Mitglied werden
ith logo

Zum Tod von Felix Kreissler
(1. 8. 1917 bis 24. 10. 2004)

Als "Spécialiste de l’Autriche" – "Österreich-Spezialist" – wurde der Historiker und Literaturwissenschaftler Felix Kreissler in seiner Wahlheimat Frankreich meist vorgestellt. Ein Spezialist war er wirklich: Nicht nur für die Geschichte und Kultur Österreichs, deren Studium und Vermittlung er seine publizistische und wissenschaftsorganisatorische Tätigkeit hauptsächlich widmete, sondern auch für die politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen im Österreich der Gegenwart: Seine vehementen Ablehnung der im Jahre 2000 gebildeten ÖVP-FPÖ-Regierung, die er in zahlreichen Kommentaren für französische und österreichische Medien bekundete, war so kompromisslos, dass er seitdem staatliche Subventionen für das von ihm begründete Österreich-Zentrum an der Universität Rouen verweigerte.

Ein Leben im Widerstand

Felix Kreissler wurde 1917 im Wiener Arbeiterbezirk Meidling geboren, engagierte sich schon als 17jähriger Mittelschüler gegen die austrofaschistische Diktatur und wurde verhaftet. Kurz vor der Matura von allen österreichischen Mittelschulen ausgeschlossen, emigrierte er 1937 nach Frankreich. Ein Teil seiner Verwandten konnte nach dem "Anschluss" Österreichs an Deutschland 1938 fliehen – unter Anderem, weil sein Vater bereits im März 1938, nach der Kapitulation von Bundeskanzler Schuschnigg vor Hitler, die Gefahr für die jüdische Familie erkannt und sich um Ausreisemöglichkeiten umgesehen hatte –, ein Teil wurde Opfer der Shoah. Die dramatischen Tage zwischen der Unterredung Schuschnigg-Hitler in Berchtesgaden am 12. Februar 1938 und dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht am 12. März 1938 haben ihn ein Leben lang begleitet; er hat sie in zahlreichen Büchern und Aufsätzen thematisiert.
Nach dem Angriff Hitler-Deutschlands auf Frankreich schloss sich Felix Kreissler der Résistance an, war unter Anderem in Toulouse, Lyon, Grenoble und Nîmes aktiv, wurde mehrfach verhaftet, konnte jedoch jedes Mal fliehen. Nach der vierten Verhaftung, diesmal gemeinsam mit seiner späteren Frau Denise, wurde er ins Gestapogefängnis Lyon eingeliefert und von den Männern Klaus Barbies "verhört". Er schloss mit seinem Leben ab – und gerade diese Einstellung half ihm, zu überleben. Nicht einmal seine wahre Identität konnte ihm die Gestapo entlocken. Unter dem Namen "Le Brun" wurde er, als Franzose, Mitte Mai 1944 ins KZ Buchenwald verschickt, während Denise ins Frauen-KZ Ravensbrück deportiert wurde. Beide überlebten, dank der Solidarität von Mithäftlingen, und heirateten, nachdem sie sich wieder gefunden hatten, im August 1945 in Paris. Sofort nach seiner Rückkehr schaltete sich Felix Kreissler in die politischen und kulturellen Aktivitäten der Österreichischen Freiheitsfront in Frankreich ein, die sich als Sprachrohr des befreiten Österreich verstand, und half Rückkehrwilligen, nach Österreich zu gelangen. Er selbst übersiedelte gemeinsam mit seiner Frau Denise 1947 nach Wien, wo er zuerst bei der Radioverkehrs-A.G. ("RAVAG") für die "Russische Stunde" arbeitete.
Obwohl schon über 40 Jahre alt, begann Felix Kreissler 1959 in Frankreich zu studieren, erwarb schließlich drei Doktor-Titel und wirkte ab Anfang der siebziger Jahre am Aufbau des Instituts für Germanistik der neugegründeten Université de Haute Normandie in Rouen mit. Mit der Gründung des Österreich-Zentrums CERA (Centre d’Études et de Recherches Autrichiennes) und der Halbjahreszeitschrift "Austriaca" gelang es, die Österreich-Kunde an den französischen Universitäten zu verankern. Er gewann GermanistInnen und Historiker der nächsten und übernächsten Generation für die Fortführung dieses Werks, wobei ihn ein besonders enges Verhältnis mit Gilbert Ravy (Rouen) und dem ebenfalls aus Österreich stammenden Gerald Stieg (Paris) verband. Das Ansehen, das Felix Kreissler in der wissenschaftlichen Welt sowohl Frankreichs als auch Österreichs genoss, kam sinnfällig zum Ausdruck in der 1985 im Wiener Europaverlag erschienen Festschrift anlässlich seiner Emeritierung "Mélanges Felix Kreissler".
In den darauffolgenden Jahren betätigte er sich vor allem als Vortragender in Frankreich und Österreich sowie Autor zahlreicher Aufsätze, Besprechungen und Kommentare, verfasste für französische Publikationen Jahresberichte zum Zeitgeschehen in Österreich und beteiligte sich an zahlreichen wissenschaftlichen Projekten.
Dass die Österreichische Volkspartei im Februar 2000 mit der Freiheitlichen Partei trotz der ultrarechten Demagogie von FPÖ-Chef Haider eine Koalition einging, empörte ihn nicht nur als gebürtiger Österreicher und naturalisierten Franzosen, in der Bildung der "schwarz-blauen" Regierung erblickte er auch eine Gefährdung seines gesamten Lebenswerks, das in hohem Ausmaße der Verbreitung von Wissen über und der Weckung von Verständnis für Österreich in Frankreich gewidmet war. Aus einem scharfsinnigen und oft humorvollen Beobachter der Geschehnisse wurde er "auf seine alten Tage" wieder zum politischen Akteur.
Als ihm Ende 2000 für sein publizistisches Gesamtwerk der Bruno-Kreisky-Preis verliehen wurde, verkündete er in der überfüllten Kreisky-Villa, er stehe "in strengster Opposition zur schwarz-blauen Regierung". Obwohl die FPÖ nicht gerade als "Nazi-Partei" bezeichnet werden könne, so sei es doch unübersehbar, dass in ihren Reihen "nationalsozialistische Ideologien" mitmarschieren. In der ÖVP wiederum seien "demokratische Traditionen zugedeckt" – die Partei beuge sich "so weit nach rechts, bis sie rechts umfällt".
Von besonderer Bedeutung war ihm die auf seine Initiative gegründete "Österreichisch-Französische Gesellschaft für kulturelle und wissenschaftliche Zusammenarbeit" (Société franco-autrichienne pour la cooperation culturelle et scientifique), die aus einer Initiative gegen die Schließung des Österreichischen Kulturinstituts in Paris hervorgegangen war. (Diese Initiative hatte immerhin die Auslagerung der bedeutenden Bibliothek verhindern können.) Die Hereinnahme der FPÖ in die Regierung war für Kreissler gleichbedeutend mit einer Öffnung der staatlichen Institutionen für Chauvinismus und Kulturlosigkeit – gegen diese Erscheinungen anzukämpfen war ihm Hauptziel seiner politischen Bemügungen.
Bei jedem seiner zahlreichen Österreich-Aufenthalte warb er für einen intensiveren Austausch im Kulturbereich, für Toleranz und Meinungsfreiheit und propagierte diesen Versuch einer regierungsunabhängigen bilateralen Kultur- und Wissenschaftspolitik "von unten". Und noch wenige Tage vor seinem Tod leitete er eine Sitzung des französischen Teams der Gesellschaft, in der er ein auf die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zugeschnittenes Programm für 2005 präsentierte.

Historiograph einer Nationswerdung

Felix Kreissler hat ein umfangreiches wissenschaftliches Oeuvre hinterlassen.
Seine erste französische Dissertation erschien 1967 auch auf Deutsch ("Das Französische bei Raimund und Nestroy", die französische Buchausgabe folgte erst 1973: "Le Français dans le théâtre viennois du XIXe siècle"), seine zweiten Arbeit wurde eine Geschichte der Ersten Republik, die nicht nur in Frankreich zu einem Standardwerk zur österreichischen Zeitgeschichte wurde: deutsch 1970 unter dem Titel "Von der Revolution zur Annexion", französisch1971 unter dem Titel "De la révolution à l’annexion. L’Autriche de 1918 à 1938" publiziert.
1980 legte er jene beiden Bänden über den Bewusstwerdungsprozess der österreichischen Nation vor, die zu seinem einflussreichsten Werk werden sollten: "La Prise de Conscience de la Nation Autrichienne. 1938–1945–1978". Der Böhlau Verlag brachte 1984 eine überarbeitete Ausgabe unter dem Titel "Der Österreicher und seine Nation. Ein Lernprozess mit Hindernissen" heraus. Obwohl Kreissler in dieser Studie in dem für ihn typischen Stil der etwas koketten Untertreibung behauptete, dass ihm alle Theorien zur nationalen Frage gleich wertvoll seien und er über keine eigene verfüge, vertrat er in diesem Résumé jahrzehntelanger Beschäftigung mit der Rolle der Kultur und Politik im Nationsbildungsprozess implizit natürlich sehr wohl einen theoretischen Ansatz, der schon im Titel des Buches zum Ausdruck kam – sowohl im französischen Titel ("prise de conscience" = das Sich-bewusst-Werden) als auch im deutschen Untertitel ("ein Lernprozess") wurde das Prozesshafte betont: Nation war für ihn – ganz in der französischen Tradition ("...un plébiscite de tous les jours...", eine "tägliche Volksabstimmung", wie Ernest Renan die Nation 1882 definierte) – eine historische Erscheinung, die durch politisch-kulturelles Handeln zur Option und durch gesellschaftliche Akzeptanz zur Realität wird. Obwohl er nie ein Hehl daraus machte, dass er sich als in der marxistischen Tradition stehend verstand und vor allem die Arbeiten des KPÖ-Theoretikers Alfred Klahr ("Zur nationalen Frage in Österreich", 1937) für einen entscheidenden Schritt in diesem Bewusstwerdungsprozess ansah, positionierte sich Kreissler damit abseits der klassischen marxistischen Definitionen, die ihm offenkundig zu statisch (Otto Bauers "Sprach- und Kulturgemeinschaft") oder zu starr (Stalins Vierpunkte-Definition einer Nation) waren. Obwohl er die Bedeutung ökonomischer Faktoren anerkannte, stand die Frage, unter welchen wirtschaftlichen Voraussetzungen sich Nationsbildungsprozesse vollzogen, nicht im Zentrum seiner kulturwissenschaftlich orientierten Untersuchungen zur Geschichte Österreichs. Der unter seiner Leitung 1992 herausgegebene Band "L'Autriche 1867–1939" hieß im Untertitel "Naissance d’une identité culturelle" (Geburt einer kulturellen Identität), als Nr. 9 der "Études Autrichiennes" erschien im Jahr 2000 im Universitätsverlag Rouen eine kurze Geschichte Österreichs von 1800 bis 2000 unter dem sprechenden Titel "L’Autriche, brûlure de l’Histoire" (Österreich, Brandwunde der Geschichte).
Felix Kreisslers letzter öffentlicher Auftritt war dem Thema "österreichische Nation" gewidmet – er fand am 16. Oktober 2004 in Wien statt, bei einer Veranstaltung aus Anlass des 100. Geburtstags von Alfred Klahr ("Alfred Klahr (1904–1944) und die 'Erfindung' der österreichischen Nation: Deutschnationale, Austrofaschisten und Kommunisten im Kampf um die österreichische Identität"). Kreisslers Referat auf dem Symposium behandelte die Auswirkungen der Arbeiten Alfred Klahrs auf Politik und Geschichtsschreibung der Zweiten Republik.

Geschichte der Arbeiterbewegung und des Widerstands

Felix Kreissler war Mitautor des – nie ins Deutsche übersetzten – ersten biografischen Lexikons zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung: Als einer der ersten Bände des von Jean Maitron herausgegebenen "Dictionnaire biographique du mouvement ouvrier international" erschien 1971 der Band "L’Autriche" von Yvon Bourdet, Georges Haupt, Felix Kreissler und Herbert Steiner. Der Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung blieb er verbunden über seine regelmäßige Teilnahme an den "Linzer Konferenzen" der 1964 als "Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung" gegründeten ITH (heute "International Conference of Labour and Social History"), auf denen er als lebhafter Diskutant, mitunter aber auch als Referent auftrat – zuletzt im September 2000 als Eröffnungsredner der 36. Linzer Konferenz ("Erinnerung an Diktatur und Verfolgung im internationalen Vergleich"). Gemeinsam mit Eric Hobsbawm, Helga Grebing, Susanne Miller, Masao Nishikawa, Henryk Skrzypczak, Feliks Tych und weiteren Persönlichkeiten bildet er das "Ehrenkomitee" der ITH.
Felix Kreissler war zahlreichen weiteren österreichische Einrichtungen durch vielfältige wissenschaftliche und persönliche Kontakte verbunden und hat deren Tätigkeit auch finanziell unterstützt– neben der Jura-Soyfer- und der Theodor-Kramer-Gesellschaft sowie der 1998 gebildeten Zentralen österreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz (deren Kuratorium er angehörte) und der 2003 gegründeten Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung (deren Ehrenmitglied er war), ist dies vor allem das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. In einem Beitrag für das Jahrbuch 1998 des DÖW über die "Österreicher in Buchenwald" definierte er – am Beispiel des Zusammenhangs von Widerstand und Überleben im KZ – die Solidarität als bewussten Akt des Widerstandes. Seine Verbundenheit mit dem DÖW brachte er auch anlässlich seines letzten Wien-Besuchs zum Ausdruck – durch seine Teilnahme an der Feier zum 60. Geburtstag des wissenschaftlichen Leiters, Wolfgang Neugebauer, am 18. Oktober 2004. Sein Kommentar: "Die Laudatio-Redner hatten Recht, auf Neugebauers außergewöhnlichen Qualitäten hinzuweisen!"
Der Widerstand als historisches Phänomen, aber auch als Lebenshaltung war – neben der Herausbildung der österreichischen Nationalkultur – das zweite große Thema seines wissenschaftlichen Werks, das ihn vor allem ab den neunziger Jahren zunehmend beschäftigte. Gemeinsam mit dem Historiker Paul Pasteur, dessen Beschäftigung mit Themen der österreichischen Zeitgeschichte er stets förderte, gab er 1996 (als Nr. 4 der vom CERA Rouen publizierten Études autrichiennes) den Band "Les Autrichiens dans la Résistance" heraus, 1997 folgte in der Münchner Edition Kappa die Streitschrift "Kultur als subversiver Widerstand", die 1999 in Rouen auf Französisch erschien – der französische Titel ("La culture, une résistance subversive. Essai sur la culture autrichienne") verwies darauf, dass der Autor seine Beispiele für die subversiven Potenzen der Kultur anhand der österreichischen Entwicklung analysierte.

Vermittler zwischen den Kulturen

Jahrzehntelang hatte Felix Kreissler versucht, dem französischen Publikum sowohl die österreichische Kultur- und Gesellschaftsgeschichte als auch das zeitgenössische Österreich nahezubringen – unter anderem mit einem Band aus Anlass des bevorstehenden EU-Beitritts Österreichs 1995, in dem er auch sein Verständnis für die in der offiziellen Auslandskulturpolitik fast völlig verschwiegenen österreichischen Gegner eines Beitritts artikulierte ("L’Autriche, treizième des douze?" – Österreich, Dreizehntes der Zwölf [damaligen Mitglieder der EG]?). In den letzten Jahren bemühte er sich, einem deutschsprachigen Publikum Frankreich verständlich zu machen – so mit einem in der Edition Kappa erschienenen Band "Eine europäische Angelegenheit. Frankreich: Politik–Menschen–Massen–Mythen"
Ein letzter Versuch, aus einer vergleichenden französisch-österreichischen Perspektive das ganze 20. Jahrhundert zu analysieren – unter Anderem im Dialog mit und in Abgrenzung von Eric Hobsbawms Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts "Zeitalter der Extreme" – blieb unvollendet: Ein 900 Seiten starkes Manuskript ("Das lange XX. Jahrhundert tödlicher Begegnungen") wartet auf Bearbeitung und Edition.
Ein Thema, mit dem sich Felix Kreissler zeit seines Lebens beschäftigte, waren Fragen von Exil und Emigration, die sich ihm auch persönlich gestellt hatten – in Form seiner eigenen durch politischen Druck erzwungenen Auswanderung 1937, der Flucht von bedrohten Familienmitgliedern 1938/39, aber auch der freiwilligen Übersiedlung Ende der fünfziger Jahre. Wie sehr er bis ins hohe Alter ein Ideengeber für die wissenschaftliche Forschung blieb, zeigte sich gerade an diesem Thema: Seit Ende der neunziger Jahre hatte er angeregt, die Exilforschung um des Aspekt der Rückkehr aus der Emigration und des Kulturtransfers in beide Richtungen zu ergänzen. Im Mai 2004 wurde schließlich in Wien die Ausgabe "Exil et Retours d’Exil" der Zeitschrift "Austriaca" präsentiert, an der Veranstaltung "Emigration – Exil – Remigration" nahm auch Felix Kreissler teil.

Felix Kreissler starb in der Nacht von 24. auf 25. Oktober 2004 in seiner Wohnung in Montreuil bei Paris an einem Herzinfarkt.
Die Verabschiedung fand im Kreise der Familie sowie von FreundInnen und KollegInnen aus Frankreich und Österreich am Freitag, den 29. Oktober 2004 im Crématorium du Père Lachaise in Paris statt.


Winfried R. Garscha

Version française:

Félix Kreissler (1917–2004), historien – homme politique – membre du comité d'honneur de l'ITH