Kürzlich ist eine Rezension des Bandes der Penguin History of
Europe erschienen, in der Tim Blanning, Geschichtsprofessor in Cambridge,
die Periode von 1648 bis 1815 unter dem Titel The Pursuit of Glory behandelt.
Einem Rezensenten zufolge sehe Blanning diese Periode als eine von "mächtigen
Monarchen und Adeligen, die über eine unwissende und ausgebeutete Bauernschaft
regierten, grausame Kriege für den eigenen Ruhm fochten, prächtige
Paläste und Gartenanlagen bauten, und 1815 in nahezu alle Machtfunktionen
wieder eingesetzt wurden." (The Guardian, 9.6. 2007) Das ist
ein schlagendes Beispiel dafür, in welchem Ausmaß das politische
Klima der Gegenwart die Vergangenheitsinterpretationen der Historiker bestimmt.
Die Arbeit der Historikergeneration, der Eric Hobsbawm angehört, wird
nun vielfach als unzeitgemäß angesehen. Daher sollte die Gelegenheit
seines 90. Geburtstags, den er im Juni dieses Jahres gefeiert hat, genützt
werden, einige Aspekte seines Lebenswerks in Erinnerung zu rufen.
Eric Hobsbawm ist in Wien und in Berlin aufgewachsen, wo er den Aufstieg
der Nationalsozialisten erlebte. Die Teilnahme am Kampf gegen die Nazis
führte ihn in die Reihen der Kommunistischen Partei, die trotz ihrer
Niederlage in diesem Kampf den Glauben nicht verloren hatte, dass die Oktoberrevolution
von 1917 eine neue und für die Unterdrückten hoffnungsvollere
Ära der Menschheitsgeschichte eröffnet habe. Hobsbawm emigrierte
nach England und konnte Geschichte in Cambridge studieren, wo Professor
Postan Vorlesungen hielt, die den jungen marxistischen Studenten anzogen.
Nach seiner Graduierung bekam er ein Cambridge Fellowship, bevor
noch die Übertragung der Logik der Kalten Kriegs auf die Wissenschaft
allen Historikern, die für einen marxistischen Zugang bekannt waren,
den Weg auf akademische Posten versperrte. Später, als er seine Reputation
gefestigt hatte, wurde er auf das Birkbeck College in London berufen, in
dem erwachsene Studenten in Abendvorlesungen ausgebildet wurden.
Während seiner frühen Jahre als Universitätslehrer war Eric
Hobsbawm zusammen mit Christopher Hill das einflussreichste Mitglied der
1946 gegründeten British Communist Party's Historians' Group.
Diese Vereinigung von Historikern in der britischen KP hatte sich das Ziel
gesetzt, durch die Verbreitung eines Bewusstseins für die radikalen
und revolutionären Traditionen in der Arbeiterbewegung und im Weiteren
in der britischen Bevölkerung den Boden für eine radikalere soziale
Transformationspolitik zu bereiten als sie die 1945 gewählte Labour-Regierung
beabsichtigte. Hobsbawm spezialisierte sich auf die Geschichte der Arbeiterbewegung
im 19. Jahrhundert. Seine erste Publikation, Labour's Turning Point
1880-1900 (1948), eine Zusammenstellung von Quellentexten, trägt
schon den Stempel, der seine Publikationen insgesamt kennzeichnen sollte:
wissenschaftliche Integrität und sachkundiger Realismus. Integrität
und Realismus zeigen sich, wenn er schreibt, dass die Arbeiterbewegung in
diesen Jahren langsamer und unvollständiger zum Sozialismus fortschritt
als das einige Historiker bisher angenommen hätten (Introduction, p.
xxiv). Teilnehmer der Linzer Konferenzen werden sich seiner gleichermaßen
von Integrität und Realismus geprägten Einleitungsreferate und
der nachfolgenden Diskussionen auf der 9. und der 35. Linzer Konferenz 1973
bzw. 1999 erinnern. (ITH-Tagungsberichte 7, pp. 1-34a; 34, pp. 11-23)
Ein gegenwärtig aus der Mode geratenes Kennzeichen von Eric Hobsbawms
Werk ist die Weite seines Horizonts. Immer schaut er auf der Suche nach
signifikanten Ähnlichkeiten und Analogien über Europa hinaus ohne
darauf zu vergessen, die Ausnahmen und Besonderheiten zu kennzeichnen. In
seinem bahnbrechenden Buch Social Bandits and Primitive Rebels (1959),
in dem er primitive Formen sozialen Protests beschrieb, fühlte er sich
durch die eindrucksvollen Ähnlichkeiten seiner Fallstudien aus ganz
unterschiedlichen Weltregionen ermutigt, "mit sehr großer Zuversicht"
(p. 14) Verallgemeinerungen zu treffen. Diese zuversichtliche Fähigkeit
zu verallgemeinern, gepaart mit der Bereitschaft, wenn notwendig einschränkend
Besonderheiten herauszuarbeiten, machen Hobsbawm's chef d'oeuvre,
die 2 Jahrhunderte moderner Geschichte umfassende Tetralogie The Age
of Revolution (1962), The Age of Capital (1975), The Age
of Empire (1987) and The Age of Extremes (1994), zu einer
einzigartigen Leistung. Es beschreibt den Sieg der bürgerlichen Ordnung
über traditionale soziale Ordnungen und versucht, das Scheitern der
sozialistischen Kampfansage an die bürgerliche Gesellschaft zu erklären,
das Scheitern jenes Kampfes, dem er selbst sein ganzes Leben lang verbunden
war. Das ist Macrohistorie der besten Art, die den zur Zeit so modischen
microhistorischen Trend unbeschadet überstehen wird.
Eric Hobsbawm hat das Bicentenarium der französischen Revolution 1989
zum Anlass genommen, Veränderungen in der Interpretation dieses historischen
Wendepunkts zu untersuchen, um den Wechsel von Trends und Moden historischer
Interpretation ins Blickfeld zu nehmen. In den zwei davor liegenden Jahrzehnten
war es zu einem Trend unter anglo-amerikanischen und französischen
Historikern geworden, die französische Revolution überhaupt nicht
als historischen Wendepunkt in der Geschichte Frankreichs aufzufassen, Veränderungen
nur in der politischen Kultur und Symbolik wahrzunehmen und gleichzeitig
die Kontinuität von Wirtschaft und Gesellschaft zu betonen. In seinem
Buch Two Centuries Look Back on the French Revolution (1990) konnte
Hobsbawm zeigen, dass dieser Interpretationswandel nicht auf irgend welchen
neuen Fakten als Resultat historischer Forschung beruhte, sondern dass er
vielmehr die sozialen und politischen Veränderungen im Übergang
von der 4. zur 5. französischen Republik widerspiegelte. (Ch. 4: Surviving
Revision, pp.91-113)
Eric Hobsbawm hat einen außerordentlichen Beitrag gleichermaßen
zur historischen Forschung wie zu dem Wissen und zu den Ideen geleistet,
welche die Arbeiterbewegung brauchen wird, wenn sie ihren Vorwärtsmarsch
einmal wieder aufnehmen sollte. Wir wünschen ihm im Nachhinein alles
Gute zum Geburtstag und freuen uns vorausblickend schon auf sein nächstes
Buch.
Ernst Wangermann, Universität Salzburg
(Juli 2007)