Die Verleihung des René-Kuczynski-Preises für mein Buch Workers
of the World hat mich überrascht, aber auch sehr glücklich
gemacht. Überrascht war ich, weil Workers of the World
eine Sammlung von Aufsätzen ist, die zwar zusammenhängen,
aber trotzdem keine Monographie bilden. Glücklich hat mich
die Verleihung gemacht, weil dadurch deutlich wird, dass die sogenannte
Global Labor History nun auch im deutschen Sprachraum anfängt,
den Stellenwert zu erobern, den sie verdient. Die Geschichte der Arbeit
– ich verwende diese Bezeichnung hier in einem weiten Sinne unter
Einschluss der Geschichte der Arbeiterklasse – ist über lange
Zeit hauptsächlich in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern
(sowie, mit einem eingegrenzteren politischen Fokus, in den so genannten
sozialistischen Ländern) untersucht worden. Seit den neunziger Jahren
des vorigen Jahrhunderts jedoch hat sich diese Fachrichtung zu einem wahrhaft
globalen Projekt entwickelt.
Der eigentliche Durchbruch in Form von Konferenzen, Assoziationen usw. ist
sehr jungen Datums. Er begann 1995 mit der Gründung der Association
of Indian Labour Historians (Vereinigung indischer Arbeitshistoriker),
einer dynamischen Organisation, die nicht nur alle zwei Jahre Konferenzen
ausrichtet, sondern in zahlreichen weiteren Aktivitäten engagiert ist.
Bald darauf wurde Mundos do Trabalho (Welten der Arbeit) eingerichtet,
ein Netzwerk für Geschichte der Arbeit innerhalb des brasilianischen
Historikerverbands ANPUH. Erste Konferenzen fanden statt in Karachi (1999),
Seoul (2001), Jogjakarta (2005) und Johannesburg (2006). Diese geographische
Ausweitung und die grundlegenden Überlegungen, die aus ihr folgten,
ermöglichen es uns, sowohl die traditionelle ArbeiterInnengeschichte
(wie "modern" sie in vielerlei Hinsicht auch sein mag) in neuem
Licht zu sehen.
Das im 19. Jahrhundert entstandene Feld der Geschichte der Arbeit in Europa
und Nordamerika hat sich von Anfang an ausgezeichnet durch eine Verbindung
aus „methodologischem Nationalismus“ und Eurozentrismus. Der
methodologische Nationalismus verknüpft Gesellschaft mit dem Staat
und betrachtet die einzelnen Nationalstaaten folglich für die historiographische
Forschung als eine Art „Leibnizscher Monaden“. Eurozentrismus
ist die Ordnung der Welt vom Blickpunkt der nordatlantischen Region aus:
In dieser Sichtweise beginnt die „Moderne“ in Europa und Nordamerika
und weitet sich Schritt für Schritt auf den Rest der Welt aus. Die
Temporalität dieser „Kernregion“ bestimmt die Periodisierung
von Enwicklungen in der restlichen Welt. Die Historiographie hat dementsprechend
die Geschichte der arbeitenden Klassen und der Arbeiterbewegungen in Frankreich,
Großbritannien, den Vereinigten Staaten usw. als je voneinander unterschiedene
Entwicklungen beschrieben. Wo sich die Aufmerksamkeit auf die sozialen Klassen
und Bewegungen in Lateinamerika, Afrika oder Asien richtete, wurden diese
nach nordatlantischen Schemata interpretiert.
Erst in den letzten Jahrzehnten ist die eurozentrische Monadenlehre in ihrer
Gesamtheit in Frage gestellt worden. Dies hängt mit einer Reihe von
Veränderungen zusammen, die seit dem Zweiten Weltkrieg auftraten, jedoch
teilweise auch schon früher begonnen hatten:
• Die Dekolonisierung schuf zahlreiche neue, unabhängige Staaten,
insbesondere in Afrika und Asien, die mit der Erforschung ihrer eigenen
Sozialgeschichte begannen. Auf diese Weise gewann die Geschichte der Arbeit
nicht nur eine „periphere“ Komponente (was bedeutet, dass die
Zahl der Monaden zunahm), deren Bedeutung stieg. Außerdem wurde es
deutlich, dass die Geschichte der Peripherie nicht geschrieben werden konnte,
ohne ständig auf die Geschichte der Metropolen zu verweisen (siehe
z.B. das Werk von Walter Rodney).
• Es entwickelten sich transkontinentale imaginierte Gemeinschaften,
etwa im Pan-Afrikanismus.
• In der historischen Migrationsforschung dämmerte die Einsicht,
dass die Perspektive „von der Nation zur ethnischen Enklave“
die Wirklichkeit migrantischen Lebens falsch wiedergab, da Migranten häufig
transkulturell leben.
• Die Grenzkulturen, die „entdeckt“ wurden, passten nicht
in monadische Schemata, genau so wenig wie z.B. Kreolisierung.
• Das Gleiche galt für transnationale Protest- und Streikzyklen.
All diese Entwicklungen (sowie die wesentlich intensivierten Kontakte zwischen
Historikern der verschiedenen Länder und Kontinente – wozu die
ITH wesentlich beigetragen hat) haben eine Situation herbeigeführt,
wo die beiden Prämissen der traditionellen Geschichte der Arbeit deutlich
sichtbar wurden – und damit zu einem Gegenstand der Debatte. Wir befinden
uns nun in einer aufregenden Übergangssituation, in der sich die Fachrichtung
selbst neu erfindet. Die Neue Geschichte der Arbeit hat begonnen, einer
Globalen Geschichte der Arbeit (Global Labor History) das Feld
zu räumen.
Es handelt sich hierbei in der Tat um ein außerordentlich ambitioniertes
Projekt, das gerade erst begonnen hat. Viele der Ziele dieses neuen Ansatzes
sind noch unklar oder erfordern weitere Überlegungen. Mein Buch versucht
die begrifflichen, theoretischen und methodischen Grundlagen dieser neuen
Geschichtsschreibung zu erkunden.
Was meint der Begriff „Globale Geschichte der Arbeit“? Selbstverständlich
mag ihm jeder die Bedeutung zumessen, die gewünscht ist; ich selbst
verstehe darunter folgendes:
• Soweit es die Methoden betrifft, würde ich vorschlagen,
eher von einem „Feld von Interessen“ auszugehen denn von einer
Theorie, der alle anhängen müssten. Wir wissen und sollten akzeptieren,
dass unsere Forschungsauffassungen und interpretatorischen Vorannahmen differieren
können. Pluralismus ist nicht nur unvermeidlich, er kann auch intellektuell
stimulierend sein – gesetzt, wir sind zu jedem Zeitpunkt bereit, in
eine ernsthafte Diskussion unserer unterschiedlichen Sichtweisen einzutreten.
Ungeachtet unserer unterschiedlichen Ausgangspunkte jedoch sollten wir danach
streben, produktiv in den gleichen Forschungsfeldern zu arbeiten.
• Was die Themen angeht, so konzentriert sich die Globale
Geschichte der Arbeit auf die transnationale und sogar transkontinentale
Untersuchung von Arbeitsbeziehungen und von sozialen Bewegungen der Arbeiter
im weitesten Sinne des Wortes. Unter „transnational“ verstehe
ich, den Gegenstand in den weiteren Kontext aller historischen Prozesse
einzuordnen, selbst wenn er geographisch „klein“ ist, interaktive
Prozesse zu untersuchen oder beides miteinander zu kombinieren. Die Untersuchung
von Arbeitsverhältnissen umschließt freie wie unfreie, bezahlte
wie unbezahlte Arbeit. Soziale Bewegungen von Arbeitern bestehen sowohl
aus formellen Organisationen als auch aus informellen Aktivitäten.
Die Untersuchung von Arbeitsverhältnissen und von sozialen Bewegungen
verlangt es, der „anderen Seite“ (Arbeitgebern, Behörden)
ebenfalls die ihnen zustehende Aufmerksamkeit zu schenken. Die Untersuchung
von Arbeitsverhältnissen betrifft nicht bloß den individuellen
Arbeiter, sondern ebenso seine bzw. ihre Familie. Geschlechtliche Rollenverteilungen
spielen eine wichtige Rolle innerhalb der Familie und in Arbeitsverhältnissen,
von denen einzelne Familienmitglieder betroffen sind.
• Was die Zeit angeht, so denke ich, dass es in der globalen
Geschichte der Arbeit im Prinzip keinerlei temporale Grenzen gibt. Allerdings
denke ich, dass aus praktischen Gründen das Hauptaugenmerk auf Arbeitsverhältnissen
und sozialen Bewegungen von Arbeitern liegen wird, die sich gemeinsam mit
dem Wachstum des Weltmarktes seit dem 14. Jahrhundert entwickelt haben.
Wo immer dies sinnvoll erscheint, etwa zu Vergleichszwecken, sollten jedoch
Studien, die weiter in die Zeit zurückreichen, keinesfalls ausgeschlossen
werden.
Die Entwicklung einer globalen Geschichte der Arbeit wird, wenn sie fruchtbar
sein will, eine ganze Reihe von Hindernissen zu überwinden haben. Diese
Hindernisse schließen praktische Probleme mit ein, so etwa den Umstand,
dass es im globalen Süden an gut klimatisierten, aktiv sammelnden Archiven
fehlt. Ich will mich an dieser Stelle nicht mit solchen technischen Problemen
aufhalten und werde mich auf die zentralen Herausforderungen konzentrieren.
Das größte Hindernis, das wir zu überwinden haben, sind
nämlich wir selbst mit unserem Ballast an traditionellen Theorien und
Interpretationen. Zwei der wichtigsten Fallgruben habe ich bereits erwähnt:
Den methodologischen Nationalismus und den Eurozentrismus. Alle zentralen
Begriffe der traditionellen Geschichte der Arbeit sind im Wesentlichen auf
Erfahrungen in der nordatlantischen Region gegründet und sollten daher
kritisch überprüft werden. Dies gilt bereits für das Wort
„Arbeit“ selbst. In den meisten wichtigen westlichen Sprachen
(Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch usw.) wird eine Unterscheidung
vorgenommen zwischen „Arbeit“ und „Tätigkeit“,
wobei „Arbeit“ sich auf Mühe und Anstrengung bezieht (wie
in „Frauenarbeit“), während „Tätigkeit“
einen kreativeren Prozess meint. Diese binäre Bedeutung, aus der eine
Philosophin wie Hannah Arendt weitreichende analytische Konsequenzen ableitete,
ist in vielen anderen Sprachen gar nicht vorhanden, und in manchen Fällen
gibt es überhaupt kein Wort für „Arbeit“ oder „Tätigkeit“,
da diese Begriffe von den spezifischen Eigenheiten der einzelnen Arbeitsprozesse
abstrahieren. Wir sollten daher sorgfältig prüfen, in welchem
Maße die Begriffe „Arbeit“ und „Tätigkeit“
transkulturell verwendbar sind; zumindest sollten wir ihre Bedeutung genauer
definieren, als wir dies für gewöhnlich tun. Wo beginnt „Arbeit“,
und wo endet sie? Wie wird die Grenze zwischen „Arbeit“ und
„Tätigkeit“ genau gezogen, oder ist diese Grenze weniger
offensichtlich als häufig angenommen?
Auch das Konzept der „Arbeiterklasse“ bedarf einer kritischen
Überprüfung. Es scheint, dass dieser Begriff im 19. Jahrhundert
eingeführt wurde, um eine Gruppe sogenannter „respektierlicher“
Arbeiter von Sklaven und anderen unfrei Arbeitenden, Selbständigen
(den „Kleinbürgern“) und armen Außenseitern, dem
Lumpenproletariat, abzugrenzen. Aus vielen Gründen, die an dieser Stelle
nicht diskutiert werden können, ist eine solche Interpretation für
den globalen Süden schlichtweg unangemessen. Diejenigen sozialen Gruppen,
die im Blick der Alten und der Neuen Geschichte der Arbeit quantitativ unbedeutend
sind – Ausnahmen, die die Regel bestätigen –, sind die
Regel in weiten Teilen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Wir
werden eine neue Konzeptualisierung zu entwerfen haben, die weniger auf
die Exklusion als vielmehr auf eine Inklusion verschiedener
abhängiger oder marginalisierter Arbeitergruppen hinzielt. Wir müssen
einsehen, dass die „richtigen“ Lohnarbeiter, die als freie Individuen
leben, die über ihre Arbeitskraft als Ware verfügen und keine
andere Ware zu verkaufen haben, nur eine Erscheinungsform sind, in der der
Kapitalismus Arbeitskraft in ein Handelsgut verwandelt. Es gibt zahlreiche
weitere Formen, die die gleiche Aufmerksamkeit verdienen, wie etwa Sklaven,
Kontraktarbeiter, Schuldknechte, Teilpächter usw.
Die Notwendigkeit, unsere theoretischen und methodologischen Annahmen zu
überdenken, muss uns selbstverständlich nicht davon abhalten,
sofort auch die empirische Forschung anzugehen. Es ist anzunehmen, dass
in Wirklichkeit gerade die Wechselwirkungen zwischen konzeptueller Erneuerung
und entdeckender Forschung uns befähigen werden, eine Globale Geschichte
der Arbeit aufzubauen. Wie auch die nun anfangende Tagung der ITH zeigen
wird, wurden dabei in den letzten Jahren wichtige Fortschritte gemacht.
Robert René Kuczynski war ein sehr früher, weitsichtiger und
wichtiger Vorläufer dieser Entwicklungen. Seine große Studie
mit dem Titel Arbeitslohn und Arbeitszeit in Europa und Amerika, 1870-1909,
kurz vor dem ersten Weltkrieg publiziert, war eine Pionierleistung, die
in ihrer Breite und ihrem Materialreichtum noch immer nicht richtig übertroffen
wurde. Es ist mir eine Ehre, in seinem Sinne weiterzuarbeiten. Vielen Dank!