Sehr geehrte Jury-Mitglieder, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen
und Kollegen,
ich bin selbst ebenso überrascht, wie gerührt über die Verleihung
des diesjährigen René Kuczynski-Preises, zumal es das erste
Mal ist, dass meine Arbeit mit einem Preis ausgezeichnet wird. Als Osteuropahistorikerin
hat es mich besonders gefreut, dass – soweit ich dies überblicken
kann – nun erstmals eine Arbeit aus der osteuropäischen Geschichte
mit diesem renommierten Preis ausgezeichnet wird, was doch darauf hinzudeuten
scheint, dass unsere Forschungen inzwischen auch über die engen Grenzen
der Disziplin hinaus stärker wahrgenommen werden.
Ich möchte Ihnen nun gleich einige zentrale Ergebnisse meiner Bochumer
Habilitationsschrift vorstellen. Es ist mir – wie ich ehrlich zugeben
muss – gar nicht so leicht gefallen, das fertige Buch noch einmal
zur Hand zu nehmen, da ich eher zu denjenigen gehöre, die sehr schnell
eine innere Distanz zu ihren Texten entwickeln. Hinzu kommt, dass ich durch
ein Nachfolgeprojekt, bei dem es um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern
in Osteuropa ging, inzwischen schon wieder neue Perspektiven auf das Thema
gewonnen habe. Ich werde mir erlauben, diese an der einen oder anderen Stelle
einfließen zu lassen.
Ich bin mir zutiefst bewusst, dass die Inhalte, von denen ich Ihnen gleich
erzählen werde, sich eigentlich so gar nicht für einen besinnlichen
Abendausklang nach einem vorzüglichen Abendessen eignen, und ich bitte
Sie, dies vielmals zu entschuldigen.
Lassen Sie mich zunächst kurz auf die Entstehungsgeschichte des Forschungsprojektes
eingehen, aus der sich dann letztlich auch die thematische Schwerpunktsetzung
und Entwicklung der Arbeit ergaben. Die Studie ist ursprünglich 2001
im Rahmen eines größeren Forschungsprojektes (am Institut für
soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum) zur Zwangsarbeit im
Kohlenbergbau – ein Drittmittelprojekt, das von der RAG gefördert
wurde entstanden – also etwas zeitgleich mit dem Beginn des letzten
deutschen Auszahlungsprogramms für ehemalige Zwangsarbeiter. Ich bin
Klaus Tenfelde, der das Bochumer Forschungsprojekt damals geleitet hat und
meine Arbeit über Jahre gefördert hat, zu großem Dank verpflichtet
und bedaure zutiefst, dass er diese Auszeichnung des Buches nun leider nicht
mehr miterlebt.
Im Rahmen des Forschungsprojektes begann ich also zunächst die Arbeits-
und Alltagserfahrungen der Bergleute im Donezbecken unter der fast zwei
Jahre andauernden deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg zu untersuchen.
Der Donbass, so die russische Kurzform, war in den dreißiger Jahren
in der forcierten Industrialisierung unter Stalin zu einem der wichtigsten
industriellen Zentren der Sowjetunion aufgestiegen. Vor dem deutschen Einmarsch
wurden hier 85 Mio. Tonnen Steinkohle im Jahr, über 57 Prozent der
sowjetischen Gesamtproduktion, gefördert. Das Donezbecken erlangte
daher sowohl für die sowjetische als auch für die deutsche Kriegswirtschaft
eine zentrale Bedeutung. Unter deutscher Besatzung wurden Hunderttausende
von Zwangsarbeitern ins Reich deportiert während weitere Hunderttausende
vor Ort für die deutsche Kriegswirtschaft ausgebeutet wurden.
Ein zentraler Gedanke des Bochumer Forschungsprojektes war es, (in mehreren
Einzelprojekten) den Blick nicht nur auf die unter deutscher Besatzung ins
Reich verschleppten Zwangsarbeiter, sondern auch auf die Zwangsarbeit in
den besetzten Gebieten zu richten. Neben meiner Arbeit sind dort andere
gewichtige Studien von Christoph Seidel zum Ruhrbergbau, von Nathalie Piquet
zum nordfranzösischen Bergbau und andere entstanden.
Mit der Verwaltung und Ausbeutung des Steinkohlenbergbaus im Donezbecken
war die so genannte Berg- und Hüttenwerksgesellschaft Ost, eine Monopolgesellschaft
unter Leitung des Generaldirektors der Reichswerke AG und Vorsitzenden der
Reichsvereinigung Kohle, Paul Pleiger, betraut worden. Zu den wichtigen
Befunden meiner Untersuchung der Arbeitsverhältnisse im Donbass-Bergbau
unter deutscher Herrschaft zählt, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen
der Bergleute im besetzten Gebiet kaum besser, sondern in vielen Fällen
sogar noch schlechter waren, als die der ins Reich deportierten Zwangsarbeiter.
Dies hing unter anderem mit der selektiven Hungerpolitik der Deutschen gegenüber
der sowjetischen Bevölkerung zusammen. Die Deportation ins Reich erschien
daher für einige – was überraschen mag - zunächst sogar
vorteilhafter, so dass sich Zehntausende sogar „freiwillig“
für den Reichseinsatz meldeten, um dem Hunger vor Ort zu entfliehen.
Schon bald konnten Arbeitskräfte von den Deutschen sowohl für
den Reichseinsatz als auch für den Einsatz vor Ort (die zunehmend in
Konkurrenz zueinander traten) dann aber nur noch unter Anwendung von massivem
Zwang und Gewalt rekrutiert werden. Ein besonders dunkles Kapitel der Besatzungsgeschichte
stellte der Arbeitseinsatz von etwa 40.000 sowjetischen Kriegsgefangenen
im Donbass-Bergbau dar, die dort zu Tausenden dem Massensterben zum Opfer
fielen.
Sowohl die zivilen Bergleute als auch die sowjetischen Kriegsgefangenen
sind im Rahmen des letzten Entschädigungsprogramms für ehemalige
Zwangsarbeiter nicht berücksichtigt worden (im ersten Fall, weil zumeist
keine Deportation vom Heimatort vorlag und im zweiten Fall weil Kriegsgefangenschaft
per se keinen Leistungsanspruch begründete). Beide Gruppen haben in
den Nachfolgestaaten der Sowjetunion vielfach bis heute keine Rehabilitierung
und Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus erfahren.
Die Beschäftigung mit der Besatzungsgeschichte des Donbass im Rahmen
des Forschungsprojektes ließ bei mir bald zahlreiche, über den
engeren Rahmen des Themas hinausgehende Fragen nach spezifischen Verhaltensweisen
der sowjetischen Arbeiter aufkommen und die Erkenntnis reifen, dass viele
Überlebensstrategien der Bevölkerung unter der Okkupation erst
vor dem Hintergrund der spezifischen Erfahrungen der Sowjetbürger im
Stalinismus erklärbar werden. Zugleich hatten die Erfahrungen der Kriegs-
und Besatzungszeit wiederum vielfache Rückwirkungen auf den Alltag
und die Herrschaftsbeziehungen in der sowjetischen Nachkriegszeit, womit
auch die Geschichte des Spätstalinismus ohne die Einbeziehung der Kriegserfahrung
und Kriegsverarbeitung kaum zu verstehen ist.
Ein Hauptanliegen meiner Habilitationsschrift wurde es also, Fragestellungen
und Perspektiven der Stalinismus- und der Besatzungsforschung, zweier Forschungsfelder,
die leider immer noch weitgehend isoliert voneinander stehen, im Kontext
einer Regionalstudie über einen erfahrungsgeschichtlichen Ansatz zusammen
zu führen. Die dreißiger Jahre, die Kriegs- und Besatzungszeit
und der Spätstalinismus der Nachkriegszeit sollten also über historische
Brüche und klassische Zeitgrenzen hinweg integrierend und in ihrer
wechselseitigen Beziehung zueinander betrachtet werden. Im Ergebnis erfolgte
ein Diktaturvergleich „von unten“, der nach Kontinuitäten
und Brüchen in der Arbeits- und Alltagserfahrung der Menschen unter
beiden Herrschaftssystemen fragte.
Jenseits dieses Diktaturvergleichs verfolgte die Arbeit Perspektiven und
Fragestellungen einer Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des sowjetischen
Steinkohlenbergbaus, an dessen Beispiel spezifische Probleme der Stalinschen
Industrialisierung und zentralen Planwirtschaft sowie grundlegende Merkmale
der Lebenswelten sowjetischer Industriearbeiter exemplarisch aufgezeigt
werden können.
Die Arbeit basiert maßgeblich auf erstmals zugänglichen Archivmaterialien aus ukrainischen und russischen Archiven. Die Anschaulichkeit der Darstellung profitierte aber – so scheint mir – an einigen Stellen von etwa zwei Dutzend Interviews mit Zeitzeugen, die ich während meiner Archivreisen in den Donbass aufzeichnen konnte. Diese Gespräche mit Menschen, die mir bereitwillig ihre persönlichen Erfahrungen erzählten, haben mich während der Arbeit an dem Projekt auch am meisten beeindruckt und ihnen gilt mein ganz besonderer Dank.
(Ich habe – wenn Sie mir diese Bemerkung erlauben - dieses kleine oral history-Projekt später gemeinsam mit meinem ukrainischen Kollegen Dmytro Tytarenko noch fortgeführt. Die Ergebnisse sollen demnächst in einem gemeinsamen Band zum „lokalen Gedächtnis an Krieg, Besatzung und Nachkriegszeit im Donezbecken“ publiziert werden. Darin nehmen wir auch die vielfältigen Refigurierungsprozesse der individuellen Erinnerungen an Krieg und Besatzung nach dem Ende der Sowjetunion, in einem unabhängigen ukrainischen Staat, in den Blick.)
Die Geschichte des Donbass in diesen knapp 25 Jahren vom Beginn der forcierten
Industrialisierung unter Stalin seit Ende der zwanziger Jahre bis zu Stalins
Tod 1953 ist eine wechselreiche, in der sich quasi eine Katastrophe an die
nächste reihte: Hungersnöte, Armut, gefährliche Arbeitsbedingungen,
Terror und Säuberungen, Besatzung, Zwangsarbeit, beispielhaft für
eine stalinistische Industrieregion, in der Modernisierung durch den massiven
Einsatz von staatlichem Terror und Zwang, gepaart mit spezifischen Formen
der sozialen Mobilisierung, quasi „mit der Brechstange“ durchgesetzt
wurde. Die Region stellte für das Regime ein Testfeld für seine
Industrialisierungs-, Modernisierungs- und Gleichschaltungsbestrebungen
dar. Zugleich waren die dreißiger Jahre formativ für das Entstehen
einer streng hierarchischen, stalinistischen Sozialordnung sowie spezifischer
Arbeitsbeziehungen. Steigende Produktionszahlen und der technische Ausbau
der Bergwerke standen jedoch in scharfem Kontrast zu den katastrophalen
Lebensbedingungen der Bevölkerung, die im Donbass noch schlechter waren
als im ukrainischen Durchschnitt. Als Wiege der Stachanov-Bewegung, des
„neuen Menschen“ schlechthin, avancierte der Donbass zu einer
Vorzeigeregion des sozialistischen Aufbaus und der sozialistischen Kultur.
Zugleich wüteten die Großen Säuberungen 1937/38 im Donbass
besonders brutal und opferreich, weil hier nach Ansicht der Moskauer Zentrale
zahlreiche „Kulaken“ und andere „Volksfeinde“ Unterschlupf
gefunden hatten.
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die Bevölkerung
des Donbass den deutschen Besatzern zunächst mit einer positiven Erwartungshaltung
entgegentrat, was allerdings vor allem auf die verbreitete Ablehnung der
alten Macht zurückzuführen war, wie deutsche Lageberichte konstatierten.
Beim Rückzug der Roten Armee hatten Bergleute offen gegen die von Stalin
angeordneten Zerstörungen der Industrieanlagen protestiert und ihre
Demonstrationen waren vom NKVD gewaltsam niedergeschlagen worden.
Die Loyalitäten der Bevölkerung erwiesen sich in den Kriegsjahren
als äußerst wandelbar. So wandte sich die anfängliche Sympathie
gegenüber den Deutschen unter dem Eindruck der deutschen Vernichtungspolitik
bald ins Gegenteil. Insbesondere die Zwangsmaßnahmen bei der Rekrutierung
von Arbeitskräften stießen bei der Bevölkerung auf massive
Ablehnung. – Trotzdem blieb aber der organisierte Widerstand im Donbass
insgesamt vergleichsweise gering. – Ganz im Gegensatz zur offiziellen
sowjetischen Nachkriegserzählung, die stets den „allgemeinen
Volkswiderstand“ gegen die Besatzer betonte. Mit Unterstützung
einheimischer Bergbauspezialisten gelang es den Deutschen die Kohleförderung
im Donbass wieder in Gang zu bringen, so dass in einigen Bergwerken die
Vorkriegsproduktion wieder erreicht werden konnte. Insgesamt betrug die
Förderleistung im Besatzungszeitraum angesichts der immensen Zerstörungen
der Bergwerke durch die Rote Armee aber nur einen Bruchteil der Vorkriegsproduktion.
Die Deutschen hinterließen die Bergwerke bei ihrem Rückzug dann
erneut in Schutt und Asche.
Die „Befreiung“ durch die Sowjetmacht war zunächst wenig
befreiend: In den Nachkriegsjahren setzte sich im Donbass die Geschichte
der Zwangsarbeit und der Säuberungen fort. In den Jahren des Wiederaufbaus
und der Re-Stalinisierung nach dem Krieg wurden im Donbass Zwangsarbeiter
so zahlreich wie nie zuvor eingesetzt, so dass die Region einem einzigen
großen Arbeitslager glich, in dem verschiedene Gruppen von Arbeitskräften
mit unterschiedlicher sozialer (und ethnischer) Herkunft und mit unterschiedlichen
Freiheitsrechten aufeinander stießen. Es entstand eine regelrechte
Zwangsarbeiter-Hierarchie: Auf der untersten Stufe standen die bei Kriegsende
(zumeist in Südosteuropa) internierten und mobilisierten Deutschen,
gefolgt von deutschen Kriegsgefangenen und den aus dem Deutschen Reich repatriierten
sowjetischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Aber auch die Lebenssituation
der vermeintlich „freien“ Arbeitskräfte im Bergbau, darunter
auch zahlreiche Frauen, war kaum besser als die der Zwangsarbeiter. Viele
verhungerten in der Hungersnot von 1946/47. Wer seinen Arbeitsplatz unerlaubt
verließ wurde als „Deserteur“ verfolgt und zu langen Haftstrafen
verurteilt. Diejenigen, die für den Feind gearbeitet hatten, sahen
sich nach dem Krieg dem Pauschalverdacht des „Vaterlandsverrats“
ausgesetzt. Zahlreiche Sowjetbürger, die in leitender Funktion mit
den Deutschen zusammengearbeitet hatten, wurden von sowjetischen Militärtribunalen
als „Kollaborateure“ verurteilt. Diskriminierungen und Stigmatisierungen
erfuhren nicht nur die aus dem Reich repatriierten „Ostarbeiter“
und Kriegsgefangenen, sondern auch mehrere Millionen Einwohner der besetzten
Gebiete, bei denen ab 1943 ein diesbezüglicher Vermerk im Ausweis vorgenommen
wurde.
Es gehörte zu den Besonderheiten der sowjetischen Entwicklung, dass
bis zum Ende der Sowjetunion keine größere öffentliche Debatte
über das Thema NS-Zwangsarbeit stattgefunden hatte und dass die Anfänge
einer Debatte in der ausgehenden Sowjetunion maßgeblich durch internationale
Entschädigungsdebatten und -programme angestoßen wurden.
Zu den wichtigsten Befunden meiner Arbeit gehört, dass die Arbeits-
und Alltagserfahrungen der Donbass-Bevölkerung unter beiden diktatorischen
Regimen - trotz einiger markanter Unterschiede, die vor allem in der Qualität
und im Ausmaß der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik sowie
in der alles dominierenden Rassenideologie auszumachen sind - ein überraschend
hohes Maß an Kontinuitäten aufwiesen. Die „neue Ordnung“
unter den Deutschen knüpfte in vielen Aspekten an die alte stalinistische
Ordnung an und brachte nur in Teilbereichen deutliche Veränderungen
mit sich. Die Gesellschaftsordnung, die Arbeitsverhältnisse, die Verwaltungsstrukturen
und sogar die personelle Besetzung von Leitungskadern wiesen trotz einiger
Brüche ein beachtliches Maß an Kontinuitäten auf. Die Erfahrung
von Mangel, Arbeitszwang und einer allgemeinen Militarisierung des Alltags
war den Sowjetbürgern bereits aus den dreißiger Jahren bekannt.
Überraschen mag zudem, dass die deutsche Besatzungspropaganda sich
an der stalinistischen Propaganda der dreißiger Jahre orientierte,
indem sie neue Propagandainhalte in bewährter sowjetischer Form präsentierte
oder alte Themen der Sowjetpropaganda neu aufgriff und dabei ähnliche
Zukunftsvisionen sowie Modernisierungs- und Fortschrittsmotive verwendete.
– Zu diesem Zweck arbeitete man auch mit den lokalen sowjetischen
Journalisten zusammen. (Allerdings erfuhren die Sowjetbürger aus der
deutschen Besatzungspresse auch erstmals von den Verbrechen des Stalinismus,
mit entsprechenden Folgen, die für das Stalin-Regime dann in der Nachkriegszeit
sichtbar wurden.)
Für viele Sowjetbürger, sofern sie nicht zu den verfolgten Bevölkerungsgruppen
gehörten, mag daher der vordergründige Eindruck entstanden sein,
dass sich außer der Ersetzung alter Stalin-Portraits durch neue Hitler-Abbilder,
neuen Straßenschildern in deutscher Sprache und einer liberaleren
Religionspolitik nicht wirklich etwas geändert hatte. Das machte es
für viele einfacher, sich mit den neuen Herrschaftsverhältnissen
einzurichten.
Die Bevölkerung des Donbass entwickelte unter beiden Regimen Strategien,
um sich der totalitären Herrschaft so weit wie möglich zu entziehen
und sich kleine Freiräume zu verschaffen. Dazu wurden die bereits unter
der stalinistischen Diktatur erprobten Verhaltensmuster wieder aufgegriffen,
wie Schwarzmärkte, Hamsterfahrten aufs Land, privater Gartenanbau,
die Praxis des „Blaumachens“ und anderes. Der Alltag der Bevölkerung
war sowohl im stalinistischen System als auch unter der NS-Herrschaft durch
ein Nebeneinander von Zwängen und kleinen Freiräumen geprägt,
die von beiden Regimen toleriert wurden. Beide Diktaturen stießen
im Donbass an ihre Grenzen. Zugleich scheint die Tolerierung von begrenzten
Freiräumen aber unter beiden Regimen zumindest zeitweilig auch zur
Systemstabilisierung beigetragen zu haben.
Zu den weiteren Ergebnissen der Arbeit zählt es, die verwischenden
Grenzen und zahlreichen „Grauzonen“ zwischen einerseits „Zwangsarbeit“
und „freier Arbeit“ im sowjetischen Kontext und andererseits
zwischen Zwangsarbeit, Kollaboration und Widerstand unter deutscher Herrschaft
deutlich zu machen.
In Zeiten, in denen die Geschehnisse an der Front permanentem Wandel unterlagen
und sich auch die damit einhergehenden Zukunftsperspektiven und -erwartungen
der Bevölkerung ständig änderten, konnten Loyalitäten
vom Einzelnen täglich neu definiert werden und bewegten sich im Spannungsfeld
zwischen dem Erfahrungsraum der konkreten Diktaturerfahrungen und dem Erwartungshorizont
antizipierter politischer Entwicklungen. Dabei dominierten lokale Interessen
und Erfahrungswelten sowie der pragmatische Überlebenskampf die individuellen
Loyalitätsentscheidungen weit mehr als abstrakte politische oder nationale
Überzeugungen.
Mir scheint, dass wir unser Verständnis von typischen Kriegsbiographien
der Sowjetbürger grundlegend überdenken sollten, die in der Realität
des Krieges wohl sehr viel dynamischer waren und sich durch eine stärkere
Vermischung der Phänomene auszeichneten, als bisher von Historikern
wahrgenommen: Phasen von Zwangsarbeit, Kollaboration oder auch Widerstand
gingen dabei um Teil nahtlos ineinander über. So kam es nicht selten
vor, dass ein gefangen genommener Rotarmist erst zum Hilfspolizisten und
später zum Widerstandskämpfer wurde oder ein deportierter Zwangsarbeiter
erst als Propagandist für die Deutschen arbeitete und sich später
den sowjetischen Partisanen anschloss. Es gehörte zur Komplexität
des Krieges und der Besatzung, dass die Fronten häufiger gewechselt
wurden und Loyalität von vielen als Aushandlungsgut verstanden wurde.
Diese Feststellung, dass die Kriegsbiographien häufig viel komplexer
waren, als sich dies die „Architekten“ von Entschädigungsgesetzen
bei ihren Kategorienbildungen vorgestellt hatten, ist auch eine Erkenntnis
aus meinem Nachfolgeprojekt zur Zwangsarbeiterentschädigung –
um hier noch einmal den Bogen zu schlagen. Diese Erkenntnis stammt vor allem
aus der Lektüre zahlreicher Selbstzeugnisse von Kriegsteilnehmern,
insbesondere tausenden von Briefen an die postsowjetischen Versöhnungsstiftungen.
Diese vielfältigen Dynamiken, Vermischungen und Aushandlungsprozesse
in den Kriegs- und Nachkriegsbiographien gilt es m.E. in der Forschung zukünftig
noch stärker in den Blick zu nehmen.
Ich möchte enden mit der Bemerkung, dass das aus meiner Sicht größte Lob für mein Buch von einer Kollegin stammte, die sagte, es sei sehr nah an den Menschen. Das ist in der Tat ein Anliegen, das meine Arbeit als Historikerin bisher maßgeblich geprägt hat und hier liegen vielleicht auch die stärksten Bezüge zum Leben und Werk von René Kuczynski, dem dieser Preis gewidmet ist, und den ich daher mit großem Stolz entgegennehme.