Mitglied werden
ith logo
Herbert-Steiner-Preis 2005 (Anerkennungspreis)

Christiane Rothländer
Karl Motesiczky (1904–1943)

Vorstellung der Dissertation an der Universität Wien / Institut für Zeitgeschichte (2005) durch die Autorin:

Die Biografie über Karl Motesiczky (1904-1943) soll eine Person in den Mittelpunkt der Forschung rücken, die bisher sowohl von der Wissenschaftsgeschichte der Psychoanalyse als auch von der österreichischen Geschichtsforschung über das politische Exil oder zu 'Widerstand und Verfolgung' während des nationalsozialistischen Regimes weitgehend unbeachtet geblieben ist. Über Motesiczkys Leben und Werk liegen weder wissenschaftliche Untersuchungen vor, noch ist sein Nachlass erhalten geblieben. Die fehlende Überlieferungsgeschichte und ausgesprochen fragmentarische Quellenlage legten einen sozialbiografischen, interaktionistischen und stark kontextualisierten Zugang nahe, der die Verflechtung eines individuellen Lebens mit den bedeutsamen zeithistorischen Phänomenen aufzeigt und die Person sowohl innerhalb seines familialen Milieus als auch im Kontext der verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen und sozialen Gruppen darstellt, in denen Motesiczky verortet werden konnte. Berücksichtigt wurden familiengeschichtliche, gesellschafts- und organisationspolitische, kultur-, politik- und literaturwissenschaftliche Dimensionen, wie etwa seine großbürgerliche Familie und ihr Einfluss auf die Entwicklung der Psychoanalyse, seine Kindheit und Jugend im Roten Wien, seine Freundschaft mit dem Schriftsteller Heimito von Doderer, seine Studienzeit in Deutschland, das psychoanalytische und sexualpolitische Umfeld rund um Wilhelm Reich, die politischen und sozial-ökonomischen Verhältnisse in Skandinavien und ihre Auswirkungen auf die deutschen ExilantInnen, die kulturradikalen Intellektuellenkreise in Dänemark und Norwegen, die skandinavische Sexpolbewegung, die linkssozialistischen Parteien und Organisationen in der Zwischenkriegszeit, die von August Aichhorn geleitete psychoanalytische Studiengruppe während der NS-Zeit und die antifaschistische Widerstandsgruppe, die Motesiczky mitorganisierte.

Karl Motesiczky stammte aus einer vermögenden Wiener Adelsfamilie, deren Geschichte eng mit jener der Psychoanalyse verflochten war. Besonders Motesiczkys Großmutter Anna von Lieben wird unter dem Pseudonym 'Cäcilie M.' einen prominenten Platz in den 'Studien über Hysterie' erhalten und in die Geschichte der Psychoanalyse eingehen. In Motesiczkys Kindheit fiel der frühe Tod des Vaters, der sein weiteres Leben nachhaltig prägen sollte. Als Schüler erlebte Motesiczky den Ausbruch und die Folgen des Ersten Weltkrieges und war als Sohn einer jüdischen Mutter und eines protestantischen Vaters mit der zunehmend antisemitischen Haltung seiner Lehrer konfrontiert. Noch während der Schulzeit begann er an der Staatsakademie für Musik und darstellende Kunst Cello zu studieren, inskribierte nach der Matura zunächst an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien, wechselte dann zum Studium der Rechtswissenschaften und wandte sich ab Mitte der 1920er-Jahre schließlich der Theologie zu. Seine Studien führten ihn von Wien über Heidelberg nach Marburg und schließlich nach Berlin. Dort schloss er sich dem Sexualpolitiker und Psychoanalytiker Wilhelm Reich an und begann sich innerhalb der KPD zu engagieren. Nach der Machtübernahme der NationalsozialistInnen flüchtete er, der als österreichischer Kommunist bereits auf der Fahndungsliste der Berliner Gestapo stand, aus Deutschland. Er folgte Wilhelm Reich zunächst nach Kopenhagen und schließlich nach Oslo, wo er beim Aufbau der skandinavischen Sexpol-Bewegung mithalf. Er fungierte als politischer Sprecher der Gruppe und veröffentlichte in ihrem Organ, der 'Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie', unter dem Pseudonym 'Teschitz' mehrere kritische Beiträge zur Politik der Kommunistischen Partei, zur Sexualpolitik sowie religionspolitische Arbeiten. Nach dem Zusammenbruch der Sexpol-Bewegung kehrte Motesiczky Ende 1937 nach Wien zurück. Nach der Machtübernahme der NationalsozialistInnen entschloss er sich in Österreich zu bleiben, obwohl er als 'Mischling I. Grades' zahlreichen Repressalien ausgesetzt war. In Wien begann er erneut mit dem Studium der Medizin und nahm Kontakt zu dem Psychoanalytiker August Aichhorn auf, bei dem er sich auch in Behandlung begab. Er initiierte eine private psychoanalytische Studiengruppe, die von Aichhorn geleitet wurde und der u.a. seine StudienkollegInnen Ella und Kurt Lingens angehörten. Motesiczky selbst wurde aufgrund seines Status als 'Mischling' eine psychoanalytische Ausbildung verwehrt. Zusammen mit Ella und Kurt Lingens sowie einem kleinen Kreis von Gleichgesinnten begann er ab 1939 mit der Organisation einer antifaschistischen Widerstandsgruppe. Als das Ehepaar Lingens und Karl Motesiczky 1942 versuchten, polnische Juden in die Schweiz zu schmuggeln, wurde die Gruppe von einem Gestapo-Spitzel verraten. Im Februar 1943 wurden Motesiczky und Ella Lingens nach Auschwitz deportiert. Ella Lingens konnte als nichtjüdische Ärztin den Holocaust überleben. Karl Motesiczky starb am 25. Juni 1943 im KZ Auschwitz.
1980 wurde Karl Motesiczky zusammen mit Ella und Kurt Lingens vom Staat Israel als 'Gerechter unter den Völkern' geehrt.

Curriculum vitae