Die im folgenden resümierten Vorschläge der Zukunftskommission basieren auf dem Protokoll der Kommissionsklausur am 28./29.1.2006. Diese Vorschläge wurden mit Modifikationen von der ITH-Generalversammlung am 14.9.2006 angenommen und beschlossen.
Grundannahmen zur Situation der ITH
Grundlage der Diskussionen und der daraus resultierenden Vorschläge
war die Konstatierung, dass Geschichte der ArbeiterInnenbewegung in Europa
als eigenständiges Forschungsfeld kaum mehr präsent ist.
Die ArbeiterInnenbewegung (genauer gesagt, ihr nichtstalinistischer Teil)
fehlt auch unter den gegenwärtigen Bezugspunkten der europäischen
Geschichtsdarstellung, aus denen so etwas wie eine gemeinsame europäische
Identität historisch begründet werden soll – und diese Erinnerungspolitik
schlägt sich auch auf die Forschung nieder.
Dagegen erlebt das Interesse an der ArbeiterInnengeschichte in anderen Weltgegenden,
insbesondere in den im Rahmen der Weltökonomie aufstrebenden Regionen
(z. B. Südamerika, insbesondere Brasilien, Indien, Südafrika)
unter dem Einfluss neu entstehender Sozialbewegungen mit neuen Fragestellungen
eine starke Konjunktur.
Durch die Entwicklung seit den 1980er Jahren hat sich die ehemalige Brückenfunktion
der ITH im "Ost-West-Konflikt" ebenso überlebt wie ein beschränkter
parteilicher (im Sinne von "Partei nehmend" wie von "Parteiengeschichte")
Zugang zur ArbeiterInnengeschichte.
Strategische Orientierung
Die ITH sollte einerseits das Feld der "Labour History" (ausgehend von einem Begriff von "Arbeit", der über die klassische Lohnarbeit hinausreicht) und der Geschichte verwandter sozialer Bewegungen nicht verlassen, um ihre Einzigartigkeit als weltweiter Zusammenschluss von Organisationen und Instituten, die schwerpunktmäßig auf diesem Gebiet forschen, nicht einzubüßen. Sie sollte ihren Wirkungskreis und ihre Themen aber verstärkt am Blickwinkel einer "Global Labour History" ausrichten.
Die ITH sollte versuchen, die Impulse der neu entstehenden ArbeiterInnengeschichte des "Südens" aufzunehmen und damit gleichzeitig auch die Geschichtsschreibung in den Zentren der Weltwirtschaft zu erneuern und zu bereichern. Ziel sollte die Entwicklung zu einer global orientierten Gemeinschaft von Labour historians sein, innerhalb derer sich HistorikerInnen aus alten und neuen Zentren dieser Geschichtsschreibung austauschen. Ein solcher Treffpunkt würde einem echten Bedürfnis entsprechen. Denn es gibt kein global angelegtes Netzwerk, das eine solche Aufgabe übernehmen könnte.
Die ITH sollte wieder stärker als Netzwerk funktionieren. Sie könnte dabei auf die Unterstützung der großen Mitgliedsinstitute (IISG, ISB Bochum, FES, Centre d'Histoire Sociale, Paris) zählen, die ihrerseits ihre eigenen Netzwerke einspeisen würden. Ein solcher Treffpunkt könnte auch – angesichts des aktuellen breit gefächerten Interesses für die wirtschaftliche Entwicklung und die Arbeitsbeziehungen in "emerging countries" – eine über das akademische Milieu hinaus gehende Ausstrahlung gewinnen. Gleichzeitig darf aber die Entwicklung in den Transformationsstaaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas trotz der derzeit bestehenden Schwierigkeiten, was die Forschung zur Geschichte der ArbeiterInnenbewegung betrifft, nicht aus den Augen gelassen werden. Die Anbindung der Forschung an die Umsetzungsebene (ausgedrückt etwa durch die enge Bindung an Organisationen der ArbeiterInnenbewegung, in Österreich Arbeiterkammer und Gewerkschaft) war ja schon bisher ein Charakteristikum der ITH. Auf organisatorischer Ebene soll die internationale Netzwerkfunktion der ITH durch eine Intensivierung des Kontakts zu den Mitgliedsinstituten und durch die Gewinnung neuer Mitglieder im "Süden" stärker herausgestellt werden. Der Netzwerkkommunikation soll auch eine Aktualisierung und Neuorganisierung der ITH-Homepage sowie eine regelmäßige elektronische Kommunikation über den Rund-brief/Newsletter dienen. Durch eine stärkere Einbindung der großen Mitgliedsinstitute auf internationaler Ebene und auf nationaler Ebene in Österreich insbesondere von Universitätsinstituten (etwa des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Univ. Wien) soll dieses Netzwerk die notwendigen Knotenpunkte erhalten.
Zur Umsetzung einer solchen Perspektive sollte die ITH versuchen:
Die ITH sollte die eingespielte Konferenzorganisation in Linz beibehalten, die "Linzer Konferenzen" aber nach Maßgabe der Möglichkeiten durch die Koorganisation von Tagungen oder Workshops dazwischen (Arbeitstitel: "Zwischenkonferenzen") an wechselnden Orten ergänzen. Eventuell könnte für die "Linzer Konferenzen" ein Zweijahresrhythmus ins Auge gefasst werden und sich so "Linzer Konferenz" und "Zwischenkonferenz" im Jahresrhythmus abwechseln.
Die Programmierung der Konferenzthemen sollte im Einvernehmen mit den großen Mitgliedsinstituten erfolgen, damit sich die ITH nicht isoliert. Das bedeutet nicht, Konferenzen und Trends zu kopieren, sondern originär Eigenes zu machen. Die Konferenzen müssen sich von existierenden Projekten der Partner-Institute klar unterscheiden. Wesentlich ist die Abstimmung mit den aktiven Mitgliedsinstituten. Diese sollen ihre inhaltlichen Projekte an die ITH kommunizieren und sind bereit, Unterstützung zu geben, wenn sich gemeinsame inhaltliche Perspektiven ergeben. Auf der anderen Seite muss das Vorbereitungskomitee der jeweiligen ITH-Konferenz so gut arbeiten (aus Fachleuten zusammengesetzt sein, welche die Forschungsfelder kennen, auf denen international gearbeitet wird), dass ein Call For Papers allenfalls ergänzend zu einem ausgearbeiteten Grundgerüst der Konferenz erfolgt. Das erfordert eine professionelle inhaltliche Konferenzplanung.
Argumente für Mehrjahres-Themen:Diese Pro-Argumente scheinen Gegenargumente wie etwa die Abschreckung
von ITH-Mitgliedern, die an dem Mehrjahresthema inhaltlich nicht interessiert
sind, zu überwiegen.
Durch übergeordnete Themen für die "Linzer Konferenzen",
welche über mehrere Jahre (ein guter Zeitraum erschiene etwa 3 Jahre)
hinweg gehen, soll ein neuer ForscherInnenkreis längerfristig an die
ITH gebunden werden. Solche längerfristigen Themen sollen auch die
Einwerbung von Drittmitteln zur Finanzierung erleichtern. Eine Finanzierung
der ITH-Aktivitäten soll verstärkt über Projektförderungen
gesucht werden. Dazu soll versucht werden, europäische Förderinstitutionen
anzusprechen.
Die Themen sollten in einer globalen Perspektive angelegt sein. Schon das
Thema der diesjährigen Linzer Konferenz: "Rechtsextremismus und
ArbeiterInnenbewegung", deren Organisation neben den Arbeitsaufträgen
in Zusammenhang mit der Neuorientierung der ITH einen Schwerpunkt der ITH-Tätigkeit
im Jahr 2006 darstellte, wird von der Fragestellung geleitet sein, ob die
Konzepte "Rechtsextremismus" und "ArbeiterInnenbewegung"
global gedacht und mit Sinn erfüllt werden können.
2007 soll ein Dreijahreszyklus
zu dem übergeordneten Thema "Labour history
beyond borders" / "Grenzüberschreitende
ArbeiterInnengeschichte" gestartet werden, in dessen Rahmen
"Linzer Tagungen" und "Zwischenkonferenzen" durchgeführt
werden sollen.
Bis 2009 sollen in diesem Zusammenhang Konferenzen
folgenden Themen gewidmet sein: