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43. Linzer Konferenz (13.-16. September 2007)
Transnationale Netzwerke der Arbeiter(bewegung)

Transnationale Netzwerke und transnationale Kooperationsformen sind gegenwärtig eines der Hauptgebiete der Globalisierungsforschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Sie werden als ein Hauptvektor der Globalisierung von Wissen, Normen, Einstellungen, kulturellen Praktiken und Lebensstilen analysiert. Das Thema wird von gegenwärtigen weltweiten ("globalen") Entwicklungen der Weltwirtschaft, von Gesellschaft und Politik vorgegeben. Es sind Theoretiker dieser unter dem Schlagwort "Globalisierung" zusammengefassten Entwicklungen, die fluktuierende Netzwerke als die Organisationsform eines dynamischen "space of flows" (Manuel Castells) in die Diskussion gebracht haben.
Die Untersuchung transnationaler Netzwerke und Kooperationsformen in historischer Perspektive ist notwendigerweise transdisziplinär. Dazu ist von einer soziologischen, politikwissenschaftlichen, historischen, politökonomischen und globalisierungsforscherischen Perspektive etwas zu sagen.

Netzwerke sind informeller, fluider, weniger verfestigt als Organisationen. Netzwerke stehen mit der Welt nichtstaatlicher Organisationen, die in Zeiten der Expansion einer deregulierten Weltwirtschaft ("Globalisierung") prosperieren, in engem Zusammenhang, doch sind sie nicht ident mit ihnen. Formell strukturierte Organisationen können als sichtbare, verfestigte Knotenpunkte von Netzwerken gesehen werden. Netzwerke richten den Blick auf Interaktionen zwischen Strukturen (Organisationen) und Individuen unter Bedingungen grundsätzlicher räumlicher Distanz. Der Begriff hat daher in der Globalisierungsdebatte, in der es um Phänomene von Enträumlichung, Entgrenzung und weltweiter Vernetzung geht, Konjunktur gewonnen.

Auch der Begriff "transnational" soll gegenüber den Begriffen: "international", "multinational" oder "kosmopolitisch" eine neue Qualität der Verflechtung ausdrücken, die aus dem Raum des Nationalstaats herausgehobene, globale Organisationen und Netzwerke schafft, die eigene "transnationale Räume" ausbilden. Solche Organisationen, Personen und die Netzwerke, die sie verbinden, wären nicht sinnvoll einem oder mehreren Nationalstaaten zuzuordnen, sondern entzögen sich einer solchen Verortung.

Das ist die Gelegenheit, daran zu erinnern, dass die Arbeiterbewegung mit ihrem internationalen weltumspannenden ("globalen") Anspruch auch transnational angelegte Vernetzungsversuche und Kooperationsformen ausgebildet hat. Dieser Beitrag der Arbeiterbewegung wird in den heutigen Globalisierungsdebatten meist vergessen. "Transnational", "Netzwerk" und "Arbeiterbewegung" werden nicht zusammen gedacht, weil "Arbeiterbewegung" vorwiegend mit dem Nationalstaat in Zusammenhang gebracht wird, im Rahmen dessen in Europa ihre Organisationen zu Einfluss gelangt sind. Der Nationalstaat als Wohlfahrtsstaat limitiert Arbeit wie Kapital, indem er ihnen nationale Grenzen setzt. "Netzwerke" florieren in der "Zivilgesellschaft", von welcher der Staat ferngehalten und in der die Rolle der Welt der Arbeit gering ist. "Transnational" angelegte Netzwerke entziehen sich dem Griff des Wohlfahrtsstaats umso mehr. Aber das ist nur eine Seite der Geschichte der Arbeiterbewegung. Auf der anderen stehen ihre den Nationalstaat übersteigenden Kooperationsformen.

Es ist ein Ziel der geplanten Konferenz, Formen transnationaler Vernetzung und Kooperation innerhalb der Arbeiterbewegung als Akteure der "Globalisierung" zu thematisieren.
Welche Formen transnationaler Netzwerke gab es in der Arbeiterbewegung und wie ist ihr Beitrag zu der weltweiten Verbreitung von politischen Vorstellungen, von Lebensformen, von kulturellen Praktiken und von Aktionsformen einzuschätzen? Welche epistemischen Netzwerke hat die Arbeiterbewegung ausgebildet? Auf Mikroebene ist auch die ITH selbst ein solches Wissensnetzwerk von Personen und Instituten ähnlicher thematischer Ausrichtung. Wie funktionierte transnationale Kommunikation in diesen Netzwerken? Welche Verknüpfungsformen von Organisationen und Individuen? Welche Spezifika der Netzwerke der Arbeiterbewegung?

In Netzwerken zirkulieren Menschen und in Netzwerken zirkulieren Ideen, Einstellungen, Vorstellungen, ohne dass sich die Menschen, die sie verbreiten, selbst räumlich bewegen müssen. Diese einfache Unterscheidung soll als Grundstrukturierung der Tagung dienen. Netzwerke, die in erster Linie Menschen bewegen bzw. andersherum definiert, die in erster Linie durch die Zirkulation von Menschen entstehen, sollen von solchen Netzwerken abgesetzt werden, die in erster Linie Werthaltungen, Konzepte, Vorstellungen über diverse Medien zirkulieren lassen, bzw. die durch die mediale Zirkulation solcher Vorstellungen und Werthaltungen entstehen.

Eine zweite Strukturierung sollte einer Zuordnung zu kulturellen Sphären und zu machtpolitischen Logiken folgen.
Der Begriff "transnational" soll nicht verhüllen, dass Netzwerke mit einem solchen Anspruch meist doch gut verortbar sind. Auch transnationale Netzwerke haben ein Zentrum und eine Peripherie. Die rapide Zunahme transnational operierender nichtstaatlicher Organisationen und Netzwerke korrespondiert mit der "Globalisierung" einer Wirtschaft, die sich der Regulierung der Staaten entzieht. Die Zentralen der "Nichtregierungsorganisationen", die heute mit transnationalem Anspruch und transnationaler Identität operieren, sind in den globalen Machtzentren, in Zentren der Weltwirtschaft. Die Werte und Praktiken, die sie verbreiten, sind mit den Werten und Praktiken dieser Machtsphären grundsätzlich kompatibel, wenn diese dort auch zum Zeitpunkt ihrer Verbreitung nicht mehrheitsfähig sind. Die Historiker und sonstigen Wissenschaftler, die "transnational" forschen, ihre Institute und Financiers sitzen ebendort. Die Geschichte radikal alternativer, weil kulturell substanziell differenter Netzwerke, wird daher in aller Regel eine Verarbeitung aus dem Blickpunkt dieser "Zentren" sein.
Die Tagung will nichtsdestotrotz versuchen, auch solche Netzwerke "radikal alternativer Herausforderung" zu untersuchen, deren Zentren nicht identisch mit den Zentren globaler Machtausübung waren und sind. Als Beispiel könnte die Kommunistische Internationale und ihre Nachfolgeorganisationen dienen.

Einer dritten Einteilung nach Organisationsformen und nach Tätigkeitsfeldern folgend könnten als Netzwerke der Arbeiterbewegung untersucht werden:

• Netzwerke im Zusammenhang mit internationalen Organisationsformen der Arbeiterbewegung von lockeren Zusammenschlüssen wie der 2. Internationale bis zu Versuchen weitgehender Steuerung einer "Weltpartei" in der Komintern
• Migrationsnetzwerke aller Sorten von temporären und dauerhaften Expatriates: von Mobilitätsnetzwerken von Arbeitern bis zu transnational zirkulierenden Eliten der Arbeiterbewegung. Das ist auch die Gelegenheit, die politische Emigration unter dem Gesichtspunkt eines Netzwerks zu betrachten, in dem politische Vorstellungen und Lebensformen kommuniziert werden.
• von transnationalen Lobbygruppen ausgehende Netzwerke: so genannte advocacy networks, die sich zum Advokaten eines bestimmten Anliegens machen
• transnationale intellektuelle Netzwerke als Organisatoren von Wissenstransfer (epistemische Gemeinschaften/Wissensgemeinschaften, Stiftungen, think tanks)
• Konsulentennetzwerke (Politikberater, Wahlkampfberater, Entwicklungsexperten, Experten in globaler Moral, die korrektes Verhalten definieren und zertifizieren)
• Netzwerke verwandter transnationaler sozialer Bewegungen: "Anti"- oder "Alter-Globalisierungsbewegung"


Das Konferenzprogramm wird zur Zeit von einem Vorbereitungskomitee ausgearbeitet und im Mai 2007 an dieser Stelle veröffentlicht.

Komiteekoordinator:
Berthold Unfried (Wien)

Mitglieder:
Marcel van der Linden (Amsterdam), Jürgen Mittag (Bochum), Michael Schneider (Bonn)