Peter Birke (Sozial.Geschichte online 2/2010)
Andreas Diers, Bernd Hüttner (Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung 80/2009)
Ralf Hoffrogge (Mitteilungen des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung 37)
Günter Benser (Neues Deutschland, 19.9.2009)
Bericht von Peter Birke
(In: Sozial.Geschichte online 2/2010)
Die Linzer Konferenz über die „Geschichte der Arbeiter-
und anderer sozialer Bewegungen“ (ITH), früher eine Plattform
für Debatten von HistorikerInnen aus Ost- und Westeuropa, wird heute
von über hundert Instituten und Vereinigungen aus fünf Kontinenten
organisiert. Schon in dieser Zahl drückt sich der – freilich
nicht durchgehend eingelöste – Anspruch auf eine inhaltliche
und räumliche Erweiterung des Spektrums der ArbeiterInnengeschichte
aus.
Im letzten, dreijährigen Konferenzzyklus der ITH sollte es einerseits
ausdrücklich um eine Global Labor History gehen, die den Fokus
von der bezahlten zur unbezahlten und von der formalisierten zur prekarisierten
Arbeit verschiebt. Andererseits wurde, insbesondere im vergangenen Jahr,
der Anhang „und anderer sozialer Bewegungen“ konkretisiert.
Die 44. Linzer Konferenz betrachtete, im Titel angelehnt an ein Thesenpapier
von Immanuel Wallerstein,die Geschichte der „globalen Revolution“
der 1968er Jahre. Die diesjährige 45. Konferenz
wandte sich wieder dem Kerngeschäft der „grenzüberschreitenden
Arbeitergeschichte“ zu. Dabei war es eine außerordentliche Qualität
dieser Veranstaltung, dass die Vortragenden Erfahrungen aus fünf Kontinenten
zur Sprache brachten.
Rana P. Behal, ein zurzeit in Berlin lehrender
Forscher, berichtete über die Historiographie der Arbeitsgeschichte
in Indien. Es ist dies eine Geschichte, die besonders deutlich werden lässt,
wie bedeutend Sektoren jenseits der formalisierten Lohnarbeit für die
außereuropäische Arbeitsgeschichte sind. Zugleich waren es auch
in Indien nicht die Forschungen im engen Sinne, sondern es waren die Kämpfe
um die Arbeit und die Organisierungen in der Arbeit, „[that] catapulted
studies in the condition and history of labour into public attention.“
Dabei kam es in der späten Kolonialzeit zu einer Übernahme europäischer
Paradigmen durch die indische Historiographie, eine Tendenz, die nicht nur
die „modernist assumptions“ der Kollegen aus dem globalen Norden
teilte, sondern auch zu einer gerade in Indien sehr fragwürdigen Überbetonung
der Bedeutung der Industriearbeiterklasse führte. Erst seit Mitte der
1970er Jahre löste sich diese Bindung, und wie anderswo gerieten unter
anderem neue kulturhistorische Fragestellungen in den Blick. Heute definiert
die Association of Indian Labour Historians die sozialen Orte der
Arbeitsgeschichte breit: „Apart from continuing the study of the modern
industrial working class [...], scholary interest [is] needed on the neglected
areas of informal sector labour, lives of artisans, women and children and
peasant migrants.“
Dick Geary, Historiker an der Universität Nottingham, brach
dagegen eine Lanze für eher traditionelle Zugänge (auch) zur Arbeitsgeschichte.
Sein Vortrag war der Frage nach dem Gewicht gewidmet, das comparisons
und similarities in der Forschung zukäme. Geary betonte die
Bedeutung des kontrastierenden Vergleiches anhand einiger Beispiele aus
der englischen Arbeitsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Er warnte hingegen
vor einer Überbetonung von Gemeinsamkeiten und Kontinuitäten in
der international vergleichenden Arbeitsgeschichte, wie sie etwa zuletzt
im Konzept der „atlantischen Revolution“ (Peter Linebaugh und
Marcus Rediker) aufscheint.“ Geary betonte in
seinem Vortrag die sehr unterschiedlichen und je historisch spezifischen
Ziele der europäischen und brasilianischen Handwerker im Revolutionsjahr
1848, insbesondere in Bezug auf die unterschiedliche Orientierung an einer
Öffnung / Schließung lokaler Märkte.
Elise van Nederveen Meerkerk vom Internationalen Institut für
Sozialgeschichte in Amsterdam stellte ein ehrgeizig angelegtes komparatives
Projekt vor, das sich zum Teil mit den Annahmen Gearys verbinden lässt.
Wie zuvor bereits in einem dock workers project erprobt, trafen
sich seit 2003 Forschende aus etwa 20 Ländern, um die Geschichte der
Textilarbeit und ihrer Globalisierung zwischen 1650 und dem Jahr 2000 zu
erkunden. Es handelt sich um eine „kollektive Forschungsmethode“,
die sowohl quantitative als auch qualitative „Querschnittsvergleiche“
möglich machen soll. In der Debatte wurden, bei aller Sympathie dem
kollektiven Ansatz gegenüber, einige Zweifel ob der Operationalisierbarkeit
und allgemeinen Übersetzbarkeit des von Nederveen Meerkerk vorgestellten
Modells laut. Weitere Beiträge über die Textilindustrie kamen
von Andrea Komlosy (Universität Wien)
und Sven Beckert (Harvard University). Komlosys
Referat befasste sich mit der Historisierung des „Ungleichzeitigen“,
also der Kombinationen von Standorten, Arbeitsverhältnissen und Protesten
zwischen 1700 und der Gegenwart; Beckert betonte die Rolle der unfreien
Arbeit und ihrer Umwandlung in den USA nach ca. 1865. Sehr interessant,
allerdings nur vermittelt an die sonstigen Gegenstände der Konferenz
angebunden, war der Beitrag von Juliana Ströbele-Gregor
(FU Berlin) über die Ausbreitung des evangelikalen Fundamentalismus
in Lateinamerika seit Mitte des 20. Jahrhunderts.
Dass der Gegenstand einer Global Labour History sehr vielfältig
aufgefächert werden kann, zeigten sodann auch die Referate von Abdoulayne
Kane (Universität Florida), Dirk Hoerder
(Arizona State University) und Minjie Zhang
(Zhejiang Gongshang Univerität, Hangzhou, China). Die prägende
Bedeutung der Migration im Senegal River Valley verdeutlichte Kane
unter anderem anhand konkreter, ethnographisch ermittelter Beispiele wie
dem Handygebrauch und dem Bau von Wohnhäusern durch migrantische Familien,
während Hoerder eine Systematisierung des Zusammenhangs zwischen der
Kapitalisierung der Landwirtschaft und der ländlichen Migration für
den Zeitraum zwischen 1850 und 1960 vorschlug. Sehr eindrucksvoll stellen
sich die Dimensionen der aktuellen und ebenfalls stark migrantisch geprägten
Urbanisierung in China dar, wie Zhang anhand des Beispiels Yiwu, einer früheren
Kleinstadt am Rande der Shanghai Economic Zone, zeigte. In weniger
als 30 Jahren wuchs dieser Ort in kaum vorstellbarem Ausmaß, von rund
10.000 auf 700.000 EinwohnerInnen mit gesichertem und noch einmal einer
Million Menschen ohne gesichertes Aufenthaltsrecht.
Die Frage nach der Bedeutung solcher Umwälzungen, nach ihren sozialen
und politischen Folgen, konnte auch auf der diesjährigen ITH-Tagung
nur angerissen werden. Bereits im Vorfeld der Konferenz hatten die Mitgliedsinstitutionen
eine kurze und relativ unschlüssige Debatte über die Bedeutung
der aktuellen Weltwirtschaftskrise hinter sich gebracht. Wenn stimmt, was
Rana P. Behal zu Beginn der Tagung ausführte, dann werden die sozialen
Kämpfe der nächsten Zeit die Tagesordnung (nicht nur) der Arbeitsgeschichte
stark verändern. Natürlich kann ein dreijähriger Konferenzzyklus
wie der jetzt geplante diese Änderungen nicht antizipieren. Debattiert
werden kann dagegen die Bedeutung kollektiver Organisierung in diesem künftigen
Feld. Kritisch angemerkt wurde, dass die Frage danach in den wenigsten Beiträgen
auftauchte, was auch eine Abendveranstaltung (mit einem österreichischen
Gewerkschafter, der das Loblied auf die Standortlogik so lange sang, bis
buchstäblich das Licht im Saal versagte) nicht zu ändern vermochte.
Immerhin war mit Michele Ford auf der Tagung
eine Vortragende vertreten, die intensiv zum Zusammenhang von Migration,
Legalisierung, Arbeitsverhältnissen und kollektiver Gegenwehr in Thailand
und Malaysia gearbeitet hat.
Den mit der Kontinuität von Alltagsverhältnissen und kollektiver,
politischer Organisierung verbundenen Problemen, Brüchen und Kontinuitäten
sollte auch aus meiner Sicht zukünftig etwas mehr Raum verschafft werden
(das allerdings nicht nur auf der Linzer Konferenz).
Die Tagung schloss mit einem Beitrag von Lex Heerma
van Voss (IISG / Universität Utrecht), der stark konzeptionell
ausgerichtet und deshalb für eine Debatte über die zukünftigen
Schwerpunkte der Global Labour History besonders geeignet war.
Van Voss plädierte unter anderem für eine „Grundlagenforschung“,
die sich von den Konjunkturen der Historiographie zu distanzieren vermag,
um den Grundriss des sich entwickelnden Fachs entwickeln zu können.
In der Diskussion zweifelten einige an Forderungen nach „Geduld“
und „Distanz“, auch angesichts dessen, dass diese Idee eine
Unverbundenheit zwischen „Wissenschaft“ und laufend stattfindenden
gesellschaftlichen Veränderungen evoziere. Strittig blieb am Ende auch,
ob es sich bei dem laufenden Projekt überhaupt um die Entwicklung eines
„Fachs“ im engeren Sinne handelt oder ob nicht vielmehr die
immer wieder vorgetragenen Ziele der Erweiterung des Arbeitsbegriffs und
der geographischen Reichweite Fluchtpunkte einer anhaltenden Suche bleiben
sollten, die eng mit den sozialen Kämpfen vermittelt bleibt und sich
nicht auf das Ziel eines vorab definierten inhaltlichen Kanons oder etablierter
methodischer Verfahren festlegen lässt.
Das Konzept
der „Verbreiterung“ des Fokus ähnelt insofern dem von Marcel
van der Linden; vgl. ders., Workers of the World: Essays Toward a Global
Labor History, Leiden 2008. Für das Buch wurde van der Linden auf der
Konferenz der diesjährige René-Kuczynski-Preis verliehen.
Vgl. Michele Ford, Workers
and Intellectuals. NGOs, Trade Unions and the Indonesian Labour Movement,
Singapur 2009.
Bericht von Andreas Diers, Bernd Hüttner* (In:
Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung; Heft 80, Dezember 2009, S. 173-176)
Mit der 45. Konferenz der Internationalen Tagung der HistorikerInnen
der Arbeiterbewegung und anderer sozialer Bewegungen (ITH) wurde der
dreijährige Konferenzzyklus, der sich einer Erneuerung der Arbeitergeschichte
unter globalen Vorzeichen widmete, vorerst abgeschlossen.
Marcel van der Linden (Forschungsdirektor am Internationalen Institut
für Sozialgeschichte, IISG, Amsterdam) hatte den Vorsitz der Koordination
der Tagung inne. Am Eröffnungsabend wurde ihm der René-Kuczynski-Preis
2009 für herausragende Publikationen auf dem Gebiet der Wirtschafts-
und Sozialgeschichte verliehen.
In seiner Dankesrede gab Marcel van der Linden einen Überblick über
das Konzept der Global Labour History. Forschungsobjekt der traditionellen
kommunistischen wie sozialdemokratischen Arbeitergeschichte seien freie
männliche Arbeiter gewesen. Der geografische Schwerpunkt habe im industrialisierten
Norden einschließlich der Länder des „realen“ Sozialismus
gelegen. Das Verhalten sowie der Protest der Arbeiter sei weitgehend nur
in den organisierten und gut sichtbaren Formen analysiert worden. Diese
Geschichtschreibung über Arbeit und Arbeiter sei auch durch einen „methodologischen
Nationalismus“ gekennzeichnet gewesen, der in nationalstaatlichen
Vorstellungen verharrt habe. Diese traditionelle Geschichtsschreibung habe
außerdem ein sehr lineares und eurozentristisches Denken hinsichtlich
der historischen Entwicklungen verfolgt.
Die Global Labour History arbeite auf eine andere Art und Weise.
Sie habe zunächst ein ganz anderes Verständnis von Arbeit. Sie
verstehe unter „Arbeit“ sowohl freie und wie auch unfreie, bezahlte
und unbezahlte Arbeit. Dadurch würden auch Ausbeutungsverhältnisse
wie etwa Migration und Sklaverei in das Blickfeld kommen. Sie überwinde
den methodologischen Nationalismus, indem sie Gesellschaften als räumliche
und soziale Netzwerke auf globaler Ebene denke. Dadurch kritisiere sie u.a.
auch den Eurozentrismus.
An den nächsten beiden Tagen folgte dann nach einer Einführung
von Marcel van der Linden eine sehr heterogene Palette an Vorträgen
in vier Panels. Die insgesamt elf Vorträge fokussierten dabei auf verschiedenste
zeitliche und geographische Bezugspunkte.
Rana P. Behal (Universitat von Dehli /Indien)
berichtete aus der umfangreichen, bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts
zurückreichende Arbeitergeschichtsschreibung in Indien und Südasien,
die schließlich 1996 in der Gründung der Association of Indian
Labour Historians mündete.
Dick Geary (Universität Nottingham/GB)
stellte die zweite neben der Global Labour History bestehende Konzeption
von Labour History vor, die in ihrem Forschungsansatz nationale
Grenzziehungen überwinden will. Diese Konzeption vergleicht unter ökonomischen,
politischen, sozialen und kulturellen Aspekten die Geschichte der Arbeit
in verschiedenen Ländern.
Sven Beckert (Harvard University/USA) ging
auf die Bedeutung von Agrarprodukten wie Tee, Kaffee und vor allem des Baumwollanbaus
für die Herausbildung des modernen Kapitalismus ein. Jener sei keineswegs
von Beginn an industriell oder immer in derselben Weltregion erfolgt, vielmehr
seien die Anbaugebiete weltweit gewandert und der Anbau bis zum Beginn des
amerikanischen Bürgerkrieges Mitte der 1860er Jahre vor allem durch
Sklaverei ermöglicht worden. Danach mussten neue Formen des globalisierten
Anbaus, der Weiterverarbeitung und des Handels – und der dazugehörigen
Arbeitsregimes – erfunden werden.
Elise van Nederveen Meerkerk (Amsterdam &
Leiden University) berichtete über ein 2003 vom IISG initiiertes siebenjähriges
Projekt mit der Aufgabe, die Geschichte von Textilarbeitern sowohl international
als auch langfristig zu erforschen.
Abdoulaye Kane (University of Florida/USA)
beschrieb die Situation von Migranten aus dem Senegal (den Haapulaar) in
den Ländern, in die sie immigriert sind. Er ging außerdem auf
die sehr engen Bindungen der immigrierten Haapulaar zu ihren Familien sowie
zu ihrer alten Heimat ein. Diese engen Bindungen haben durch den mit ihnen
verbundenen ökonomischen, technologischen und kulturellen Transfer
zu gravierenden Veränderungen in der ursprünglichen Heimat geführt.
Nicht zuletzt haben sie dort eine verstärkte soziale Differenzierung
verursacht.
Minjie Zhang (University Hangzhou/VR China)
veranschaulichte an Hand von Fotos und Graphiken in seinem Beitrag Urbanization
and Migrant Workers in Yiwu, sowohl das rasante und auf modernstem
Niveau stattfindende Wachstum der Nahe Shanghai gelegenen Stadt Yiwu, als
auch die teils menschenunwürdige Lebenssituation der unzähligen
WanderarbeiterInnen in dieser Stadt.
Über fast allen Beiträgen schwebten einige große Fragen,
die noch einer weiteren intensiven und vertieften Bearbeitung harren: Welchen
Begriff von „Arbeit“ verfolgt die Global Labour History?
Ist jetzt – lange nachdem man die Fabrik und die festorganisierte
Arbeiterbewegung als Forschungsgegenstand überwunden hat – der
informelle Sektor der Slums und sweatshops die neue theoretische Zentralperspektive?
Funktioniert die Global Labour History vor allem in Abgrenzung
zur alten Arbeitergeschichte von Partei, Staat und Fabrik, oder hat sie
auch einen eigenständigen Zugang? Wie sieht dieser aus, wenn auch die
vielen Faktoren – wie Ethnie, Geschlecht, Religion, Leibeigentum,
Grundbesitz etc.pp. – berücksichtigt werden, die Arbeiterbewusstsein
und –verhalten formatieren und die Ressourcen für Widerstand
limitieren oder ermöglichen? Und wie schon 2008, bei der Debatte über
´1968 aus globaler Perspektive´, stellte sich die große
Frage nach dem Vergleich: Was kann man überhaupt sinnvoller Weise vergleichen.
Dienen die Vergleiche einer comparative global labour history vor
allem dem Aufwerfen neuer Fragen, oder erbringen sie auch fruchtbare Erkenntnisse?
Macht es Sinn die WanderarbeiterInnen des heutigen China mit den Produktionsverhältnissen
des habsburgischen Textilmanufakturwesens zu vergleichen? Nicht zuletzt
wäre zu fragen, so der Hamburger Historiker Peter Birke, inwieweit
die homogenisierenden und linearen Vorstellungen der Fabrik und der Arbeiterklasse
in den goldenen 50 Jahren von 1930 bis 1980 auch damals schon falsch gewesen
seien und ob dieses historische Arbeitsregime des Fordismus nicht von unsichtbarer
und informeller Arbeit umlagert gewesen sein. Vielleicht ist ja, erst recht
weltweit und historisch betrachtet, Sklaverei und Subsistenz die vorherrschende
Produktionsform und nicht das Fliessband, also China statt Chicago?
* Andreas Diers ist Historiker und Jurist in Bremen,
Bernd Hüttner ist Koordinator des „Gesprächskreis Geschichte“
der Rosa Luxemburg Stiftung
Bericht von Ralf Hoffrogge* (In:
Mitteilungen des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte
der Arbeiterbewegung, Nr. 37)
„Grenzenüberschreitende Arbeitergeschichte:
Konzepte und Erkundungen“ war das Motto der 45. Linzer Konferenz
der International Conference of Labour and Social History (ITH), die vom
10. bis 13. September 2009 in Linz stattfand. Dementsprechend experimentell
im besten wissenschaftlichen Sinne liefen dann auch die Diskussionen ab.
Denn die ITH, vor 45 Jahren gegründet als Austauschforum für HistorikerInnen
aus Ost und West, hat diesen Gegensatz längst hinter sich gelassen
und strebt eine grundlegende Neuorientierung des Faches an.
Ein notwendiger Prozess, der allerdings auch Ausdruck einer Krise ist –
nicht zuletzt einer Finanzkrise: Die Mittel der ITH sind zwar kurzfristig
gesichert, aber Deckungslücken sind absehbar, die bald durch neue Einnahmen
geschlossen werden müssen. Die ITH steht exemplarisch für viele
Institutionen zur Erforschung der Arbeiterbewegung. Geschuldet ist die allgegenwärtige
Subventionsknappheit nicht nur dem Ende des Blockkonfliktes, sondern vor
allem dem seit den 1990er Jahren rapiden und fortschreitenden Verlust von
gesellschaftlichem Einfluss seitens der Arbeiterbewegung selbst.
Die Krise des Faches ist daher nicht nur finanzieller, sondern vor allem
politischer Natur: Wozu soll eine Arbeiterbewegung erforscht werden, die
auch im kapitalistischen Westen zunehmend ihre gesellschaftliche Basis und
ihr Subjekt verloren hat? So beschreibt etwa die in der BRD wohl meistgelesene
Darstellung von Axel Kuhn zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung
ihren Gegenstand ganz selbstverständlich als historisches, also abgeschlossenes
Kapitel. Der Autor hat Recht, wenn er zur Begründung vor allem auf
das Ende proletarischer Milieus in BRD und Westeuropa verweist, auf eine
nahezu vollständige Integration der Arbeiterklasse in bürgerliche
Verkehrsformen.
Diese Analyse trifft jedoch nur zu, wenn man unter „Arbeiter“
sich nichts anderes vorstellen kann als jene Proletarier aus den Gesängen
von Ernst Busch. Auch wenn dieses Milieu Geschichte ist – was keineswegs
historisch überwunden wurde, ist der globale Widerspruch von Arbeit
und Kapital. Herauskommen aus einer rein musealen, historisierenden Darstellung
der Arbeiterbewegung und sich diesen globalen Widersprüchen und Arbeitskämpfen
widmen, das war das Ziel der diesjährigen ITH.
Dementsprechend programmatisch war die Preisrede von Marcel
van der Linden, der für sein Buch „Workers of the World:
Essays toward a Global Labor History“ den René Kuczynski-Preis
2009 der ITH erhielt. Van der Linden sieht sein Konzept einer Global Labor
History als Nachfolge der mittlerweile in die Jahre gekommenen „New
Labor History“, ohne jedoch deren Erkenntnisse völlig zu verwerfen.
Kritik übte der Preisträger vor allem an der Orientierung auch
und gerade der New Labor History am Nationalstaat als unhinterfragter Bühne
für geschichtliches Handeln – eine Idee, die er im Wesentlichen
als Konstruktion sah und durch eine grenzüberschreitende Geschichtsschreibung
ersetzt wissen wollte. Bekräftigt wurden seine Ausführungen durch
Dick Geary aus Nottingham, der seinerseits
kritisch über Vergleiche nationaler Geschichtsräume berichtete.
Diesem Aufruf folgte das Programm der ITH. Die Zusammenstellung der RednerInnen
war nicht nur international in dem Sinne, dass viele Nationen und Regionen
vertreten waren. Vor allen Dingen spiegelte das Programm tatsächlich
aktuelle Debatten wider, wie sie im angelsächsischen Raum, aber auch
in Schwellenländern wie China und Indien zur Geschichte der Arbeit
geführt werden. Hervorzuheben ist etwa die Teilnahme von Rana
Behal von der Association of Indian Labor Historians, der nicht nur
die Tätigkeit seiner Organisation vorstellte, sondern die TeilnehmerInnen
auch mit aktuellen Debatten zur Geschichte der Arbeit in Südostasien
bekannt machte.
Solche Debatten und ihre Vertreter zu einer lebendigen Diskussion zu holen
ist das eigentliche Verdienst der ITH, denn gerade in der manchmal recht
konservativen deutschsprachigen Geschichtswissenschaft mangelte es lange
am Willen zur Internationalisierung. Konzepte wie die postcolonial history
oder der linguistic turn etwa kamen seit den 1990er-Jahren nur
mit großer Verspätung in den deutschen Hörsälen an.
Kritische Stimmen mögen einwenden, dass es bei manch einem dieser Trends
eher um die geschickte Anwendung eines postmodernen Jargon denn um einen
genuinen Paradigmenwechsel ginge. Oder noch schlimmer, dass zwar ein Paradigmenwechsel
stattgefunden habe, dieser jedoch mit seiner Betonung auf Faktoren wie Kultur,
Sprache und symbolische Ordnungen einer materialistischen Analyse von Geschichte
als Geschichte von Interessenkonflikten und Klassenkämpfen direkt zuwiderlaufe.
Diese Kritik ist nicht unberechtigt, und dennoch tut die ITH gut daran,
sich kritische VertreterInnen neuer Ansätze ins Haus zu holen und gerade
die Geschichte der Arbeiterbewegung mit diesen neuen Konzepten zu konfrontieren.
Unter anderem wird in dieser Konfrontation klar, wie viel die ehemals bitter
verfeindeten Opponenten sozialdemokratischer und marxistisch-leninistischer
Historiographie doch gemeinsam hatten: die Konzentration auf Westeuropa,
auf den nationalen Rahmen, auf männliche weiße Lohnarbeiter und
ihre Organisationen. Zu Recht werden nun diese Engführungen aufgelöst
und der Begriff der Arbeit erweitert auf Phänomene wie unfreie Arbeit,
informelle Arbeit, Sklaverei und Arbeitsmigration. Letzteres Feld war eindrucksvoll
vertreten mit Referaten von Michele Ford (Sydney),
Abdoulaye Kane (Florida), Dirk
Hoerder (Arizona) und Minjie Zhang (Hangzhou).
Insbesondere der Bildvortrag von Zhang machte anschaulich, welch Umwälzungen
sich unter dem Deckbegriff der „Globalisierung“ aktuell in Asien
abspielen, wo das Kapital heute im wahrsten Sinne des Wortes chinesische
Mauern einreißt und die Lebensbedingungen von Milliarden Menschen
in revolutionärem Tempo verändert.
Aber auch für die Vergangenheit ergeben sich durch transnationale Herangehensweise
neue Einsichten. Schon im Kapitalismus des 19. Jahrhunderts gab es enge
Verbindungen von so anachronistisch anmutenden Phänomenen wie dem globalen
Baumwollmarkt und einem an die Antike erinnernden Sklavenhalterregime in
den Südstaaten der USA, wie die Ausführungen von Sven
Beckert (Harvard), Elise van Nederveen Meerkerk
(Amsterdam) und Andrea Komlosy (Wien) eindrucksvoll
klarmachten.
Die auf der Konferenz praktizierte zeitliche und räumliche Öffnung
des Arbeitsbegriffes hat jedoch auch ihre Kehrseiten. So wurde von einigen
TeilnehmerInnen der Diskussion angemahnt, den Zugang der Marx’schen
Werttheorie nicht gänzlich außer Acht zu lassen. Denn auch wenn
die klassische Lohnarbeit sich in der historischen Rückschau eher als
Sonderform erweisen sollte, so stehe doch das Kapitalverhältnis im
Zentrum genau jener Entwicklungen, die seit dem 16. Jahrhundert in verschiedenen
Wellen immer wieder Internationalisierung und Transnationalisierung von
Arbeit und Produktion anschöben. Denn, und dies zeigte das erwähnte
Beispiel der Baumwollindustrie, gerade die zahlreichen Formen von unfreier
und informeller Arbeit sind keine Abweichungen, sondern vielmehr elementare
Bestandteile von globalen Produktions- und Verwertungsketten im Weltkapitalismus.
Diese Einwände verweisen darauf, dass die Erfassung der Geschichte
der Arbeit als globales Phänomen nicht auf einer beschreibenden Ebene
und mit naiver Freude an der neu entdeckten Vielfalt stehen bleiben soll.
Sie sollte sich vielmehr auch theoretisch mit den ökonomischen Triebfedern
hinter den verschiedenen Organisationsformen von Arbeit auseinandersetzen.
Dies gerade dann, wenn die Geschichte der Arbeit nicht nur in akademischer
Manier reflektiert, sondern durch eingreifende Kritik auch gesellschaftlich
wirksam werden möchte. Es wäre spannend, wenn zukünftige
Konferenzen der ITH sich verstärkt auch den theoretischen Herausforderungen
des erweiterten Arbeitsbegriffs stellen würden.
* Ralf Hoffrogge ist Doktorand an der Universität
Potsdam
Bericht von Günter Benser (In:
Neues Deutschland, 19.9.2009)
Die Arbeitswelt erscheint heute weltweit als eine Gemengelage von Lohnarbeit,
selbstständiger Arbeit, prekären Arbeitsverhältnissen, Tagelohn,
Saisonarbeit, Verlagswesen und Heimarbeit, bäuerlicher Subsistenzwirtschaft,
Leibeigenschaft, Zinsknechtschaft oder gar Sklaverei sowie familiärer
Hausarbeit. In ein Endprodukt gehen oft sehr unterschiedliche Formen der
Arbeit ein, was es schwierig macht, das Verhältnis von Kapital und
Arbeit am konkreten Erzeugnis im klassischen Sinne aufzudecken. »Grenzüberschreitender
Arbeitergeschichte« war die diesjährige Linzer Konferenz der
International Conference of Labour and Social History (ITH) gewidmet.
Besonders ergiebig erwies sich die Analyse der Textilbranche, der ältesten
Industrie der Welt, die in ihrer tausende Jahre währenden Geschichte
nur vorübergehend ihren Schwerpunkt in Europa hatte. Die für die
Herausbildung kapitalistischer Industriegesellschaften so wichtige Baumwollerzeugung
erfolgte lange Zeit auf Plantagen durch Sklaven.
Deshalb richtete sich in Linz der Blick stark auf deren Widerstandsformen.
Zur Diskussion stand auch die Arbeitsmigration.
Welche Dimension diese angenommen hat, zeigt sich vor allem in China, wo
zwischen 1987 bis 1990 ungefähr 160 Millionen Landarbeiter in die Städte
abgewandert sind. Die politische Klasse Europas, die sich vor allem durch
illegale Zuwanderungen aus Afrika bedroht fühlt, übersieht meist,
welch riesige innerasiatische Bevölkerungsbewegung es nicht nur in
China, sondern im gesamten süd- und südostasiatischen sowie im
pazifischem Raum gibt. Auf der Linzer Tagung interessierte auch die Rückwirkung
der Arbeitsmigration auf die Gesellschaften in den Auswanderungsländern,
die sehr widersprüchlicher Natur sind.
In den nächsten Jahren wird sich die ITH mit »Arbeiterbewegung
und sozialen Bewegungen als Triebkräfte gesellschaftlicher Entwicklung«
beschäftigen. Hierzu entbrannte in der Generalversammlung der ITH eine
heftige Debatte, denn das vorgelegte Konzept hatte sich von den ursprünglichen
Intentionen, die vor allem auf eine Würdigung der zivilisatorischen
und kulturellen Leistungen der Arbeiterbewegung abzielten, entfernt.