Am 1. Juli 2008 ist Susanne Miller im Alter von 93 Jahren in Bonn gestorben.
Bis zu ihrem Tod war sie Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft verfolgter
Sozialdemokraten (AvS). Jahrelang leitete sie die Historische Kommission
der SPD. Als Wissenschaftlerin war sie eine der einflussreichsten Historikerinnen
der Arbeiterbewegung. Als Sozialdemokratin ist sie bis zuletzt für
ihre Überzeugungen eingetreten.
Susanne Miller wurde am 14. Mai 1915 im bulgarischen Sofia als Tochter einer
bürgerlich-jüdischen Familie geboren. Sie wuchs zunächst
in Wien auf und besuchte das humanistische Gymnasium. Nach der Rückkehr
ihrer Familie nach Sofia kam sie in Kontakt mit politisch linksstehenden
Persönlichkeiten. Nach dem Abitur begann Susanne Miller mit dem Studium
der Anglistik, Geschichte und Philosophie in Wien.
Zur Ergänzung ihrer Studien ging Susanne Miller für einige Monate
als Au-pair-Mädchen in eine Wohlfahrtseinrichtung nach England und
lernte in den Slumvierteln von London das Elend des englischen Proletariats
kennen. Nach dem deutschen Einmarsch in Österreich im März 1938
kehrte sie nicht mehr nach Wien zurück. Sie nahm Verbindung zu englischen
Sozialisten auf und schloss sich einer kleinen sozialistischen Splitterorganisation
an, dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK), dessen Mitglieder
u.a. im englischen Exil und in Nazideutschland Widerstand leisteten. Zu
den bleibenden Eindrücken der Londoner Zeit gehörten für
sie die Begegnungen mit politischen Emigranten aus verschiedenen Ländern,
die in London zu einer Art „Sozialistischer Internationale“
zusammenfanden. In den Diskussionen mit deutschen Sozialisten verschiedener
Gruppen sowie in Kontakt mit britischen Sozialisten und Gewerkschaftern
entstanden Konzepte für den politischen und gesellschaftlichen Neuaufbau
Deutschlands nach dem Krieg. In London lernte Susanne Miller ihren späteren
Mann Willi Eichler kennen.
Miller und Eichler übersiedelten 1946 nach Köln, wo Eichler zum
Chefredakteur der „Rheinischen Zeitung“ berufen wurde. Für
Susanne Miller begann nun in der SPD eine intensive politische Tätigkeit.
Sie wurde Mitglied in verschiedenen Gremien und beteiligte sich am Aufbau
der Sozialdemokratie in Westdeutschland. Daneben war die sozialistische
Bildungsarbeit ein wichtiger Schwerpunkt für sie.
Bei den Diskussionen in den 1950er Jahren um das neue SPD-Grundsatzprogramm
– das Godesberger Programm – nahm Susanne Miller als Protokollantin
eine wichtige Rolle ein.
Mit 45 Jahren nahm sie ihr Studium wieder auf und promovierte 1963 in Bonn
bei Karl-Dietrich Bracher zum Thema „Das Problem der Freiheit im Sozialismus.
Freiheit, Staat und Revolution in der Programmatik der Sozialdemokratie
von Lassalle bis zum Revisionismusstreit“. Gemeinsam mit Heinrich
Potthoff verfasste sie die „Kleine Geschichte der SPD“ –
ein Bestseller, der bis heute mehrfach neu aufgelegt wurde. Sie wurde Mitarbeiterin
der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen
Parteien, veröffentlichte Editionen und Monographien und publizierte
eine Fülle von Beiträgen und Untersuchungen zur Geschichte der
Arbeiterbewegung.
Auf Vorschlag von Peter Glotz berief der SPD-Parteivorstand Susanne Miller
1981 zur Vorsitzenden der Historischen Kommission der SPD, ein Amt, das
sie bis 1989 ausübte. Sie war außerdem Mitglied der Grundwertekommission
der SPD.
Mit 81 Jahren übernahm Susanne Miller 1996 noch einmal eine neue Funktion.
Nach dem Tod von Heinz Putzrath trat sie dessen Nachfolge im Vorsitz der
Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten (AvS) an. Sie trug wesentlich
dazu bei, dass die NS-Verfolgten und die Verfolgten des DDR-Regimes eine
gemeinsame Arbeit anstrebten.
Besonders eng war Susanne Miller mit der Friedrich-Ebert-Stiftung verbunden.
Sie leitete Seminare, war Referentin bei Veranstaltungen und unternahm Reisen
für die FES. Bis 1999 war sie Vertrauensdozentin der Friedrich-Ebert-Stiftung
und gehörte mehr als zwei Jahrzehnte dem Auswahlausschuss der Studienförderung
an.
Das Zusammenbringen von Menschen mit gemeinsamen Zielen, ein offenes Ohr
für ihre Sorgen und Nöte und der Einsatz für die Ideale der
Sozialdemokratie gehörten ganz wesentlich zum Leben von Susanne Miller.
Mit 90 Jahren, fast erblindet, hielt sie mit Hilfe von Antje Dertinger ihre
Erinnerungen fest und zog die Bilanz: „So würde ich noch einmal
leben“.
Bärbel Richter, Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung