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Laudatio von Josef Ehmer, Wien
anlässlich der Verleihung des René Kuczynski-Preises 2007 an Jaap Sleifer

Das preisgekrönte Buch ist aus einer Dissertation an der Universität Groningen hervorgegangen und erhielt seine endgültige Gestalt am Zentrum für Deutschlandstudien der Universität Nijmegen und am Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Ihr Ziel ist der Vergleich der wirtschaftlichen Entwicklung in Westdeutschland und Ostdeutschland bzw. - zwischen 1949 und 1991 - der BRD und der DDR. Der Vergleich beruht vor allem auf makroökonomischen Daten, wobei das Bruttoinlandsprodukt und die Arbeitsproduktivität im Vordergrund stehen. Sleifer untersucht Arbeitsproduktivität und Wachstum in Ostdeutschland im Bereich von Industrie, Landwirtschaft, öffentlichen Versorgungsbetrieben, Bauwirtschaft sowie Transport- und Kommmunikationswesen und vergleicht die Entwicklung, die in den gleichen Bereichen im westdeutschen Raum erzielt wurden. Die wirtschaftliche Entwicklung beider Teile Deutschlands wird durch eine nach Branchen und Regionen differenzierte Analyse erschlossen, die beträchtliche - und teilweise überraschende - Variationen sichtbar macht.
Die bisherigen Antworten der Wirtschaftshistoriker/innen auf die Frage nach dem Zurückfallen der DDR-Wirtschaft gehen in zwei Richtungen: Die einen meinen, dass vor allem die schlechten Startbedingungen Ostdeutschlands nach dem Kriege (Demontagen und Reparationslieferungen an die Sowjetunion aus der laufenden Produktion) die wichtigste Ursache für den Rückstand der DDR-Wirtschaft bildeten, die anderen sind der Auffassung, dass die Einführung der Planwirtschaft die Hauptschuld am Zurückbleiben der DDR trug, weil sie der Sozialen Marktwirtschaft in der Bundesrepublik, die den dortigen wirtschaftlichen Aufschwung, das "Wirtschaftswunder" generierte, strukturell unterlegen war.

Die Gliederung von Sleifers Untersuchung erfolgt nach vier Perioden. Der Autor zeigt, dass der entscheidende Rückfall der ostdeutschen Ökonomie gegenüber der westdeutschen in der Periode 1936 bis 1950 erfolgte, vor allem in den Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsjahren sowie am Beginn des "Kalten Kriegs". In der Periode der beiden deutschen Staaten vermochte die Volkswirtschaft der DDR den Absturz der ersten Periode nicht mehr aufzuholen. Auch wenn sie im internationalen Vergleich zeitweilig durchaus respektable Ergebnisse erzielte, vergrößerte sich der Abstand zur westdeutschen Ökonomie in Bezug auf Wirtschaftswachstum und Arbeitsproduktivität weiter, eine Entwicklung, die sich in der Übergangsperiode von 1989 bis 1991 nochmals beschleunigte. Die vierte Periode nach der Wiedervereinigung 1991 bis 2003 wird in der Arbeit nur mehr kurz behandelt. Dabei erweisen sich nur die Jahre 1991 bis 1995 als Phase des Aufholens der ostdeutschen Ökonomie, während sich seitdem der Entwicklungsrückstand des Ostens gegenüber dem Westen auf stabilem Niveau zu verfestigen scheint.

Sleifers Forschungsergebnisse, die er mit der Analyse von wirtschaftsstatistischem Material erzielt, differieren mit jenen heute vorherrschenden Ansichten, die den Rückstand der Wirtschaft der DDR allein auf das planwirtschaftliche Wirtschaftssystem zurückführen. Denn das entscheidende Zurückfallen scheint weitgehend schon vor Einführung des planwirtschaftlichen Systems erfolgt sein und in einer zweiten Phase kurz vor dessen Zusammenbruch. In dem fast 40-jährigen Kernzeitraum wirtschaftlicher Systemkonkurrenz zwischen "Sozialer Marktwirtschaft" im Westen und "Sozialistischer Planwirtschaft" im Osten gelang es der Planwirtschaft durch Produktivitätszuwachs und Integration vor allem der weiblichen Bevölkerung in den Wirtschaftsprozess, zwar keinesfalls, wie es die ideologische Zielvorgabe war, die bundesdeutsche Wirtschaft zu überholen, aber doch einigermaßen mitzuhalten.

Das Buch enthält eine materialreiche und differenzierte Analyse. Es bietet eine sachliche und unaufgeregte Diskussion der empirischen Daten jenseits politischer Debatten in der Logik der "Systemkonkurrenz". Von den Debatten des Kalten Krieges ist es gänzlich frei. Der junge niederländische Autor - ein Rezensent nennt ihn "ideologisch unbedarft", was als komparativer analytischer Vorteil gemeint ist - bemüht sich um den möglichst unvoreingenommenen Vergleich zweier Volkswirtschaften in ihrem jeweiligen historischen Kontext. Das ist ein gelungenes Beispiel für den Nutzen der „Historisierung“ auch in der Wirtschaftsgeschichte.

Linz, 13.9.2007

Jury:
Univ.-Prof. Dr. Gerhard
Botz (Institut für Zeitgeschichte, Univ. Wien)
Univ.- Prof. Dr. Josef
Ehmer (Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Univ. Wien)
Prof. Dr. Rüdiger
Hachtmann (Berlin)
Prof. Dr. Jörg
Roesler (Berlin)
Prof. Dr. Claudia
Ulbrich (Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichte, FB Geschichts- und Kulturwissenschaften der FU Berlin)
Univ.-Doz. Dr. Berthold
Unfried (ITH & Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Univ. Wien)