Kollektivbiographische Zugänge zur Geschichte der
ArbeiterInnenbewegung
An der 41. Konferenz der ITH zum Thema "Kollektivbiographische
Zugänge zur Geschichte der ArbeiterInnenbewegung" haben von 15.-18.
September 2005 rund 80 Historikerinnen und Historiker teilgenommen. Im Zentrum
der Debatten standen Kollektivbiographien, auch Prosopographien genannt.
Unter "Prosopographie" verstehe man, so ein Referent der Tagung,
der französische Historiker Claude Pennetier, die Methode, "Elemente
individueller Biographien mit dem Ziel in Beziehung zu bringen, soziale,
generationelle und kulturelle Unterschiedsfaktoren herauszufinden, welche
die Bandbreite, die Perioden, die Formen und die Natur des Engagements erhellen".
Die ITH hat sich diesem Thema in der Absicht zugewandt, Zugänge und
Methoden zu diskutieren, welche die Historiographie der Arbeiterbewegung
und sozialer Bewegungen in den letzten Jahren erneuert haben. Der kollektivbiographische
("prosopographische") Zugang erlebt zur Zeit eine Konjunktur in
den historischen und in den Sozialwissenschaften und hat besonders interessante
Ergebnisse in der Sozial- und Arbeitergeschichte erbracht.
Ziel der Konferenz war es also, einige dieser Forschungen aus dem Bereich
der Arbeitergeschichte zu präsentieren und im Hinblick auf methodische
Probleme und Forschungsergebnisse in vergleichender Perspektive zur Diskussion
zu bringen.
Der erste Teil der Konferenz war einigen besonders ergiebigen Arbeitsfeldern
prosopographischer Forschung gewidmet. Nach einer Einleitung von Bruno
Groppo, die das Generalthema der Konferenz skizzierte,
präsentierte Claude Pennetier
Erfahrungen in der Arbeit am Dictionnaire Biographique du Mouvement Ouvrier
Français. Dieses von Jean Maitron 1955 lancierte gewaltige Publikationsunternehmen
(an dem zu Beginn im übrigen auch österreichische Historiker aus
dem Kreise der ITH beteiligt waren) war ein Pionierwerk und ein Referenzpunkt
für biographische Handbücher der Arbeiterbewegung. Feliks
Tych referierte anschließend das politische
Tauziehen und die methodischen Entscheidungen beim Entstehen des biographischen
Handbuches der polnischen Arbeiterbewegung, ein in den 1960er Jahren begonnenes
Projekt, an dem er und eine Equipe von Historikerinnen und Historikern bis
heute arbeiten. Wie in ähnlichen Unternehmungen in der DDR und in Ungarn
waren die Biographien in diesem Handbuch der politischen Kontrolle der kommunistischen
Regierungspartei unterworfen. Dennoch gab es nennenswerte Unterschiede bei
diesen Projekten. Horacio Tarcus
hob hervor, dass es im lateinamerikanischen Raum keine wissenschaftlich
soliden kollektivbiographischen Arbeiten im Bereich der Arbeiterbewegung
gebe. Anschließend präsentierte er sein laufendes Projekt eines
Handbuchs der argentinischen Linken und erklärte methodischen Zugang
und Selektionskriterien für den weit gefassten Untersuchungsbereich
der "Linken" und nicht etwa der Arbeiterbewegung.
Klaus Tenfelde entwickelte
ein für den kollektivbiographischen Zugang fundamentales Konzept der
"Generation" anhand des Versuchs, Generationen in der deutschen
Sozialdemokratie zu identifizieren. Auch der folgende Beitrag von Jürgen
Mittag, der das von Wilhelm Schröder geleitete
kollektivbiographische Projekt zu sozialdemokratischen Parlamentariern in
Deutschland 1870-1933 präsentierte, bediente sich dieses Konzepts der
"Generation". Die Ergebnisse dieses Projekts (die auf der Homepage
der Friedrich-Ebert-Stiftung www.fes.de eingesehen werden können) gehören
zweifellos zu den wichtigsten Resultaten kollektivbiograpischer Forschungen
zur Arbeiterbewegung. Ergebnisse eines kollektivbiographisch angelegten
Forschungsprojektes zu einem anderen wichtigen Sektor der Arbeiterbewegung,
nämlich den (in diesem Fall französischen) Genossenschaften präsentierte
Patricia Toucas-Truyen.
Ein Beitrag von Claudie Weill
über ihre langjährigen Forschungen zu Biographien jüdischer
sozialistischer Führungskader in Russland beschloss den ersten Tag
der Konferenz.
Der zweite Tag war Problemen der Kollektivbiographie in der Geschichte des
Kommunismus nach der Öffnung der einschlägigen Archive gewidmet.
Die Öffnung der Archive, die reiches Material für kollektivbiographische
Zugänge enthüllten, erlaubte gerade auf diesem Gebiet seit den
1990er Jahren einen enormen Forschungsfortschritt. Einige dieser Forschungen
wurden auf der Konferenz präsentiert.
Michael Buckmiller,
Hannover, präsentierte Methoden, Probleme und Ergebnisse eines prosopographischen
Forschungsprojekts zu Biographien von Komintern-Mitarbeitern an der Universität
Hannover. Ein Produkt dieses Projekts ist eine Datenbank, die standardisierte
Daten zu 28.000 Biographien aus dem Moskauer Komintern-Archiv enthält,
wertvolles Instrument einer Untersuchung der Komintern von einem kollektivbiographischen
Zugang her. Es folgte eine Kurzpräsentation von Klaus
Meschkat, Hannover, zu einem Projekt, das 2004
in der Publikation eines biographischen Handbuchs lateinamerikanischer Komintern-Mitarbeiter
mündete. Die Komintern stand auch im Zentrum des Beitrags von José
Gotovitch über ein weiteres prosopographisches
Projekt zu frankophonen Komintern-Mitarbeitern, dessen Ergebnisse ebenfalls
in Form eines biographischen Handbuchs publiziert wurden. Kevin
Morgan, Manchester, referierte über ein kollektivbiographisches
Projekt zur britischen Kommunistischen Partei. Hermann
Weber, Mannheim, untersuchte die biographische
Dimension des deutschen Kommunismus zwischen 1918 und 1945 und resümierte
Ergebnisse des von ihm zusammen mit Andreas Herbst publizierten biographischen
Handbuchs, das 1.400 Biographien deutscher Kommunisten enthält. Es
erfasst damit praktische das gesamte Führungskorps der KPD in der Weimarer
Republik und während des NS-Regimes und zeigt deutlich die oft tragischen
Lebenswege von Kommunisten in dieser Epoche.
In einem konzeptuell angelegten Beitrag interpretierte Bernard
Pudal, Paris, die Welt des Kommunismus als "biokratisch".
Die in den Kommunistischen Parteien übliche ausführliche biographische
Erfassung ihrer Mitglieder ließe sich dadurch erklären, dass
in diesem Milieu die Biographie, also die Erzählung über soziale
Herkunft und politisch-ideologischen Werdegang als politisches Kapital diente,
das – anstatt von Geldkapital oder schulischem bzw. beruflichem Ausbildungskapital
– die soziale Hierarchisierung in diesen Parteien organisierte.
Zwei Kurzpräsentationen schlossen diesen Teil der Konferenz ab. Ottokar
Luban, Berlin, untersuchte anhand von Gerichtsakten
Biographien aus dem Bereich und Umfeld der Spartakusgruppe, dem informell
organisierten Kreis um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, zwischen 1915
et 1918; Ulla Plener,
Berlin, versuchte ein Kollektivporträt von deutschen Frauen zu zeichnen,
die als Exilantinnen in der französischen Résistance gekämpft
hatten.
Die sehr animierten Diskussionen waren insbesondere auch Anlass, die präsentierten
Forschungsergebnisse zu vergleichen und die Tauglichkeit des kollektivbiographischen
Zugangs zu evaluieren. Unbestritten blieb, dass ein solcher Zugang, der
neben der Geschichtswissenschaft auch Wissenschaftsdisziplinen wie Soziologie
und Sozialanthropologie integriert, der Arbeitergeschichte neue Anregungen
gibt. Es handelt sich um ein Forschungsfeld, das in voller Entwicklung steht
und über den europäischen Bereich hinaus ausstrahlt, so, wie an
der Konferenz deutlich wurde, in Forschungen in Lateinamerika.
Die Tagung ist von einer Vorbereitungsgruppe unter der Leitung von Bruno
Groppo wissenschaftlich konzipiert worden. Ihr gehörten Feliks Tych,
Michael Buckmiller, Claudie Weill, Claude Pennetier, Bernard Pudal, Berthold
Unfried, Christine Schindler und Winfried Garscha an. Organisiert wurde
sie seitens der ITH von Eva Himmelstoss. Auf institutioneller Ebene war
das Centre d’Histoire Sociale du XXe Siècle (Université
Paris I) eng in die Konzeption dieser Konferenz eingebunden.
Bruno Groppo
(Oktober 2005)