshonorar wird nicht gezahlt. Eine Publikation
in Form eines Sammelbands ist geplant.
Vorschläge für Beiträge (Titel
und kurze Zusammenfassung im Umfang von 1-2 Seiten) sowie einen kurzen Lebenslauf
(max. 15 Zeilen) richten Sie bitte bis zum 31.10.2007
an die ITH: ith@doew.at
Terminkalender:
- Übersendung der Vorschläge auf den CFP: 31.10.07
- Festlegung des vorläufigen Konferenzprogrammes: Jänner 2008
- Übersendung der Referate und Summaries: 30.06.08
Vorbereitungskomitee:
Marcel van der Linden, Internationaal Instituut
voor Sociale Geschiedenis, Amsterdam (Koordinator)
Angelika Ebbinghaus, Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts,
Bremen
Feliks Tych, Zydowski Instytut Historyczny, Warszawa
Kontakt:
Eva Himmelstoss
International Conference of Labour and Social History (ITH)
Altes Rathaus, Wipplingerstr. 8, A-1010 Wien, Österreich
E-Mail: ith@doew.at