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Laudatio von Jörg Roesler, Berlin
anlässlich der Verleihung des René Kuczynski-Preises 2010 an Silke Fengler
Vorgetragen von Berthold Unfried
Linz, 9.9.2010

Geschätzter Preisträgerin, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren,

im Mittelpunkt der preisgekrönten Publikation steht ein technisches Verfahren, die Silberhalogenid- Fotografie, d. h. die fotochemische Herstellung von Rollfilmen für den Amateurbedarf und von kinematografischen Filmen. Dieses Verfahren war seit Ende des 19. Jahrhunderts unmittelbar mit dem Namen eines Unternehmens, der Agfa, verbunden. Silke Fengler schildert die Experimentierphase, untersucht die Expansion des Verfahrens und seine qualitative Vervollkommnung, die in den 1960er Jahren ihren Höhepunkt erreichte. Sie geht den Ursachen der in den 1970er Jahren einsetzenden Stagnation des fotochemischen Verfahrens und seiner weltweiten Verdrängung durch die digitale Fotografie nach, die zur Schließung des ostdeutschen Agfa-Betriebes, des VEB Filmfabrik Wolfen Mitte der 1990er Jahre und dann auch des Leverkusener Unternehmens der Agfa-Gevaert-Gruppe ein Jahrzehnt später geführt hat.

Silke Fenglers Werk ist zunächst einmal mehr als eine traditionelle Technikgeschichte, die der Bielefelder Technikhistoriker Jochen Radkau vor einiger Zeit als „Geschichte vom Siegeszug des technischen Fortschritts und von opferfreudigen, genialen Erfindern“ (Radkau, S. 10) charakterisiert hat, von der er sich aber distanziert. Während diese Art Technikgeschichtsschreibung ganz überwiegend nur die erfolgreichen Innovationen in der Erinnerung kultiviert, widmet Silke Fengler ein Drittel ihres Buches den Phasen der Stagnation und des Niedergangs. Damit überschreitet sie die Schwelle von der traditionellen zur kritischen Technikgeschichte. Es handelt sich um einen begrüßenswerten Schritt, denn „zur wahren Technikgeschichte gehören auch die Fehlschläge“, wie Radkau und Bauer übereinstimmend festgestellt haben. Es handelt sich dabei nicht nur um einen Teil der Geschichte technischer Verfahren, auf den man in der Darstellung auf keinen Fall verzichten sollte, sondern es ist oftmals sogar der interessantere Teil der Technikgeschichte. Silke Fenglers Buch bestätigt dies. Der Leser der Studie, aus eigener Erfahrung wohl wissend, dass es mit der traditionellen Fotografie zu Ende geht, zittert gewissermaßen mit, wenn er im Buch auf die sich seit den 1970er Jahren in den Leitungsgremien der Agfa AG Leverkusen und des VEB Filmfabrik Wolfen in gewissen Abständen wiederholenden Diskussionen darüber stößt, ob man – wie der Konkurrent Eastman Kodak – von der chemischen zur elektronischen Fotografie überwechseln oder dem weiteren Ausbau der Fotochemie den Vorzug geben sollte – und wenn er erfährt, dass die Entscheidungen so fallen, dass schließlich die Firmenkatastrophe unvermeidlich wird.

Eine moderne Technikgeschichte, wie man sie sich wünscht, ist Silke Fenglers Buch also. Aber es ist mehr – schon vom Anspruch her. Im Untertitel klassifiziert sie ihr Buch als „Unternehmens- und Technikgeschichte“. Beide Genre zu verbinden, darüber hat sich Radkau seitenlang beklagt, gelingt selten. „Die Technikgeschichte hat sich zu oft in ein geistiges Ghetto gesperrt“, beklagt Radkau (Radkau, S. 14).
Allerdings, eine Verbindung von Technikgeschichte und Unternehmensgeschichte, das ist auch für Sie, verehrtes Publikum, nachvollziehbar, wird im Falle Agfa schwierig, solange man ihr die am weitesten verbreitete Form – nämlich Firmenjubiläumsschriften – zu Grunde legt. Welche Firma war schon bereit, ihres vom Markt verdrängten Konkurrenten zu gedenken, auch wenn dieser einst noch so großartige Leistungen vollbracht hat und wenn man von ihm zeitweise profitierte. Im Falle der Geschichte der Agfa Betriebe von Wolfen und Leverkusen bietet sich da schon eher die eng mit der Unternehmensgeschichte verbundene Variante der Innovationsgeschichte an, ja sie scheint explizit geeignet, die Vorteile einer engen Verbindung von Technikgeschichte und Wirtschaftsgeschichte zu demonstrieren.

Die Innovationsgeschichte hatte in Deutschland einen gewaltigen Schub erhalten, als nach dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik die ostdeutschen Archive für die wissenschaftliche Nutzung freigegeben wurden und anhand der Akten der zuständigen „wirtschaftsleitenden Organe“ einen tiefen Einblick in die Entwicklungsprozesse von DDR-Betrieben gestatteten. Die insbesondere von Dietmar Petzina und Johannes Bähr vorangetriebenen Arbeiten verdichteten sich bald zu der Erkenntnis, dass sich die DDR-Betriebe, mit einigen Ausnahmen, gegenüber der bundesdeutschen Industrie in einem gravierenden Innovationsrückstand befunden haben (Fengler, S. 23, FN 68). Rasch wurde die entscheidende Ursache dafür ausgemacht: der fehlende Markt, die „künstlichen“ Preise in der DDR-Wirtschaft, die keine verlässlichen Informationen über Knappheiten bzw. über die Stellung zur Weltmarktkonkurrenz gestatteten sowie die Möglichkeit, in planwirtschaftlich abgegrenzten Absatzgebieten auch dann noch zu punkten, wenn die weltweite Entwicklung längst die Notwendigkeit, zu neuen Verfahren überzugehen, signalisiert.

In Silke Fenglers Buch finden sich, die Entwicklung des VEB Filmfabrik Wolfen betreffend, dazu genügend Hinweise. Doch die Autorin ist der Versuchung nicht erlegen, eine klassische Ost-West-Innovationsgeschichte zu schreiben, die den Erfolg von technischen Entwicklungen fast ausschließlich von den ordnungspolitischen Rahmenbedingungen abhängig macht – hier effiziente Marktwirtschaft, dort ineffiziente Planwirtschaft. Es spricht für ihre genaue Beobachtungsgabe und ihr kritisches Urteilsvermögen, wenn sie schreibt: „So gab es in der DDR durchaus Technologiebereiche, in denen Betriebe und Kombinate wettbewerbsfähige Technologien generierten. … Umgekehrt finden sich auch im marktwirtschaftlichen System der Bundesrepublik zahlreiche Beispiele, in denen einzelne Branchen und Unternehmen zu technologischen und ökonomischen Spitzenergebnissen nicht in der Lage waren.“ (Fengler, S. 24) Erst der in diesen zitierten Sätzen vollzogene Bruch mit dem neoliberalen Denkschema, dem sich die deutsche Wirtschaftsgeschichte seit Beginn der 1990er Jahre mehrheitlich unterworfen hat, ermöglichte es Silke Fengler den jüngsten Ansatz der Innovationsgeschichte für sich fruchtbar zu machen – die Theorie von der pfadabhängigen Entwicklung. Bezogen auf das Innovationsverhalten kann allein dies erklären, warum Firmen, die in der Experimentierphase das „dominant design“ entwickelt haben, nicht nur in der Expansionsphase und in der Ausreifungsphase an der vorherrschenden Produktionstechnologie festhielten, sondern auch in der Stagnations- und Rückbildungsphase, als neue Verfahren für jeden fachlich versierten Beobachter nachvollziehbar das bisherige „dominant design“ abzulösen begannen. Die Antwort lautet: Es sind die geringen aus den laufenden Gewinnen finanzierbaren Kosten der weiteren Vervollkommnung bisheriger Produkte verglichen mit den außerordentlich hohen Kosten, die eine Produkt- und Verfahrensumstellung erforderlich macht. Davor schreckten die Vorstandsmitglieder von Agfa Leverkusen ebenso zurück wie die Leiter der Filmfabrik Wolfen bzw. deren Vorgesetzte in den wirtschaftsleitenden Institutionen der DDR. „Obwohl oder gerade weil das Gesamtsystem der analogen Fotografie in den frühen achtziger Jahren einen hohen Ausreifungsgrad erreicht hatte“, schreibt Silke Fengler, „band es auf betrieblicher Ebene alle Kräfte. Letztlich konnten die Anstrengungen zur Optimierung des klassischen Systems nicht verhindern, dass beide Seiten im technologischen und ökonomischen Wettbewerb zurückfielen.“(Fengler, S. 20)

Zu diesem Ergebnis hätte Silke Fengler ohne den von ihr sorgfältig ausgewählten Ansatz nicht kommen können. Hätte sie sich nicht vom Mainstream-Ansatz der Innovationsgeschichte entfernt, wäre eine wissenschaftlich befriedigende Erklärung der Tatsache, dass die bedeutendsten Produzenten fotochemischer Produkte in Ost wie West Ende des 20. bzw. Anfang des 21. Jahrhunderts fast zeitgleich vor dem Aus standen, nicht möglich gewesen.

Wer gegen vorherrschende Auffassungen verstößt, auf die sich die „scientific community“ geeinigt hat, muss mit heftigem Widerspruch rechnen. Am besten wappnet sich die/der betroffene Wissenschaftler/in dagegen durch sorgfältige Ausführung ihrer/seiner Studie. In dieser Hinsicht hat Silke Fengler nichts außer acht gelassen – angefangen vom intensiven Studium der ihre Thematik behandelnden deutschen und angelsächsischen Literatur einschließlich der „grauen“ Literatur der Firmenschriften. Sie hat sich in den Unternehmensarchiven der Agfa AG Leverkusen, im historischen Archiv der Agfa-Gevaert und im Betriebsarchiv der Filmfabrik Wolfen, aber auch im Wirtschaftsarchiv der Universität Köln und im Bundesarchiv Koblenz mit den relevanten Akten bekannt gemacht. Und sie hat sehr gründlich darüber nachgedacht, welche Vergleichskategorien in Frage kommen, wenn sie die wirtschaftliche Entwicklung – Erfolge wie Misserfolge - eines in die Planwirtschaft eingebundenen VEB und eines in die Marktwirtschaft eingebetteten Konzernbetriebes gegenüberstellen wollte. Die allgemein üblichen Kriterien für derartige Betriebsvergleiche in der Marktwirtschaft – Gewinnentwicklung und Börsennotierung – entfielen in diesem Falle ja von vornherein. Produktionsmengen- und Umsatzentwicklung kommen da schon eher in Frage. Besonders kompliziert erwies sich der Vergleich der technologischen Leistungsfähigkeit. Silke Fengler schreibt dazu: „Um ein annähernd realistisches Bild zu erhalten, wurden mithilfe von Einschätzungen in west- und ostdeutschen sowie internationalen Fachzeitschriften Weltstandsvergleiche der Wolfener Materialien vorgenommen“ (Fengler, S. 21).

Silke Fengler hat mit ihrer Studie viel Mut und Selbstbewusstsein bewiesen. Aber sie stand nicht allein. Sie fand verständnisvolle Förderer an der Philosophischen Fakultät der Rheinisch-westfälischen Technischen Hochschule Aachen, wo sie mit dem von ihr gewählten Thema promovieren konnte, und in den Mitarbeitern des im Ruhrgebiet beheimateten „Arbeitskreises für Kritische Unternehmens- und Industriegeschichte“ – um nur diese beiden zu nennen.

Ich fasse zusammen: Wir haben es bei Silke Fenglers Studie mit einer wirtschaftshistorischen Publikation zu tun, die technikgeschichtliche und unternehmensgeschichtliche Analyse miteinander verbindet, dabei jeweils die moderneren Untersuchungsmethoden anwendet und dabei auf die faktenmäßige Fundierung, auf die sorgfältige Ausführung, außerordentlichen Wert legt. Ihr Buch ist auf wirtschaftshistorischem Gebiet eine Pioniertat. Es regt zur Nachahmung an. Die Zahl der 1945 bis 1990 zwischen Ost und Westdeutschland, zwischen Plan- und Marktwirtschaft geteilten Konzernbetriebe ist zahlreich gewesen. Zeiss Oberkochen und Zeiss Jena sind dafür nur ein – wenn auch prominentes – Beispiel.