Ralf Hoffrogge (H-Soz-u-Kult, 02.11.2010)
Jürgen Hofmann (Neues Deutschland, 18.9.2010. S. 22)
Jürgen Mittag (Mitteilungen des Instituts für Soziale Bewegungen), Bericht folgt
Andreas Diers (RLS online, 19.10.2010)
Bericht von Ralf Hoffrogge
(In: H-Soz-u-Kult, 02.11.2010)
Dass sich eine wissenschaftliche Konferenz mit der Erinnerung
an die Arbeiterbewegung beschäftigte, ist keinesfalls als Nostalgie
zu verstehen. Denn Erinnerung ist etwas sehr Gegenwärtiges, eine Rekonstruktion
der Vergangenheit vor dem Hintergrund aktueller kultureller Konstellationen
und politischer Kräfteverhältnisse. Seit den 1990er-Jahren hat
die Geschichtswissenschaft diesen Doppelcharakter der Erinnerung als Vergangenheit
in der Gegenwart entdeckt und setzt sich kritisch mit der Konstruktion und
De-Konstruktion von Erinnerungen auseinander. Dies geschah sowohl auf individueller
Ebene – etwa im Bereich einer Methodenkritik der Oral History,
aber auch auf gesellschaftlicher Ebene in der Beschäftigung mit den
Linien staatlicher Erinnerungspolitik und ihrer Wechselwirkung mit dem kollektiven
Gedächtnis. Die Grenzen zwischen Intervention und Untersuchung sind
hier erstaunlich fließend: unter den Begriff der „Aufarbeitung“
fällt sowohl die historische Analyse als auch die aktive Beeinflussung
eines adäquaten Gedenkens und Erinnerns. In der Form der Aufarbeitung
gilt eine parteiische Intervention seitens der Wissenschaft interessanterweise
nicht als manipulativ oder unausgewogen, sondern als erstrebenswert.
Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die absolute Mehrzahl der zum Thema
Erinnerung entstandenen Untersuchungen sich mit dem Phänomen des Holocaust
beschäftigen, einige auch mit dem Stalinismus oder mit Nachwirkung
des Kolonialismus. Die großen Menschheitsverbrechen und die Kategorien
der Täter und Opfer, so das unerwartete Ergebnis einer Tagung zur Erinnerung
an die Arbeiterbewegung, dominieren die Erinnerungskulturen. Aus der Distanz
zu diesen Verbrechen definieren sich Identitäten – aus dieser
Distanz heraus erklärt sich auch der eingreifende Charakter von Aufarbeitung
und Erinnerungspolitik.
Die Täter-Opfer-Dichotomie, so machte bereits der Eingangsvortrag von
Enzo Traverso klar, ist vielleicht die einzige
Gemeinsamkeit in einer „globalen Erinnerungskultur“, sofern
es diese überhaupt gibt. Denn abgesehen von dieser strukturellen Parallele
ist das kollektive Gedächtnis etwas sehr Regionales, oft in geradezu
anachronistischem Sinne Nationales. Vielleicht, so wurde auf der Konferenz
diskutiert, sind es gerade die oft gescholtenen Phänomene der kulturellen
Globalisierung, Vereinheitlichung, Verwestlichung, die den Rückgriff
auf nationale Mythen und Identitäten für Regierende und Regierte
als Akteure von Erinnerung gleichermaßen attraktiv machen.
In diesen Zusammenhang stellte Andreas Eckert
die Abwesenheit der Arbeiterbewegungen in der Erinnerung und politischen
Gegenwart Afrikas. Das Motiv der Nationalen Befreiung, so Eckert, eignete
sich im antikolonialen Kampf und auch in der Gegenwart mehr für die
Mobilisierung der Massen als das Narrativ des Klassenkampfs – insbesondere,
weil etwa unter der französischen Kolonialherrschaft nur eine marginale
Gruppe von Personen gesetzliche Anerkennung als Lohnarbeitende genoss, während
die Mehrzahl der Bevölkerung Subsistenzarbeit verrichtete oder im informellen
Sektor, etwa als Marktfrauen, formal selbständig war.
Im Gegensatz zur Abwesenheit der Arbeiterbewegung in der afrikanischen Erinnerung
berichtete Bruno Groppo, wie in Italien und
Frankreich die kommunistische Arbeiterbewegung in Form der Partisanenbewegung
positiv in eine nationale Erinnerungskultur integriert wurde. Als aktiver
Teil eines antifaschistisch-republikanischen Konsenses, der ab 1945 in beiden
Ländern alle politischen Parteien umfasste, legten die Kommunistischen
Parteien beider Länder endgültig ihre Rolle als Außenseiter
ab. Der Preis dieses nationalen Narrativs war jedoch die Ausblendung von
weit verbreiteten Phänomenen der NS-Kollaboration in beiden Ländern.
Hinzu kam in Italien die totale Negierung des genuin italienischen Charakters
des Mussolini-Faschismus, der in der Erzählung vom nationalen Widerstand
nur noch als ausländische Besatzung erschien. Ausgeblendet wurde auch
die Zeit zwischen 1939 und 1941, als die kommunistischen Parteien mit Ausnahme
weniger Einzelmitglieder aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes keinerlei Widerstand
organisierten. Trotz aller Ausblendungen falle auf, dass die Dekonstruktion
des antifaschistisch-republikanischen Konsenses seit den 1980er-Jahren sowohl
in Italien als auch in Frankreich nicht mit einem differenzierteren öffentlichen
Geschichtsbild, sondern mit einem Anstieg von Rechtsextremismus und Nationalismus
einhergingen. Insofern stellte Jürgen Kocka
zurecht die Frage, ob Geschichtsmythen nicht auch eine positive Funktion
zukommen könne.
Groppos Positivbeispiel einer Integration der Arbeiterbewegung ins nationale
Gedächtnis bestätigte durch den Bezug auf den Faschismus die bereits
formulierte Diagnose, dass der Klassenkampf als genuines Narrativ der Arbeiterbewegung
im Regelfall für das nationale kollektive Gedächtnis nicht als
„erinnerungswürdig“ erscheint.
Zwei Beispiele aus ganz unterschiedlichen Weltgegenden, nämlich Südkorea
und Polen, lassen ähnliche Schlüsse zu. Aus Korea berichtete Hyun
Back Chung von der Erinnerung an den Gewerkschafter Chun Tae-Il,
der Anfang der 1970er-Jahre aus Protest gegen die Unterdrückung der
südkoreanischen Arbeiterbewegung durch die Militärdiktatur den
demonstrativen Freitod wählte. Sein Tod löste eine Protest- und
Solidaritätswelle auch im Ausland aus. Im heutigen Korea erinnert man
sich an Chun Tae-Il interessanterweise nicht als einen Märtyrer des
Klassenkampfes, sondern er genießt in allen politischen Lagern eine
Verehrung als Nationalheld und Kämpfer für Demokratie, dessen
gewerkschaftlicher Hintergrund eben nur noch dies: einen Hintergrund darstellt.
Ähnliches widerfuhr der Gewerkschaft Solidarnosc in Polen, über
deren Platz in der Erinnerung Tomasz Kozlowski
aus Warschau berichtete. Auch sie wurde unter Aufgabe bzw. Selbstaufgabe
ihres Charakters als Klassen-Vertretung Teil eines erinnerungspolitischen
Narrativs von Demokratie, vor allem aber von nationaler Befreiung.
Ähnlich wie Chun Tae Il in Südkorea erging es auch den Opfern
der Diktaturen in Lateinamerika. Auch sie erscheinen in der nationalen Erinnerung,
so berichtete Gerardo Leibner von der Universität
Tel-Aviv, nicht als die Aktivisten sozialistischer Parteien, Bewegungen
und Gewerkschaften, denen sie angehörten. Stattdessen erscheinen sie
im kollektiven Gedächtnis einzig als passive Opfer von politischer
Gewalt – obgleich es doch ihr aktives Eintreten für eine gerechte
Gesellschaft war, welche diese mehrheitlich der politischen Linken zuzuordnenden
desaparecidos erst ins Visier ihrer Mörder brachte.
Als zentrales Ergebnis der Konferenz wurde deutlich: Der Gegensatz von Opfer
und Täter und die Erinnerungen an die großen Verbrechen des 20.
Jahrhunderts treten immer wieder in Verbindung mit und in Konkurrenz zur
Erinnerung an die Arbeiterbewegung. Selbst da, wo Personen oder Gruppen
der Arbeiterbewegung kollektiv erinnert werden, wird ihrer in der Regel
nicht als Klassenkämpfer gedacht, sondern als Opfer oder aber als Kämpfer
für die Sache der Nation – also als Vertreter einer
Einheit, die vermeintlich jenseits des Klassenwiderspruchs steht.
Obwohl es kein eigenes Panel dazu gab, stand auch der Stalinismus immer
wieder im Mittelpunkt der Konferenzdiskussionen. Auch er wird selektiv erinnert,
in Osteuropa überwiegend in nationalistischer Form ohne Differenzierung
gegenüber der Erfahrung des Nationalsozialismus. Der Stalinismus wird
dabei entweder durch eine verschwommene Form der Totalitarismustheorie gleichgesetzt
mit dem NS – oder aber NS-Kollaborateure werden gar als Kämpfer
gegen den Stalinismus rehabilitiert. Insbesondere letzteres Phänomen
verweist auf die Abgründe, in die ein national instrumentalisiertes
Täter/Opfer Schema führen kann.
Obwohl solche Entgleisungen nicht nur auf der Konferenz, sondern auch in
den europäischen Medien immer wieder heftige Kritik auslösten,
wird in dieser Kritik selten die spezifische Widersprüchlichkeit der
stalinistischen Verbrechen deutlich. Sie liegt vor allem darin, dass Stalins
erste Opfer die Oppositionellen der eigenen Partei waren. Dies waren mitunter
Verfechter und Verfechterinnen eines demokratischen Kommunismus –
nicht selten aber auch Funktionäre, die zuvor selbst an der Errichtung
der stalinistischen Diktatur und der Verfolgung politischer Gegner mitgearbeitet
hatten. Hier versagt die Dichotomie von Tätern und Opfern, welche die
Mehrheit der nationalen Erinnerungskulturen prägt. Die Tatsache, dass
die Arbeiterbewegung auf beiden Seiten stand, dass es ein widersprüchliches
Verhältnis von Täter und Opfer gab, wird im öffentlichen
Diskurs allenfalls dadurch abgebildet, dass die Sozialdemokratie als unbelasteter,
der Kommunismus hingegen als verbrecherischer Teil der Bewegung erinnert
werden. Diese Version, die auch auf der Konferenz mehrmals implizit vorgetragen
wurde, bezieht sich jedoch letztlich wieder auf eine Täter-Opfer Dichotomie,
die der Widersprüchlichkeit der konkreten historischen Ereignisse kaum
gerecht wird. Vertiefende Forschungen hierzu wären wünschenswert.
Die Zivilisierung der bürgerlichen Gesellschaft als Verwirklichung
der Ideale der Französischen Revolution ist ein Bezugspunkt, der auch
rivalisierende Gruppen der Arbeiterbewegung immer wieder einte. Ein weiteres
Band war die Parteinahme im Konflikt zwischen Arbeit und Kapital sowie zwischen
imperialen Zentren und kolonisierter Peripherie. Diese Konflikte waren bzw.
sind transnationale Phänomene. Deshalb, so stellten verschiedene Konferenzredner
zu Recht fest, eignet sich die Arbeiterbewegung bzw. die verschiedenen Arbeiterbewegungen
durchaus als Objekt einer Globalgeschichte und als Subjekt einer globalen
Erinnerungskultur.
Warum dies jedoch in der Praxis nicht stattfindet, war zentrales Thema der
Diskussionen. Einige Antwortmöglichkeiten deuteten sich an: wie bereits
festgestellt wurde gibt es (noch?) keine „globale“ Erinnerungskultur.
Die einzige globale Klammer einer Erinnerung am Beginn des 21. Jahrhunderts
bildet die negative Erzählung vom „Jahrhundert des Schreckens“,
was die Dominanz des Täter-Opfer-Dichotome in den jeweiligen nationalen
Meistererzählungen erklärt. Dieser Dichotomie, so Jürgen
Kocka in seiner Eingangsrede zur Konferenz, verweigert sich die Arbeiterbewegung
durch ihre positiven und zukunftsorientierten Utopien. Ein weiterer Grund
für die überwiegende Nicht-Erinnerung des zivilisatorischen Impulses
der Arbeiterbewegung könnte sein, dass sie mit anderen historischen
Ereignissen um die „begrenzte Ressource Erinnerung“ konkurrieren
muss, wie ein Diskutant es treffend ausdrückte.
Zu wenig diskutiert wurden die Konsequenzen der weitgehenden Verstaatlichung
von Erinnerungspolitik. Die Alternative zur nationalen Erinnerung wäre
eine Bewegungs-Erinnerung. Angesichts der Brüche heutiger Akteure der
Arbeiterbewegung mit ihren historischen Wurzeln und früheren Identitäten
ist eine solche allerdings schwer vorstellbar. Neue Akteure wie die globalisierungskritische
Bewegung haben zwar eine globale Perspektive, aber keine globale Identität
oder Organisationsform. Sie sind vielmehr gekennzeichnet durch größtmögliche
Heterogenität. Kategorien wie die „Multitude“ von Antonio
Negri und Michael Hardt können diese Tatsache nur mühsam kaschieren,
haben es aber bisher nicht vermocht, ein neues historisches Subjekt zu definieren.
Seit Wolfgang Abendroths „Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung“,
so stellte Mario Kessler aus Potsdam in seinem
Beitrag zur Historiographie der Arbeiterbewegungen fest, gab es keinen überzeugenden
Versuch mehr, eine überregionale Geschichte der Arbeiterbewegung zu
schreiben.
Trotz vielfach negativer Ergebnisse auf die Frage nach der Erinnerung an
die Arbeiterbewegung ist das Fazit der Konferenz jedoch kein Negatives.
Die OrganisatorInnen der Konferenz haben wissenschaftliches Neuland betreten
und eine enorme Lücke im „Erinnerungsboom“ der Geschichtswissenschaften
aufgezeigt. Denn auch wenn die Arbeiterbewegung keinen prominenten Platz
im kollektiven Gedächtnis einnimmt, so ist sie doch nicht vergessen.
In Deutschland erinnern unzählige Straßennahmen an Rosa Luxemburg,
Karl Liebknecht, Friedrich Ebert, Kurt Schumacher, Ernst Thälmann.
Auch in Westberlin gibt es eine Karl-Marx-Straße, in Trier ein Karl-Marx-Haus
und in Hamburg eine Thälmann-Gedenkstätte. Die erinnerungspolitischen
Debatten um diese Orte wären ein eigenes Thema, das spannende Erkenntnisse
über die Gegenwart wie die Vergangenheit deutscher Erinnerungskultur
liefern würde. Ähnliche Debatten gibt es in anderen Ländern.
Jedoch wurden gerade die konkreten Niederungen der Erinnerung in Form von
Denkmälern, Straßennamen und anderen Formen versteinerten Gedenkens
auf der Konferenz leider nur gestreift. Was jedoch nicht wundert, denn eine
intensive Forschung zu diesen Themen existiert nicht.
Was auf der Konferenz ebenfalls zu kurz kam, waren methodische Fragen der
Erinnerungsforschung. Hier sind insbesondere auf dem Gebiet der Holocaustforschung
intensive theoretische und empirische Vorarbeiten vorhanden – es wurde
jedoch kein Versuch gemacht, Methoden und Ergebnisse dieser Forschungen
auf das Phänomen der Arbeiterbewegung zu übertragen. Dies führte
bei einigen Beiträgen etwa zur deutschen und österreichischen
Sozialdemokratie zu einem Rückfall in eine Art von Hausgeschichtsschreibung,
die man in der historischen Forschung zur Arbeiterbewegung eigentlich überwunden
glaubte. Die nächste ITH-Konferenz im September 2011 wird sich dem
Thema „Arbeiterbewegungen und soziale Bewegungen als Triebkräfte
der Entwicklung von Gesellschaften und von Individuen“ widmen. Sie
könnte dazu beitragen, die diagnostizierte Nicht-Erinnerung des zivilisatorischen
Impulses der Arbeiterbewegung zumindest ein stückweit zu korrigieren.
Bericht von Jürgen Hofmann (Neues
Deutschland, 18.9.2010, S. 22)
Stachel im Fleisch: Tagung über
Arbeiterbewegung in der Erinnerung
Es waren erstaunlich viele junge Nachwuchswissenschaftler nach Linz in Österreich
gekommen. Ein Zeichen, dass die Arbeiterbewegungsgeschichte nach wie vor
auf Interesse stößt. »Arbeiterbewegung in der globalen
Erinnerung« war das Thema der diesjährigen Linzer Tagung, der
46. Ob die jungen Kollegen allerdings dem Thema die Treue halten können,
ist ungewiss. Die Schwerpunkte der Forschung und Lehre in West- und Osteuropa
lassen daran zweifeln.
Fast übereinstimmend wurde die Verdrängung der Arbeiterbewegungsgeschichte
aus dem Erinnerungskanon Europas beklagt. Ganz anders die Situation in Lateinamerika
und Asien. Auch einzelne europäische Länder fügen sich nicht
in den allgemeinen Trend ein, der vor Jahren schon einmal die Fortexistenz
der Linzer Konferenz in Frage stellte. Das von etlichen Diskussionsteilnehmern
bezeugte Interesse ihrer Studenten an Arbeiterbewegungsgeschichte lässt
hoffen.
Seltsam dagegen mutet das Bedauern von langjährigen Lehrstuhlinhabern
und Mitgliedern einflussreicher Kommissionen an der unzureichenden Präsenz
von Themen der Arbeiterbewegung im öffentlichen Diskurs an. Man könnte
meinen, Entscheidungsträger seien völlig hilflos dem Markt der
Erinnerung ausgesetzt. Das Podium zum Verhältnis von Macht, Geschichte
und Politik brachte jedenfalls keine befriedigende Aufklärung zur Rolle
der Historiker in der Erinnerungspolitik.
Die Konferenzbeiträge waren weit gespannt. Sie reichten von dem Befund,
dass die Arbeiterbewegung in der europäischen Erinnerung über
das 20. Jahrhundert eher marginal vertreten ist (Jürgen
Kocka), über den Platz der Résistance in der Erinnerung
des Zweiten Weltkrieges in Frankreich und Italien (Bruno
Groppo), dem Platz der »Mateship« – der Kumpelschaft
– im Selbstverständnis der australischen Siedlergesellschaft
(Nick Dyrenfurth), der Erinnerung an die Selbstverbrennung
des 22-jährigen Chun tea-il in Südkorea (Hyun
Back Chung) bis hin zur Solidarnosc in Polen (Tomasz
Kozlowski). Für Mario Keßler
(Berlin) bleibt die Arbeiterbewegungsgeschichte »ein Stachel im Fleisch
derer, die den Staus quo als beste aller möglichen Welten ansehen«.
Die diesjährige Konferenz war der Auftakt eines Zyklus, der sich der
Arbeiterbewegung und sozialer Bewegungen als Triebkraft sozialer Entwicklungen
widmet. Ein Vorschlag, den Feliks Tych (Warschau)
eingebracht hatte. Die nächste Tagung wird sich Ende September 2011
den »Arbeiterbewegungen und sozialen Bewegungen als Triebkräfte
der Entwicklung von Gesellschaften und Individuen« zuwenden.
Bericht von Jürgen Mittag (Mitteilungen
des Instituts für Soziale Bewegungen), folgt
Bericht von Andreas Diers*,
geringfügig ergänzt durch Bernd Hüttner
(RLS online <www.rosalux.de>, 19.10.2010)
Die sogenannte Linzer Konferenz wurde wie üblich von der
International Conference of Labour and Social History und der Kammer
für Arbeiter und Angestellte Oberösterreich veranstaltet.
An ihr nahmen ungefähr 80 Personen teil, davon kamen ein Zehntel aus
der RLS und dem geschichtspolitischen Umfeld, in dem sie sich bewegt (u.a.
Historische Kommission der LINKEN, Förderverein Archive und Bibliotheken
zur Arbeiterbewegung). Die RLS ist seit einigen Jahren reguläres Mitglied
der ITH.
Hintergrund und Zielsetzungen der Konferenz
Diese Konferenz ist die erste in dem neuen dreijährigen Tagungszyklus
der ITH, in dem einige Aspekte der Problematik Arbeiterbewegung und
soziale Bewegungen als Triebkräfte gesellschaftlicher Entwicklung
behandelt werden.
Der Ausgangspunkt der diesjährigen Tagung ist die Frage nach dem Vorhandensein
der Arbeiterbewegungen im Repertoire der Vergegenwärtigung von Vergangenheit
(„kollektive Erinnerung“) gewesen. In der schon fast unübersehbaren
Flut an Debatten und Publikationen, welche der Aufstieg der Konzeption der
„kollektiven Erinnerung“ in den letzten beiden Jahrzehnten ausgelost
hat, ist die Rolle der Arbeiterbewegungen jedoch weitgehend nur ganz am
Rande behandelt worden, zumeist wurde sie sogar überhaupt nicht thematisiert.
In der ITH-Konferenz ist an Hand einiger ausgewählter Beispiele untersucht
worden, welche Erinnerungsmuster hinsichtlich der Arbeiterbewegungen in
die „kollektive Erinnerung“ von welchem Akteur wann, wo, wie
und weshalb ´eingespeist` worden sind. Dabei ist auch gefragt worden,
welche Veränderungen diese Erinnerungsprozesse in den vergangenen Jahrzehnten
erfahren haben. Thematisiert worden ist außerdem, ob in Europa möglicherweise
die sozialen Emanzipationsbestrebungen im Mittelpunkt der Erinnerungen stehen
und ob es die Beiträge der Arbeiterbewegungen mit ihren unterschiedlichen
Strömungen gewesen sind, die zur Formierung von Sozialstaaten geführt
haben und bei der Schaffung relativ homogener Gesellschaften in Europa eine
wesentliche Rolle gespielt haben – oder ob ganz andere kognitive und
affektive Denktraditionen die wesentliche Rolle innegehabt haben.
Auf der einen Seite ist der Blick auf einige der „Erinnerungen“
an die Arbeiterbewegungen sowie ein paar weiterer sozialer Bewegungen in
einzelnen Staaten und Regionen sowie ihren jeweiligen Niederschlag im „Inventar
globaler Erinnerung“ gerichtet worden. Auf der anderen Seite ist das
Augenmerk auch auf erinnerungspolitische Strategien gelenkt worden, die
diese Bewegungen selbst entwickelt haben.
Verlauf der Konferenz
(...) Das Eröffnungsreferat hielt am Freitag Enzo Traverso (Paris).
Er ging ausführlich darauf ein, dass sich die hegemoniale Erinnerungspolitik
in Europa von einer Sieger/Besiegte-Dichotomie zu der des Verhältnisses
Täter/Opfer verschoben habe. Unter der zweiten Dichotomie seien dann,
so Traverso, auch die drei zeitgenössischen Hauptstränge zu subsumieren:
Holocaust, Stalinismus und Postkolonialismus.
Nach einer Einführung in den neuen Tagungszyklus der ITH und in das
aktuelle Programm behandelte Jürgen Kocka (Freie Universität,
Berlin) zu Beginn des zweiten Konferenztages die etwas umfassendere Thematik
Arbeiterbewegungen in der europäischen Erinnerung des 20. Jahrhunderts.
Bruno Groppo (Centre National de la Recherche Scientifique, Paris) veranschaulichte
in seinem Beitrag The Changing Memories of World War II and Resistance
in Italy and France: A Comparative View die unterschiedlichen historischen
und aktuellen Bedeutungen der Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg sowie
an den antifaschistischen Widerstandskampf einerseits in Frankreich und
andererseits in Italien. Er konstatierte dabei u.a., dass es in Italien
in der offiziellen Erinnerungskultur lange Zeit ein pauschales Gegenüberstehen
von angeblich nur einigen wenigen Faschisten und den späteren deutschen
Besatzungstruppen auf der seinen Seite sowie dem weitaus überwiegenden
Rest der Bevölkerung auf der anderen Seite gegeben habe. Diese undifferenzierte
Erinnerung sei erst sehr spät hinterfragt worden, wobei dann auch die
Problematik der italienischen Bürgerkrieges berücksichtigt worden
sei.
Bernd Faulenbach (Ruhr Universität, Bochum) referierte über Die
deutsche Sozialdemokratie in den geschichtspolitischen Auseinandersetzungen
der 1970er und 1980er Jahre. Faulenbach präsentierte interessante
Details über die offizielle Geschichtspolitik der SPD sowie deren Hintergründe
und Zielsetzungen. Allerdings ist in der anschließenden Diskussion
zu Recht seine sehr unkritische Haltung gegenüber der Politik und der
Geschichte der SPD bemängelt worden.
Helmut Konrad (Karl-Franzens-Universität, Graz) stellte die Geschichtspolitik
der österreichischen Sozialdemokratie in den 1970er und 1980er Jahren
vor. Österreich kommt seinen Ausführungen nach in der Geschichte
der Arbeiterbewegung eine Bedeutung zu, die größer als die vergleichbarer
Länder ist. Das habe auch damit zu tun, dass in Österreich die
Theorieentwicklung der Arbeiterbewegung über längere Zeit entscheidend
vorangetrieben worden sei, wie z.B. durch den „Austromarxismus“.
Außerdem sei hier die Alltagskultur etwa durch das „Rote Wien“
modellhaft etabliert worden. Nicht zuletzt beherberge es auch zentrale Gedächtnisorte
– wie beispielsweise im Zusammenhang mit den Geschehnissen im Februar
1934. Trotz aller Beengtheit der akademischen Welt in Österreich habe
die Arbeitergeschichte hier stärker als in anderen Ländern u.a.
auch deshalb in den 1950er und 1960er Jahren Fuß fassen können,
weil sie auf universitärer Ebene in der Ära Kreisky erheblich
gefördert worden sei. Fast alle Lehrstuhlinhaber des Fachs Zeitgeschichte
hätten in dieser Zeit nicht nur eine inhaltliche, sondern zudem auch
eine institutionelle Nähe zu den Organisationen der Arbeiterbewegung
gehabt. Allerdings sei dann von dieser Stellung aus der spätere wissenschaftliche
Paradigmenwechsel von der traditionellen Ideen- und Organisationsgeschichte
hin zu einer Sozial- und Kulturgeschichte nicht ausreichend berücksichtigt
worden sei. Dadurch sei die Attraktivität dieses Fachs für einige
Zeit in einem erheblichen Maße zurückgegangen.
Mario Kessler (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) behandelte
das Thema Die Historiographie der Arbeiterbewegung – von der Erinnerungskultur
zur Erinnerung an eine Zukunft. In seinem spannenden Vortrag forderte
er u.a. ein sehr viel offensiveres Agieren hinsichtlich der Erinnerungskultur
der Arbeiterbewegung, auch im Zusammenhang mit der Überwindung der
gegenwärtigen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung.
Nick Dyrenfurth (University of Sydney) thematisierte in seinem Beitrag ‘Socialism
is being mates’: ‘Mateship’ and the Cultural Politics
of the fin de siècle Australian Labour Movement einen sehr spezifischen
Aspekt innerhalb der australischen Arbeiterbewegung. Dieser außerhalb
Australiens kaum bekannte Aspekt des vor allem auch durch die dortigen besonderen
Lebensumstände bedingten „mateship“ verbindet Gleichberechtigung,
Loyalität und Freundschaft miteinander.
Andreas Eckert (Humboldt Universität, Berlin) zeigte in seinem sehr
beeindruckenden Vortrag Historische Bezugspunkte afrikanischer Arbeiterbewegungen
einerseits die Konzeptionen des europäischen, und dabei besonders
des französischen Kolonialismus sowie deren durch die direkten und
indirekten Einflussnahmen seitens der afrikanischen Arbeiterbewegung bedingten
erheblichen Veränderungen nach 1945 auf. Eckert wies in diesem Zusammenhang
nicht nur auf große und lange Streiks gegen Ende der 40er Jahre hin,
sondern zeigte auch die Bedeutung z.B. der ´Marktfrauen` in diesen
Kämpfen auf. Eckert veranschaulichte zudem, wie sich die Rolle, Bedeutung
und Funktion der afrikanischen Arbeiterbewegungen im Kampf für die
nationale Unabhängigkeit sowie nach der Durchsetzung der Unabhängigkeit
ganz wesentlich verändert haben. Zu Recht hinterfragte er, ob die Kategorien
der immer noch sehr eurozentristischen und traditionellen Sichtweise der
Arbeiterbewegung in Bezug auf die Bedingungen etwa in Afrika adäquat
sind. Er zeichnete gleichfalls nach, wie sich die Bedingungen und die Bedeutungen
der Arbeiterbewegungen in afrikanischen Staaten nach dem Erlangen der nationalen
Unabhängigkeiten grundlegend gewandelt haben: In vielen afrikanischen
Staaten wurden Aktivisten der Arbeiterbewegung zu Angehörigen der postkolonialen
Staatsbürokratie.
Dass die Bedeutung der Arbeiterbewegungen und der Erinnerungen an die Traditionen
an die Arbeiterbewegung in vielen Staaten Südamerikas nach dem Übergang
von militär-faschistischen Regimes zu demokratischen Regierungen wesentlich
geringer geworden ist, wies Gerardo Leibner (Institute for Latin American
History and Culture, Tel Aviv University) in seinem Beitrag The Memory
of Latin American Labour Movements nach. Die Erinnerungen an die Arbeiterbewegungen
werden von anderen Erinnerungen überlagert, z.B. von den Erinnerungen
der Angehörigen an die Opfer der faschistischen Regimes. Leibner hat
hier betont, dass die Angehörigen ihre ermordeten Verwandten nicht
nur als bloße Opfer, sondern auch als aktive Kämpfer gegen die
Regimes ansehen.
Wie kompliziert und schwierig die Bedingungen für die Arbeiterbewegung
in Südkorea gewesen sind und auch gegenwärtig heute noch immer
sind, zeigte Hyun Back Chung (Sungkyunkwan University, Seoul) in ihrem Vortrag
Memories of the South-Korean Labour Movement. Sie schilderte das
Leben, die erinnerungspolitische und die politische Bedeutung von Chun tae-il,
der sich zweiundzwanzig jährig im Jahr 1970 aus Protest gegen die unmenschlichen
Arbeitsbedingungen der ArbeiterInnen in kleinen Fabriken selber verbrannt
hat.
Berthold Molden (Wien) thematisierte mit seinen Konferenzbeitrag Historische
Bezugspunkte der Antikolonialbewegung einige der zentralen antikolonialen
Geschichtspolitiken von der Konferenz der antiimperialistischen Liga im
Jahr 1927 in Brüssel bis in die Gegenwart.
Dass es zwischen den feministischen Bewegungen in Skandinavien und der Arbeiterbewegung
keine bedeutenden politischen Kontakte gegeben hat, veranschaulichte Ulla
Manns (Department of Gender Studies, Södertörn University, Stockholm)
in ihrem Vortrag Historico-political Strategies of Scandinavian Feminist
Movements.
Über den Wandel der polnischen Gewerkschaft Solidarität
von einer bedeutenden Reformbewegung hin zu einer Organisation, die die
politisch rechts orientierte Partei Recht und Gerechtigkeit unterstützt,
referierte Tomasz Kozlowski (The Institut of National Remembrance, Warszawa)
in The Memory of the Polish Independent Self-Governing Trade Union “Solidarnosc”.
Trotz dieses gravierenden politischen Wandels wird die Geschichte der Solidarität
immer noch von einem Großteil der polnischen Bevölkerung, auch
von der Jugend, positiv beurteilt.
Jens Kroh (Essen) hatte zum Abschluss der Konferenz die schwierige Aufgabe,
eine Synthese der verschiedenen Beiträge und der zahlreichen Diskussionsbeiträge
zu erstellen.
Ergebnisse der Konferenz
Als wesentliches Ergebnis der Konferenz muss zum einen festgehalten werden,
dass aus mehreren Gründen die Erinnerungen an die klassische, die traditionelle
Arbeiterbewegung und ihre unterschiedlichen Strömungen sowie deren
ProtagonistInnen bis auf sehr wenige Ausnahmen gegenwärtig weder im
jeweiligen nationalen, regionalen und globalen Zusammenhang eine nennenswerte
Bedeutung mehr haben. Die Erinnerungen an die traditionelle Arbeiterbewegung
sind entweder an den Rand der Erinnerungskultur gedrängt worden, oder
sie werden oftmals von anderen Erinnerungen überlagert.
Die Konferenz hat allerdings gleichzeitig durchaus auch einige Möglichkeiten
und Wege aufgezeigt, wie dieses wenig erfreuliche Ergebnis zumindest tendenziell
verändert werden kann. Zu diesen Möglichkeiten und Wegen gehören
u.a. die Nutzung des Internets für die Verknüpfung von Archiven,
ProtagonistInnen und WissenschaftlerInnen, die digitale Zur-Verfügung-Stellung
von Materialien, dazu gehört aber auch die Nutzung von traditionellen
Medien wie Rundfunk und Fernsehen für die Verbreitung der Erinnerungen
an die Arbeiterbewegung („HistorikerInnen der Arbeiterbewegung müssen
medial Besseres zustande bringen als Guido Knopp!“).
Zum anderen hat die Konferenz (wie auch schon die Konferenz im letzten Jahr)
die mit den Begriffen „Arbeit“, „Lohnarbeit“ und
„Arbeiterbewegung“ verbundenen Problematiken offenkundig werden
lassen. Es scheint offensichtlich unbedingt erforderlich zu sein, sich mit
diesen Begriffen noch einmal sehr viel differenzierter und intensiver als
bislang zu beschäftigen. Die in der MEGA² veröffentlichten
Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels geben dafür sicherlich
einige Ausgangspunkte sowie zahlreiche Anregungen.
Schließlich hat die Konferenz auch eine nach wie vor bestehende große
Lücke aufgezeigt, nämlich dass es bis heute noch kein wissenschaftliches
Werk gibt, in dem die globale Geschichte der Arbeiterbewegung mit all ihren
Wechselwirkungen und Beeinflussungen untersucht und dargestellt wird, so
wie es Wolfgang Abendroth bezogen auf Europa mit seiner „Sozialgeschichte
der europäischen Arbeiterbewegung“ versucht hat.
* Andreas Diers ist Mitglied der Rosa-Luxemburg-Initiative
Bremen.
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