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Berichte über die 45. Linzer Konferenz
„Grenzenüberschreitende ArbeiterInnengeschichte: Konzepte und Erkundungen“
10.–13. September 2009

 
Peter Birke (Sozial.Geschichte online 2/2010)
Andreas Diers, Bernd Hüttner (Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung 80/2009)
Ralf Hoffrogge (Mitteilungen des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung 37)
Günter Benser (Neues Deutschland, 19.9.2009)


Bericht von Peter Birke (In: Sozial.Geschichte online 2/2010)

Die Linzer Konferenz über die „Geschichte der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen“ (ITH), früher eine Plattform für Debatten von HistorikerInnen aus Ost- und Westeuropa, wird heute von über hundert Instituten und Vereinigungen aus fünf Kontinenten organisiert. Schon in dieser Zahl drückt sich der – freilich nicht durchgehend eingelöste – Anspruch auf eine inhaltliche und räumliche Erweiterung des Spektrums der ArbeiterInnengeschichte aus.

Im letzten, dreijährigen Konferenzzyklus der ITH sollte es einerseits ausdrücklich um eine Global Labor History gehen, die den Fokus von der bezahlten zur unbezahlten und von der formalisierten zur prekarisierten Arbeit verschiebt. Andererseits wurde, insbesondere im vergangenen Jahr, der Anhang „und anderer sozialer Bewegungen“ konkretisiert. Die 44. Linzer Konferenz betrachtete, im Titel angelehnt an ein Thesenpapier von Immanuel Wallerstein,die Geschichte der „globalen Revolution“ der 1968er Jahre. Die diesjährige 45. Konferenz wandte sich wieder dem Kerngeschäft der „grenzüberschreitenden Arbeitergeschichte“ zu. Dabei war es eine außerordentliche Qualität dieser Veranstaltung, dass die Vortragenden Erfahrungen aus fünf Kontinenten zur Sprache brachten.

Rana P. Behal, ein zurzeit in Berlin lehrender Forscher, berichtete über die Historiographie der Arbeitsgeschichte in Indien. Es ist dies eine Geschichte, die besonders deutlich werden lässt, wie bedeutend Sektoren jenseits der formalisierten Lohnarbeit für die außereuropäische Arbeitsgeschichte sind. Zugleich waren es auch in Indien nicht die Forschungen im engen Sinne, sondern es waren die Kämpfe um die Arbeit und die Organisierungen in der Arbeit, „[that] catapulted studies in the condition and history of labour into public attention.“ Dabei kam es in der späten Kolonialzeit zu einer Übernahme europäischer Paradigmen durch die indische Historiographie, eine Tendenz, die nicht nur die „modernist assumptions“ der Kollegen aus dem globalen Norden teilte, sondern auch zu einer gerade in Indien sehr fragwürdigen Überbetonung der Bedeutung der Industriearbeiterklasse führte. Erst seit Mitte der 1970er Jahre löste sich diese Bindung, und wie anderswo gerieten unter anderem neue kulturhistorische Fragestellungen in den Blick. Heute definiert die Association of Indian Labour Historians die sozialen Orte der Arbeitsgeschichte breit: „Apart from continuing the study of the modern industrial working class [...], scholary interest [is] needed on the neglected areas of informal sector labour, lives of artisans, women and children and peasant migrants.“1)

Dick Geary
, Historiker an der Universität Nottingham, brach dagegen eine Lanze für eher traditionelle Zugänge (auch) zur Arbeitsgeschichte. Sein Vortrag war der Frage nach dem Gewicht gewidmet, das comparisons und similarities in der Forschung zukäme. Geary betonte die Bedeutung des kontrastierenden Vergleiches anhand einiger Beispiele aus der englischen Arbeitsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Er warnte hingegen vor einer Überbetonung von Gemeinsamkeiten und Kontinuitäten in der international vergleichenden Arbeitsgeschichte, wie sie etwa zuletzt im Konzept der „atlantischen Revolution“ (Peter Linebaugh und Marcus Rediker) aufscheint.“ Geary betonte in seinem Vortrag die sehr unterschiedlichen und je historisch spezifischen Ziele der europäischen und brasilianischen Handwerker im Revolutionsjahr 1848, insbesondere in Bezug auf die unterschiedliche Orientierung an einer Öffnung / Schließung lokaler Märkte.

Elise van Nederveen Meerkerk
vom Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam stellte ein ehrgeizig angelegtes komparatives Projekt vor, das sich zum Teil mit den Annahmen Gearys verbinden lässt. Wie zuvor bereits in einem dock workers project erprobt, trafen sich seit 2003 Forschende aus etwa 20 Ländern, um die Geschichte der Textilarbeit und ihrer Globalisierung zwischen 1650 und dem Jahr 2000 zu erkunden. Es handelt sich um eine „kollektive Forschungsmethode“, die sowohl quantitative als auch qualitative „Querschnittsvergleiche“ möglich machen soll. In der Debatte wurden, bei aller Sympathie dem kollektiven Ansatz gegenüber, einige Zweifel ob der Operationalisierbarkeit und allgemeinen Übersetzbarkeit des von Nederveen Meerkerk vorgestellten Modells laut. Weitere Beiträge über die Textilindustrie kamen von Andrea Komlosy (Universität Wien) und Sven Beckert (Harvard University). Komlosys Referat befasste sich mit der Historisierung des „Ungleichzeitigen“, also der Kombinationen von Standorten, Arbeitsverhältnissen und Protesten zwischen 1700 und der Gegenwart; Beckert betonte die Rolle der unfreien Arbeit und ihrer Umwandlung in den USA nach ca. 1865. Sehr interessant, allerdings nur vermittelt an die sonstigen Gegenstände der Konferenz angebunden, war der Beitrag von Juliana Ströbele-Gregor (FU Berlin) über die Ausbreitung des evangelikalen Fundamentalismus in Lateinamerika seit Mitte des 20. Jahrhunderts.

Dass der Gegenstand einer Global Labour History sehr vielfältig aufgefächert werden kann, zeigten sodann auch die Referate von Abdoulayne Kane (Universität Florida), Dirk Hoerder (Arizona State University) und Minjie Zhang (Zhejiang Gongshang Univerität, Hangzhou, China). Die prägende Bedeutung der Migration im Senegal River Valley verdeutlichte Kane unter anderem anhand konkreter, ethnographisch ermittelter Beispiele wie dem Handygebrauch und dem Bau von Wohnhäusern durch migrantische Familien, während Hoerder eine Systematisierung des Zusammenhangs zwischen der Kapitalisierung der Landwirtschaft und der ländlichen Migration für den Zeitraum zwischen 1850 und 1960 vorschlug. Sehr eindrucksvoll stellen sich die Dimensionen der aktuellen und ebenfalls stark migrantisch geprägten Urbanisierung in China dar, wie Zhang anhand des Beispiels Yiwu, einer früheren Kleinstadt am Rande der Shanghai Economic Zone, zeigte. In weniger als 30 Jahren wuchs dieser Ort in kaum vorstellbarem Ausmaß, von rund 10.000 auf 700.000 EinwohnerInnen mit gesichertem und noch einmal einer Million Menschen ohne gesichertes Aufenthaltsrecht.

Die Frage nach der Bedeutung solcher Umwälzungen, nach ihren sozialen und politischen Folgen, konnte auch auf der diesjährigen ITH-Tagung nur angerissen werden. Bereits im Vorfeld der Konferenz hatten die Mitgliedsinstitutionen eine kurze und relativ unschlüssige Debatte über die Bedeutung der aktuellen Weltwirtschaftskrise hinter sich gebracht. Wenn stimmt, was Rana P. Behal zu Beginn der Tagung ausführte, dann werden die sozialen Kämpfe der nächsten Zeit die Tagesordnung (nicht nur) der Arbeitsgeschichte stark verändern. Natürlich kann ein dreijähriger Konferenzzyklus wie der jetzt geplante diese Änderungen nicht antizipieren. Debattiert werden kann dagegen die Bedeutung kollektiver Organisierung in diesem künftigen Feld. Kritisch angemerkt wurde, dass die Frage danach in den wenigsten Beiträgen auftauchte, was auch eine Abendveranstaltung (mit einem österreichischen Gewerkschafter, der das Loblied auf die Standortlogik so lange sang, bis buchstäblich das Licht im Saal versagte) nicht zu ändern vermochte. Immerhin war mit Michele Ford auf der Tagung eine Vortragende vertreten, die intensiv zum Zusammenhang von Migration, Legalisierung, Arbeitsverhältnissen und kollektiver Gegenwehr in Thailand und Malaysia gearbeitet hat.2) Den mit der Kontinuität von Alltagsverhältnissen und kollektiver, politischer Organisierung verbundenen Problemen, Brüchen und Kontinuitäten sollte auch aus meiner Sicht zukünftig etwas mehr Raum verschafft werden (das allerdings nicht nur auf der Linzer Konferenz).

Die Tagung schloss mit einem Beitrag von Lex Heerma van Voss (IISG / Universität Utrecht), der stark konzeptionell ausgerichtet und deshalb für eine Debatte über die zukünftigen Schwerpunkte der Global Labour History besonders geeignet war. Van Voss plädierte unter anderem für eine „Grundlagenforschung“, die sich von den Konjunkturen der Historiographie zu distanzieren vermag, um den Grundriss des sich entwickelnden Fachs entwickeln zu können. In der Diskussion zweifelten einige an Forderungen nach „Geduld“ und „Distanz“, auch angesichts dessen, dass diese Idee eine Unverbundenheit zwischen „Wissenschaft“ und laufend stattfindenden gesellschaftlichen Veränderungen evoziere. Strittig blieb am Ende auch, ob es sich bei dem laufenden Projekt überhaupt um die Entwicklung eines „Fachs“ im engeren Sinne handelt oder ob nicht vielmehr die immer wieder vorgetragenen Ziele der Erweiterung des Arbeitsbegriffs und der geographischen Reichweite Fluchtpunkte einer anhaltenden Suche bleiben sollten, die eng mit den sozialen Kämpfen vermittelt bleibt und sich nicht auf das Ziel eines vorab definierten inhaltlichen Kanons oder etablierter methodischer Verfahren festlegen lässt.

1) Das Konzept der „Verbreiterung“ des Fokus ähnelt insofern dem von Marcel van der Linden; vgl. ders., Workers of the World: Essays Toward a Global Labor History, Leiden 2008. Für das Buch wurde van der Linden auf der Konferenz der diesjährige René-Kuczynski-Preis verliehen.
2) Vgl. Michele Ford, Workers and Intellectuals. NGOs, Trade Unions and the Indonesian Labour Movement, Singapur 2009.


Bericht von Andreas Diers, Bernd Hüttner* (In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung; Heft 80, Dezember 2009, S. 173-176)

Mit der 45. Konferenz der Internationalen Tagung der HistorikerInnen der Arbeiterbewegung und anderer sozialer Bewegungen (ITH) wurde der dreijährige Konferenzzyklus, der sich einer Erneuerung der Arbeitergeschichte unter globalen Vorzeichen widmete, vorerst abgeschlossen.

Marcel van der Linden
(Forschungsdirektor am Internationalen Institut für Sozialgeschichte, IISG, Amsterdam) hatte den Vorsitz der Koordination der Tagung inne. Am Eröffnungsabend wurde ihm der René-Kuczynski-Preis 2009 für herausragende Publikationen auf dem Gebiet der Wirtschafts- und Sozialgeschichte verliehen.

In seiner Dankesrede gab Marcel van der Linden einen Überblick über das Konzept der Global Labour History. Forschungsobjekt der traditionellen kommunistischen wie sozialdemokratischen Arbeitergeschichte seien freie männliche Arbeiter gewesen. Der geografische Schwerpunkt habe im industrialisierten Norden einschließlich der Länder des „realen“ Sozialismus gelegen. Das Verhalten sowie der Protest der Arbeiter sei weitgehend nur in den organisierten und gut sichtbaren Formen analysiert worden. Diese Geschichtschreibung über Arbeit und Arbeiter sei auch durch einen „methodologischen Nationalismus“ gekennzeichnet gewesen, der in nationalstaatlichen Vorstellungen verharrt habe. Diese traditionelle Geschichtsschreibung habe außerdem ein sehr lineares und eurozentristisches Denken hinsichtlich der historischen Entwicklungen verfolgt.
Die Global Labour History arbeite auf eine andere Art und Weise. Sie habe zunächst ein ganz anderes Verständnis von Arbeit. Sie verstehe unter „Arbeit“ sowohl freie und wie auch unfreie, bezahlte und unbezahlte Arbeit. Dadurch würden auch Ausbeutungsverhältnisse wie etwa Migration und Sklaverei in das Blickfeld kommen. Sie überwinde den methodologischen Nationalismus, indem sie Gesellschaften als räumliche und soziale Netzwerke auf globaler Ebene denke. Dadurch kritisiere sie u.a. auch den Eurozentrismus.

An den nächsten beiden Tagen folgte dann nach einer Einführung von Marcel van der Linden eine sehr heterogene Palette an Vorträgen in vier Panels. Die insgesamt elf Vorträge fokussierten dabei auf verschiedenste zeitliche und geographische Bezugspunkte.
Rana P. Behal (Universitat von Dehli /Indien) berichtete aus der umfangreichen, bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts zurückreichende Arbeitergeschichtsschreibung in Indien und Südasien, die schließlich 1996 in der Gründung der Association of Indian Labour Historians mündete.
Dick Geary (Universität Nottingham/GB) stellte die zweite neben der Global Labour History bestehende Konzeption von Labour History vor, die in ihrem Forschungsansatz nationale Grenzziehungen überwinden will. Diese Konzeption vergleicht unter ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Aspekten die Geschichte der Arbeit in verschiedenen Ländern.
Sven Beckert (Harvard University/USA) ging auf die Bedeutung von Agrarprodukten wie Tee, Kaffee und vor allem des Baumwollanbaus für die Herausbildung des modernen Kapitalismus ein. Jener sei keineswegs von Beginn an industriell oder immer in derselben Weltregion erfolgt, vielmehr seien die Anbaugebiete weltweit gewandert und der Anbau bis zum Beginn des amerikanischen Bürgerkrieges Mitte der 1860er Jahre vor allem durch Sklaverei ermöglicht worden. Danach mussten neue Formen des globalisierten Anbaus, der Weiterverarbeitung und des Handels – und der dazugehörigen Arbeitsregimes – erfunden werden.
Elise van Nederveen Meerkerk (Amsterdam & Leiden University) berichtete über ein 2003 vom IISG initiiertes siebenjähriges Projekt mit der Aufgabe, die Geschichte von Textilarbeitern sowohl international als auch langfristig zu erforschen.
Abdoulaye Kane (University of Florida/USA) beschrieb die Situation von Migranten aus dem Senegal (den Haapulaar) in den Ländern, in die sie immigriert sind. Er ging außerdem auf die sehr engen Bindungen der immigrierten Haapulaar zu ihren Familien sowie zu ihrer alten Heimat ein. Diese engen Bindungen haben durch den mit ihnen verbundenen ökonomischen, technologischen und kulturellen Transfer zu gravierenden Veränderungen in der ursprünglichen Heimat geführt. Nicht zuletzt haben sie dort eine verstärkte soziale Differenzierung verursacht.
Minjie Zhang (University Hangzhou/VR China) veranschaulichte an Hand von Fotos und Graphiken in seinem Beitrag Urbanization and Migrant Workers in Yiwu, sowohl das rasante und auf modernstem Niveau stattfindende Wachstum der Nahe Shanghai gelegenen Stadt Yiwu, als auch die teils menschenunwürdige Lebenssituation der unzähligen WanderarbeiterInnen in dieser Stadt.

Über fast allen Beiträgen schwebten einige große Fragen, die noch einer weiteren intensiven und vertieften Bearbeitung harren: Welchen Begriff von „Arbeit“ verfolgt die Global Labour History? Ist jetzt – lange nachdem man die Fabrik und die festorganisierte Arbeiterbewegung als Forschungsgegenstand überwunden hat – der informelle Sektor der Slums und sweatshops die neue theoretische Zentralperspektive? Funktioniert die Global Labour History vor allem in Abgrenzung zur alten Arbeitergeschichte von Partei, Staat und Fabrik, oder hat sie auch einen eigenständigen Zugang? Wie sieht dieser aus, wenn auch die vielen Faktoren – wie Ethnie, Geschlecht, Religion, Leibeigentum, Grundbesitz etc.pp. – berücksichtigt werden, die Arbeiterbewusstsein und –verhalten formatieren und die Ressourcen für Widerstand limitieren oder ermöglichen? Und wie schon 2008, bei der Debatte über ´1968 aus globaler Perspektive´, stellte sich die große Frage nach dem Vergleich: Was kann man überhaupt sinnvoller Weise vergleichen. Dienen die Vergleiche einer comparative global labour history vor allem dem Aufwerfen neuer Fragen, oder erbringen sie auch fruchtbare Erkenntnisse? Macht es Sinn die WanderarbeiterInnen des heutigen China mit den Produktionsverhältnissen des habsburgischen Textilmanufakturwesens zu vergleichen? Nicht zuletzt wäre zu fragen, so der Hamburger Historiker Peter Birke, inwieweit die homogenisierenden und linearen Vorstellungen der Fabrik und der Arbeiterklasse in den goldenen 50 Jahren von 1930 bis 1980 auch damals schon falsch gewesen seien und ob dieses historische Arbeitsregime des Fordismus nicht von unsichtbarer und informeller Arbeit umlagert gewesen sein. Vielleicht ist ja, erst recht weltweit und historisch betrachtet, Sklaverei und Subsistenz die vorherrschende Produktionsform und nicht das Fliessband, also China statt Chicago?

* Andreas Diers ist Historiker und Jurist in Bremen, Bernd Hüttner ist Koordinator des „Gesprächskreis Geschichte“ der Rosa Luxemburg Stiftung


Bericht von Ralf Hoffrogge* (In: Mitteilungen des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Nr. 37)

„Grenzenüberschreitende Arbeitergeschichte: Konzepte und Erkundungen“ war das Motto der 45. Linzer Konferenz der International Conference of Labour and Social History (ITH), die vom 10. bis 13. September 2009 in Linz stattfand. Dementsprechend experimentell im besten wissenschaftlichen Sinne liefen dann auch die Diskussionen ab. Denn die ITH, vor 45 Jahren gegründet als Austauschforum für HistorikerInnen aus Ost und West, hat diesen Gegensatz längst hinter sich gelassen und strebt eine grundlegende Neuorientierung des Faches an.

Ein notwendiger Prozess, der allerdings auch Ausdruck einer Krise ist – nicht zuletzt einer Finanzkrise: Die Mittel der ITH sind zwar kurzfristig gesichert, aber Deckungslücken sind absehbar, die bald durch neue Einnahmen geschlossen werden müssen. Die ITH steht exemplarisch für viele Institutionen zur Erforschung der Arbeiterbewegung. Geschuldet ist die allgegenwärtige Subventionsknappheit nicht nur dem Ende des Blockkonfliktes, sondern vor allem dem seit den 1990er Jahren rapiden und fortschreitenden Verlust von gesellschaftlichem Einfluss seitens der Arbeiterbewegung selbst.

Die Krise des Faches ist daher nicht nur finanzieller, sondern vor allem politischer Natur: Wozu soll eine Arbeiterbewegung erforscht werden, die auch im kapitalistischen Westen zunehmend ihre gesellschaftliche Basis und ihr Subjekt verloren hat? So beschreibt etwa die in der BRD wohl meistgelesene Darstellung von Axel Kuhn zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung ihren Gegenstand ganz selbstverständlich als historisches, also abgeschlossenes Kapitel. Der Autor hat Recht, wenn er zur Begründung vor allem auf das Ende proletarischer Milieus in BRD und Westeuropa verweist, auf eine nahezu vollständige Integration der Arbeiterklasse in bürgerliche Verkehrsformen.

Diese Analyse trifft jedoch nur zu, wenn man unter „Arbeiter“ sich nichts anderes vorstellen kann als jene Proletarier aus den Gesängen von Ernst Busch. Auch wenn dieses Milieu Geschichte ist – was keineswegs historisch überwunden wurde, ist der globale Widerspruch von Arbeit und Kapital. Herauskommen aus einer rein musealen, historisierenden Darstellung der Arbeiterbewegung und sich diesen globalen Widersprüchen und Arbeitskämpfen widmen, das war das Ziel der diesjährigen ITH.

Dementsprechend programmatisch war die Preisrede von Marcel van der Linden, der für sein Buch „Workers of the World: Essays toward a Global Labor History“ den René Kuczynski-Preis 2009 der ITH erhielt. Van der Linden sieht sein Konzept einer Global Labor History als Nachfolge der mittlerweile in die Jahre gekommenen „New Labor History“, ohne jedoch deren Erkenntnisse völlig zu verwerfen. Kritik übte der Preisträger vor allem an der Orientierung auch und gerade der New Labor History am Nationalstaat als unhinterfragter Bühne für geschichtliches Handeln – eine Idee, die er im Wesentlichen als Konstruktion sah und durch eine grenzüberschreitende Geschichtsschreibung ersetzt wissen wollte. Bekräftigt wurden seine Ausführungen durch Dick Geary aus Nottingham, der seinerseits kritisch über Vergleiche nationaler Geschichtsräume berichtete.

Diesem Aufruf folgte das Programm der ITH. Die Zusammenstellung der RednerInnen war nicht nur international in dem Sinne, dass viele Nationen und Regionen vertreten waren. Vor allen Dingen spiegelte das Programm tatsächlich aktuelle Debatten wider, wie sie im angelsächsischen Raum, aber auch in Schwellenländern wie China und Indien zur Geschichte der Arbeit geführt werden. Hervorzuheben ist etwa die Teilnahme von Rana Behal von der Association of Indian Labor Historians, der nicht nur die Tätigkeit seiner Organisation vorstellte, sondern die TeilnehmerInnen auch mit aktuellen Debatten zur Geschichte der Arbeit in Südostasien bekannt machte.

Solche Debatten und ihre Vertreter zu einer lebendigen Diskussion zu holen ist das eigentliche Verdienst der ITH, denn gerade in der manchmal recht konservativen deutschsprachigen Geschichtswissenschaft mangelte es lange am Willen zur Internationalisierung. Konzepte wie die postcolonial history oder der linguistic turn etwa kamen seit den 1990er-Jahren nur mit großer Verspätung in den deutschen Hörsälen an. Kritische Stimmen mögen einwenden, dass es bei manch einem dieser Trends eher um die geschickte Anwendung eines postmodernen Jargon denn um einen genuinen Paradigmenwechsel ginge. Oder noch schlimmer, dass zwar ein Paradigmenwechsel stattgefunden habe, dieser jedoch mit seiner Betonung auf Faktoren wie Kultur, Sprache und symbolische Ordnungen einer materialistischen Analyse von Geschichte als Geschichte von Interessenkonflikten und Klassenkämpfen direkt zuwiderlaufe. Diese Kritik ist nicht unberechtigt, und dennoch tut die ITH gut daran, sich kritische VertreterInnen neuer Ansätze ins Haus zu holen und gerade die Geschichte der Arbeiterbewegung mit diesen neuen Konzepten zu konfrontieren.

Unter anderem wird in dieser Konfrontation klar, wie viel die ehemals bitter verfeindeten Opponenten sozialdemokratischer und marxistisch-leninistischer Historiographie doch gemeinsam hatten: die Konzentration auf Westeuropa, auf den nationalen Rahmen, auf männliche weiße Lohnarbeiter und ihre Organisationen. Zu Recht werden nun diese Engführungen aufgelöst und der Begriff der Arbeit erweitert auf Phänomene wie unfreie Arbeit, informelle Arbeit, Sklaverei und Arbeitsmigration. Letzteres Feld war eindrucksvoll vertreten mit Referaten von Michele Ford (Sydney), Abdoulaye Kane (Florida), Dirk Hoerder (Arizona) und Minjie Zhang (Hangzhou). Insbesondere der Bildvortrag von Zhang machte anschaulich, welch Umwälzungen sich unter dem Deckbegriff der „Globalisierung“ aktuell in Asien abspielen, wo das Kapital heute im wahrsten Sinne des Wortes chinesische Mauern einreißt und die Lebensbedingungen von Milliarden Menschen in revolutionärem Tempo verändert.

Aber auch für die Vergangenheit ergeben sich durch transnationale Herangehensweise neue Einsichten. Schon im Kapitalismus des 19. Jahrhunderts gab es enge Verbindungen von so anachronistisch anmutenden Phänomenen wie dem globalen Baumwollmarkt und einem an die Antike erinnernden Sklavenhalterregime in den Südstaaten der USA, wie die Ausführungen von Sven Beckert (Harvard), Elise van Nederveen Meerkerk (Amsterdam) und Andrea Komlosy (Wien) eindrucksvoll klarmachten.

Die auf der Konferenz praktizierte zeitliche und räumliche Öffnung des Arbeitsbegriffes hat jedoch auch ihre Kehrseiten. So wurde von einigen TeilnehmerInnen der Diskussion angemahnt, den Zugang der Marx’schen Werttheorie nicht gänzlich außer Acht zu lassen. Denn auch wenn die klassische Lohnarbeit sich in der historischen Rückschau eher als Sonderform erweisen sollte, so stehe doch das Kapitalverhältnis im Zentrum genau jener Entwicklungen, die seit dem 16. Jahrhundert in verschiedenen Wellen immer wieder Internationalisierung und Transnationalisierung von Arbeit und Produktion anschöben. Denn, und dies zeigte das erwähnte Beispiel der Baumwollindustrie, gerade die zahlreichen Formen von unfreier und informeller Arbeit sind keine Abweichungen, sondern vielmehr elementare Bestandteile von globalen Produktions- und Verwertungsketten im Weltkapitalismus.

Diese Einwände verweisen darauf, dass die Erfassung der Geschichte der Arbeit als globales Phänomen nicht auf einer beschreibenden Ebene und mit naiver Freude an der neu entdeckten Vielfalt stehen bleiben soll. Sie sollte sich vielmehr auch theoretisch mit den ökonomischen Triebfedern hinter den verschiedenen Organisationsformen von Arbeit auseinandersetzen. Dies gerade dann, wenn die Geschichte der Arbeit nicht nur in akademischer Manier reflektiert, sondern durch eingreifende Kritik auch gesellschaftlich wirksam werden möchte. Es wäre spannend, wenn zukünftige Konferenzen der ITH sich verstärkt auch den theoretischen Herausforderungen des erweiterten Arbeitsbegriffs stellen würden.

* Ralf Hoffrogge ist Doktorand an der Universität Potsdam


Bericht von Günter Benser (In: Neues Deutschland, 19.9.2009)

Die Arbeitswelt erscheint heute weltweit als eine Gemengelage von Lohnarbeit, selbstständiger Arbeit, prekären Arbeitsverhältnissen, Tagelohn, Saisonarbeit, Verlagswesen und Heimarbeit, bäuerlicher Subsistenzwirtschaft, Leibeigenschaft, Zinsknechtschaft oder gar Sklaverei sowie familiärer Hausarbeit. In ein Endprodukt gehen oft sehr unterschiedliche Formen der Arbeit ein, was es schwierig macht, das Verhältnis von Kapital und Arbeit am konkreten Erzeugnis im klassischen Sinne aufzudecken. »Grenzüberschreitender Arbeitergeschichte« war die diesjährige Linzer Konferenz der International Conference of Labour and Social History (ITH) gewidmet.
Besonders ergiebig erwies sich die Analyse der Textilbranche, der ältesten Industrie der Welt, die in ihrer tausende Jahre währenden Geschichte nur vorübergehend ihren Schwerpunkt in Europa hatte. Die für die Herausbildung kapitalistischer Industriegesellschaften so wichtige Baumwollerzeugung erfolgte lange Zeit auf Plantagen durch Sklaven.

Deshalb richtete sich in Linz der Blick stark auf deren Widerstandsformen. Zur Diskussion stand auch die Arbeitsmigration.
Welche Dimension diese angenommen hat, zeigt sich vor allem in China, wo zwischen 1987 bis 1990 ungefähr 160 Millionen Landarbeiter in die Städte abgewandert sind. Die politische Klasse Europas, die sich vor allem durch illegale Zuwanderungen aus Afrika bedroht fühlt, übersieht meist, welch riesige innerasiatische Bevölkerungsbewegung es nicht nur in China, sondern im gesamten süd- und südostasiatischen sowie im pazifischem Raum gibt. Auf der Linzer Tagung interessierte auch die Rückwirkung der Arbeitsmigration auf die Gesellschaften in den Auswanderungsländern, die sehr widersprüchlicher Natur sind.

In den nächsten Jahren wird sich die ITH mit »Arbeiterbewegung und sozialen Bewegungen als Triebkräfte gesellschaftlicher Entwicklung« beschäftigen. Hierzu entbrannte in der Generalversammlung der ITH eine heftige Debatte, denn das vorgelegte Konzept hatte sich von den ursprünglichen Intentionen, die vor allem auf eine Würdigung der zivilisatorischen und kulturellen Leistungen der Arbeiterbewegung abzielten, entfernt.