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Konferenzberichte

Transnationale Netzwerke der ArbeiterInnen(bewegung)
, Linz, 13.-16.9.2007
Transnationale Netzwerke. Beiträge zur Geschichte der 'Globalisierung', Wien, 16.-18.11.2007

Die ITH hat das erste Jahr ihres Dreijahreskonferenzzyklus "Labour history beyond borders" dem Thema der Netzwerke gewidmet und dazu zwei Konferenzen abgehalten:
Die reguläre (43.) Linzer Konferenz der ITH "Transnationale Netzwerke der ArbeiterInnen (bewegung)/Transnational Networks of Labour/Réseaux transnationaux du mouvement ouvrier" in Linz vom 13.-16.9.2007
Die internationale wissenschaftliche Tagung "Transnationale Netzwerke. Beiträge zur Geschichte der 'Globalisierung'"/Transnational Networks. Contributions to the History of 'Globalisation'" in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien, der Gesellschaft für Sozialgeschichte und dem Karl Renner-Institut in Wien vom 16.-18.11.2007

Idee und Konzeption sowie Kurzberichte zu den Konferenzen:

Transnationale Netzwerke

Transnationale, also den Nationalstaat überschreitende und unterlaufende Netzwerke sind als die genuine Organisationsform der "Globalisierung" ins Zentrum des Interesses gerückt. Es sind Analytiker der unter dem Begriff "Globalisierung" zusammengefassten Entwicklungen der Weltwirtschaft, der Weltgesellschaft und Politik, die fluktuierende Netzwerke als die Organisationsform eines dynamischen "space of flows", dem Raum der Ströme (Manuel Castells) in die Diskussion gebracht haben. Dies im Gegensatz zu einem trägeren "space of place", dem Raum der Orte, an denen die Arbeit und der Staat verankert seien.
"Netzwerk" ist in dieser Konzeptualisierung deutlich vom Territorialstaat, vom Nationalstaat, vom Wohlfahrtsstaat abgesetzt, resp. dem Staat entgegengesetzt. Zwischen dem Territorialstaat/dem Nationalstaat und transnationalen Netzwerken herrscht eine Konkurrenz oder zumindest ein Spannungszustand. Der Territorialstaat versucht, transnationale Netzwerke in den Raum seiner Kontrolle zu bringen, schneidet transnationale Netzwerke ab, wo er kann. "Netzwerke" florieren in der so genannten "Zivilgesellschaft", von welcher der Staat ferngehalten werden soll, in der die Rolle der Welt der Arbeit relativ gering ist, und die den Staat durch Transnationalisierung zu marginalisieren sucht. Die "Zivilgesellschaft" ist ja jene Sphäre, in der soziale Ungleichheit herrscht und Spielregeln, die Veränderung schwierig machen. "Transnational" angelegte Netzwerke entziehen sich dem Griff des Territorialstaats/des Wohlfahrtsstaats. Aber das ist nur eine Seite der Geschichte der Arbeiterbewegung. Auf der anderen stehen ihre den Nationalstaat übersteigenden Kooperationsformen.

"Netzwerk" ist ein enorm vieldeutiger Begriff, der schwer eindeutig zu fassen ist. Er hat auf der einen Seite negative Konnotationen: Klientelismus, Clanstrukturen, welche die Staatsbildung unterlaufen, Seilschaften, mafiose Strukturen, kriminelle Netzwerke, terroristische Netzwerke, Geheimgesellschaften.
Wir hielten es für günstig, um die enorme Vielfalt von Netzwerken halbwegs in den Griff zu bekommen, Netzwerke vor und nach dem Aufkommen moderner formaler Organisationen und der Durchsetzung des modernen Territorial- und Nationalstaats zu unterscheiden. Clanstrukturen, mafiose Strukturen etwa wären dann vormoderne Formen, die von formalen Organisationen und vom Staat zurückgedrängt würden. Mit zunehmender Ausdifferenzierung zerfielen diese dann wieder zunehmend in informellere Organisationsformen, Netzwerke neuen Typs. In unseren beiden Konferenzen ging es also um diesen zweiten historischen Typus von Netzwerken.

Uns interessierten Netzwerke in erster Linie als Strukturen der Ausübung von Macht und Einfluss. Und Netzwerke interessierten uns als Strukturen der Ausübung von Gegenmacht. Hier werden Netzwerke oft mit NGOs als Strukturen von global governance assoziiert, also einer globalen politischen Normensetzung und Kontrolle durch nichtstaatliche Akteure. Diese werden oft als Ausdruck einer "internationalen Zivilgesellschaft" verstanden – das ist die meist positiv besetzte Seite des Netzwerkbegriffs. Ein näherer Blick zeigt aber auch hier eine grundsätzliche Ambivalenz, durch die sich der Netzwerkbegriff einer eindeutigen Zuordnung entzieht. Politische Netzwerke bilden sich um bestimmte Anliegen, das sind so genannte advocacy networks. Das sind Lobbygruppen, die sich zum Advokaten eines bestimmten Anliegens machen: das kann Attac sein, aber auch politik- und einflussorientierte Wissensgemeinschaften wie die Mont Pèlerin Society. Oder ad hoc - Politikkoalitionen wie jene zu den Millennium Development Goals oder zu Clean Clothes. Oder aber Netzwerke mit dem Ziel der Durchsetzung internationaler Normen, welche die neuen Kolonialkriege rechtfertigen.

Grundsätzlich stellt sich die Frage: Ist "Netzwerk" eine eigene, genuine Organisationsform oder ein Aspekt, ein Modus der Organisierung von Beziehungen und von Kommunikation, auf den hin man grundsätzlich alle Organisationsformen untersuchen könnte?
Netzwerke sind informeller, fluider, zeitlich begrenzter und oft auf punktuellere Zwecke, Ziele, gerichtet, weniger verfestigt als Organisationen. Sie sind nicht institutionalisiert und ihre Hierarchien sind nicht formalisiert, sie sind informell oder gewohnheitsmäßig. Keinesfalls kann m.E. behauptet werden, Netzwerke seien prinzipiell hierarchielos. Es handelt sich nur um Hierarchien, die nicht verschriftlicht und nach außen hin unmittelbar einsichtig sind.
In formaler Hinsicht bestehen Netzwerke aus Beziehungen, die als Verbindungen von Knotenpunkten dargestellt werden können. Diese Verbindungen können verschiedene Form annehmen von der direkten menschlichen Begegnung bis zur virtuellen Kommunikation; sie können formalisiert oder informell sein, mehr oder weniger oder gar nicht institutionalisiert; man kann sie nach Dichte und Frequenz unterscheiden und nach Bedeutungs- und Hierarchiekriterien. Knotenpunkte können Individuen, Gruppen und Organisationen sein (oder auch virtuelle Knotenpunkte im Internetz). Sie können innerhalb oder außerhalb von Institutionen angesiedelt sein. Sie können auf ihre Ordnungsfunktion und auf ihre Machtausübung hin befragt werden.

Es ist ein potenziell ungeheuer weites Feld, das mit dem Begriff "Netzwerk" in das Blickfeld gerät. Die Beiträge der Linzer Konferenz thematisierten den Beitrag von Formen transnationaler Netzwerke der Arbeiterbewegung zur Geschichte der "Globalisierung". Die Wiener Konferenz erweiterte das Thema der Linzer Konferenz über die Arbeiterbewegung hinaus.
In beiden Tagungen waren gleichwohl nur einige Formen von Netzwerken vertreten. Netzwerke, die offizielle Strukturen von Organisationen unterlegen (Netzwerke, die für die Praxis der Machtausübung wesentlich relevanter sind als die offiziellen, sichtbaren; das mag aber in unterschiedlichem Ausmaß für alle Organisationen gelten), und Netzwerke, die sichtbar nach außen hin operieren; Netzwerke des Ideologietransfers, als Vektoren der globalen Verbreitung von Wissen, Normen, kulturellen Praktiken und Lebensstilen; personenzentrierte und organisationszentrierte Netzwerke; Wissensnetzwerke von Konsulenten, die Organisationen zuarbeiten und untereinander als Wissensgemeinschaften (epistemic communities) vernetzt sind; politische Stiftungen und internationale Organisationen und think tanks, die Expertennetzwerke unterhalten resp. auf Wissen zurückgreifen, das in solchen Netzwerken kommuniziert wird; oder überhaupt selbst netzwerkartige Formen annehmen? Religiöse Netzwerke, in denen Heilsgüter erzeugt und zirkuliert werden; Nicht zuletzt Migrationsnetzwerke, die transnationale oder vielleicht besser "translokale" Lebensräume aufspannen.

Die Beiträge zu den beiden Konferenzen sollten den Beitrag von Formen transnationaler Netzwerke zur Geschichte der "Globalisierung" thematisieren. In Netzwerken zirkulieren Menschen und in Netzwerken zirkulieren Ideen, Einstellungen, Vorstellungen, ohne dass sich die Menschen, die diese verbreiten, selbst räumlich bewegen müssen. Diese einfache Unterscheidung gab eine grobe Strukturierung der Tagungen: Netzwerke, die in erster Linie Menschen bewegen bzw. andersherum definiert, Netzwerke, die in erster Linie durch die Zirkulation von Menschen entstehen, werden von solchen Netzwerken abgesetzt, die in erster Linie Werthaltungen, Konzepte, Vorstellungen und entsprechende Praktiken zirkulieren lassen, bzw. die durch die Zirkulation solcher Vorstellungen und Werthaltungen entstehen. Innerhalb dieser Netzwerke der Zirkulation von Vorstellungen und Praktiken waren die Sitzungen gruppiert nach personenzentrierten und organisationszentrierten Netzwerken.

Es handelte sich meist um Werkstättenberichte von Forschungen, die versuchen, etwas mit dem Netzwerkbegriff anzufangen. Das gibt der Konferenz einen experimentellen Charakter. Gerade dieses Gefühl aber, dass nichts fix ist, dass die Dinge um den Forschungsbegriff "Netzwerk" herum im Fluss sind, regte die Diskussion an. Auf der Wiener Konferenz wurde die Diskussion zusätzlich durch Kommentare zu einzelnen Referaten stimuliert.


Transnationale Netzwerke der ArbeiterInnen (bewegung)/Transnational Networks of Labour/Réseaux transnationaux du mouvement ouvrier
Linzer Konferenz, 13.-16. September 2007

Die Tagung sollte in Erinnerung rufen, dass die Arbeiterbewegung mit ihrem weltumspannenden ("globalen") Anspruch auch transnational angelegte Vernetzungsversuche ausgebildet hat. Dieser Beitrag der Arbeiterbewegung wird in den heutigen Globalisierungsdebatten meist vergessen. "Transnational", "Netzwerk" und "Arbeit", "Arbeiterbewegung" werden nicht zusammen gedacht, weil die Welt der Arbeit und die "Arbeiterbewegung" vorwiegend mit dem Nationalstaat in Zusammenhang gebracht werden, im Rahmen dessen in Europa ihre Organisationen zu Einfluss gelangt sind. Der Nationalstaat als Wohlfahrtsstaat limitiert Arbeit wie Kapital, indem er ihnen nationale Grenzen setzt. "Transnational" angelegte Netzwerke entziehen sich dem Griff des Wohlfahrtsstaats. Aber das ist nur eine Seite der Geschichte der Arbeiterbewegung. Auf der anderen stehen ihre den Nationalstaat übersteigenden Kooperationsformen.

Eine erste Sitzung erläuterte Begriffe und Konzepte: Die Sozialhistoriker Wolfgang Neurath (Wien) und Lothar Krempel (Köln) stellten die Methode der Sozialen Netzwerkanalyse und konkrete Anwendungsformen in der historischen Forschung vor. Die Soziale Netzwerkanalyse ist ein methodisch präzise definiertes sozialwissenschaftliches Konzept der Erforschung und Darstellung von "Netzwerk" auf Basis quantitativer Daten. Es hat jedoch wegen seiner Aufwändigkeit – es setzt umfangreiche Datenerfassung und ein spezialisiertes elektronisches Programmwissen voraus – noch wenig Verwendung durch Historiker/innen gefunden.
Susan Zimmermann (Budapest) gab eine Übersicht zu Forschungsstand und Forschungsperspektive zu "Internationalismus" – ein Begriff, dem sie dem heute gängigeren Begriff "Transnationalismus" gegenüber weiterhin den Vorzug gibt. Sie gab einen Überblick über Perspektiven und Themen in der historischen Internationalismusforschung und über den Einfluss der Globalisierungsdebatte darauf. Internationalismus- wie Transnationalismusforschung zeichne weiterhin eine Konzentration auf die globalen Zentren und eine Vernachlässigung des Blickwinkels auf globale Ungleichheit aus.
Der darauf folgende Vortrag von Dirk Hoerder (Arizona) führte die Versuche zur Begriffsbildung auf dem Gebiet der Migration von Menschen fort, indem er die Pertinenz der Begriffe "transnational", "transregional und "transkulturell" für die Analyse von Netzwerken von Arbeitsmigranten im 19. und 20. Jahrhundert diskutierte. Der transnationale Zugang in den Migrationsstudien, der sich in diesen Begrifflichkeiten ausdrückt, hat die einseitig gerichtete Begrifflichkeit von Immigration/Emigration ersetzt.

Die erste Sitzung zum Themenbereich der Migration von Ideen und Praktiken beschäftigte sich mit Stiftungen und internationalen Organisationen als Knotenpunkten von Netzwerken sowie mit den Netzwerken, die diese Organisationen unterhalten.
Patrik von zur Mühlen (Bonn) untersuchte die Geschichte der Friedrich-Ebert-Stiftung als Initiatorin internationaler Vernetzungsinitiativen. Clemens Rode (Warschau) berichtete aus der Praxis der internationalen Arbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung, die seit dem Systemwechsel ArbeiterInnennetzwerke in Mittel- und Osteuropa unterstützt und unterhält, um der Transnationalisierung von Konzernen Strukturen auf Arbeitnehmerebene entgegenzusetzen. Dabei handelt es sich um eine halbformelle Organisationsform der Koordination von Interessen der Arbeitnehmer transnationaler Konzerne mit Standorten jenseits der Europäischen Union.
Eine internationale Organisation als Knotenpunkt eines Netzwerks behandelte auch Daniel Maul (Berlin): Die International Labour Organization als Teil des transnationalen Netzwerkes zur Reform kolonialer Sozialpolitik 1940-1944. Maul untersuchte die Entwicklung und die Funktionsweise eines informellen kolonialreformerischen Netzwerkes aus Arbeitsrechtlern, Sozialpolitikern und (keynesianischen) Ökonomen, das ein Reformprogramm zu aktiver wirtschaftlicher und sozialer Entwicklungspolitik für die kolonialen Bevölkerungen entwickelte, sowie seine Anbindung an die ILO.

Die zweite Sitzung zum Themenbereich der Migration von Ideen und Praktiken hatte Politische Netzwerke und Ideologietransfer zum Gegenstand.
Der Transfer sozialistischer Theorieelemente war das Thema des Beitrags: Possibilities and Limitations in the Transfer of International Paradigms von Augusta Dimou (Leipzig). Wie wurde sozialistische politische Theorie in der Zeit der Zweiten Internationale in diese periphere europäische Region übertragen im doppelten Sinn: verbreitet und übersetzt? Dimou verfolgte Netzwerke der Verbreitung von sozialistischer politischer Theorie nach Südosteuropa anhand der Lebensläufe von Trägern dieser Theorien (oft Studenten und politische Migranten), von persönlichen, beruflichen (wer übersetzt wessen Werke) und brieflichen Kontakten und anhand der Zeugnisse des Auftauchens von Sprachelementen dieser Theorien.
Ottokar Luban (Berlin) versuchte, am Beispiel der deutschen "Spartakusgruppe" die Funktionsweise netzwerkartiger Verbindungen der "Zimmerwalder Bewegung", einer informellen Assoziation kriegsoppositioneller Sozialisten während des Ersten Weltkriegs, zu erläutern.
Bernhard Bayerlein (Mannheim) formulierte in seinem Beitrag: Transnationale Strukturen und Netzwerke der Komintern. Wege zur Erkundung eines politischen und kulturellen Universums, das Programm einer gleichermaßen reizvollen wie die Möglichkeiten eines einzelnen Forschers wahrscheinlich übersteigenden Analyse der Vernetzungsstrukturen der formalen Organisation der Kommunistischen Internationale wie der informellen personellen Netzwerke, welche die formale Organisation unterliegend durchziehen. Bayerlein unterschied 3 Ebenen von Netzwerken innerhalb der Komintern: die formale Organisation der Komintern selbst könnte als Netzwerk analysiert werden. Weiters könnten Vernetzungen über personelle und materielle Flüsse zwischen den Teilorganisationen dargestellt werden. Als entscheidend mögen sich letztlich aber personale Netzwerke unterhalb der Organisationsstruktur erweisen. Die Komintern ist ja ein Paradebeispiel für ein Problem bei der Untersuchung von Organisationen, das in unterschiedlichem Ausmaß für alle Organisationen gelten mag: dass verborgene Strukturen, nach außen hin nicht sichtbare Organisationsloyalitäten und informelle persönliche Netzwerke für die Praxis der Machtausübung wesentlich relevanter waren als die offiziellen, sichtbaren hierarchischen Organisationsstrukturen.
Bruno Groppo & Catherine Collomp (Paris) präsentierten transatlantische Netzwerke des Jewish Labour Committee, mittels derer diese US-amerikanische Organisation in den 1930er und 1940er Jahren die Emigration europäischer Sozialdemokraten bewerkstelligte und die Emigranten unterstützte.
Peter Waterman (Den Haag) richtete seinen Blick auf internationale Vernetzungsformen marginalisierter Schichten und Milieus arbeitender Menschen wie Landarme, in prekären Verhältnissen Arbeitende, Slumbewohner, Migranten, mittellose Frauen und indigene Bevölkerungen (Shall the Last Be the First? The Networked Internationalism of Labour's Others).
Ravi Ahuja (Heidelberg/London) leitete mit seinem im ersten Teil, in dem er die Gegenüberstellung von hierarchischen Institutionen und zentrumslosen Netzwerken kritisierte (was er anhand der Ergebnisse einer Fallstudie zu den Netzwerken indischer Seeleute zu verdeutlichen versuchte), konzeptuell angelegten Vortrag: Netzwerke und Arbeitsmärkte: Eine Annäherung an ein Problem transterritorialer Arbeitsgeschichte über zu der lebhaften Schlussdiskussion, in der noch einmal versucht wurde, Stränge der Diskussion der Einzelreferate zusammenzuführen.


Transnationale Netzwerke. Beiträge zur Geschichte der 'Globalisierung'/
Transnational networks. Contributions to the History of 'Globalisation'
Internationale Tagung in Wien, 15.-18. November 2007

Die zweite Konferenz zu dem ergiebigen Thema der Netzwerke wurde von der ITH in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien und dem Karl Renner-Institut, Wien, als Sonderkonferenz organisiert. Ein Hauptthema war der Wissenstransfer über Netzwerke. Die Diskussion wurde durch Kommentare stimuliert, die zu Referaten eingesetzt wurden, zu denen sich leicht Wissenschaftler/inn/en aus Wien oder aus dem Umfeld der ITH anboten.

Die Einführung in die Begriffswelt von: national, international und transnational übernahm diesmal Johannes Paulmann (Mannheim). In seinem Referat ging er insbesondere auf die Entstehungsbedingungen und die Geschichte transnationaler Geschichtsschreibung im englischsprachigen Raum und in Deutschland ein.
Christoph Boyer (Salzburg) hielt ein Einleitungsreferat zum "Nutzen und Nachteil von Netzwerktheorien für die Geschichtswissenschaft", in dem er Netzwerke als Organisationsform vorstellte, die sich insbesondere durch den Transaktionskostenvorteil Vertrauen, verstanden als vorhersehbares Verhalten der Netzwerkbeteiligten, auszeichneten. Boyer kennzeichnete Netzwerke als Organisationsformen, die den Individuen eine Teilnahme durch bewusste Wahl erlaubten: Selbstorganisation, Wahlfreiheit statt hierarchielegitimiertes Octroi. Netzwerke seien keine Assoziationen von Gleichen, sie reproduzierten vielmehr Ungleichheit, allerdings nicht in hierarchisch geordneter Form.

Eine zweite Sitzung war der Migration von Ideen, Normen und Praktiken gewidmet:
Kees van der Pijl (Sussex) versuchte, den Netzwerkbegriff für seine Analyse hegemonialer Strukturen im System der globalen politischen Ökonomie fruchtbar zu machen (Transnational Classes and the Structure of the Global Political Economy). Van der Pijl versuchte, Typen von Netzwerken, die Vertreter von Wirtschaft, Politik und Medien in einem strategischen Herrschaftsprojekt zusammenbringen, in ihrer historischen Abfolge in einem großen Bogen von der industriellen Revolution bis in unsere Zeit auszumachen.
Mit einer Gruppe von Experten in rechtlicher Normensetzung beschäftigte sich Ariel Colonomos (Paris): Experten in humanitärem Völkerrecht in Kriegseinsätzen, die aus ihrer Praxis diese Rechtsnormen konkretisieren. Die Experten der US-Armee arbeiten manchmal buchstäblich in Militärstiefeln, wenn sie als Rechtsberater in Fragen der Auswahl zulässiger Angriffsziele und Kampfmethoden bei Kampfeinsätzen fungieren. Ihnen stehen Experten auf Seiten von NGOs gegenüber, die sich aber hauptsächlich auf Menschenrechtsthemen spezialisiert haben. Zwischen den beiden Bereichen gibt es zwar eine gewisse Fluktuation - Experten in humanitärem Völkerrecht bilden zweifellos eine teilweise vernetzte Wissensgemeinschaft. Sie sind jedoch in unterschiedliche politische Projekte eingebettet (Normativists in Boots: Lawyers and Ethicists in the Military).
Ein weiteres Referat zu Normenproduzenten hielt Sebastian Schüler (Münster). Er untersuchte an Fallbeispielen transnationale Netzwerke evangelikaler Sekten: Die Transnationalisierung globaler Heilsgüter am Beispiel der Pfingstbewegung. Als globale Heilsgüter untersuchte Schüler handlungsorientierende Normen, Werte, Ideologien und Weltanschauungen, die in Form von materiellen und immateriellen Produkten, Medien und Gütern gehandelt werden und die durch diesen Transfer religiöse Netzwerke generieren.

Kernfunktion politischer Stiftungen ist es, anwendungsorientierte Forschung und Politik zusammen zu bringen. Sie sind im breitesten Sinn "organisations between thought and action" (Gemelli). Als Vermittler zwischen wissenschaftlicher Wissensproduktion und Politik sind sie Knotenpunkte von Wissensnetzwerken und von politischen Netzwerken.
Giuliana Gemelli (Bologna): Academic networks as drivers of European scientific integration: the role of the Ford Foundation in shaping the agenda of political sciences, beschäftigte sich mit jener für die USA so typische Organisationsform der Stiftung, die anwendungsorientierte Forschung mit dem Zweck fördert, sie für ein breit definiertes gesellschaftliches Projekt in die Politik einzuspeisen. Die politisch interessierte Förderung US-amerikanischer Stiftungen für europäische Universitäten, Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen nach dem zweiten Weltkrieg modernisierte einerseits ausgetrocknete akademische Strukturen und Ausbildungsformen und brachte frischen Wind in die Wissenschaft, die stärker mit der Politik und der Verwaltung kommunizieren sollte. Gleichzeitig förderte sie das breite Projekt des Aufbaus einer breiten Koalition für einen "westlichen" Weg der Modernisierung der europäischen Gesellschaften.
Maria Mesner (Wien): Global Population Policy: Emergence, Function and Development of a Network beschrieb die Entwicklung eines US-amerikanischen Netzwerks mit den Knoten Eugenik, Geburtenkontrolle und Bevölkerungswissenschaft. Kommunikation innerhalb dieses Netzwerks fand statt auf Treffen auf Fundraising-Veranstaltungen und Tagungen, durch Transfers über Beraterteams in Zielländer, durch Schulung von dortigem Personal, Einladungen von Studierenden aus Zielländern, welche die vermittelten Programme dann in ihren Ländern unterstützen.

Sitzung IV beschäftigte sich im Unterschied zu der vorangegangenen Sitzung mit personenzentrierten Netzwerken. Thema war der Wissenstransfer durch Netzwerke von Experten, die Organisationen zuarbeiten und untereinander in Wissensgemeinschaften (epistemic communities) vernetzt sind.
Markus Kaiser (St. Peterburg) analysierte Entwicklungsexperten, verstanden als Experten in Bereich der internationalen "Entwicklungshilfe" bzw. "Entwicklungszusammenarbeit", als Verbreiter eines Konzepts von Entwicklung, das universelle Gültigkeit beansprucht. Kaiser versuchte, diese große Gruppe von Wissensarbeitern, die anwendungsorientiertes Wissen berufsmäßig verkaufen, als "globale Wissensgemeinschaft" (epistemic community) zu erfassen. Über ihre Netzwerke verbreiteten sich Vorstellungen und Praktiken von Entwicklung weltweit.
Dieter Plehwe (Berlin) untersuchte anschließend die Erzeugung und Verbreitung eines "neo-liberalen" policy-orientierten Wissens über Entwicklung. Dieser Beitrag knüpft an die Beiträge über die Netzwerke von think tanks an, kann doch die Mont Pèlerin Society, ein Zusammenschluss "neo-liberaler" Intellektueller, Wirtschaftsmanager, Journalisten und Politiker als ein solcher netzwerkförmig strukturierter und politikorientierter think tank gesehen werden.
Die Sitzung wurde abgeschlossen mit einem Beitrag von Therese Garstenauer (Wien) über Versuche des Wissenstransfers über Netzwerke von sowjetischen und "westlichen" Wissenschaftler/inne/n.

Sitzung V war der Migration von Menschen gewidmet:
Josef Ehmer & Annemarie Steidl (Wien) beschäftigten sich mit Netzwerken, in die Migranten am Ursprungsort und am Zielort eingebunden waren (Networks in the history of migrations). Sie untersuchten Arten, wie diese Netzwerke geknüpft waren: waren relatives, friends, oder friends of friends dominierend? Waren Migranten sesshafte Menschen, die ortsgebunden lebten und dann einen einmaligen radikalen Ortswechsel durchführten; oder Personengruppen, die dauerhaft mobil lebten?
Michael Twaddle (London) beschäftigte sich mit indischen Migrationsströmen nach und von Ostafrika (Indian migration networks in East Africa). Inder kamen innerhalb des British Empire v.a. als Zwischenhändler in die britischen Kolonien Ostafrikas, wo sie eine Schicht zwischen den Kolonialherren und Siedlern und den Afrikanern bildeten. Die neuen Staaten Uganda, Kenia und Tansania führten Politiken der "Afrikanisierung" durch, welche Inder als Relikt des Empire in Wirtschaft und Verwaltung durch Afrikaner ersetzen sollten, die bis zur temporären Vertreibung (Uganda) gehen konnten, ohne dass die dominierende Stellung von Indern in der Wirtschaft dauerhaft erschüttert werden konnte.
Jean-Baptiste Meyer (Montpellier): Diaspora Knowledge Networks: New Social Entities, New Policies, vertrat die Ansicht, dass die intellektuelle Migration in die Zentren für "Entwicklungsländer" nicht nur einen brain drain-Effekt, sondern auch einen brain gain-Effekt haben könne. Seit den 1990er Jahren sei zu beobachten, dass Wissen über Netzwerke von expatriates in deren Herkunftsländer zurückfließe und für deren Entwicklung interessant werde.

In der Schlussdiskussion: Nutzen und Nachteile eines Zugangs zur Geschichte der Globalisierung über Netzwerke wurden einige grundlegende Fragen, die während der Konferenz angesprochen worden waren, nochmals aufgeworfen.
Sinnvoll wäre es, den Begriff "transnational" nicht einfach synonym mit "international" zu verwenden, sondern ihn für Menschen zu reservieren, die sich durch eine permanent mobile Lebensform auszeichnen, und für Organisationsformen, die systematisch jenseits nationaler Grenzen angesiedelt sind.
Kann man Netzwerke als Vergemeinschaftungsform des modernen Individuums ansehen? Das wären Formen von Kommunikation und Bindung, in die sich das Individuum selbstbestimmt und leicht ein- und wieder ausschalten kann. Damit wäre auch ein wesentlicher Unterschied zu traditionalen Netzwerken, solchen der Verwandtschaft, der Angehörigkeit zu Clans oder zu mafiosen und Geheimgesellschaften benannt, denen dieses Element des selbstbestimmten Ein- und Austritts abgeht. Ist ein Grund für die Beschäftigung mit Wissensnetzwerken darin zu suchen, dass solche Netzwerke zunehmend anwendungsorientierte Forschung über Expertise mit Politik, Wirtschaft, die "Zivilgesellschaft" verbinden? Das Interesse dafür, wie Konzepte und Erklärungen erzeugt und weltweit verbreitet werden, hat auch mit einer realen Erfahrung zu tun. In der Tagung versuchten wir, diese Erfahrung zu systematisieren, kohärente Modelle für ihre Erklärung zu finden und diese anhand von Fallstudien zu testen. Einheitliche Schlüsse ließen sich daraus nicht ziehen. Aus den Beiträgen zu der Tagung lässt sich kein einheitlicher Netzwerkebegriff destillieren. Das heuristische Konzept "Netzwerk" diente, wie sich an der enorm fruchtbaren Konferenz zeigte, erfolgreich als stimulans. Es kann aber nicht als einheitliches Strukturierungselement für einen Sektor der Forschung dienen. Der Netzwerkebegriff führte uns in einer tour de force durch die Disziplinen und vereinte die Teilnehmer der Konferenz in einer kurzfristigen, aber dichten Diskursgemeinschaft. Die Intensität der Diskussion war ein Indikator für diese transdisziplinäre Vergemeinschaftung, die in dieser Konferenz gelang.

Ein ausführlicher Bericht über die Konferenz erschien am 26.11.2007 in der Wissenschaftssendung des österreichischen Radiosenders Ö1.
Eine Auswahl der Beiträge aus beiden Konferenzen wird in einem Sammelband publiziert.

Berthold Unfried,
Dezember 2007