Sexualität, Unterschichtenmilieus und ArbeiterInnenbewegung
Die öffentliche Ausschreibung der diesjährigen
Linzer Konferenz und die Einladung von ReferentInnen in Form eines Call
for Papers brachte neben der für die ITH-Konferenzen gewohnten Internationalität
eine breite Streuung akademischer Disziplinen und wissenschaftlicher Zugänge.
Die eingelangten Referate veranschaulichten die große Bandbreite wissenschaftlicher
Forschung zum Thema Sexualität und Unterschichten, sowohl an Forschungsthemen
als auch an methodischen Ansätzen. Während der zwei Konferenztage
präsentierten WissenschaftlerInnen aus 12 Ländern und aus verschiedenen
Disziplinen, wie der Geschichte, der Anthropologie, der Soziologie, Humangeografie
oder der Rechtsphilosophie ihre Forschungsergebnisse und vermittelten dadurch
ein eindrucksvolles Bild vom derzeitigen Stand der Sexualitätsforschung
und -geschichtsschreibung.
Das erste von insgesamt sieben nach inhaltlichen Schwerpunkten gegliederten
Panels mit dem Titel Konzepte" lieferte ein theoretisches Fundament
für die nachfolgenden Ausführungen mit einer Betrachtung von Geschlechteridentitäten
in Zusammenhang mit queer theory (Elisabeth Holzleithner, Österreich)
sowie eine Annäherung der marxistischenTheorie an moderne Konzeptionen
von Sexualität und Geschlechteridentitäten (Paul Reynolds, Großbritannien).
Das zweite Panel beschäftigte sich mit organisierten Arbeiterbewegungen
und Sexualität". June Hannam und Karen Hunt (Großbritannien)
erläuterten die Positionen britischer Sozialistinnen zur Sexualpolitik
in den 1920er Jahren. David Berry (Großbritannien) porträtierte
den französischen politischen Aktivisten Daniel Guérin, der
in den 1950er Jahren Analogien zwischen der Unterdrückung der Arbeiterklasse,
von Afro-AmerikanerInnen, der kolonisierten Völker und der Diskriminierung
von Homosexualität herstellte.
Ein weiterer Themenblock behandelte die sexuelle Aufklärung"
in Form von Beratungsstellen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
(Stefan Bajohr, Deutschland). Lena Lennerhed (Schweden) arbeitete in Zusammenhang
mit Sexualreformen in Schweden die Verflechtung von Sexualität mit
dem Diskurs von Hygiene und Medizin heraus. Ein zentraler Punkt war die
Frage nach dem Verhältnis zu bürgerlichen Moralvorstellungen von
Seiten der Arbeiterbewegung, wie Britta McEwen (USA) in einer Studie über
die Sexualaufklärung für Kinder im Roten Wien aufzeigte. Elisabeth
Perry (USA) thematisierte die Grenze zwischen Schutz und Kontrolle von workingclass
girls durch bürgerliche SozialreformerInnen am Beispiel amerikanischer
Dancehalls zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Um Zusammenhänge zwischen ökonomischen Zwängen und bevölkerungspolitischen
Fragen ging es beim Panel zu Generativität" und Fortpflanzung,
die bedeutende Faktoren im Sexualitätsdiskurs von und über Unterschichten
waren. Anelia Kassabova-Dintcheva (Bulgarien) analysierte Generativität
in Bulgarien als institutionellen Diskurs im Spannungsfeld zwischen politischen
Maßnahmen und sozialen Prozessen. Ein Vortrag beleuchtete die Perspektive
in Filmen zur Zeit der Weimarer Republik, in denen Abtreibung durchgehend
in Konnex mit persönlicher Tragik und Erniedrigung gebracht wurden,
was die komplexen Erfahrungen von Frauen ausblendete, die mit Abtreibung
konfrontiert waren (Cornelie Usborne, Großbritannien). Den Einfluss
bürgerlicher Wertvorstellungen in Bezug auf Kontrazeption erörterte
Jutta Schwarzkopf (Deutschland) in einem Referat über BaumwollweberInnen
in Lancashire Ende des 19. Jahrhunderts.
Der zweite Tag begann mit dem fünften Panel über Sexualität
und Arbeitswelt" in dem sexuelle Beziehungen in Relation zu hierarchischen
Positionen am Arbeitsplatz an zwei konkreten Beispielen aus China und den
USA diskutiert wurden (Minjie Zhang, China und Stephen Meyer, USA). Einen
zeitlich weiten und inhaltlich umfassenden Bogen vom 19. bis ins 20. Jahrhundert
spannte Anne-Marie Sohn (Frankreich) über die Sexualitätsgeschichte
der milieux populaires in Frankreich. Joan Isabel Sangster (Kanada) stellte
für die kanadischen Unterschichten Analogien zu rassistischen Tendenzen
von sexueller Kontrolle im kolonialen Kontext im Vergleich von aboriginal
und working class girls her. Ein weiterer Themenbereich behandelte das Wissen
über Sexualität, Verhütung und Geschlechtskrankheiten von
Juteworkers in Indien (Raja Chakraborti, Indien).
Das Panel über marginalisierte Sexualitäten" hatte
zum einen die Gegensätze zwischen der Repräsentation von queer-Lebensformen
und der ArbeiterInnenschaft zum Inhalt, wie etwa das Referat von Jon Binnie
und Beverly Skeggs (Großbritannien) über den gay district in
Manchester. Zum anderen wurde Prostitution unter den historischen Bedingungen
des (Post-)Kolonialismus thematisiert. P. Swarnalatha (Indien) veranschaulichte
den literarischen Diskurs über die zwei Jahrhunderte dauernde Transformation
der dancing girls von Mätressen zu verachteten Prostituierten in Andrah/Indien.
Mustafa Abdel Rahman (Ägypten) betrachtete die sexuellen Beziehungen
von jungen ägyptischen Männern zu ausländischen Touristinnen
unter dem Blickwinkel von Kolonialismus, Globalisierung und Geschlechterverhältnissen.
In der darauf folgenden Diskussion, die auch nach dem siebten Panel weitergeführt
wurde, bestätigte sich die Notwendigkeit, sich von der einseitigen
Betrachtung von Prostituierten als den Opfern gesellschaftlicher Umstände
zu lösen, um zu einer differenzierteren Auseinandersetzung mit den
handelnden AkteurInnen zu gelangen.
Das letzte Panel dieser Konferenz mit dem Titel Revolution und Sexualität"
beinhaltete fünf Studien über Länder, in denen eine Neuordnung
der Gesellschaft eine Veränderung der Normen von Sexualität nach
sich gezogen hat. Lubov Kusnetsova (Russland) und Berthold Unfried (Österreich)
sprachen über Sexualität und Politik im Russland der 1920er bzw.
1930er Jahre. Ruth Gutermann (Österreich) lieferte eine Diskursanalyse
der Sexualitätsdebatten in anarchistischen Zeitschriften in Spanien.
Mit der Einführung der islamischen temporary marriage im Zuge der Sexualgesetzgebung
im Iran nach der Revolution 1979 setzte sich Narges Erami (USA) auseinander.
Jafari Sinclaire Allen (USA) thematisierte männliche Sexualitäten
in Kuba. Die Gegenüberstellung von Gesellschaften mit sozialistischen
und islamistischen Revolutionen verdeutlichte ungeachtet aller Unterschiede
die Mechanismen, mit denen Sexualität zur Machtausübung instrumentalisiert
werden kann. Es wurde unter anderem aufgezeigt, dass der Diskurs über
Sexualität immer Machtanspruch der Sprechenden bedeutet und das Sprechen
über Sexualität in den historischen Transformationen als revolutionärer
Akt gedeutet werden konnte.
Die präsentierten Beiträge veranschaulichten in ihrer Gesamtheit
die Ausdehnung, die Grenzen und Differenzen in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung
mit Sexualität. Der akademische Blick auf Sexualität gibt sich
vorwiegend problemorientiert und eine Analyse der Gender, race und Sexualität
inhärenten Machtstrukturen scheint positive Konnotationen zu meiden.
In der auf negative Aspekte konzentrierten Herangehensweise wäre vielleicht,
so meinte eine Konferenzteilnehmerin, eine Gemeinsamkeit mit der Geschichte
der Arbeiterbewegung zu finden. Indes haben sich Ansätze der queer
theory als Ausweg aus einer auf Normierung und Kontrolle ausgerichteten
Perspektive von Sexualitätsgeschichte herauskristallisiert. Nicht zuletzt
sind queer studies aufgrund des ihnen innewohnenden subversiven Potentials
von Bedeutung. Die Dekonstruktion von dichotomen Geschlechteridentitäten
erlaubt den Blick auf individuelle Handlungsspielräume von AkteurInnen
und vermag eine Geschichte von unten" in einer positiven und
subjektorientierten Weise zu schreiben.
Bilder von der 38. Linzer Konferenz