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René-Kuczynski-Preis 2009
Dankwort des Preisträgers Marcel van der Linden
Linz, 10.9.2009

Die Verleihung des René-Kuczynski-Preises für mein Buch Workers of the World hat mich überrascht, aber auch sehr glücklich gemacht. Überrascht war ich, weil Workers of the World eine Sammlung von Aufsätzen ist, die zwar zusammenhängen, aber trotzdem keine Monographie bilden. Glücklich hat mich die Verleihung gemacht, weil dadurch deutlich wird, dass die sogenannte Global Labor History nun auch im deutschen Sprachraum anfängt, den Stellenwert zu erobern, den sie verdient. Die Geschichte der Arbeit – ich verwende diese Bezeichnung hier in einem weiten Sinne unter Einschluss der Geschichte der Arbeiterklasse – ist über lange Zeit hauptsächlich in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern (sowie, mit einem eingegrenzteren politischen Fokus, in den so genannten sozialistischen Ländern) untersucht worden. Seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts jedoch hat sich diese Fachrichtung zu einem wahrhaft globalen Projekt entwickelt.

Der eigentliche Durchbruch in Form von Konferenzen, Assoziationen usw. ist sehr jungen Datums. Er begann 1995 mit der Gründung der Association of Indian Labour Historians (Vereinigung indischer Arbeitshistoriker), einer dynamischen Organisation, die nicht nur alle zwei Jahre Konferenzen ausrichtet, sondern in zahlreichen weiteren Aktivitäten engagiert ist. Bald darauf wurde Mundos do Trabalho (Welten der Arbeit) eingerichtet, ein Netzwerk für Geschichte der Arbeit innerhalb des brasilianischen Historikerverbands ANPUH. Erste Konferenzen fanden statt in Karachi (1999), Seoul (2001), Jogjakarta (2005) und Johannesburg (2006). Diese geographische Ausweitung und die grundlegenden Überlegungen, die aus ihr folgten, ermöglichen es uns, sowohl die traditionelle ArbeiterInnengeschichte (wie "modern" sie in vielerlei Hinsicht auch sein mag) in neuem Licht zu sehen.

Das im 19. Jahrhundert entstandene Feld der Geschichte der Arbeit in Europa und Nordamerika hat sich von Anfang an ausgezeichnet durch eine Verbindung aus „methodologischem Nationalismus“ und Eurozentrismus. Der methodologische Nationalismus verknüpft Gesellschaft mit dem Staat und betrachtet die einzelnen Nationalstaaten folglich für die historiographische Forschung als eine Art „Leibnizscher Monaden“. Eurozentrismus ist die Ordnung der Welt vom Blickpunkt der nordatlantischen Region aus: In dieser Sichtweise beginnt die „Moderne“ in Europa und Nordamerika und weitet sich Schritt für Schritt auf den Rest der Welt aus. Die Temporalität dieser „Kernregion“ bestimmt die Periodisierung von Enwicklungen in der restlichen Welt. Die Historiographie hat dementsprechend die Geschichte der arbeitenden Klassen und der Arbeiterbewegungen in Frankreich, Großbritannien, den Vereinigten Staaten usw. als je voneinander unterschiedene Entwicklungen beschrieben. Wo sich die Aufmerksamkeit auf die sozialen Klassen und Bewegungen in Lateinamerika, Afrika oder Asien richtete, wurden diese nach nordatlantischen Schemata interpretiert.

Erst in den letzten Jahrzehnten ist die eurozentrische Monadenlehre in ihrer Gesamtheit in Frage gestellt worden. Dies hängt mit einer Reihe von Veränderungen zusammen, die seit dem Zweiten Weltkrieg auftraten, jedoch teilweise auch schon früher begonnen hatten:
• Die Dekolonisierung schuf zahlreiche neue, unabhängige Staaten, insbesondere in Afrika und Asien, die mit der Erforschung ihrer eigenen Sozialgeschichte begannen. Auf diese Weise gewann die Geschichte der Arbeit nicht nur eine „periphere“ Komponente (was bedeutet, dass die Zahl der Monaden zunahm), deren Bedeutung stieg. Außerdem wurde es deutlich, dass die Geschichte der Peripherie nicht geschrieben werden konnte, ohne ständig auf die Geschichte der Metropolen zu verweisen (siehe z.B. das Werk von Walter Rodney).
• Es entwickelten sich transkontinentale imaginierte Gemeinschaften, etwa im Pan-Afrikanismus.
• In der historischen Migrationsforschung dämmerte die Einsicht, dass die Perspektive „von der Nation zur ethnischen Enklave“ die Wirklichkeit migrantischen Lebens falsch wiedergab, da Migranten häufig transkulturell leben.
• Die Grenzkulturen, die „entdeckt“ wurden, passten nicht in monadische Schemata, genau so wenig wie z.B. Kreolisierung.
• Das Gleiche galt für transnationale Protest- und Streikzyklen.

All diese Entwicklungen (sowie die wesentlich intensivierten Kontakte zwischen Historikern der verschiedenen Länder und Kontinente – wozu die ITH wesentlich beigetragen hat) haben eine Situation herbeigeführt, wo die beiden Prämissen der traditionellen Geschichte der Arbeit deutlich sichtbar wurden – und damit zu einem Gegenstand der Debatte. Wir befinden uns nun in einer aufregenden Übergangssituation, in der sich die Fachrichtung selbst neu erfindet. Die Neue Geschichte der Arbeit hat begonnen, einer Globalen Geschichte der Arbeit (Global Labor History) das Feld zu räumen.

Es handelt sich hierbei in der Tat um ein außerordentlich ambitioniertes Projekt, das gerade erst begonnen hat. Viele der Ziele dieses neuen Ansatzes sind noch unklar oder erfordern weitere Überlegungen. Mein Buch versucht die begrifflichen, theoretischen und methodischen Grundlagen dieser neuen Geschichtsschreibung zu erkunden.

Was meint der Begriff „Globale Geschichte der Arbeit“? Selbstverständlich mag ihm jeder die Bedeutung zumessen, die gewünscht ist; ich selbst verstehe darunter folgendes:
• Soweit es die Methoden betrifft, würde ich vorschlagen, eher von einem „Feld von Interessen“ auszugehen denn von einer Theorie, der alle anhängen müssten. Wir wissen und sollten akzeptieren, dass unsere Forschungsauffassungen und interpretatorischen Vorannahmen differieren können. Pluralismus ist nicht nur unvermeidlich, er kann auch intellektuell stimulierend sein – gesetzt, wir sind zu jedem Zeitpunkt bereit, in eine ernsthafte Diskussion unserer unterschiedlichen Sichtweisen einzutreten. Ungeachtet unserer unterschiedlichen Ausgangspunkte jedoch sollten wir danach streben, produktiv in den gleichen Forschungsfeldern zu arbeiten.
• Was die Themen angeht, so konzentriert sich die Globale Geschichte der Arbeit auf die transnationale und sogar transkontinentale Untersuchung von Arbeitsbeziehungen und von sozialen Bewegungen der Arbeiter im weitesten Sinne des Wortes. Unter „transnational“ verstehe ich, den Gegenstand in den weiteren Kontext aller historischen Prozesse einzuordnen, selbst wenn er geographisch „klein“ ist, interaktive Prozesse zu untersuchen oder beides miteinander zu kombinieren. Die Untersuchung von Arbeitsverhältnissen umschließt freie wie unfreie, bezahlte wie unbezahlte Arbeit. Soziale Bewegungen von Arbeitern bestehen sowohl aus formellen Organisationen als auch aus informellen Aktivitäten. Die Untersuchung von Arbeitsverhältnissen und von sozialen Bewegungen verlangt es, der „anderen Seite“ (Arbeitgebern, Behörden) ebenfalls die ihnen zustehende Aufmerksamkeit zu schenken. Die Untersuchung von Arbeitsverhältnissen betrifft nicht bloß den individuellen Arbeiter, sondern ebenso seine bzw. ihre Familie. Geschlechtliche Rollenverteilungen spielen eine wichtige Rolle innerhalb der Familie und in Arbeitsverhältnissen, von denen einzelne Familienmitglieder betroffen sind.
• Was die Zeit angeht, so denke ich, dass es in der globalen Geschichte der Arbeit im Prinzip keinerlei temporale Grenzen gibt. Allerdings denke ich, dass aus praktischen Gründen das Hauptaugenmerk auf Arbeitsverhältnissen und sozialen Bewegungen von Arbeitern liegen wird, die sich gemeinsam mit dem Wachstum des Weltmarktes seit dem 14. Jahrhundert entwickelt haben. Wo immer dies sinnvoll erscheint, etwa zu Vergleichszwecken, sollten jedoch Studien, die weiter in die Zeit zurückreichen, keinesfalls ausgeschlossen werden.

Die Entwicklung einer globalen Geschichte der Arbeit wird, wenn sie fruchtbar sein will, eine ganze Reihe von Hindernissen zu überwinden haben. Diese Hindernisse schließen praktische Probleme mit ein, so etwa den Umstand, dass es im globalen Süden an gut klimatisierten, aktiv sammelnden Archiven fehlt. Ich will mich an dieser Stelle nicht mit solchen technischen Problemen aufhalten und werde mich auf die zentralen Herausforderungen konzentrieren.

Das größte Hindernis, das wir zu überwinden haben, sind nämlich wir selbst mit unserem Ballast an traditionellen Theorien und Interpretationen. Zwei der wichtigsten Fallgruben habe ich bereits erwähnt: Den methodologischen Nationalismus und den Eurozentrismus. Alle zentralen Begriffe der traditionellen Geschichte der Arbeit sind im Wesentlichen auf Erfahrungen in der nordatlantischen Region gegründet und sollten daher kritisch überprüft werden. Dies gilt bereits für das Wort „Arbeit“ selbst. In den meisten wichtigen westlichen Sprachen (Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch usw.) wird eine Unterscheidung vorgenommen zwischen „Arbeit“ und „Tätigkeit“, wobei „Arbeit“ sich auf Mühe und Anstrengung bezieht (wie in „Frauenarbeit“), während „Tätigkeit“ einen kreativeren Prozess meint. Diese binäre Bedeutung, aus der eine Philosophin wie Hannah Arendt weitreichende analytische Konsequenzen ableitete, ist in vielen anderen Sprachen gar nicht vorhanden, und in manchen Fällen gibt es überhaupt kein Wort für „Arbeit“ oder „Tätigkeit“, da diese Begriffe von den spezifischen Eigenheiten der einzelnen Arbeitsprozesse abstrahieren. Wir sollten daher sorgfältig prüfen, in welchem Maße die Begriffe „Arbeit“ und „Tätigkeit“ transkulturell verwendbar sind; zumindest sollten wir ihre Bedeutung genauer definieren, als wir dies für gewöhnlich tun. Wo beginnt „Arbeit“, und wo endet sie? Wie wird die Grenze zwischen „Arbeit“ und „Tätigkeit“ genau gezogen, oder ist diese Grenze weniger offensichtlich als häufig angenommen?

Auch das Konzept der „Arbeiterklasse“ bedarf einer kritischen Überprüfung. Es scheint, dass dieser Begriff im 19. Jahrhundert eingeführt wurde, um eine Gruppe sogenannter „respektierlicher“ Arbeiter von Sklaven und anderen unfrei Arbeitenden, Selbständigen (den „Kleinbürgern“) und armen Außenseitern, dem Lumpenproletariat, abzugrenzen. Aus vielen Gründen, die an dieser Stelle nicht diskutiert werden können, ist eine solche Interpretation für den globalen Süden schlichtweg unangemessen. Diejenigen sozialen Gruppen, die im Blick der Alten und der Neuen Geschichte der Arbeit quantitativ unbedeutend sind – Ausnahmen, die die Regel bestätigen –, sind die Regel in weiten Teilen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Wir werden eine neue Konzeptualisierung zu entwerfen haben, die weniger auf die Exklusion als vielmehr auf eine Inklusion verschiedener abhängiger oder marginalisierter Arbeitergruppen hinzielt. Wir müssen einsehen, dass die „richtigen“ Lohnarbeiter, die als freie Individuen leben, die über ihre Arbeitskraft als Ware verfügen und keine andere Ware zu verkaufen haben, nur eine Erscheinungsform sind, in der der Kapitalismus Arbeitskraft in ein Handelsgut verwandelt. Es gibt zahlreiche weitere Formen, die die gleiche Aufmerksamkeit verdienen, wie etwa Sklaven, Kontraktarbeiter, Schuldknechte, Teilpächter usw.

Die Notwendigkeit, unsere theoretischen und methodologischen Annahmen zu überdenken, muss uns selbstverständlich nicht davon abhalten, sofort auch die empirische Forschung anzugehen. Es ist anzunehmen, dass in Wirklichkeit gerade die Wechselwirkungen zwischen konzeptueller Erneuerung und entdeckender Forschung uns befähigen werden, eine Globale Geschichte der Arbeit aufzubauen. Wie auch die nun anfangende Tagung der ITH zeigen wird, wurden dabei in den letzten Jahren wichtige Fortschritte gemacht.

Robert René Kuczynski war ein sehr früher, weitsichtiger und wichtiger Vorläufer dieser Entwicklungen. Seine große Studie mit dem Titel Arbeitslohn und Arbeitszeit in Europa und Amerika, 1870-1909, kurz vor dem ersten Weltkrieg publiziert, war eine Pionierleistung, die in ihrer Breite und ihrem Materialreichtum noch immer nicht richtig übertroffen wurde. Es ist mir eine Ehre, in seinem Sinne weiterzuarbeiten. Vielen Dank!