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Herbert-Steiner-Preis 2005 (Hauptpreis)

Barbara Nicole Wiesinger
›... denn die Freiheit kommt nicht von alleine‹. Frauen im jugoslawischen ›Volksbefreiungskrieg‹ 1941–1945

Vorstellung der Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades Kultur- und Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät Paris-Lodron-Universität Universität Salzburg (2005) durch die Autorin:

In dieser Arbeit stelle ich die Beteiligung von Frauen am Kampf der von Josip Broz Tito geführten jugoslawischen Partisanenbewegung gegen Besatzung und Kollaboration 1941-1945 dar.
Im ersten Kapitel wird die Untersuchung im Kontext einer geschlechtergeschichtlich orientierten Widerstands- und Militärgeschichte verortet. Ich gehe auf die spezifischen Probleme, die eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema ›kämpfende Frauen‹ mit sich bringt, ein und analysiere die Zusammenhänge zwischen herrschenden Geschlechterrollenkonzeptionen und Dokumentation bzw. Interpretationen weiblicher Kriegsbeteiligung. Damit verbunden ist eine kritische Diskussion der Literatur zu weiblicher Kriegsbeteiligung im Allgemeinen sowie zu Frauenwiderstand im 2. Weltkrieg und jugoslawischen Partisaninnen im Speziellen. Am Schluss steht ein Überblick über die der Arbeit zugrundegelegten Quellen (Dokumente der KPJ und der Volksbefreiungsarmee (NOV), Presse der Volksbefreiungsbewegung, Partisanendichtung, lebensgeschichtliche Interviews mit Veteraninnen).

Im zweiten Kapitel fasse ich den Verlauf des 2. Weltkrieges auf jugoslawischem Boden kurz zusammen, wobei Schwerpunkte auf die Terrorherrschaft der Besatzungsmächte und kollaborierenden Gruppen, die Entwicklung des kommunistisch geführten Widerstandes und die Einbindung von Frauen in diesen gelegt werden. Ein Exkurs über Gewaltentgrenzung und –tradierung behandelt Ursachen und Qualität der Gewalteskalation im Partisanenkrieg auf dem Balkan 1941-1945, die psychischen Folgen traumatisierender Kriegserfahrungen für die Beteiligten und die Schwierigkeiten der Überlieferung solcher Erfahrungen in mündlichen und schriftlichen (Selbst)Zeugnissen.

Kapitel 3 und 4 sind der Darstellung der Tätigkeiten von Frauen in der NOV gewidmet. In Kapitel 3 beschreibe ich die Entwicklung der Partisanen-Sanität, die Aufgaben von Frauen als Ärztinnen und Sanitäterinnen und ihren benachteiligten Status in der SoldatInnengemeinschaft. Es zeigt sich, dass die Bedeutung, welche der Sanität für die Aufrechterhaltung der Kampffähigkeit der NOV zukam, von Armeeführung und Soldaten kaum gewürdigt wurde. Ergänzend dazu wird das stark idealisierende Bild, das die KPJ-Propaganda von den Sanitäterinnen zeichnete, in Hinblick auf die damit transportierten und bekräftigten Geschlechterrollenklischees analysiert und seine Funktion im Rahmen des Partisanenmythos untersucht.

Im vierten Kapitel stelle ich einerseits Auseinandersetzungen um die Einbindung von Frauen als Kämpferinnen in den bewaffneten Widerstand dar, beschreibe andererseits aber auch, wie sich der Kampfeinsatz von Partisaninnen gestaltete. Ich fokussiere dabei auf Rekrutierung, Ausbildung und Einsatz von Partisaninnen und konkretisiere meine Ausführungen am Fallbeispiel der Likaner Frauenkompanien.

Kapitel 5 veranschaulicht die vorhergehenden Ausführungen anhand von fünf auf ausgewählten lebensgeschichtlichen Interviews mit Veteraninnen basierenden Porträts ehemaliger Partisaninnen, die die Vielfältigkeit weiblicher Kriegserfahrung ebenso sichtbar machen wie die unterschiedlichen Motivationen von Frauen, sich der NOV anzuschließen. Während subjektive Selbstzeugnisse ergänzend und illustrierend auch in die übrigen Kapitel Eingang fanden, verwirklicht dieses Kapitel den Anspruch, lebensgeschichtliche Erzählungen als Ganzheit zu interpretieren und wiederzugeben.

Kapitel 6 konzentriert sich auf die Herausarbeitung jener Aspekte der Geschichte der jugoslawischen Partisaninnen, die aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive besonders bedeutsam erscheinen. Konzeptionen männlichen Kämpfer- und Heldentums verunmöglichten es einerseits, Partisaninnen als Frauen wahrzunehmen. Gleichzeitig ist in den Quellen jedoch die Zuweisung einer klischeehaft weiblichen, d. h. hier v. a. mütterlich-fürsorglichen Identität an Kämpferinnen zu beobachten, die auch optisch etwa an den Körpern der Soldatinnen oder in Propagandaillustrationen hervorgehoben wurde. Ungelöste Widersprüche in den Repräsentationen von Partisaninnen als geschlechtslos, männlich, weiblich oder doppelgeschlechtlich verweisen darauf, dass das Engagement von Frauen als Kämpferinnen in einer nationalen Befreiungs- und revolutionären Bewegung trotz historischer Belege für weibliche Kriegsbeteiligung nicht zuletzt auf dem Balkan sowohl den Zeitgenossen als auch späteren InterpretInnen als unerhörter Ausnahmefall erschien.

Im siebenten Kapitel stehen Beziehungen zwischen Männern und Frauen in der NOV im Mittelpunkt. Einleitend werden Schwierigkeiten bei der Integration von Frauen in die männerbündische Soldatengemeinschaft behandelt. Diese Problematik wurde propagandistisch durch die Konzeptionierung der NOV als großer Familie, innerhalb derer Frauen die fürsorglichen und dienenden Rollen der Schwester und Mutter zugewiesen wurden, aufgelöst. Besondere Aufmerksamkeit kommt der Thematisierung von Sexualität in verschiedenen Quellen zu. Die Behauptung eines absoluten Sexualverbotes in der NOV wird widerlegt, anschließend aber gezeigt, dass ein v. a. pragmatisch begründetes, aber auch im gegebenen kulturellen Kontext verankertes Sexualtabu sehr wohl wirksam war.

Kapitel 8 beschäftigt sich mit einem in der Historiographie oft vernachlässigten Aspekt des Krieges: der Gewalt. Angst vor und Rache für den Besatzungs- und Bürgerkriegsterror werden als Widerstandsmotivationen von Partisaninnen dargestellt, wobei der Schwerpunkt entsprechend der Darstellungen in den Quellen auf Gewalt gegen Hilflose und sexuelle Gewalt gelegt wird. Daneben untersuche ich Repräsentationen weiblichen Tötens und Sterbens auf dem Schlachtfeld.

Im Schlusskapitel wird die Partizipation von Frauen am NOR im Hinblick auf Veränderungen der Lebensbedingungen von Jugoslawinnen in der ersten Hälfte des 20. Jh. noch einmal kontextualisiert. Ich frage nach den Bedingungen und Ergebnissen weiblicher Kriegsbeteiligung und zeige auf, dass diese wenn auch zur formalrechtlichen Emanzipation der Jugoslawinnen, so doch keineswegs zu einer revolutionären Veränderung des dominanten Frauenbildes geführt hat.

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