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Bericht über die 38. Linzer Konferenz
12.—14. September 2002

Sexualität, Unterschichtenmilieus und ArbeiterInnenbewegung

Die öffentliche Ausschreibung der diesjährigen Linzer Konferenz und die Einladung von ReferentInnen in Form eines Call for Papers brachte neben der für die ITH-Konferenzen gewohnten Internationalität eine breite Streuung akademischer Disziplinen und wissenschaftlicher Zugänge. Die eingelangten Referate veranschaulichten die große Bandbreite wissenschaftlicher Forschung zum Thema Sexualität und Unterschichten, sowohl an Forschungsthemen als auch an methodischen Ansätzen. Während der zwei Konferenztage präsentierten WissenschaftlerInnen aus 12 Ländern und aus verschiedenen Disziplinen, wie der Geschichte, der Anthropologie, der Soziologie, Humangeografie oder der Rechtsphilosophie ihre Forschungsergebnisse und vermittelten dadurch ein eindrucksvolles Bild vom derzeitigen Stand der Sexualitätsforschung und -geschichtsschreibung.
Das erste von insgesamt sieben nach inhaltlichen Schwerpunkten gegliederten Panels mit dem Titel „Konzepte" lieferte ein theoretisches Fundament für die nachfolgenden Ausführungen mit einer Betrachtung von Geschlechteridentitäten in Zusammenhang mit queer theory (Elisabeth Holzleithner, Österreich) sowie eine Annäherung der marxistischenTheorie an moderne Konzeptionen von Sexualität und Geschlechteridentitäten (Paul Reynolds, Großbritannien).
Das zweite Panel beschäftigte sich mit organisierten „Arbeiterbewegungen und Sexualität". June Hannam und Karen Hunt (Großbritannien) erläuterten die Positionen britischer Sozialistinnen zur Sexualpolitik in den 1920er Jahren. David Berry (Großbritannien) porträtierte den französischen politischen Aktivisten Daniel Guérin, der in den 1950er Jahren Analogien zwischen der Unterdrückung der Arbeiterklasse, von Afro-AmerikanerInnen, der kolonisierten Völker und der Diskriminierung von Homosexualität herstellte.
Ein weiterer Themenblock behandelte die „sexuelle Aufklärung" in Form von Beratungsstellen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Stefan Bajohr, Deutschland). Lena Lennerhed (Schweden) arbeitete in Zusammenhang mit Sexualreformen in Schweden die Verflechtung von Sexualität mit dem Diskurs von Hygiene und Medizin heraus. Ein zentraler Punkt war die Frage nach dem Verhältnis zu bürgerlichen Moralvorstellungen von Seiten der Arbeiterbewegung, wie Britta McEwen (USA) in einer Studie über die Sexualaufklärung für Kinder im Roten Wien aufzeigte. Elisabeth Perry (USA) thematisierte die Grenze zwischen Schutz und Kontrolle von workingclass girls durch bürgerliche SozialreformerInnen am Beispiel amerikanischer Dancehalls zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Um Zusammenhänge zwischen ökonomischen Zwängen und bevölkerungspolitischen Fragen ging es beim Panel zu „Generativität" und Fortpflanzung, die bedeutende Faktoren im Sexualitätsdiskurs von und über Unterschichten waren. Anelia Kassabova-Dintcheva (Bulgarien) analysierte Generativität in Bulgarien als institutionellen Diskurs im Spannungsfeld zwischen politischen Maßnahmen und sozialen Prozessen. Ein Vortrag beleuchtete die Perspektive in Filmen zur Zeit der Weimarer Republik, in denen Abtreibung durchgehend in Konnex mit persönlicher Tragik und Erniedrigung gebracht wurden, was die komplexen Erfahrungen von Frauen ausblendete, die mit Abtreibung konfrontiert waren (Cornelie Usborne, Großbritannien). Den Einfluss bürgerlicher Wertvorstellungen in Bezug auf Kontrazeption erörterte Jutta Schwarzkopf (Deutschland) in einem Referat über BaumwollweberInnen in Lancashire Ende des 19. Jahrhunderts.
Der zweite Tag begann mit dem fünften Panel über „Sexualität und Arbeitswelt" in dem sexuelle Beziehungen in Relation zu hierarchischen Positionen am Arbeitsplatz an zwei konkreten Beispielen aus China und den USA diskutiert wurden (Minjie Zhang, China und Stephen Meyer, USA). Einen zeitlich weiten und inhaltlich umfassenden Bogen vom 19. bis ins 20. Jahrhundert spannte Anne-Marie Sohn (Frankreich) über die Sexualitätsgeschichte der milieux populaires in Frankreich. Joan Isabel Sangster (Kanada) stellte für die kanadischen Unterschichten Analogien zu rassistischen Tendenzen von sexueller Kontrolle im kolonialen Kontext im Vergleich von aboriginal und working class girls her. Ein weiterer Themenbereich behandelte das Wissen über Sexualität, Verhütung und Geschlechtskrankheiten von Juteworkers in Indien (Raja Chakraborti, Indien).
Das Panel über „marginalisierte Sexualitäten" hatte zum einen die Gegensätze zwischen der Repräsentation von queer-Lebensformen und der ArbeiterInnenschaft zum Inhalt, wie etwa das Referat von Jon Binnie und Beverly Skeggs (Großbritannien) über den gay district in Manchester. Zum anderen wurde Prostitution unter den historischen Bedingungen des (Post-)Kolonialismus thematisiert. P. Swarnalatha (Indien) veranschaulichte den literarischen Diskurs über die zwei Jahrhunderte dauernde Transformation der dancing girls von Mätressen zu verachteten Prostituierten in Andrah/Indien. Mustafa Abdel Rahman (Ägypten) betrachtete die sexuellen Beziehungen von jungen ägyptischen Männern zu ausländischen Touristinnen unter dem Blickwinkel von Kolonialismus, Globalisierung und Geschlechterverhältnissen. In der darauf folgenden Diskussion, die auch nach dem siebten Panel weitergeführt wurde, bestätigte sich die Notwendigkeit, sich von der einseitigen Betrachtung von Prostituierten als den Opfern gesellschaftlicher Umstände zu lösen, um zu einer differenzierteren Auseinandersetzung mit den handelnden AkteurInnen zu gelangen.
Das letzte Panel dieser Konferenz mit dem Titel „Revolution und Sexualität" beinhaltete fünf Studien über Länder, in denen eine Neuordnung der Gesellschaft eine Veränderung der Normen von Sexualität nach sich gezogen hat. Lubov Kusnetsova (Russland) und Berthold Unfried (Österreich) sprachen über Sexualität und Politik im Russland der 1920er bzw. 1930er Jahre. Ruth Gutermann (Österreich) lieferte eine Diskursanalyse der Sexualitätsdebatten in anarchistischen Zeitschriften in Spanien. Mit der Einführung der islamischen temporary marriage im Zuge der Sexualgesetzgebung im Iran nach der Revolution 1979 setzte sich Narges Erami (USA) auseinander. Jafari Sinclaire Allen (USA) thematisierte männliche Sexualitäten in Kuba. Die Gegenüberstellung von Gesellschaften mit sozialistischen und islamistischen Revolutionen verdeutlichte ungeachtet aller Unterschiede die Mechanismen, mit denen Sexualität zur Machtausübung instrumentalisiert werden kann. Es wurde unter anderem aufgezeigt, dass der Diskurs über Sexualität immer Machtanspruch der Sprechenden bedeutet und das Sprechen über Sexualität in den historischen Transformationen als revolutionärer Akt gedeutet werden konnte.
Die präsentierten Beiträge veranschaulichten in ihrer Gesamtheit die Ausdehnung, die Grenzen und Differenzen in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Sexualität. Der akademische Blick auf Sexualität gibt sich vorwiegend problemorientiert und eine Analyse der Gender, race und Sexualität inhärenten Machtstrukturen scheint positive Konnotationen zu meiden. In der auf negative Aspekte konzentrierten Herangehensweise wäre vielleicht, so meinte eine Konferenzteilnehmerin, eine Gemeinsamkeit mit der Geschichte der Arbeiterbewegung zu finden. Indes haben sich Ansätze der queer theory als Ausweg aus einer auf Normierung und Kontrolle ausgerichteten Perspektive von Sexualitätsgeschichte herauskristallisiert. Nicht zuletzt sind queer studies aufgrund des ihnen innewohnenden subversiven Potentials von Bedeutung. Die Dekonstruktion von dichotomen Geschlechteridentitäten erlaubt den Blick auf individuelle Handlungsspielräume von AkteurInnen und vermag eine „Geschichte von unten" in einer positiven und subjektorientierten Weise zu schreiben.

Bilder von der 38. Linzer Konferenz