Transnationale Netzwerke und transnationale Kooperationsformen
sind gegenwärtig eines der Hauptgebiete der Globalisierungsforschung
in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Sie werden als ein Hauptvektor
der Globalisierung von Wissen, Normen, Einstellungen, kulturellen Praktiken
und Lebensstilen analysiert. Das Thema wird von gegenwärtigen weltweiten
("globalen") Entwicklungen der Weltwirtschaft, von Gesellschaft
und Politik vorgegeben. Es sind Theoretiker dieser unter dem Schlagwort
"Globalisierung" zusammengefassten Entwicklungen, die fluktuierende
Netzwerke als die Organisationsform eines dynamischen "space of flows"
(Manuel Castells) in die Diskussion gebracht haben.
Die Untersuchung transnationaler Netzwerke und Kooperationsformen in historischer
Perspektive ist notwendigerweise transdisziplinär. Dazu ist von einer
soziologischen, politikwissenschaftlichen, historischen, politökonomischen
und globalisierungsforscherischen Perspektive etwas zu sagen.
Netzwerke sind informeller, fluider, weniger verfestigt als Organisationen.
Netzwerke stehen mit der Welt nichtstaatlicher Organisationen, die in Zeiten
der Expansion einer deregulierten Weltwirtschaft ("Globalisierung")
prosperieren, in engem Zusammenhang, doch sind sie nicht ident mit ihnen.
Formell strukturierte Organisationen können als sichtbare, verfestigte
Knotenpunkte von Netzwerken gesehen werden. Netzwerke richten den Blick
auf Interaktionen zwischen Strukturen (Organisationen) und Individuen unter
Bedingungen grundsätzlicher räumlicher Distanz. Der Begriff hat
daher in der Globalisierungsdebatte, in der es um Phänomene von Enträumlichung,
Entgrenzung und weltweiter Vernetzung geht, Konjunktur gewonnen.
Auch der Begriff "transnational" soll gegenüber den Begriffen:
"international", "multinational" oder "kosmopolitisch"
eine neue Qualität der Verflechtung ausdrücken, die aus dem Raum
des Nationalstaats herausgehobene, globale Organisationen und Netzwerke
schafft, die eigene "transnationale Räume" ausbilden. Solche
Organisationen, Personen und die Netzwerke, die sie verbinden, wären
nicht sinnvoll einem oder mehreren Nationalstaaten zuzuordnen, sondern entzögen
sich einer solchen Verortung.
Das ist die Gelegenheit, daran zu erinnern, dass die Arbeiterbewegung mit
ihrem internationalen weltumspannenden ("globalen") Anspruch auch
transnational angelegte Vernetzungsversuche und Kooperationsformen ausgebildet
hat. Dieser Beitrag der Arbeiterbewegung wird in den heutigen Globalisierungsdebatten
meist vergessen. "Transnational", "Netzwerk" und "Arbeiterbewegung"
werden nicht zusammen gedacht, weil "Arbeiterbewegung" vorwiegend
mit dem Nationalstaat in Zusammenhang gebracht wird, im Rahmen dessen in
Europa ihre Organisationen zu Einfluss gelangt sind. Der Nationalstaat als
Wohlfahrtsstaat limitiert Arbeit wie Kapital, indem er ihnen nationale Grenzen
setzt. "Netzwerke" florieren in der "Zivilgesellschaft",
von welcher der Staat ferngehalten und in der die Rolle der Welt der Arbeit
gering ist. "Transnational" angelegte Netzwerke entziehen sich
dem Griff des Wohlfahrtsstaats umso mehr. Aber das ist nur eine Seite der
Geschichte der Arbeiterbewegung. Auf der anderen stehen ihre den Nationalstaat
übersteigenden Kooperationsformen.
Es ist ein Ziel der geplanten Konferenz,
Formen transnationaler Vernetzung und Kooperation innerhalb der Arbeiterbewegung
als Akteure der "Globalisierung" zu thematisieren.
Welche Formen transnationaler Netzwerke gab es in der Arbeiterbewegung und
wie ist ihr Beitrag zu der weltweiten Verbreitung von politischen Vorstellungen,
von Lebensformen, von kulturellen Praktiken und von Aktionsformen einzuschätzen?
Welche epistemischen Netzwerke hat die Arbeiterbewegung ausgebildet? Auf
Mikroebene ist auch die ITH selbst ein solches Wissensnetzwerk von Personen
und Instituten ähnlicher thematischer Ausrichtung. Wie funktionierte
transnationale Kommunikation in diesen Netzwerken? Welche Verknüpfungsformen
von Organisationen und Individuen? Welche Spezifika der Netzwerke der Arbeiterbewegung?
In Netzwerken zirkulieren Menschen und in Netzwerken zirkulieren Ideen, Einstellungen, Vorstellungen, ohne dass sich die Menschen, die sie verbreiten, selbst räumlich bewegen müssen. Diese einfache Unterscheidung soll als Grundstrukturierung der Tagung dienen. Netzwerke, die in erster Linie Menschen bewegen bzw. andersherum definiert, die in erster Linie durch die Zirkulation von Menschen entstehen, sollen von solchen Netzwerken abgesetzt werden, die in erster Linie Werthaltungen, Konzepte, Vorstellungen über diverse Medien zirkulieren lassen, bzw. die durch die mediale Zirkulation solcher Vorstellungen und Werthaltungen entstehen.
Eine zweite Strukturierung sollte einer
Zuordnung zu kulturellen Sphären und zu machtpolitischen Logiken folgen.
Der Begriff "transnational" soll nicht verhüllen, dass Netzwerke
mit einem solchen Anspruch meist doch gut verortbar sind. Auch transnationale
Netzwerke haben ein Zentrum und eine Peripherie. Die rapide Zunahme transnational
operierender nichtstaatlicher Organisationen und Netzwerke korrespondiert
mit der "Globalisierung" einer Wirtschaft, die sich der Regulierung
der Staaten entzieht. Die Zentralen der "Nichtregierungsorganisationen",
die heute mit transnationalem Anspruch und transnationaler Identität
operieren, sind in den globalen Machtzentren, in Zentren der Weltwirtschaft.
Die Werte und Praktiken, die sie verbreiten, sind mit den Werten und Praktiken
dieser Machtsphären grundsätzlich kompatibel, wenn diese dort
auch zum Zeitpunkt ihrer Verbreitung nicht mehrheitsfähig sind. Die
Historiker und sonstigen Wissenschaftler, die "transnational"
forschen, ihre Institute und Financiers sitzen ebendort. Die Geschichte
radikal alternativer, weil kulturell substanziell differenter Netzwerke,
wird daher in aller Regel eine Verarbeitung aus dem Blickpunkt dieser "Zentren"
sein.
Die Tagung will nichtsdestotrotz versuchen, auch solche Netzwerke "radikal
alternativer Herausforderung" zu untersuchen, deren Zentren nicht identisch
mit den Zentren globaler Machtausübung waren und sind. Als Beispiel
könnte die Kommunistische Internationale und ihre Nachfolgeorganisationen
dienen.
• Netzwerke im Zusammenhang mit internationalen Organisationsformen
der Arbeiterbewegung von lockeren Zusammenschlüssen wie der 2. Internationale
bis zu Versuchen weitgehender Steuerung einer "Weltpartei" in
der Komintern
• Migrationsnetzwerke aller Sorten von temporären und dauerhaften
Expatriates: von Mobilitätsnetzwerken von Arbeitern bis zu transnational
zirkulierenden Eliten der Arbeiterbewegung. Das ist auch die Gelegenheit,
die politische Emigration unter dem Gesichtspunkt eines Netzwerks zu betrachten,
in dem politische Vorstellungen und Lebensformen kommuniziert werden.
• von transnationalen Lobbygruppen ausgehende Netzwerke: so genannte
advocacy networks, die sich zum Advokaten eines bestimmten Anliegens machen
• transnationale intellektuelle Netzwerke als Organisatoren von Wissenstransfer
(epistemische Gemeinschaften/Wissensgemeinschaften, Stiftungen, think tanks)
• Konsulentennetzwerke (Politikberater, Wahlkampfberater, Entwicklungsexperten,
Experten in globaler Moral, die korrektes Verhalten definieren und zertifizieren)
• Netzwerke verwandter transnationaler sozialer Bewegungen: "Anti"-
oder "Alter-Globalisierungsbewegung"
Das Konferenzprogramm wird zur Zeit von einem Vorbereitungskomitee
ausgearbeitet und im Mai 2007 an dieser Stelle veröffentlicht.
Komiteekoordinator:
Berthold Unfried (Wien)
Mitglieder:
Marcel van der Linden (Amsterdam), Jürgen Mittag (Bochum), Michael
Schneider (Bonn)