Der Namensgeber des Preises, Robert René Kuczynski (1876—1947), gehörte einer bekannten preußisch-jüdischen Gelehrtenfamilie an. In jüngster Zeit wurde sein Name vor allem im Zusammenhang mit seinem Bücherschatz, der größten erhalten gebliebenen deutschen Privatbibliothek, in den Medien genannt – rund 40.000 Bände der seit dem 18. Jahrhundert gesammelten Familienbibliothek hatten Robert René Kuczynski und seine Frau ins britische Exil retten können; die unter den nachfolgenden Generationen auf 70.000 Büücher und 35.000 Zeitschriften angewachsene Sammlung wurde 2003 von der Beliner Zentral- und Landesbibliothek übernommen.
Robert R. Kuczynski, der Bevölkerungsstatistiker
Im angelsächischen Raum sind vor allem die wissenschaftlichen Leistungen
von R. R. Kuczynski — wie er dort meist zitiert wird — bekannt,
u.a. durch Reprints seiner seit
Beginn des 20. Jahrhunderts in Amerika erschienenen Bücher. Robert
René Kuczynski gilt als einer der Begründung der modernen Bevölkerungsstatistik
und berechnete in den dreißiger Jahren Brutto- und Netto-Reproduktionsraten
("Kuczynski rates") der Bevölkerung in Europa und Nordamerika
und legte Studien zur Bevölkerungsentwicklung in den Kolonien vor (siehe
die Auflistung in www.abebooks.com).
R. R. Kuczynski, Initiator der (gescheiterten)
Fürstenenteignung
Im deutschsprachigen Raum erinnert man sich, wenn überhaupt, an René
Kuczynski wegen seiner historischen Rolle in der Kampagne um die so genannte
Fürstenenteignung in der Weimarer Republik:
Ausgangspunkt dieser 1926 von der Deutschen Liga für Menschenrechte
(in der Kuczynski, gemeinsam mit der Frauenrechtlerin Helene Stöcker
und dem Pazifisten Ludwig Quidde eine führende Rolle spielte) initiierten
Kampagne war die Überlegung, dass es sich beim Vermögen der ehemals
regierenden Fürsten nicht nur um Privatvermögen handelte, sondern
zu einem großen Teil um Staatsbesitz, das sie ihren Besitz ja in ihrer
Eigenschaft als Herrscher mit öffentlichen Mitteln erworben hatten.
Dazu kam, dass dort, wo Gebäude etc. wegen der Bedürfnisse der
öffentlichen Verwaltung enteignet wurden, die fürstlichen Vor-Besitzer
entschädigt werden sollten (die Reichsregierung sah eine Abfindungssumme
von zweieinhalb Milliarden Mark vor), während die Masse der Bevölkerung
durch die auf den Weltkrieg folgende Inflation ihre Ersparnisse verloren
hatte.
An der Spitze jenes Ausschusses, der das Volksbegehren zur Fürstenenteignung
vorbereitete, stand — gemeinsam mit den Vorsitzenden von SPD und KPD
— René Kuczynski. 12,5 Millionen Wahlberechtigte unterstützten
den gemeinsamen Gesetzentwurf von SPD und KPD, beim Volksentscheid (20.
Juni 1926) stimmten 14,5 Millionen oder 36,4 % für die Enteignung der
Fürsten, das nötige Quorum (die Mehrheit der Wahlberechtigten,
das wären 19.892.925 Stimmen gewesen) wurde aber verfehlt.
R. R. Kuczynski, Politiker und Wissenschaftler
Schon vor dieser Kampagne war René Kuczynski politisch in Erscheinung
getreten. Während des Ersten Weltkrieges äußerte er Verständnis
für den Schwarzmarkt und plädierte dafür, schlachtreife Schweine
endlich der Ernährung zuzuführen anstatt weiter mit den Kartoffeln
zu füttern, die zur Grundversorgung der Bevölkerung benötigt
wurden. Diese Forderung brachte ihm den Titel "jüdischer Schweinemörder"
ein. 1919 gründete René Kuczynski seine eigene Zeitschrift,
die Finanzpolitische Korrespondenz, die bis 1936 legal erscheinen konnte.
Hier erschienen unter Anderem seine statistischen Berechnungen über
Existenzminimum und Löhne der ArbeiterInnen Berlins und trug so zur
wissenschaftlichen Unterstützung des Kampfs der Gewerkschaften bei.
Trotz seiner Nähe zur KPD blieb René Kuczynski politisch unabhängig
— der 1922 von Rechtsextremisten ermordete deutsche Außenminister
Walther Rathenau sagte über René Kuczynski einmal, er bilde
immer eine "Einmann-Partei" und stehe auf deren linkem Flügel.
Exil und Tod
Nach seiner Flucht aus Deutschland (1933) lehrte R. R. Kuczynski an der
London School of Economics und war später Berater für Bevölkerungsfragen
im Kolonialamt. Während des Krieges wurde er Präsident der Freien
Deutschen Bewegung in Großbritannien. Am 27. November 1947 starb er
in Oxford, ein halbes Jahr nach seiner Frau Berta, geborene Gradenwitz.
Robert und Berta Kuczynski hatten einen Sohn, den bekannten DDR-Wissenschaftler
Jürgen Kuczynski, und fünf Töchter, darunter Ruth Werner,
genannt "Sonja",
eine der erfolgreichsten Spioninnen des 20. Jahrhunderts.
Thomas Kuczynski über R. R. Kuczynski
Der Berliner Wirtschaftshistoriker Thomas Kuczynski — 2001 auch außerhalb
der Zunft bekannt geworden mit einem aufsehenerregenden Gutachten zur Zwangsarbeiterentschädigung
— schilderte in einem Artikel in der "jungen welt" vom 12. August 2001, aus Anlass des 125. Geburtstag
seines Großvaters, Stationen des Lebens dieses "radikalen Demokraten"
und politischen Wissenschaftlers.
Zitat:
Kuczynski meinte von sich: I hope I am a first rate second class scientist — ich hoffe, ich bin ein erstrangiger Wissenschaftler der zweiten Klasse. Er wußte natürlich, daß er kein Genie war — obgleich seine Begründung der modernen Bevölkerungsstatistik diesen Bereich wohl streifte oder, wie ein amerikanischer Kollege es formulierte: "Man ist gleichermaßen erschlagen von der Einfachheit Ihrer Methodologie und der Bedeutung der Resultate, zu denen sie führt." Was ihn aus der großen Masse der second class scientists in Deutschland herausragen ließ, war seine Eigenschaft, Ergebnisse wissenschaftlich vorurteilsfreier Analyse auch und gerade dann vorzutragen, wenn sie politisch "nicht in die Landschaft paßten".