| Susanne Miller 90 Jahre
alt Historikerin. * 14. 5. 1915 in Sofia, ab 1932 Studium der Geschichte und Anglistik in Wien. Beitritt zum Sozialistischen Studentenbund. Ab 1934 Englandaufenthalte, 1938 Emigration. Mitglied im Internationalen Sozialistischen Kampfbund. 1946 übersiedelte sie mit ihrem späteren Mann Willi Eichler nach Köln, später wurde Bonn ihre endgültige Heimat. Eintritt in die SPD. 1952 - 1960 Angestellte beim SPD-Parteivorstand in Bonn, Studium Geschichte und Politologie, 1963 Promotion. 1964 - 1978 Referentin bei der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien in Bonn. 1985Verleihung des Professorentitels durch das Land NRW. 1981 - 1989 Vorsitzende der Historischen Kommission beim SPD Parteivorstand, 1982 – 1990 Vorsitzende der Philosophisch-Politischen Akademie. Langjähriges Mitglied der SPD-Grundwertekommission, stellvertretende Vorsitzende, später Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten (AVS). |
Susanne Miller mit Friedl Garscha und (von hinten) Paul Pasteur, Claudie Weill und Jürgen Hofmann auf der 38. Linzer Konferenz der ITH (2002) |
Susanne Miller zum Februar 1934 in Wien:
Dieser erste, große Aufstand gegen den heranrollenden und schon deutlich
in seinen Absichten und seiner Verruchtheit erkennbaren Nationalsozialismus
ist weitgehend vergessen, was ich sehr bedauerlich finde. Ich habe im Februar
1934 diesen Aufstand schon sehr bewusst miterlebt. Ich wohnte damals bei
einer Tante in der Innenstadt von Wien und gegenüber war der Radiosender,
der mit niederschmetternden Nachrichten darüber berichtete. Otto Bauer,
der unvergessene Kopf der Sozialdemokratie in Österreich, wies kurze
Zeit danach darauf hin, dass der Aufstand nicht gut vorbereitet gewesen
sei. Kenner wussten zum Beispiel, dass man die Radiostation auf alle Fälle
hätte besetzen müssen. Die Kämpfe dauerten drei Tage und
es war offensichtlich, dass der Republikanische Schutzbund, der die militärische
Gruppe in der österreichischen Sozialdemokratie war, den Kampf gegen
die Regierungstruppen von Kanzler Dollfuß nicht bestehen konnte. Dieser
hatte die Arbeiterbewegung in ihren Rechten ungeheuer beschnitten und unterdrückt.
Als der ungleiche Kampf zuende war, folgten sehr harte, grausame Urteile:
Eine Art Konzentrationslager in der Nähe von Wien [Wöllersdorf
bei Wiener Neustadt] wurde eingerichtet, selbst Verwundete wurden zum Galgen
geschleppt, es gab viele Todesurteile. Und trotzdem muss man sagen, dass
das Dollfuß-Regime mit der wenige Jahre später auch in Österreich
einsetzenden Naziherrschaft nicht zu vergleichen war. Aber es waren böse
Zeichen, wie sich die Dinge in Europa entwickeln würden. Das hat mich
auf meinem Lebensweg entscheidend geprägt.
Wir haben damals für die Opfer der Februarkämpfe von den Quäkern aus Amerika und aus Großbritannien Spenden bekommen, die wir als Kinder- und Jugendorganisationen der österreichischen Sozialdemokraten unter den Opfern dieser Kämpfe verteilten. Dies geschah unter der Leitung eines späteren österreichischen Ministers. An dieser Verteilung war ich beteiligt. So kam ich in viele Arbeiterwohnungen und lernte die Verbundenheit und die tiefe Trauer der Menschen kennen, die das verloren hatten, was Otto Bauer in seinen Erinnerungen einmal "Vaterhaus" und "Heimat" genannt hat. Als ich einige Jahre später eine Schulfreundin aus Österreich wiedertraf, die in der sozialdemokratischen Jugendbewegung sehr aktiv war, sagte sie ganz traurig: "Von unserem Sozialismus ist nur noch die freie Liebe geblieben." Woraufhin ich ziemlich heftig widersprach: "Aber das genügt nicht."
Über ihr Exil in Großbritannien:
Nach England bin ich gegangen nicht nur um der damals
schon voraussehbaren Besetzung durch das NS-Regime zu entgehen, sondern
auch um mein politisches Engagement fortsetzen zu können. Zu diesem
Engagement bin ich durch einen Lehrer der Philosophie an der deutschen Schule
in Sofia (Bulgarien) angeregt worden. Er hieß Zeko Torbow und war
ein Student und Verehrer des Göttinger Philosophen Leonard Nelson.
Durch Torbow wurde mir die Philosophie Nelsons nahe gebracht ebenso wie
der INTERNATIONALE SOZIALISTISCHE KAMPFBUND (ISK), der von Nelson und dessen
Mitarbeitern ins Leben gerufen worden war. Gerade nach meiner Erfahrung
in Österreich leuchtete es mir ein, dass man seine ganze Kraft der
Aufgabe widmen muss, am Aufbau einer Gesellschaft mitzuwirken, in der Gerechtigkeit,
Solidarität und die Achtung vor der Menschenwürde herrschen. Mit
diesen Zielen identifizierte ich den ISK und war begeistert, bei dieser
Organisation mitzuwirken. In London lernte ich ISK-Mitglieder kennen und
fühlte mich von ihnen angezogen. Sie und weitere Flüchtlinge aus
Europa waren bemüht, im demokratischen Großbritannien den Kampf
gegen den Nationalsozialismus und den Faschismus zu unterstützen. Sehr
bald gehörte auch ich zu dem Kreis derer, die in diesem Sinne tätig
waren. Neben meiner Arbeit im Restaurant hielt ich Vorträge über
die politischen Vorgänge in Europa, arbeitete an Zeitschriften mit
und nutzte die vielfältigen Möglichkeiten, mich an Organisationen,
vor allem Frauenorganisationen zu beteiligen. Bei all diesen Aktivitäten
waren mir die geistigen Grundlagen, die ich im ISK erworben hatte, besonders
hilfreich. Im Laufe meines Lebens sehe ich manche Aspekte des ISK kritischer,
als das in meiner Jugend der Fall war. Dennoch bin ich mir sehr bewusst,
dass ich diesen Ideen und Menschen die meisten Entscheidungen in geistiger,
politischer und menschlicher Hinsicht verdanke. Auch meine Zusammenarbeit
und Lebensgemeinschaft mit Willi Eichler beruht auf dem Fundament des ISK.
So auch mein Entschluss, mit ihm sowohl im Exil als auch in Deutschland
zusammen zu arbeiten.