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René-Kuczynski-Preis 2011
Festvortrag der Preisträgerin Tanja Penter

„Kohle für Stalin und Hitler“
Linz, 29.9.2011

Sehr geehrte Jury-Mitglieder, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich bin selbst ebenso überrascht, wie gerührt über die Verleihung des diesjährigen René Kuczynski-Preises, zumal es das erste Mal ist, dass meine Arbeit mit einem Preis ausgezeichnet wird. Als Osteuropahistorikerin hat es mich besonders gefreut, dass – soweit ich dies überblicken kann – nun erstmals eine Arbeit aus der osteuropäischen Geschichte mit diesem renommierten Preis ausgezeichnet wird, was doch darauf hinzudeuten scheint, dass unsere Forschungen inzwischen auch über die engen Grenzen der Disziplin hinaus stärker wahrgenommen werden.
Ich möchte Ihnen nun gleich einige zentrale Ergebnisse meiner Bochumer Habilitationsschrift vorstellen. Es ist mir – wie ich ehrlich zugeben muss – gar nicht so leicht gefallen, das fertige Buch noch einmal zur Hand zu nehmen, da ich eher zu denjenigen gehöre, die sehr schnell eine innere Distanz zu ihren Texten entwickeln. Hinzu kommt, dass ich durch ein Nachfolgeprojekt, bei dem es um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern in Osteuropa ging, inzwischen schon wieder neue Perspektiven auf das Thema gewonnen habe. Ich werde mir erlauben, diese an der einen oder anderen Stelle einfließen zu lassen.
Ich bin mir zutiefst bewusst, dass die Inhalte, von denen ich Ihnen gleich erzählen werde, sich eigentlich so gar nicht für einen besinnlichen Abendausklang nach einem vorzüglichen Abendessen eignen, und ich bitte Sie, dies vielmals zu entschuldigen.
Lassen Sie mich zunächst kurz auf die Entstehungsgeschichte des Forschungsprojektes eingehen, aus der sich dann letztlich auch die thematische Schwerpunktsetzung und Entwicklung der Arbeit ergaben. Die Studie ist ursprünglich 2001 im Rahmen eines größeren Forschungsprojektes (am Institut für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum) zur Zwangsarbeit im Kohlenbergbau – ein Drittmittelprojekt, das von der RAG gefördert wurde entstanden – also etwas zeitgleich mit dem Beginn des letzten deutschen Auszahlungsprogramms für ehemalige Zwangsarbeiter. Ich bin Klaus Tenfelde, der das Bochumer Forschungsprojekt damals geleitet hat und meine Arbeit über Jahre gefördert hat, zu großem Dank verpflichtet und bedaure zutiefst, dass er diese Auszeichnung des Buches nun leider nicht mehr miterlebt.
Im Rahmen des Forschungsprojektes begann ich also zunächst die Arbeits- und Alltagserfahrungen der Bergleute im Donezbecken unter der fast zwei Jahre andauernden deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg zu untersuchen. Der Donbass, so die russische Kurzform, war in den dreißiger Jahren in der forcierten Industrialisierung unter Stalin zu einem der wichtigsten industriellen Zentren der Sowjetunion aufgestiegen. Vor dem deutschen Einmarsch wurden hier 85 Mio. Tonnen Steinkohle im Jahr, über 57 Prozent der sowjetischen Gesamtproduktion, gefördert. Das Donezbecken erlangte daher sowohl für die sowjetische als auch für die deutsche Kriegswirtschaft eine zentrale Bedeutung. Unter deutscher Besatzung wurden Hunderttausende von Zwangsarbeitern ins Reich deportiert während weitere Hunderttausende vor Ort für die deutsche Kriegswirtschaft ausgebeutet wurden.
Ein zentraler Gedanke des Bochumer Forschungsprojektes war es, (in mehreren Einzelprojekten) den Blick nicht nur auf die unter deutscher Besatzung ins Reich verschleppten Zwangsarbeiter, sondern auch auf die Zwangsarbeit in den besetzten Gebieten zu richten. Neben meiner Arbeit sind dort andere gewichtige Studien von Christoph Seidel zum Ruhrbergbau, von Nathalie Piquet zum nordfranzösischen Bergbau und andere entstanden.
Mit der Verwaltung und Ausbeutung des Steinkohlenbergbaus im Donezbecken war die so genannte Berg- und Hüttenwerksgesellschaft Ost, eine Monopolgesellschaft unter Leitung des Generaldirektors der Reichswerke AG und Vorsitzenden der Reichsvereinigung Kohle, Paul Pleiger, betraut worden. Zu den wichtigen Befunden meiner Untersuchung der Arbeitsverhältnisse im Donbass-Bergbau unter deutscher Herrschaft zählt, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen der Bergleute im besetzten Gebiet kaum besser, sondern in vielen Fällen sogar noch schlechter waren, als die der ins Reich deportierten Zwangsarbeiter. Dies hing unter anderem mit der selektiven Hungerpolitik der Deutschen gegenüber der sowjetischen Bevölkerung zusammen. Die Deportation ins Reich erschien daher für einige – was überraschen mag - zunächst sogar vorteilhafter, so dass sich Zehntausende sogar „freiwillig“ für den Reichseinsatz meldeten, um dem Hunger vor Ort zu entfliehen.
Schon bald konnten Arbeitskräfte von den Deutschen sowohl für den Reichseinsatz als auch für den Einsatz vor Ort (die zunehmend in Konkurrenz zueinander traten) dann aber nur noch unter Anwendung von massivem Zwang und Gewalt rekrutiert werden. Ein besonders dunkles Kapitel der Besatzungsgeschichte stellte der Arbeitseinsatz von etwa 40.000 sowjetischen Kriegsgefangenen im Donbass-Bergbau dar, die dort zu Tausenden dem Massensterben zum Opfer fielen.
Sowohl die zivilen Bergleute als auch die sowjetischen Kriegsgefangenen sind im Rahmen des letzten Entschädigungsprogramms für ehemalige Zwangsarbeiter nicht berücksichtigt worden (im ersten Fall, weil zumeist keine Deportation vom Heimatort vorlag und im zweiten Fall weil Kriegsgefangenschaft per se keinen Leistungsanspruch begründete). Beide Gruppen haben in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion vielfach bis heute keine Rehabilitierung und Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus erfahren.

Die Beschäftigung mit der Besatzungsgeschichte des Donbass im Rahmen des Forschungsprojektes ließ bei mir bald zahlreiche, über den engeren Rahmen des Themas hinausgehende Fragen nach spezifischen Verhaltensweisen der sowjetischen Arbeiter aufkommen und die Erkenntnis reifen, dass viele Überlebensstrategien der Bevölkerung unter der Okkupation erst vor dem Hintergrund der spezifischen Erfahrungen der Sowjetbürger im Stalinismus erklärbar werden. Zugleich hatten die Erfahrungen der Kriegs- und Besatzungszeit wiederum vielfache Rückwirkungen auf den Alltag und die Herrschaftsbeziehungen in der sowjetischen Nachkriegszeit, womit auch die Geschichte des Spätstalinismus ohne die Einbeziehung der Kriegserfahrung und Kriegsverarbeitung kaum zu verstehen ist.
Ein Hauptanliegen meiner Habilitationsschrift wurde es also, Fragestellungen und Perspektiven der Stalinismus- und der Besatzungsforschung, zweier Forschungsfelder, die leider immer noch weitgehend isoliert voneinander stehen, im Kontext einer Regionalstudie über einen erfahrungsgeschichtlichen Ansatz zusammen zu führen. Die dreißiger Jahre, die Kriegs- und Besatzungszeit und der Spätstalinismus der Nachkriegszeit sollten also über historische Brüche und klassische Zeitgrenzen hinweg integrierend und in ihrer wechselseitigen Beziehung zueinander betrachtet werden. Im Ergebnis erfolgte ein Diktaturvergleich „von unten“, der nach Kontinuitäten und Brüchen in der Arbeits- und Alltagserfahrung der Menschen unter beiden Herrschaftssystemen fragte.
Jenseits dieses Diktaturvergleichs verfolgte die Arbeit Perspektiven und Fragestellungen einer Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des sowjetischen Steinkohlenbergbaus, an dessen Beispiel spezifische Probleme der Stalinschen Industrialisierung und zentralen Planwirtschaft sowie grundlegende Merkmale der Lebenswelten sowjetischer Industriearbeiter exemplarisch aufgezeigt werden können.

Die Arbeit basiert maßgeblich auf erstmals zugänglichen Archivmaterialien aus ukrainischen und russischen Archiven. Die Anschaulichkeit der Darstellung profitierte aber – so scheint mir – an einigen Stellen von etwa zwei Dutzend Interviews mit Zeitzeugen, die ich während meiner Archivreisen in den Donbass aufzeichnen konnte. Diese Gespräche mit Menschen, die mir bereitwillig ihre persönlichen Erfahrungen erzählten, haben mich während der Arbeit an dem Projekt auch am meisten beeindruckt und ihnen gilt mein ganz besonderer Dank.

(Ich habe – wenn Sie mir diese Bemerkung erlauben - dieses kleine oral history-Projekt später gemeinsam mit meinem ukrainischen Kollegen Dmytro Tytarenko noch fortgeführt. Die Ergebnisse sollen demnächst in einem gemeinsamen Band zum „lokalen Gedächtnis an Krieg, Besatzung und Nachkriegszeit im Donezbecken“ publiziert werden. Darin nehmen wir auch die vielfältigen Refigurierungsprozesse der individuellen Erinnerungen an Krieg und Besatzung nach dem Ende der Sowjetunion, in einem unabhängigen ukrainischen Staat, in den Blick.)

Die Geschichte des Donbass in diesen knapp 25 Jahren vom Beginn der forcierten Industrialisierung unter Stalin seit Ende der zwanziger Jahre bis zu Stalins Tod 1953 ist eine wechselreiche, in der sich quasi eine Katastrophe an die nächste reihte: Hungersnöte, Armut, gefährliche Arbeitsbedingungen, Terror und Säuberungen, Besatzung, Zwangsarbeit, beispielhaft für eine stalinistische Industrieregion, in der Modernisierung durch den massiven Einsatz von staatlichem Terror und Zwang, gepaart mit spezifischen Formen der sozialen Mobilisierung, quasi „mit der Brechstange“ durchgesetzt wurde. Die Region stellte für das Regime ein Testfeld für seine Industrialisierungs-, Modernisierungs- und Gleichschaltungsbestrebungen dar. Zugleich waren die dreißiger Jahre formativ für das Entstehen einer streng hierarchischen, stalinistischen Sozialordnung sowie spezifischer Arbeitsbeziehungen. Steigende Produktionszahlen und der technische Ausbau der Bergwerke standen jedoch in scharfem Kontrast zu den katastrophalen Lebensbedingungen der Bevölkerung, die im Donbass noch schlechter waren als im ukrainischen Durchschnitt. Als Wiege der Stachanov-Bewegung, des „neuen Menschen“ schlechthin, avancierte der Donbass zu einer Vorzeigeregion des sozialistischen Aufbaus und der sozialistischen Kultur. Zugleich wüteten die Großen Säuberungen 1937/38 im Donbass besonders brutal und opferreich, weil hier nach Ansicht der Moskauer Zentrale zahlreiche „Kulaken“ und andere „Volksfeinde“ Unterschlupf gefunden hatten.
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die Bevölkerung des Donbass den deutschen Besatzern zunächst mit einer positiven Erwartungshaltung entgegentrat, was allerdings vor allem auf die verbreitete Ablehnung der alten Macht zurückzuführen war, wie deutsche Lageberichte konstatierten. Beim Rückzug der Roten Armee hatten Bergleute offen gegen die von Stalin angeordneten Zerstörungen der Industrieanlagen protestiert und ihre Demonstrationen waren vom NKVD gewaltsam niedergeschlagen worden.
Die Loyalitäten der Bevölkerung erwiesen sich in den Kriegsjahren als äußerst wandelbar. So wandte sich die anfängliche Sympathie gegenüber den Deutschen unter dem Eindruck der deutschen Vernichtungspolitik bald ins Gegenteil. Insbesondere die Zwangsmaßnahmen bei der Rekrutierung von Arbeitskräften stießen bei der Bevölkerung auf massive Ablehnung. – Trotzdem blieb aber der organisierte Widerstand im Donbass insgesamt vergleichsweise gering. – Ganz im Gegensatz zur offiziellen sowjetischen Nachkriegserzählung, die stets den „allgemeinen Volkswiderstand“ gegen die Besatzer betonte. Mit Unterstützung einheimischer Bergbauspezialisten gelang es den Deutschen die Kohleförderung im Donbass wieder in Gang zu bringen, so dass in einigen Bergwerken die Vorkriegsproduktion wieder erreicht werden konnte. Insgesamt betrug die Förderleistung im Besatzungszeitraum angesichts der immensen Zerstörungen der Bergwerke durch die Rote Armee aber nur einen Bruchteil der Vorkriegsproduktion. Die Deutschen hinterließen die Bergwerke bei ihrem Rückzug dann erneut in Schutt und Asche.
Die „Befreiung“ durch die Sowjetmacht war zunächst wenig befreiend: In den Nachkriegsjahren setzte sich im Donbass die Geschichte der Zwangsarbeit und der Säuberungen fort. In den Jahren des Wiederaufbaus und der Re-Stalinisierung nach dem Krieg wurden im Donbass Zwangsarbeiter so zahlreich wie nie zuvor eingesetzt, so dass die Region einem einzigen großen Arbeitslager glich, in dem verschiedene Gruppen von Arbeitskräften mit unterschiedlicher sozialer (und ethnischer) Herkunft und mit unterschiedlichen Freiheitsrechten aufeinander stießen. Es entstand eine regelrechte Zwangsarbeiter-Hierarchie: Auf der untersten Stufe standen die bei Kriegsende (zumeist in Südosteuropa) internierten und mobilisierten Deutschen, gefolgt von deutschen Kriegsgefangenen und den aus dem Deutschen Reich repatriierten sowjetischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Aber auch die Lebenssituation der vermeintlich „freien“ Arbeitskräfte im Bergbau, darunter auch zahlreiche Frauen, war kaum besser als die der Zwangsarbeiter. Viele verhungerten in der Hungersnot von 1946/47. Wer seinen Arbeitsplatz unerlaubt verließ wurde als „Deserteur“ verfolgt und zu langen Haftstrafen verurteilt. Diejenigen, die für den Feind gearbeitet hatten, sahen sich nach dem Krieg dem Pauschalverdacht des „Vaterlandsverrats“ ausgesetzt. Zahlreiche Sowjetbürger, die in leitender Funktion mit den Deutschen zusammengearbeitet hatten, wurden von sowjetischen Militärtribunalen als „Kollaborateure“ verurteilt. Diskriminierungen und Stigmatisierungen erfuhren nicht nur die aus dem Reich repatriierten „Ostarbeiter“ und Kriegsgefangenen, sondern auch mehrere Millionen Einwohner der besetzten Gebiete, bei denen ab 1943 ein diesbezüglicher Vermerk im Ausweis vorgenommen wurde.
Es gehörte zu den Besonderheiten der sowjetischen Entwicklung, dass bis zum Ende der Sowjetunion keine größere öffentliche Debatte über das Thema NS-Zwangsarbeit stattgefunden hatte und dass die Anfänge einer Debatte in der ausgehenden Sowjetunion maßgeblich durch internationale Entschädigungsdebatten und -programme angestoßen wurden.

Zu den wichtigsten Befunden meiner Arbeit gehört, dass die Arbeits- und Alltagserfahrungen der Donbass-Bevölkerung unter beiden diktatorischen Regimen - trotz einiger markanter Unterschiede, die vor allem in der Qualität und im Ausmaß der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik sowie in der alles dominierenden Rassenideologie auszumachen sind - ein überraschend hohes Maß an Kontinuitäten aufwiesen. Die „neue Ordnung“ unter den Deutschen knüpfte in vielen Aspekten an die alte stalinistische Ordnung an und brachte nur in Teilbereichen deutliche Veränderungen mit sich. Die Gesellschaftsordnung, die Arbeitsverhältnisse, die Verwaltungsstrukturen und sogar die personelle Besetzung von Leitungskadern wiesen trotz einiger Brüche ein beachtliches Maß an Kontinuitäten auf. Die Erfahrung von Mangel, Arbeitszwang und einer allgemeinen Militarisierung des Alltags war den Sowjetbürgern bereits aus den dreißiger Jahren bekannt. Überraschen mag zudem, dass die deutsche Besatzungspropaganda sich an der stalinistischen Propaganda der dreißiger Jahre orientierte, indem sie neue Propagandainhalte in bewährter sowjetischer Form präsentierte oder alte Themen der Sowjetpropaganda neu aufgriff und dabei ähnliche Zukunftsvisionen sowie Modernisierungs- und Fortschrittsmotive verwendete. – Zu diesem Zweck arbeitete man auch mit den lokalen sowjetischen Journalisten zusammen. (Allerdings erfuhren die Sowjetbürger aus der deutschen Besatzungspresse auch erstmals von den Verbrechen des Stalinismus, mit entsprechenden Folgen, die für das Stalin-Regime dann in der Nachkriegszeit sichtbar wurden.)
Für viele Sowjetbürger, sofern sie nicht zu den verfolgten Bevölkerungsgruppen gehörten, mag daher der vordergründige Eindruck entstanden sein, dass sich außer der Ersetzung alter Stalin-Portraits durch neue Hitler-Abbilder, neuen Straßenschildern in deutscher Sprache und einer liberaleren Religionspolitik nicht wirklich etwas geändert hatte. Das machte es für viele einfacher, sich mit den neuen Herrschaftsverhältnissen einzurichten.
Die Bevölkerung des Donbass entwickelte unter beiden Regimen Strategien, um sich der totalitären Herrschaft so weit wie möglich zu entziehen und sich kleine Freiräume zu verschaffen. Dazu wurden die bereits unter der stalinistischen Diktatur erprobten Verhaltensmuster wieder aufgegriffen, wie Schwarzmärkte, Hamsterfahrten aufs Land, privater Gartenanbau, die Praxis des „Blaumachens“ und anderes. Der Alltag der Bevölkerung war sowohl im stalinistischen System als auch unter der NS-Herrschaft durch ein Nebeneinander von Zwängen und kleinen Freiräumen geprägt, die von beiden Regimen toleriert wurden. Beide Diktaturen stießen im Donbass an ihre Grenzen. Zugleich scheint die Tolerierung von begrenzten Freiräumen aber unter beiden Regimen zumindest zeitweilig auch zur Systemstabilisierung beigetragen zu haben.

Zu den weiteren Ergebnissen der Arbeit zählt es, die verwischenden Grenzen und zahlreichen „Grauzonen“ zwischen einerseits „Zwangsarbeit“ und „freier Arbeit“ im sowjetischen Kontext und andererseits zwischen Zwangsarbeit, Kollaboration und Widerstand unter deutscher Herrschaft deutlich zu machen.
In Zeiten, in denen die Geschehnisse an der Front permanentem Wandel unterlagen und sich auch die damit einhergehenden Zukunftsperspektiven und -erwartungen der Bevölkerung ständig änderten, konnten Loyalitäten vom Einzelnen täglich neu definiert werden und bewegten sich im Spannungsfeld zwischen dem Erfahrungsraum der konkreten Diktaturerfahrungen und dem Erwartungshorizont antizipierter politischer Entwicklungen. Dabei dominierten lokale Interessen und Erfahrungswelten sowie der pragmatische Überlebenskampf die individuellen Loyalitätsentscheidungen weit mehr als abstrakte politische oder nationale Überzeugungen.
Mir scheint, dass wir unser Verständnis von typischen Kriegsbiographien der Sowjetbürger grundlegend überdenken sollten, die in der Realität des Krieges wohl sehr viel dynamischer waren und sich durch eine stärkere Vermischung der Phänomene auszeichneten, als bisher von Historikern wahrgenommen: Phasen von Zwangsarbeit, Kollaboration oder auch Widerstand gingen dabei um Teil nahtlos ineinander über. So kam es nicht selten vor, dass ein gefangen genommener Rotarmist erst zum Hilfspolizisten und später zum Widerstandskämpfer wurde oder ein deportierter Zwangsarbeiter erst als Propagandist für die Deutschen arbeitete und sich später den sowjetischen Partisanen anschloss. Es gehörte zur Komplexität des Krieges und der Besatzung, dass die Fronten häufiger gewechselt wurden und Loyalität von vielen als Aushandlungsgut verstanden wurde.
Diese Feststellung, dass die Kriegsbiographien häufig viel komplexer waren, als sich dies die „Architekten“ von Entschädigungsgesetzen bei ihren Kategorienbildungen vorgestellt hatten, ist auch eine Erkenntnis aus meinem Nachfolgeprojekt zur Zwangsarbeiterentschädigung – um hier noch einmal den Bogen zu schlagen. Diese Erkenntnis stammt vor allem aus der Lektüre zahlreicher Selbstzeugnisse von Kriegsteilnehmern, insbesondere tausenden von Briefen an die postsowjetischen Versöhnungsstiftungen.
Diese vielfältigen Dynamiken, Vermischungen und Aushandlungsprozesse in den Kriegs- und Nachkriegsbiographien gilt es m.E. in der Forschung zukünftig noch stärker in den Blick zu nehmen.

Ich möchte enden mit der Bemerkung, dass das aus meiner Sicht größte Lob für mein Buch von einer Kollegin stammte, die sagte, es sei sehr nah an den Menschen. Das ist in der Tat ein Anliegen, das meine Arbeit als Historikerin bisher maßgeblich geprägt hat und hier liegen vielleicht auch die stärksten Bezüge zum Leben und Werk von René Kuczynski, dem dieser Preis gewidmet ist, und den ich daher mit großem Stolz entgegennehme.