Laudatio von Jörg Roesler, Berlin
anlässlich der Verleihung des René Kuczynski-Preises
2006 an Alexander Nützenadel
Verehrte Stifter und Juroren, geschätzter Preisträger,
liebe Kollegen, meine Damen und Herren,
als im Januar 1990 in der Bundesrepublik von Politikern in Regierung und
Opposition die Frage, wie sich das Wirtschaftssystem der DDR verändern
müsse, damit der Annäherungsprozesse beider deutscher Staaten
– von Vereinigung war noch keine Rede – erfolgreich gestaltet
werden könne, meldete sich der Sachverständigenrat zur Begutachtung
der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung mit einer 61 Seiten umfassenden Expertise
zu Wort, betitelt „Zur Unterstützung der Wirtschaftsreform in
der DDR: Voraussetzungen und Möglichkeiten“ . Das Sondergutachten
der „fünf Weisen“ – nur wenige Wochen nach dem turnusgemäßen
Jahresgutachten für die Bundesrepublik Deutschland der Bundesregierung
überreicht, demonstrierte einmal mehr die gefestigte Stellung, die
die Wirtschaftsexperten im gesellschaftlichen Leben Westdeutschlands einnahmen,
aber auch deren Selbstbewusstsein. Der damalige Vorsitzende der Wirtschaftsrates,
Hans K. Schneider, beunruhigt durch Signale, dass man im Kanzleramt den
Ratschlägen des Sachverständigenrates gegenüber nicht die
notwendige Aufmerksamkeit walten ließ, griff am 9. Februar 1990 noch
einmal zur Feder und forderte im Auftrage der fünf „Weisen“
dringlich die Beachtung des Standpunktes der Wirtschaftswissenschaftler.
Die Anfänge dieser Beraterpolitik in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg
und deren Entwicklung bis zu dem Zeitpunkt, da die Politikberatung durch
die Wirtschaftswissenschaftler in den 60er Jahren zu einer allgemein akzeptierten
Tatsache wurde, hat Alexander Nützenadel in seinem 2005 bei Vandenhoeck
Ruprecht in Göttingen erschienenen Buch, das von den Mitgliedern der
Jury für den Rene-Kuczynski-Preis ausgewählt wurde, analysiert.
Nachzulesen ist, wie sich aus den Versuchen einer Politik zur Konjunkturdämpfung
während der 50er Jahre die „Globalsteuerung“ der 2. Hälfte
60er Jahre entwickelte, wie mit Hilfe von Stabilitätsgesetz und Konzertierter
Aktion ein expansives konjunkturpolitisches Instrumentarium entwickelt wurde,
das sich in der Bekämpfung der Rezession von 1966/67 bewährte.
Dank dieser erfolgreichen Politikberatung erreichte das Ansehen der Ökonomen
in der bundesdeutschen Öffentlichkeit Ende der 60er Jahre einen ersten
Höhepunkt.
In Nützenadels Buch stellt die Analyse der Entwicklung der wirtschaftswissenschaftlichen
Politikberatung allerdings nur einen Untersuchungsstrang dar. Bevor er sich
unmittelbar dem Thema Politikberatung zuwendet, schildert der Preisträger
die Entwicklung der Volkswirtschaftslehre in der Bundesrepublik zwischen
1949 und 1974. Deutlich wird im ersten Teil von Nützenadels Buch die
früh einsetzende Ablösung ordoliberaler Ideen durch keynesianistisches
Gedankengut, dessen Akzeptanz die theoriegeschichtlichen Voraussetzungen
für eine Steuerung der Wirtschaft über Konjunkturprogramme, für
die Gestaltung eines „Wachstums nach Maß“ erst schuf.
Alexander Nützenadel ist es in seinem Buch nicht nur gelungen, Dogmengeschichte
und Geschichte der Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik sowie die Geschichte
der Wirtschaftsentwicklung des Landes, also Wirtschaftsgeschichte im engeren
Sinne miteinander zu kombinieren. Seine Analyse reicht über die Bundesrepublik
hinaus. Er ermöglicht dem Leser einen Vergleich des westdeutschen wirtschaftswissenschaftlichen
Denkens und der bundesrepublikanischen Wirtschaftspolitik sowohl mit der
im anderen Teil Deutschlands sich in der Erprobungsphase befindlichen sozialistischen
Planwirtschaft als auch mit der Planification, die die französische
Regierung Anfang der 60er Jahre mit Eifer zum Wirtschaftsmodell der Europäischen
Gemeinschaft zu machen versuchte. Dass Alexander Nützenadel beiden
Planungssystemen ernsthafte Aufmerksamkeit widmet und auch die bundesdeutsche
Globalsteuerung keineswegs von ihrem späteren – im Buch abschließend
angedeuteten – Scheitern aus beurteilt, wie das manche Kritiker gern
gesehen hätten, weist Nützennadel auch als einen Wirtschaftshistoriker
aus, der sich von der heute verbreiteten teleologischen Geschichtsauffassung,
nach der sich im ungebändigten Markt und schlanken Staat das letztlich
das Ende der Wirtschaftsgeschichte manifestiert habe, bei seinen Untersuchungen
nicht hat beeindrucken lassen. Indem er sich nicht mit dem augenblicklichen
real existierenden Wirtschaftssystem hat verheiraten lassen, fand er in
seinen Studien Zeit und in seinem Buch Raum für die Behandlung der
Ängste, die die Planwirtschaft unter bundesdeutschen Ökonomen
seit der zweiten Hälfte der 50er Jahre hervorrief, so dass von ihnen
ernsthaft über die „bedrohlichen Überlegenheit totalitärer
Systeme in der Frage der Produktivitätssteigerung und der Sicherung
der Investitionsquote“ nachgedacht wurde. Diese Ängste haben
zweifellos die Bereitschaft, das eigene System zu verbessern – von
mehr Staatsintervention als dies der Ordoliberalismus billigen konnte bis
hin zur Programmplanung – deutlich erhöht.
Das Kapitel zur Diskussion der Möglichkeiten der Planwirtschaft durch
die bundesdeutschen Ökonomen ist insofern genauso wenig wie das über
die Konvergenzdebatte der 60er Jahre als Exkurs anzusehen, es handelt sich
bei beiden Abschnitten vielmehr um einen konstitutiven Bestandteil des Buches.
Beide Kapitel wären freilich unter den Tisch gefallen, wenn Nützenadel,
wie es sich mancher Rezensent gewünscht hätte, die Geschichte
der Politikberatung der Bundesrepublik vom neoliberalen Standpunkt aus,
d. h. „von hinten nach vorn“ geschrieben hätte.
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass Alexander Nützennadel eine umsichtig
argumentierende, kenntnisreiche und quellengesättigte Studie geschrieben
hat – die bewundernswerte Leistung eines Wissenschaftlers, dessen
wissenschaftliche Biographie 1984 mit der Aufnahme des Studium der Geschichte
und Volkswirtschaftslehre an der Universität Göttingen begann.
Nach der Promotion zum Dr. phil. 1995 war unser Preisträger wissenschaftlicher
Mitarbeiter bzw. Assistent am Historischen Seminar der Universität
Köln, bis 2001 unter Wolfgang Schieder. Im Jahre 2004 habilitierte
er sich in Köln und hat mit dem laufenden Semester eine Professur für
Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Viadrina, der Universität
Frankfurt/Oder erhalten. Dazwischen lagen Studienaufenthalte im Ausland,
so in Italien, den Vereinigten Staaten und den Niederlanden.
Alexander Nützenadels wissenschaftliche Arbeiten umfassen einen weiten
Themenkreis und reichen von der Nationenbildung in Deutschland über
die Agrarpolitik im faschistischen Italien bis zur Modelldarstellung in
der Ökonomie und Problemen der Globalisierung. Zeitlich umfassen die
von ihm behandelten Themen das 18. bis 20. Jahrhundert.
Diese Vielseitigkeit, die Tatsache, dass der Preisbuch von jemanden geschrieben
wurde, der mehr ist als ein gelernter Wirtschaftshistoriker mit der Spezialisierung
Bundesrepublik, war m. E. eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass
Alexander Nützenadel das Thema der wirtschaftswissenschaftliche Politikberatung
in der Bundesrepublik, das er sich stellte – es war im Übrigen
sein Habilitationsthema – in einer so komplexen Manier und auf so
hohen Niveau – uns allen zum Nutzen und – ich sage es ganz offen
– auch zur Freude, bewältigen konnte.
19.10.2006