Geschätzter Preisträgerin, liebe Kolleginnen und
Kollegen, meine Damen und Herren,
im Mittelpunkt der preisgekrönten Publikation steht ein technisches
Verfahren, die Silberhalogenid- Fotografie, d. h. die fotochemische Herstellung
von Rollfilmen für den Amateurbedarf und von kinematografischen Filmen.
Dieses Verfahren war seit Ende des 19. Jahrhunderts unmittelbar mit dem
Namen eines Unternehmens, der Agfa, verbunden. Silke Fengler schildert die
Experimentierphase, untersucht die Expansion des Verfahrens und seine qualitative
Vervollkommnung, die in den 1960er Jahren ihren Höhepunkt erreichte.
Sie geht den Ursachen der in den 1970er Jahren einsetzenden Stagnation des
fotochemischen Verfahrens und seiner weltweiten Verdrängung durch die
digitale Fotografie nach, die zur Schließung des ostdeutschen Agfa-Betriebes,
des VEB Filmfabrik Wolfen Mitte der 1990er Jahre und dann auch des Leverkusener
Unternehmens der Agfa-Gevaert-Gruppe ein Jahrzehnt später geführt
hat.
Silke Fenglers Werk ist zunächst einmal mehr als eine traditionelle
Technikgeschichte, die der Bielefelder Technikhistoriker Jochen Radkau vor
einiger Zeit als „Geschichte vom Siegeszug des technischen Fortschritts
und von opferfreudigen, genialen Erfindern“ (Radkau, S. 10) charakterisiert
hat, von der er sich aber distanziert. Während diese Art Technikgeschichtsschreibung
ganz überwiegend nur die erfolgreichen Innovationen in der Erinnerung
kultiviert, widmet Silke Fengler ein Drittel ihres Buches den Phasen der
Stagnation und des Niedergangs. Damit überschreitet sie die Schwelle
von der traditionellen zur kritischen Technikgeschichte. Es handelt sich
um einen begrüßenswerten Schritt, denn „zur wahren Technikgeschichte
gehören auch die Fehlschläge“, wie Radkau und Bauer übereinstimmend
festgestellt haben. Es handelt sich dabei nicht nur um einen Teil der Geschichte
technischer Verfahren, auf den man in der Darstellung auf keinen Fall verzichten
sollte, sondern es ist oftmals sogar der interessantere Teil der Technikgeschichte.
Silke Fenglers Buch bestätigt dies. Der Leser der Studie, aus eigener
Erfahrung wohl wissend, dass es mit der traditionellen Fotografie zu Ende
geht, zittert gewissermaßen mit, wenn er im Buch auf die sich seit
den 1970er Jahren in den Leitungsgremien der Agfa AG Leverkusen und des
VEB Filmfabrik Wolfen in gewissen Abständen wiederholenden Diskussionen
darüber stößt, ob man – wie der Konkurrent Eastman
Kodak – von der chemischen zur elektronischen Fotografie überwechseln
oder dem weiteren Ausbau der Fotochemie den Vorzug geben sollte –
und wenn er erfährt, dass die Entscheidungen so fallen, dass schließlich
die Firmenkatastrophe unvermeidlich wird.
Eine moderne Technikgeschichte, wie man sie sich wünscht, ist Silke
Fenglers Buch also. Aber es ist mehr – schon vom Anspruch her. Im
Untertitel klassifiziert sie ihr Buch als „Unternehmens- und Technikgeschichte“.
Beide Genre zu verbinden, darüber hat sich Radkau seitenlang beklagt,
gelingt selten. „Die Technikgeschichte hat sich zu oft in ein geistiges
Ghetto gesperrt“, beklagt Radkau (Radkau, S. 14).
Allerdings, eine Verbindung von Technikgeschichte und Unternehmensgeschichte,
das ist auch für Sie, verehrtes Publikum, nachvollziehbar, wird im
Falle Agfa schwierig, solange man ihr die am weitesten verbreitete Form
– nämlich Firmenjubiläumsschriften – zu Grunde legt.
Welche Firma war schon bereit, ihres vom Markt verdrängten Konkurrenten
zu gedenken, auch wenn dieser einst noch so großartige Leistungen
vollbracht hat und wenn man von ihm zeitweise profitierte. Im Falle der
Geschichte der Agfa Betriebe von Wolfen und Leverkusen bietet sich da schon
eher die eng mit der Unternehmensgeschichte verbundene Variante der Innovationsgeschichte
an, ja sie scheint explizit geeignet, die Vorteile einer engen Verbindung
von Technikgeschichte und Wirtschaftsgeschichte zu demonstrieren.
Die Innovationsgeschichte hatte in Deutschland einen gewaltigen Schub erhalten,
als nach dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik die ostdeutschen Archive
für die wissenschaftliche Nutzung freigegeben wurden und anhand der
Akten der zuständigen „wirtschaftsleitenden Organe“ einen
tiefen Einblick in die Entwicklungsprozesse von DDR-Betrieben gestatteten.
Die insbesondere von Dietmar Petzina und Johannes Bähr vorangetriebenen
Arbeiten verdichteten sich bald zu der Erkenntnis, dass sich die DDR-Betriebe,
mit einigen Ausnahmen, gegenüber der bundesdeutschen Industrie in einem
gravierenden Innovationsrückstand befunden haben (Fengler, S. 23, FN
68). Rasch wurde die entscheidende Ursache dafür ausgemacht: der fehlende
Markt, die „künstlichen“ Preise in der DDR-Wirtschaft,
die keine verlässlichen Informationen über Knappheiten bzw. über
die Stellung zur Weltmarktkonkurrenz gestatteten sowie die Möglichkeit,
in planwirtschaftlich abgegrenzten Absatzgebieten auch dann noch zu punkten,
wenn die weltweite Entwicklung längst die Notwendigkeit, zu neuen Verfahren
überzugehen, signalisiert.
In Silke Fenglers Buch finden sich, die Entwicklung des VEB Filmfabrik Wolfen
betreffend, dazu genügend Hinweise. Doch die Autorin ist der Versuchung
nicht erlegen, eine klassische Ost-West-Innovationsgeschichte zu schreiben,
die den Erfolg von technischen Entwicklungen fast ausschließlich von
den ordnungspolitischen Rahmenbedingungen abhängig macht – hier
effiziente Marktwirtschaft, dort ineffiziente Planwirtschaft. Es spricht
für ihre genaue Beobachtungsgabe und ihr kritisches Urteilsvermögen,
wenn sie schreibt: „So gab es in der DDR durchaus Technologiebereiche,
in denen Betriebe und Kombinate wettbewerbsfähige Technologien generierten.
… Umgekehrt finden sich auch im marktwirtschaftlichen System der Bundesrepublik
zahlreiche Beispiele, in denen einzelne Branchen und Unternehmen zu technologischen
und ökonomischen Spitzenergebnissen nicht in der Lage waren.“
(Fengler, S. 24) Erst der in diesen zitierten Sätzen vollzogene Bruch
mit dem neoliberalen Denkschema, dem sich die deutsche Wirtschaftsgeschichte
seit Beginn der 1990er Jahre mehrheitlich unterworfen hat, ermöglichte
es Silke Fengler den jüngsten Ansatz der Innovationsgeschichte für
sich fruchtbar zu machen – die Theorie von der pfadabhängigen
Entwicklung. Bezogen auf das Innovationsverhalten kann allein dies erklären,
warum Firmen, die in der Experimentierphase das „dominant design“
entwickelt haben, nicht nur in der Expansionsphase und in der Ausreifungsphase
an der vorherrschenden Produktionstechnologie festhielten, sondern auch
in der Stagnations- und Rückbildungsphase, als neue Verfahren für
jeden fachlich versierten Beobachter nachvollziehbar das bisherige „dominant
design“ abzulösen begannen. Die Antwort lautet: Es sind die geringen
aus den laufenden Gewinnen finanzierbaren Kosten der weiteren Vervollkommnung
bisheriger Produkte verglichen mit den außerordentlich hohen Kosten,
die eine Produkt- und Verfahrensumstellung erforderlich macht. Davor schreckten
die Vorstandsmitglieder von Agfa Leverkusen ebenso zurück wie die Leiter
der Filmfabrik Wolfen bzw. deren Vorgesetzte in den wirtschaftsleitenden
Institutionen der DDR. „Obwohl oder gerade weil das Gesamtsystem der
analogen Fotografie in den frühen achtziger Jahren einen hohen Ausreifungsgrad
erreicht hatte“, schreibt Silke Fengler, „band es auf betrieblicher
Ebene alle Kräfte. Letztlich konnten die Anstrengungen zur Optimierung
des klassischen Systems nicht verhindern, dass beide Seiten im technologischen
und ökonomischen Wettbewerb zurückfielen.“(Fengler, S. 20)
Zu diesem Ergebnis hätte Silke Fengler ohne den von ihr sorgfältig
ausgewählten Ansatz nicht kommen können. Hätte sie sich nicht
vom Mainstream-Ansatz der Innovationsgeschichte entfernt, wäre eine
wissenschaftlich befriedigende Erklärung der Tatsache, dass die bedeutendsten
Produzenten fotochemischer Produkte in Ost wie West Ende des 20. bzw. Anfang
des 21. Jahrhunderts fast zeitgleich vor dem Aus standen, nicht möglich
gewesen.
Wer gegen vorherrschende Auffassungen verstößt, auf die sich
die „scientific community“ geeinigt hat, muss mit heftigem Widerspruch
rechnen. Am besten wappnet sich die/der betroffene Wissenschaftler/in dagegen
durch sorgfältige Ausführung ihrer/seiner Studie. In dieser Hinsicht
hat Silke Fengler nichts außer acht gelassen – angefangen vom
intensiven Studium der ihre Thematik behandelnden deutschen und angelsächsischen
Literatur einschließlich der „grauen“ Literatur der Firmenschriften.
Sie hat sich in den Unternehmensarchiven der Agfa AG Leverkusen, im historischen
Archiv der Agfa-Gevaert und im Betriebsarchiv der Filmfabrik Wolfen, aber
auch im Wirtschaftsarchiv der Universität Köln und im Bundesarchiv
Koblenz mit den relevanten Akten bekannt gemacht. Und sie hat sehr gründlich
darüber nachgedacht, welche Vergleichskategorien in Frage kommen, wenn
sie die wirtschaftliche Entwicklung – Erfolge wie Misserfolge - eines
in die Planwirtschaft eingebundenen VEB und eines in die Marktwirtschaft
eingebetteten Konzernbetriebes gegenüberstellen wollte. Die allgemein
üblichen Kriterien für derartige Betriebsvergleiche in der Marktwirtschaft
– Gewinnentwicklung und Börsennotierung – entfielen in
diesem Falle ja von vornherein. Produktionsmengen- und Umsatzentwicklung
kommen da schon eher in Frage. Besonders kompliziert erwies sich der Vergleich
der technologischen Leistungsfähigkeit. Silke Fengler schreibt dazu:
„Um ein annähernd realistisches Bild zu erhalten, wurden mithilfe
von Einschätzungen in west- und ostdeutschen sowie internationalen
Fachzeitschriften Weltstandsvergleiche der Wolfener Materialien vorgenommen“
(Fengler, S. 21).
Silke Fengler hat mit ihrer Studie viel Mut und Selbstbewusstsein bewiesen.
Aber sie stand nicht allein. Sie fand verständnisvolle Förderer
an der Philosophischen Fakultät der Rheinisch-westfälischen Technischen
Hochschule Aachen, wo sie mit dem von ihr gewählten Thema promovieren
konnte, und in den Mitarbeitern des im Ruhrgebiet beheimateten „Arbeitskreises
für Kritische Unternehmens- und Industriegeschichte“ –
um nur diese beiden zu nennen.
Ich fasse zusammen: Wir haben es bei Silke Fenglers Studie mit einer wirtschaftshistorischen
Publikation zu tun, die technikgeschichtliche und unternehmensgeschichtliche
Analyse miteinander verbindet, dabei jeweils die moderneren Untersuchungsmethoden
anwendet und dabei auf die faktenmäßige Fundierung, auf die sorgfältige
Ausführung, außerordentlichen Wert legt. Ihr Buch ist auf wirtschaftshistorischem
Gebiet eine Pioniertat. Es regt zur Nachahmung an. Die Zahl der 1945 bis
1990 zwischen Ost und Westdeutschland, zwischen Plan- und Marktwirtschaft
geteilten Konzernbetriebe ist zahlreich gewesen. Zeiss Oberkochen und Zeiss
Jena sind dafür nur ein – wenn auch prominentes – Beispiel.