ith logo
Berichte über die 46. Linzer Konferenz
The Memory of Labour / Arbeiterbewegungen in globalen Erinnerungsprozessen
9.–12. September 2010

 
Ralf Hoffrogge (H-Soz-u-Kult, 02.11.2010)
Jürgen Hofmann (Neues Deutschland, 18.9.2010. S. 22)
Jürgen Mittag (Mitteilungen des Instituts für Soziale Bewegungen), Bericht folgt
Andreas Diers (RLS online, 19.10.2010)


Bericht von Ralf Hoffrogge (In: H-Soz-u-Kult, 02.11.2010)

Dass sich eine wissenschaftliche Konferenz mit der Erinnerung an die Arbeiterbewegung beschäftigte, ist keinesfalls als Nostalgie zu verstehen. Denn Erinnerung ist etwas sehr Gegenwärtiges, eine Rekonstruktion der Vergangenheit vor dem Hintergrund aktueller kultureller Konstellationen und politischer Kräfteverhältnisse. Seit den 1990er-Jahren hat die Geschichtswissenschaft diesen Doppelcharakter der Erinnerung als Vergangenheit in der Gegenwart entdeckt und setzt sich kritisch mit der Konstruktion und De-Konstruktion von Erinnerungen auseinander. Dies geschah sowohl auf individueller Ebene – etwa im Bereich einer Methodenkritik der Oral History, aber auch auf gesellschaftlicher Ebene in der Beschäftigung mit den Linien staatlicher Erinnerungspolitik und ihrer Wechselwirkung mit dem kollektiven Gedächtnis. Die Grenzen zwischen Intervention und Untersuchung sind hier erstaunlich fließend: unter den Begriff der „Aufarbeitung“ fällt sowohl die historische Analyse als auch die aktive Beeinflussung eines adäquaten Gedenkens und Erinnerns. In der Form der Aufarbeitung gilt eine parteiische Intervention seitens der Wissenschaft interessanterweise nicht als manipulativ oder unausgewogen, sondern als erstrebenswert.

Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die absolute Mehrzahl der zum Thema Erinnerung entstandenen Untersuchungen sich mit dem Phänomen des Holocaust beschäftigen, einige auch mit dem Stalinismus oder mit Nachwirkung des Kolonialismus. Die großen Menschheitsverbrechen und die Kategorien der Täter und Opfer, so das unerwartete Ergebnis einer Tagung zur Erinnerung an die Arbeiterbewegung, dominieren die Erinnerungskulturen. Aus der Distanz zu diesen Verbrechen definieren sich Identitäten – aus dieser Distanz heraus erklärt sich auch der eingreifende Charakter von Aufarbeitung und Erinnerungspolitik.

Die Täter-Opfer-Dichotomie, so machte bereits der Eingangsvortrag von Enzo Traverso klar, ist vielleicht die einzige Gemeinsamkeit in einer „globalen Erinnerungskultur“, sofern es diese überhaupt gibt. Denn abgesehen von dieser strukturellen Parallele ist das kollektive Gedächtnis etwas sehr Regionales, oft in geradezu anachronistischem Sinne Nationales. Vielleicht, so wurde auf der Konferenz diskutiert, sind es gerade die oft gescholtenen Phänomene der kulturellen Globalisierung, Vereinheitlichung, Verwestlichung, die den Rückgriff auf nationale Mythen und Identitäten für Regierende und Regierte als Akteure von Erinnerung gleichermaßen attraktiv machen.

In diesen Zusammenhang stellte Andreas Eckert die Abwesenheit der Arbeiterbewegungen in der Erinnerung und politischen Gegenwart Afrikas. Das Motiv der Nationalen Befreiung, so Eckert, eignete sich im antikolonialen Kampf und auch in der Gegenwart mehr für die Mobilisierung der Massen als das Narrativ des Klassenkampfs – insbesondere, weil etwa unter der französischen Kolonialherrschaft nur eine marginale Gruppe von Personen gesetzliche Anerkennung als Lohnarbeitende genoss, während die Mehrzahl der Bevölkerung Subsistenzarbeit verrichtete oder im informellen Sektor, etwa als Marktfrauen, formal selbständig war.

Im Gegensatz zur Abwesenheit der Arbeiterbewegung in der afrikanischen Erinnerung berichtete Bruno Groppo, wie in Italien und Frankreich die kommunistische Arbeiterbewegung in Form der Partisanenbewegung positiv in eine nationale Erinnerungskultur integriert wurde. Als aktiver Teil eines antifaschistisch-republikanischen Konsenses, der ab 1945 in beiden Ländern alle politischen Parteien umfasste, legten die Kommunistischen Parteien beider Länder endgültig ihre Rolle als Außenseiter ab. Der Preis dieses nationalen Narrativs war jedoch die Ausblendung von weit verbreiteten Phänomenen der NS-Kollaboration in beiden Ländern. Hinzu kam in Italien die totale Negierung des genuin italienischen Charakters des Mussolini-Faschismus, der in der Erzählung vom nationalen Widerstand nur noch als ausländische Besatzung erschien. Ausgeblendet wurde auch die Zeit zwischen 1939 und 1941, als die kommunistischen Parteien mit Ausnahme weniger Einzelmitglieder aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes keinerlei Widerstand organisierten. Trotz aller Ausblendungen falle auf, dass die Dekonstruktion des antifaschistisch-republikanischen Konsenses seit den 1980er-Jahren sowohl in Italien als auch in Frankreich nicht mit einem differenzierteren öffentlichen Geschichtsbild, sondern mit einem Anstieg von Rechtsextremismus und Nationalismus einhergingen. Insofern stellte Jürgen Kocka zurecht die Frage, ob Geschichtsmythen nicht auch eine positive Funktion zukommen könne.

Groppos Positivbeispiel einer Integration der Arbeiterbewegung ins nationale Gedächtnis bestätigte durch den Bezug auf den Faschismus die bereits formulierte Diagnose, dass der Klassenkampf als genuines Narrativ der Arbeiterbewegung im Regelfall für das nationale kollektive Gedächtnis nicht als „erinnerungswürdig“ erscheint.

Zwei Beispiele aus ganz unterschiedlichen Weltgegenden, nämlich Südkorea und Polen, lassen ähnliche Schlüsse zu. Aus Korea berichtete Hyun Back Chung von der Erinnerung an den Gewerkschafter Chun Tae-Il, der Anfang der 1970er-Jahre aus Protest gegen die Unterdrückung der südkoreanischen Arbeiterbewegung durch die Militärdiktatur den demonstrativen Freitod wählte. Sein Tod löste eine Protest- und Solidaritätswelle auch im Ausland aus. Im heutigen Korea erinnert man sich an Chun Tae-Il interessanterweise nicht als einen Märtyrer des Klassenkampfes, sondern er genießt in allen politischen Lagern eine Verehrung als Nationalheld und Kämpfer für Demokratie, dessen gewerkschaftlicher Hintergrund eben nur noch dies: einen Hintergrund darstellt. Ähnliches widerfuhr der Gewerkschaft Solidarnosc in Polen, über deren Platz in der Erinnerung Tomasz Kozlowski aus Warschau berichtete. Auch sie wurde unter Aufgabe bzw. Selbstaufgabe ihres Charakters als Klassen-Vertretung Teil eines erinnerungspolitischen Narrativs von Demokratie, vor allem aber von nationaler Befreiung.

Ähnlich wie Chun Tae Il in Südkorea erging es auch den Opfern der Diktaturen in Lateinamerika. Auch sie erscheinen in der nationalen Erinnerung, so berichtete Gerardo Leibner von der Universität Tel-Aviv, nicht als die Aktivisten sozialistischer Parteien, Bewegungen und Gewerkschaften, denen sie angehörten. Stattdessen erscheinen sie im kollektiven Gedächtnis einzig als passive Opfer von politischer Gewalt – obgleich es doch ihr aktives Eintreten für eine gerechte Gesellschaft war, welche diese mehrheitlich der politischen Linken zuzuordnenden desaparecidos erst ins Visier ihrer Mörder brachte.

Als zentrales Ergebnis der Konferenz wurde deutlich: Der Gegensatz von Opfer und Täter und die Erinnerungen an die großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts treten immer wieder in Verbindung mit und in Konkurrenz zur Erinnerung an die Arbeiterbewegung. Selbst da, wo Personen oder Gruppen der Arbeiterbewegung kollektiv erinnert werden, wird ihrer in der Regel nicht als Klassenkämpfer gedacht, sondern als Opfer oder aber als Kämpfer für die Sache der Nation – also als Vertreter einer Einheit, die vermeintlich jenseits des Klassenwiderspruchs steht.

Obwohl es kein eigenes Panel dazu gab, stand auch der Stalinismus immer wieder im Mittelpunkt der Konferenzdiskussionen. Auch er wird selektiv erinnert, in Osteuropa überwiegend in nationalistischer Form ohne Differenzierung gegenüber der Erfahrung des Nationalsozialismus. Der Stalinismus wird dabei entweder durch eine verschwommene Form der Totalitarismustheorie gleichgesetzt mit dem NS – oder aber NS-Kollaborateure werden gar als Kämpfer gegen den Stalinismus rehabilitiert. Insbesondere letzteres Phänomen verweist auf die Abgründe, in die ein national instrumentalisiertes Täter/Opfer Schema führen kann.

Obwohl solche Entgleisungen nicht nur auf der Konferenz, sondern auch in den europäischen Medien immer wieder heftige Kritik auslösten, wird in dieser Kritik selten die spezifische Widersprüchlichkeit der stalinistischen Verbrechen deutlich. Sie liegt vor allem darin, dass Stalins erste Opfer die Oppositionellen der eigenen Partei waren. Dies waren mitunter Verfechter und Verfechterinnen eines demokratischen Kommunismus – nicht selten aber auch Funktionäre, die zuvor selbst an der Errichtung der stalinistischen Diktatur und der Verfolgung politischer Gegner mitgearbeitet hatten. Hier versagt die Dichotomie von Tätern und Opfern, welche die Mehrheit der nationalen Erinnerungskulturen prägt. Die Tatsache, dass die Arbeiterbewegung auf beiden Seiten stand, dass es ein widersprüchliches Verhältnis von Täter und Opfer gab, wird im öffentlichen Diskurs allenfalls dadurch abgebildet, dass die Sozialdemokratie als unbelasteter, der Kommunismus hingegen als verbrecherischer Teil der Bewegung erinnert werden. Diese Version, die auch auf der Konferenz mehrmals implizit vorgetragen wurde, bezieht sich jedoch letztlich wieder auf eine Täter-Opfer Dichotomie, die der Widersprüchlichkeit der konkreten historischen Ereignisse kaum gerecht wird. Vertiefende Forschungen hierzu wären wünschenswert.

Die Zivilisierung der bürgerlichen Gesellschaft als Verwirklichung der Ideale der Französischen Revolution ist ein Bezugspunkt, der auch rivalisierende Gruppen der Arbeiterbewegung immer wieder einte. Ein weiteres Band war die Parteinahme im Konflikt zwischen Arbeit und Kapital sowie zwischen imperialen Zentren und kolonisierter Peripherie. Diese Konflikte waren bzw. sind transnationale Phänomene. Deshalb, so stellten verschiedene Konferenzredner zu Recht fest, eignet sich die Arbeiterbewegung bzw. die verschiedenen Arbeiterbewegungen durchaus als Objekt einer Globalgeschichte und als Subjekt einer globalen Erinnerungskultur.

Warum dies jedoch in der Praxis nicht stattfindet, war zentrales Thema der Diskussionen. Einige Antwortmöglichkeiten deuteten sich an: wie bereits festgestellt wurde gibt es (noch?) keine „globale“ Erinnerungskultur. Die einzige globale Klammer einer Erinnerung am Beginn des 21. Jahrhunderts bildet die negative Erzählung vom „Jahrhundert des Schreckens“, was die Dominanz des Täter-Opfer-Dichotome in den jeweiligen nationalen Meistererzählungen erklärt. Dieser Dichotomie, so Jürgen Kocka in seiner Eingangsrede zur Konferenz, verweigert sich die Arbeiterbewegung durch ihre positiven und zukunftsorientierten Utopien. Ein weiterer Grund für die überwiegende Nicht-Erinnerung des zivilisatorischen Impulses der Arbeiterbewegung könnte sein, dass sie mit anderen historischen Ereignissen um die „begrenzte Ressource Erinnerung“ konkurrieren muss, wie ein Diskutant es treffend ausdrückte.

Zu wenig diskutiert wurden die Konsequenzen der weitgehenden Verstaatlichung von Erinnerungspolitik. Die Alternative zur nationalen Erinnerung wäre eine Bewegungs-Erinnerung. Angesichts der Brüche heutiger Akteure der Arbeiterbewegung mit ihren historischen Wurzeln und früheren Identitäten ist eine solche allerdings schwer vorstellbar. Neue Akteure wie die globalisierungskritische Bewegung haben zwar eine globale Perspektive, aber keine globale Identität oder Organisationsform. Sie sind vielmehr gekennzeichnet durch größtmögliche Heterogenität. Kategorien wie die „Multitude“ von Antonio Negri und Michael Hardt können diese Tatsache nur mühsam kaschieren, haben es aber bisher nicht vermocht, ein neues historisches Subjekt zu definieren. Seit Wolfgang Abendroths „Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung“, so stellte Mario Kessler aus Potsdam in seinem Beitrag zur Historiographie der Arbeiterbewegungen fest, gab es keinen überzeugenden Versuch mehr, eine überregionale Geschichte der Arbeiterbewegung zu schreiben.

Trotz vielfach negativer Ergebnisse auf die Frage nach der Erinnerung an die Arbeiterbewegung ist das Fazit der Konferenz jedoch kein Negatives. Die OrganisatorInnen der Konferenz haben wissenschaftliches Neuland betreten und eine enorme Lücke im „Erinnerungsboom“ der Geschichtswissenschaften aufgezeigt. Denn auch wenn die Arbeiterbewegung keinen prominenten Platz im kollektiven Gedächtnis einnimmt, so ist sie doch nicht vergessen. In Deutschland erinnern unzählige Straßennahmen an Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Friedrich Ebert, Kurt Schumacher, Ernst Thälmann. Auch in Westberlin gibt es eine Karl-Marx-Straße, in Trier ein Karl-Marx-Haus und in Hamburg eine Thälmann-Gedenkstätte. Die erinnerungspolitischen Debatten um diese Orte wären ein eigenes Thema, das spannende Erkenntnisse über die Gegenwart wie die Vergangenheit deutscher Erinnerungskultur liefern würde. Ähnliche Debatten gibt es in anderen Ländern. Jedoch wurden gerade die konkreten Niederungen der Erinnerung in Form von Denkmälern, Straßennamen und anderen Formen versteinerten Gedenkens auf der Konferenz leider nur gestreift. Was jedoch nicht wundert, denn eine intensive Forschung zu diesen Themen existiert nicht.

Was auf der Konferenz ebenfalls zu kurz kam, waren methodische Fragen der Erinnerungsforschung. Hier sind insbesondere auf dem Gebiet der Holocaustforschung intensive theoretische und empirische Vorarbeiten vorhanden – es wurde jedoch kein Versuch gemacht, Methoden und Ergebnisse dieser Forschungen auf das Phänomen der Arbeiterbewegung zu übertragen. Dies führte bei einigen Beiträgen etwa zur deutschen und österreichischen Sozialdemokratie zu einem Rückfall in eine Art von Hausgeschichtsschreibung, die man in der historischen Forschung zur Arbeiterbewegung eigentlich überwunden glaubte. Die nächste ITH-Konferenz im September 2011 wird sich dem Thema „Arbeiterbewegungen und soziale Bewegungen als Triebkräfte der Entwicklung von Gesellschaften und von Individuen“ widmen. Sie könnte dazu beitragen, die diagnostizierte Nicht-Erinnerung des zivilisatorischen Impulses der Arbeiterbewegung zumindest ein stückweit zu korrigieren.


Bericht von Jürgen Hofmann (Neues Deutschland, 18.9.2010, S. 22)

Stachel im Fleisch: Tagung über Arbeiterbewegung in der Erinnerung
Es waren erstaunlich viele junge Nachwuchswissenschaftler nach Linz in Österreich gekommen. Ein Zeichen, dass die Arbeiterbewegungsgeschichte nach wie vor auf Interesse stößt. »Arbeiterbewegung in der globalen Erinnerung« war das Thema der diesjährigen Linzer Tagung, der 46. Ob die jungen Kollegen allerdings dem Thema die Treue halten können, ist ungewiss. Die Schwerpunkte der Forschung und Lehre in West- und Osteuropa lassen daran zweifeln.

Fast übereinstimmend wurde die Verdrängung der Arbeiterbewegungsgeschichte aus dem Erinnerungskanon Europas beklagt. Ganz anders die Situation in Lateinamerika und Asien. Auch einzelne europäische Länder fügen sich nicht in den allgemeinen Trend ein, der vor Jahren schon einmal die Fortexistenz der Linzer Konferenz in Frage stellte. Das von etlichen Diskussionsteilnehmern bezeugte Interesse ihrer Studenten an Arbeiterbewegungsgeschichte lässt hoffen.

Seltsam dagegen mutet das Bedauern von langjährigen Lehrstuhlinhabern und Mitgliedern einflussreicher Kommissionen an der unzureichenden Präsenz von Themen der Arbeiterbewegung im öffentlichen Diskurs an. Man könnte meinen, Entscheidungsträger seien völlig hilflos dem Markt der Erinnerung ausgesetzt. Das Podium zum Verhältnis von Macht, Geschichte und Politik brachte jedenfalls keine befriedigende Aufklärung zur Rolle der Historiker in der Erinnerungspolitik.

Die Konferenzbeiträge waren weit gespannt. Sie reichten von dem Befund, dass die Arbeiterbewegung in der europäischen Erinnerung über das 20. Jahrhundert eher marginal vertreten ist (Jürgen Kocka), über den Platz der Résistance in der Erinnerung des Zweiten Weltkrieges in Frankreich und Italien (Bruno Groppo), dem Platz der »Mateship« – der Kumpelschaft – im Selbstverständnis der australischen Siedlergesellschaft (Nick Dyrenfurth), der Erinnerung an die Selbstverbrennung des 22-jährigen Chun tea-il in Südkorea (Hyun Back Chung) bis hin zur Solidarnosc in Polen (Tomasz Kozlowski). Für Mario Keßler (Berlin) bleibt die Arbeiterbewegungsgeschichte »ein Stachel im Fleisch derer, die den Staus quo als beste aller möglichen Welten ansehen«.

Die diesjährige Konferenz war der Auftakt eines Zyklus, der sich der Arbeiterbewegung und sozialer Bewegungen als Triebkraft sozialer Entwicklungen widmet. Ein Vorschlag, den Feliks Tych (Warschau) eingebracht hatte. Die nächste Tagung wird sich Ende September 2011 den »Arbeiterbewegungen und sozialen Bewegungen als Triebkräfte der Entwicklung von Gesellschaften und Individuen« zuwenden.


Bericht von Jürgen Mittag (Mitteilungen des Instituts für Soziale Bewegungen), folgt


Bericht von Andreas Diers*, geringfügig ergänzt durch Bernd Hüttner (RLS online <www.rosalux.de>, 19.10.2010)

Die sogenannte Linzer Konferenz wurde wie üblich von der International Conference of Labour and Social History und der Kammer für Arbeiter und Angestellte Oberösterreich veranstaltet. An ihr nahmen ungefähr 80 Personen teil, davon kamen ein Zehntel aus der RLS und dem geschichtspolitischen Umfeld, in dem sie sich bewegt (u.a. Historische Kommission der LINKEN, Förderverein Archive und Bibliotheken zur Arbeiterbewegung). Die RLS ist seit einigen Jahren reguläres Mitglied der ITH.

Hintergrund und Zielsetzungen der Konferenz
Diese Konferenz ist die erste in dem neuen dreijährigen Tagungszyklus der ITH, in dem einige Aspekte der Problematik Arbeiterbewegung und soziale Bewegungen als Triebkräfte gesellschaftlicher Entwicklung behandelt werden.
Der Ausgangspunkt der diesjährigen Tagung ist die Frage nach dem Vorhandensein der Arbeiterbewegungen im Repertoire der Vergegenwärtigung von Vergangenheit („kollektive Erinnerung“) gewesen. In der schon fast unübersehbaren Flut an Debatten und Publikationen, welche der Aufstieg der Konzeption der „kollektiven Erinnerung“ in den letzten beiden Jahrzehnten ausgelost hat, ist die Rolle der Arbeiterbewegungen jedoch weitgehend nur ganz am Rande behandelt worden, zumeist wurde sie sogar überhaupt nicht thematisiert.
In der ITH-Konferenz ist an Hand einiger ausgewählter Beispiele untersucht worden, welche Erinnerungsmuster hinsichtlich der Arbeiterbewegungen in die „kollektive Erinnerung“ von welchem Akteur wann, wo, wie und weshalb ´eingespeist` worden sind. Dabei ist auch gefragt worden, welche Veränderungen diese Erinnerungsprozesse in den vergangenen Jahrzehnten erfahren haben. Thematisiert worden ist außerdem, ob in Europa möglicherweise die sozialen Emanzipationsbestrebungen im Mittelpunkt der Erinnerungen stehen und ob es die Beiträge der Arbeiterbewegungen mit ihren unterschiedlichen Strömungen gewesen sind, die zur Formierung von Sozialstaaten geführt haben und bei der Schaffung relativ homogener Gesellschaften in Europa eine wesentliche Rolle gespielt haben – oder ob ganz andere kognitive und affektive Denktraditionen die wesentliche Rolle innegehabt haben.
Auf der einen Seite ist der Blick auf einige der „Erinnerungen“ an die Arbeiterbewegungen sowie ein paar weiterer sozialer Bewegungen in einzelnen Staaten und Regionen sowie ihren jeweiligen Niederschlag im „Inventar globaler Erinnerung“ gerichtet worden. Auf der anderen Seite ist das Augenmerk auch auf erinnerungspolitische Strategien gelenkt worden, die diese Bewegungen selbst entwickelt haben.

Verlauf der Konferenz
(...) Das Eröffnungsreferat hielt am Freitag Enzo Traverso (Paris). Er ging ausführlich darauf ein, dass sich die hegemoniale Erinnerungspolitik in Europa von einer Sieger/Besiegte-Dichotomie zu der des Verhältnisses Täter/Opfer verschoben habe. Unter der zweiten Dichotomie seien dann, so Traverso, auch die drei zeitgenössischen Hauptstränge zu subsumieren: Holocaust, Stalinismus und Postkolonialismus.

Nach einer Einführung in den neuen Tagungszyklus der ITH und in das aktuelle Programm behandelte Jürgen Kocka (Freie Universität, Berlin) zu Beginn des zweiten Konferenztages die etwas umfassendere Thematik Arbeiterbewegungen in der europäischen Erinnerung des 20. Jahrhunderts.

Bruno Groppo (Centre National de la Recherche Scientifique, Paris) veranschaulichte in seinem Beitrag The Changing Memories of World War II and Resistance in Italy and France: A Comparative View die unterschiedlichen historischen und aktuellen Bedeutungen der Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg sowie an den antifaschistischen Widerstandskampf einerseits in Frankreich und andererseits in Italien. Er konstatierte dabei u.a., dass es in Italien in der offiziellen Erinnerungskultur lange Zeit ein pauschales Gegenüberstehen von angeblich nur einigen wenigen Faschisten und den späteren deutschen Besatzungstruppen auf der seinen Seite sowie dem weitaus überwiegenden Rest der Bevölkerung auf der anderen Seite gegeben habe. Diese undifferenzierte Erinnerung sei erst sehr spät hinterfragt worden, wobei dann auch die Problematik der italienischen Bürgerkrieges berücksichtigt worden sei.

Bernd Faulenbach (Ruhr Universität, Bochum) referierte über Die deutsche Sozialdemokratie in den geschichtspolitischen Auseinandersetzungen der 1970er und 1980er Jahre. Faulenbach präsentierte interessante Details über die offizielle Geschichtspolitik der SPD sowie deren Hintergründe und Zielsetzungen. Allerdings ist in der anschließenden Diskussion zu Recht seine sehr unkritische Haltung gegenüber der Politik und der Geschichte der SPD bemängelt worden.

Helmut Konrad (Karl-Franzens-Universität, Graz) stellte die Geschichtspolitik der österreichischen Sozialdemokratie in den 1970er und 1980er Jahren vor. Österreich kommt seinen Ausführungen nach in der Geschichte der Arbeiterbewegung eine Bedeutung zu, die größer als die vergleichbarer Länder ist. Das habe auch damit zu tun, dass in Österreich die Theorieentwicklung der Arbeiterbewegung über längere Zeit entscheidend vorangetrieben worden sei, wie z.B. durch den „Austromarxismus“. Außerdem sei hier die Alltagskultur etwa durch das „Rote Wien“ modellhaft etabliert worden. Nicht zuletzt beherberge es auch zentrale Gedächtnisorte – wie beispielsweise im Zusammenhang mit den Geschehnissen im Februar 1934. Trotz aller Beengtheit der akademischen Welt in Österreich habe die Arbeitergeschichte hier stärker als in anderen Ländern u.a. auch deshalb in den 1950er und 1960er Jahren Fuß fassen können, weil sie auf universitärer Ebene in der Ära Kreisky erheblich gefördert worden sei. Fast alle Lehrstuhlinhaber des Fachs Zeitgeschichte hätten in dieser Zeit nicht nur eine inhaltliche, sondern zudem auch eine institutionelle Nähe zu den Organisationen der Arbeiterbewegung gehabt. Allerdings sei dann von dieser Stellung aus der spätere wissenschaftliche Paradigmenwechsel von der traditionellen Ideen- und Organisationsgeschichte hin zu einer Sozial- und Kulturgeschichte nicht ausreichend berücksichtigt worden sei. Dadurch sei die Attraktivität dieses Fachs für einige Zeit in einem erheblichen Maße zurückgegangen.

Mario Kessler (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) behandelte das Thema Die Historiographie der Arbeiterbewegung – von der Erinnerungskultur zur Erinnerung an eine Zukunft. In seinem spannenden Vortrag forderte er u.a. ein sehr viel offensiveres Agieren hinsichtlich der Erinnerungskultur der Arbeiterbewegung, auch im Zusammenhang mit der Überwindung der gegenwärtigen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung.

Nick Dyrenfurth (University of Sydney) thematisierte in seinem Beitrag ‘Socialism is being mates’: ‘Mateship’ and the Cultural Politics of the fin de siècle Australian Labour Movement einen sehr spezifischen Aspekt innerhalb der australischen Arbeiterbewegung. Dieser außerhalb Australiens kaum bekannte Aspekt des vor allem auch durch die dortigen besonderen Lebensumstände bedingten „mateship“ verbindet Gleichberechtigung, Loyalität und Freundschaft miteinander.

Andreas Eckert (Humboldt Universität, Berlin) zeigte in seinem sehr beeindruckenden Vortrag Historische Bezugspunkte afrikanischer Arbeiterbewegungen einerseits die Konzeptionen des europäischen, und dabei besonders des französischen Kolonialismus sowie deren durch die direkten und indirekten Einflussnahmen seitens der afrikanischen Arbeiterbewegung bedingten erheblichen Veränderungen nach 1945 auf. Eckert wies in diesem Zusammenhang nicht nur auf große und lange Streiks gegen Ende der 40er Jahre hin, sondern zeigte auch die Bedeutung z.B. der ´Marktfrauen` in diesen Kämpfen auf. Eckert veranschaulichte zudem, wie sich die Rolle, Bedeutung und Funktion der afrikanischen Arbeiterbewegungen im Kampf für die nationale Unabhängigkeit sowie nach der Durchsetzung der Unabhängigkeit ganz wesentlich verändert haben. Zu Recht hinterfragte er, ob die Kategorien der immer noch sehr eurozentristischen und traditionellen Sichtweise der Arbeiterbewegung in Bezug auf die Bedingungen etwa in Afrika adäquat sind. Er zeichnete gleichfalls nach, wie sich die Bedingungen und die Bedeutungen der Arbeiterbewegungen in afrikanischen Staaten nach dem Erlangen der nationalen Unabhängigkeiten grundlegend gewandelt haben: In vielen afrikanischen Staaten wurden Aktivisten der Arbeiterbewegung zu Angehörigen der postkolonialen Staatsbürokratie.

Dass die Bedeutung der Arbeiterbewegungen und der Erinnerungen an die Traditionen an die Arbeiterbewegung in vielen Staaten Südamerikas nach dem Übergang von militär-faschistischen Regimes zu demokratischen Regierungen wesentlich geringer geworden ist, wies Gerardo Leibner (Institute for Latin American History and Culture, Tel Aviv University) in seinem Beitrag The Memory of Latin American Labour Movements nach. Die Erinnerungen an die Arbeiterbewegungen werden von anderen Erinnerungen überlagert, z.B. von den Erinnerungen der Angehörigen an die Opfer der faschistischen Regimes. Leibner hat hier betont, dass die Angehörigen ihre ermordeten Verwandten nicht nur als bloße Opfer, sondern auch als aktive Kämpfer gegen die Regimes ansehen.

Wie kompliziert und schwierig die Bedingungen für die Arbeiterbewegung in Südkorea gewesen sind und auch gegenwärtig heute noch immer sind, zeigte Hyun Back Chung (Sungkyunkwan University, Seoul) in ihrem Vortrag Memories of the South-Korean Labour Movement. Sie schilderte das Leben, die erinnerungspolitische und die politische Bedeutung von Chun tae-il, der sich zweiundzwanzig jährig im Jahr 1970 aus Protest gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der ArbeiterInnen in kleinen Fabriken selber verbrannt hat.

Berthold Molden (Wien) thematisierte mit seinen Konferenzbeitrag Historische Bezugspunkte der Antikolonialbewegung einige der zentralen antikolonialen Geschichtspolitiken von der Konferenz der antiimperialistischen Liga im Jahr 1927 in Brüssel bis in die Gegenwart.

Dass es zwischen den feministischen Bewegungen in Skandinavien und der Arbeiterbewegung keine bedeutenden politischen Kontakte gegeben hat, veranschaulichte Ulla Manns (Department of Gender Studies, Södertörn University, Stockholm) in ihrem Vortrag Historico-political Strategies of Scandinavian Feminist Movements.

Über den Wandel der polnischen Gewerkschaft Solidarität von einer bedeutenden Reformbewegung hin zu einer Organisation, die die politisch rechts orientierte Partei Recht und Gerechtigkeit unterstützt, referierte Tomasz Kozlowski (The Institut of National Remembrance, Warszawa) in The Memory of the Polish Independent Self-Governing Trade Union “Solidarnosc”. Trotz dieses gravierenden politischen Wandels wird die Geschichte der Solidarität immer noch von einem Großteil der polnischen Bevölkerung, auch von der Jugend, positiv beurteilt.

Jens Kroh (Essen) hatte zum Abschluss der Konferenz die schwierige Aufgabe, eine Synthese der verschiedenen Beiträge und der zahlreichen Diskussionsbeiträge zu erstellen.

Ergebnisse der Konferenz
Als wesentliches Ergebnis der Konferenz muss zum einen festgehalten werden, dass aus mehreren Gründen die Erinnerungen an die klassische, die traditionelle Arbeiterbewegung und ihre unterschiedlichen Strömungen sowie deren ProtagonistInnen bis auf sehr wenige Ausnahmen gegenwärtig weder im jeweiligen nationalen, regionalen und globalen Zusammenhang eine nennenswerte Bedeutung mehr haben. Die Erinnerungen an die traditionelle Arbeiterbewegung sind entweder an den Rand der Erinnerungskultur gedrängt worden, oder sie werden oftmals von anderen Erinnerungen überlagert.

Die Konferenz hat allerdings gleichzeitig durchaus auch einige Möglichkeiten und Wege aufgezeigt, wie dieses wenig erfreuliche Ergebnis zumindest tendenziell verändert werden kann. Zu diesen Möglichkeiten und Wegen gehören u.a. die Nutzung des Internets für die Verknüpfung von Archiven, ProtagonistInnen und WissenschaftlerInnen, die digitale Zur-Verfügung-Stellung von Materialien, dazu gehört aber auch die Nutzung von traditionellen Medien wie Rundfunk und Fernsehen für die Verbreitung der Erinnerungen an die Arbeiterbewegung („HistorikerInnen der Arbeiterbewegung müssen medial Besseres zustande bringen als Guido Knopp!“).

Zum anderen hat die Konferenz (wie auch schon die Konferenz im letzten Jahr) die mit den Begriffen „Arbeit“, „Lohnarbeit“ und „Arbeiterbewegung“ verbundenen Problematiken offenkundig werden lassen. Es scheint offensichtlich unbedingt erforderlich zu sein, sich mit diesen Begriffen noch einmal sehr viel differenzierter und intensiver als bislang zu beschäftigen. Die in der MEGA² veröffentlichten Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels geben dafür sicherlich einige Ausgangspunkte sowie zahlreiche Anregungen.

Schließlich hat die Konferenz auch eine nach wie vor bestehende große Lücke aufgezeigt, nämlich dass es bis heute noch kein wissenschaftliches Werk gibt, in dem die globale Geschichte der Arbeiterbewegung mit all ihren Wechselwirkungen und Beeinflussungen untersucht und dargestellt wird, so wie es Wolfgang Abendroth bezogen auf Europa mit seiner „Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung“ versucht hat.

* Andreas Diers ist Mitglied der Rosa-Luxemburg-Initiative Bremen.

.