Als
"Spécialiste de l’Autriche" – "Österreich-Spezialist"
– wurde der Historiker und Literaturwissenschaftler Felix Kreissler
in seiner Wahlheimat Frankreich meist vorgestellt. Ein Spezialist war er wirklich:
Nicht nur für die Geschichte und Kultur Österreichs, deren Studium
und Vermittlung er seine publizistische und wissenschaftsorganisatorische
Tätigkeit hauptsächlich widmete, sondern auch für die politischen
und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen im Österreich der Gegenwart:
Seine vehementen Ablehnung der im Jahre 2000 gebildeten ÖVP-FPÖ-Regierung,
die er in zahlreichen Kommentaren für französische und österreichische
Medien bekundete, war so kompromisslos, dass er seitdem staatliche Subventionen
für das von ihm begründete Österreich-Zentrum an der Universität
Rouen verweigerte.
Ein Leben im Widerstand
Felix Kreissler wurde 1917 im Wiener Arbeiterbezirk Meidling
geboren, engagierte sich schon als 17jähriger Mittelschüler gegen
die austrofaschistische Diktatur und wurde verhaftet. Kurz vor der Matura
von allen österreichischen Mittelschulen ausgeschlossen, emigrierte
er 1937 nach Frankreich. Ein Teil seiner Verwandten konnte nach dem "Anschluss"
Österreichs an Deutschland 1938 fliehen – unter Anderem, weil
sein Vater bereits im März 1938, nach der Kapitulation von Bundeskanzler
Schuschnigg vor Hitler, die Gefahr für die jüdische Familie erkannt
und sich um Ausreisemöglichkeiten umgesehen hatte –, ein Teil
wurde Opfer der Shoah. Die dramatischen Tage zwischen der Unterredung Schuschnigg-Hitler
in Berchtesgaden am 12. Februar 1938 und dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht
am 12. März 1938 haben ihn ein Leben lang begleitet; er hat sie in
zahlreichen Büchern und Aufsätzen thematisiert.
Nach dem Angriff Hitler-Deutschlands auf Frankreich schloss sich Felix Kreissler
der Résistance an, war unter Anderem in Toulouse, Lyon, Grenoble
und Nîmes aktiv, wurde mehrfach verhaftet, konnte jedoch jedes Mal
fliehen. Nach der vierten Verhaftung, diesmal gemeinsam mit seiner späteren
Frau Denise, wurde er ins Gestapogefängnis Lyon eingeliefert und von
den Männern Klaus Barbies "verhört". Er schloss mit
seinem Leben ab – und gerade diese Einstellung half ihm, zu überleben.
Nicht einmal seine wahre Identität konnte ihm die Gestapo entlocken.
Unter dem Namen "Le Brun" wurde er, als Franzose, Mitte Mai 1944
ins KZ Buchenwald verschickt, während Denise ins Frauen-KZ Ravensbrück
deportiert wurde. Beide überlebten, dank der Solidarität von Mithäftlingen,
und heirateten, nachdem sie sich wieder gefunden hatten, im August 1945
in Paris. Sofort nach seiner Rückkehr schaltete sich Felix Kreissler
in die politischen und kulturellen Aktivitäten der Österreichischen
Freiheitsfront in Frankreich ein, die sich als Sprachrohr des befreiten
Österreich verstand, und half Rückkehrwilligen, nach Österreich
zu gelangen. Er selbst übersiedelte gemeinsam mit seiner Frau Denise
1947 nach Wien, wo er zuerst bei der Radioverkehrs-A.G. ("RAVAG")
für die "Russische Stunde" arbeitete.
Obwohl schon über 40 Jahre alt, begann Felix Kreissler 1959 in Frankreich
zu studieren, erwarb schließlich drei Doktor-Titel und wirkte ab Anfang
der siebziger Jahre am Aufbau des Instituts für Germanistik der neugegründeten
Université de Haute Normandie in Rouen mit. Mit der Gründung
des Österreich-Zentrums CERA (Centre d’Études et de Recherches
Autrichiennes) und der Halbjahreszeitschrift "Austriaca"
gelang es, die Österreich-Kunde an den französischen Universitäten
zu verankern. Er gewann GermanistInnen und Historiker der nächsten
und übernächsten Generation für die Fortführung dieses
Werks, wobei ihn ein besonders enges Verhältnis mit Gilbert Ravy (Rouen)
und dem ebenfalls aus Österreich stammenden Gerald Stieg (Paris) verband.
Das Ansehen, das Felix Kreissler in der wissenschaftlichen Welt sowohl Frankreichs
als auch Österreichs genoss, kam sinnfällig zum Ausdruck in der
1985 im Wiener Europaverlag erschienen Festschrift anlässlich seiner
Emeritierung "Mélanges Felix Kreissler".
In den darauffolgenden Jahren betätigte er sich vor allem als Vortragender
in Frankreich und Österreich sowie Autor zahlreicher Aufsätze,
Besprechungen und Kommentare, verfasste für französische Publikationen
Jahresberichte zum Zeitgeschehen in Österreich und beteiligte sich
an zahlreichen wissenschaftlichen Projekten.
Dass die Österreichische Volkspartei im Februar 2000 mit der Freiheitlichen
Partei trotz der ultrarechten Demagogie von FPÖ-Chef Haider eine Koalition
einging, empörte ihn nicht nur als gebürtiger Österreicher
und naturalisierten Franzosen, in der Bildung der "schwarz-blauen"
Regierung erblickte er auch eine Gefährdung seines gesamten Lebenswerks,
das in hohem Ausmaße der Verbreitung von Wissen über und der
Weckung von Verständnis für Österreich in Frankreich gewidmet
war. Aus einem scharfsinnigen und oft humorvollen Beobachter der Geschehnisse
wurde er "auf seine alten Tage" wieder zum politischen Akteur.
Als ihm Ende 2000 für sein publizistisches Gesamtwerk der Bruno-Kreisky-Preis
verliehen wurde, verkündete er in der überfüllten Kreisky-Villa,
er stehe "in strengster Opposition zur schwarz-blauen Regierung".
Obwohl die FPÖ nicht gerade als "Nazi-Partei" bezeichnet
werden könne, so sei es doch unübersehbar, dass in ihren Reihen
"nationalsozialistische Ideologien" mitmarschieren. In der ÖVP
wiederum seien "demokratische Traditionen zugedeckt" – die
Partei beuge sich "so weit nach rechts, bis sie rechts umfällt".
Von besonderer Bedeutung war ihm die auf seine Initiative gegründete
"Österreichisch-Französische Gesellschaft
für kulturelle und wissenschaftliche Zusammenarbeit" (Société
franco-autrichienne pour la cooperation culturelle et scientifique),
die aus einer Initiative gegen die Schließung des Österreichischen
Kulturinstituts in Paris hervorgegangen war. (Diese Initiative hatte immerhin
die Auslagerung der bedeutenden Bibliothek verhindern können.) Die
Hereinnahme der FPÖ in die Regierung war für Kreissler gleichbedeutend
mit einer Öffnung der staatlichen Institutionen für Chauvinismus
und Kulturlosigkeit – gegen diese Erscheinungen anzukämpfen war
ihm Hauptziel seiner politischen Bemügungen.
Bei jedem seiner zahlreichen Österreich-Aufenthalte warb er für
einen intensiveren Austausch im Kulturbereich, für Toleranz und Meinungsfreiheit
und propagierte diesen Versuch einer regierungsunabhängigen bilateralen
Kultur- und Wissenschaftspolitik "von unten". Und noch wenige
Tage vor seinem Tod leitete er eine Sitzung des französischen Teams
der Gesellschaft, in der er ein auf die Nobelpreisträgerin Elfriede
Jelinek zugeschnittenes Programm für 2005 präsentierte.
Historiograph einer Nationswerdung
Felix Kreissler hat ein umfangreiches wissenschaftliches Oeuvre
hinterlassen.
Seine erste französische Dissertation erschien 1967 auch auf Deutsch
("Das Französische bei Raimund und Nestroy", die französische
Buchausgabe folgte erst 1973: "Le Français dans le théâtre
viennois du XIXe siècle"), seine zweiten
Arbeit wurde eine Geschichte der Ersten Republik, die nicht nur in Frankreich
zu einem Standardwerk zur österreichischen Zeitgeschichte wurde: deutsch
1970 unter dem Titel "Von der Revolution zur Annexion", französisch1971
unter dem Titel "De la révolution à l’annexion.
L’Autriche de 1918 à 1938" publiziert.
1980 legte er jene beiden Bänden über den Bewusstwerdungsprozess
der österreichischen Nation vor, die zu seinem einflussreichsten Werk
werden sollten: "La Prise de Conscience de la Nation Autrichienne.
1938–1945–1978". Der Böhlau Verlag brachte 1984 eine
überarbeitete Ausgabe unter dem Titel "Der Österreicher und
seine Nation. Ein Lernprozess mit Hindernissen" heraus. Obwohl Kreissler
in dieser Studie in dem für ihn typischen Stil der etwas koketten Untertreibung
behauptete, dass ihm alle Theorien zur nationalen Frage gleich wertvoll
seien und er über keine eigene verfüge, vertrat er in diesem Résumé
jahrzehntelanger Beschäftigung mit der Rolle der Kultur und Politik
im Nationsbildungsprozess implizit natürlich sehr wohl einen theoretischen
Ansatz, der schon im Titel des Buches zum Ausdruck kam – sowohl im
französischen Titel ("prise de conscience" = das Sich-bewusst-Werden)
als auch im deutschen Untertitel ("ein Lernprozess") wurde das
Prozesshafte betont: Nation war für ihn – ganz in der französischen
Tradition ("...un plébiscite de tous les jours...", eine
"tägliche Volksabstimmung", wie Ernest Renan die Nation 1882
definierte) – eine historische Erscheinung, die durch politisch-kulturelles
Handeln zur Option und durch gesellschaftliche Akzeptanz zur Realität
wird. Obwohl er nie ein Hehl daraus machte, dass er sich als in der marxistischen
Tradition stehend verstand und vor allem die Arbeiten des KPÖ-Theoretikers
Alfred Klahr ("Zur nationalen Frage
in Österreich", 1937) für einen entscheidenden Schritt in
diesem Bewusstwerdungsprozess ansah, positionierte sich Kreissler damit
abseits der klassischen marxistischen Definitionen, die ihm offenkundig
zu statisch (Otto Bauers "Sprach-
und Kulturgemeinschaft") oder zu starr (Stalins Vierpunkte-Definition einer Nation) waren.
Obwohl er die Bedeutung ökonomischer Faktoren anerkannte, stand die
Frage, unter welchen wirtschaftlichen Voraussetzungen sich Nationsbildungsprozesse
vollzogen, nicht im Zentrum seiner kulturwissenschaftlich orientierten Untersuchungen
zur Geschichte Österreichs. Der unter seiner Leitung 1992 herausgegebene
Band "L'Autriche 1867–1939" hieß im Untertitel "Naissance
d’une identité culturelle" (Geburt einer kulturellen Identität),
als Nr. 9 der "Études Autrichiennes" erschien im Jahr 2000
im Universitätsverlag Rouen eine kurze Geschichte Österreichs
von 1800 bis 2000 unter dem sprechenden Titel "L’Autriche, brûlure
de l’Histoire" (Österreich, Brandwunde der Geschichte).
Felix Kreisslers letzter öffentlicher Auftritt war dem Thema "österreichische
Nation" gewidmet – er fand am 16. Oktober 2004 in Wien statt,
bei einer Veranstaltung aus Anlass des 100. Geburtstags von Alfred Klahr
("Alfred Klahr (1904–1944) und die 'Erfindung'
der österreichischen Nation: Deutschnationale, Austrofaschisten und
Kommunisten im Kampf um die österreichische Identität").
Kreisslers Referat auf dem Symposium behandelte die Auswirkungen der Arbeiten
Alfred Klahrs auf Politik und Geschichtsschreibung der Zweiten Republik.
Geschichte der Arbeiterbewegung und des Widerstands
Felix Kreissler war Mitautor des – nie ins Deutsche
übersetzten – ersten biografischen Lexikons zur Geschichte der
österreichischen Arbeiterbewegung: Als einer der ersten Bände
des von Jean Maitron herausgegebenen "Dictionnaire
biographique du mouvement ouvrier international" erschien 1971
der Band "L’Autriche" von Yvon Bourdet,
Georges Haupt, Felix Kreissler und Herbert Steiner. Der Geschichtsschreibung
der Arbeiterbewegung blieb er verbunden über seine regelmäßige
Teilnahme an den "Linzer Konferenzen" der 1964 als "Internationale
Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung" gegründeten ITH (heute
"International Conference of Labour
and Social History"), auf denen er als lebhafter Diskutant, mitunter
aber auch als Referent auftrat – zuletzt im September 2000 als Eröffnungsredner
der 36. Linzer Konferenz ("Erinnerung an Diktatur und Verfolgung im internationalen
Vergleich"). Gemeinsam mit Eric Hobsbawm, Helga Grebing, Susanne
Miller, Masao Nishikawa, Henryk Skrzypczak, Feliks Tych und weiteren Persönlichkeiten
bildet er das "Ehrenkomitee" der ITH.
Felix Kreissler war zahlreichen weiteren österreichische Einrichtungen
durch vielfältige wissenschaftliche und persönliche Kontakte verbunden
und hat deren Tätigkeit auch finanziell unterstützt– neben
der Jura-Soyfer- und der Theodor-Kramer-Gesellschaft sowie der
1998 gebildeten Zentralen
österreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz (deren Kuratorium
er angehörte) und der 2003 gegründeten
Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung (deren Ehrenmitglied
er war), ist dies vor allem das Dokumentationsarchiv
des österreichischen Widerstandes. In einem Beitrag für das
Jahrbuch 1998 des DÖW über die "Österreicher in Buchenwald"
definierte er – am Beispiel des Zusammenhangs von Widerstand und Überleben
im KZ – die Solidarität als bewussten Akt des Widerstandes. Seine
Verbundenheit mit dem DÖW brachte er auch anlässlich seines letzten
Wien-Besuchs zum Ausdruck – durch seine Teilnahme an der Feier zum
60. Geburtstag des wissenschaftlichen Leiters, Wolfgang Neugebauer, am 18. Oktober 2004.
Sein Kommentar: "Die Laudatio-Redner hatten Recht, auf Neugebauers
außergewöhnlichen Qualitäten hinzuweisen!"
Der Widerstand als historisches Phänomen, aber auch als Lebenshaltung
war – neben der Herausbildung der österreichischen Nationalkultur
– das zweite große Thema seines wissenschaftlichen Werks, das
ihn vor allem ab den neunziger Jahren zunehmend beschäftigte. Gemeinsam
mit dem Historiker Paul Pasteur, dessen Beschäftigung mit Themen der
österreichischen Zeitgeschichte er stets förderte, gab er 1996
(als Nr. 4 der vom CERA Rouen publizierten Études autrichiennes)
den Band "Les Autrichiens dans la Résistance" heraus, 1997
folgte in der Münchner Edition Kappa die Streitschrift "Kultur
als subversiver Widerstand", die 1999 in Rouen auf Französisch
erschien – der französische Titel ("La culture, une résistance
subversive. Essai sur la culture autrichienne") verwies darauf, dass
der Autor seine Beispiele für die subversiven Potenzen der Kultur anhand
der österreichischen Entwicklung analysierte.
Vermittler zwischen den Kulturen
Jahrzehntelang hatte Felix Kreissler versucht, dem französischen
Publikum sowohl die österreichische Kultur- und Gesellschaftsgeschichte
als auch das zeitgenössische Österreich nahezubringen –
unter anderem mit einem Band aus Anlass des bevorstehenden EU-Beitritts
Österreichs 1995, in dem er auch sein Verständnis für die
in der offiziellen Auslandskulturpolitik fast völlig verschwiegenen
österreichischen Gegner eines Beitritts artikulierte ("L’Autriche,
treizième des douze?" – Österreich, Dreizehntes der
Zwölf [damaligen Mitglieder der EG]?). In den letzten Jahren bemühte
er sich, einem deutschsprachigen Publikum Frankreich verständlich zu
machen – so mit einem in der Edition Kappa erschienenen Band "Eine
europäische Angelegenheit. Frankreich: Politik–Menschen–Massen–Mythen"
Ein letzter Versuch, aus einer vergleichenden französisch-österreichischen
Perspektive das ganze 20. Jahrhundert zu analysieren – unter Anderem
im Dialog mit und in Abgrenzung von Eric Hobsbawms Weltgeschichte des 20.
Jahrhunderts "Zeitalter der Extreme" – blieb unvollendet:
Ein 900 Seiten starkes Manuskript ("Das lange XX. Jahrhundert tödlicher
Begegnungen") wartet auf Bearbeitung und Edition.
Ein Thema, mit dem sich Felix Kreissler zeit seines Lebens beschäftigte,
waren Fragen von Exil und Emigration, die sich ihm auch persönlich
gestellt hatten – in Form seiner eigenen durch politischen Druck erzwungenen
Auswanderung 1937, der Flucht von bedrohten Familienmitgliedern 1938/39,
aber auch der freiwilligen Übersiedlung Ende der fünfziger Jahre.
Wie sehr er bis ins hohe Alter ein Ideengeber für die wissenschaftliche
Forschung blieb, zeigte sich gerade an diesem Thema: Seit Ende der neunziger
Jahre hatte er angeregt, die Exilforschung um des Aspekt der Rückkehr
aus der Emigration und des Kulturtransfers in beide Richtungen zu ergänzen.
Im Mai 2004 wurde schließlich in Wien die Ausgabe "Exil et Retours
d’Exil" der Zeitschrift "Austriaca" präsentiert,
an der Veranstaltung "Emigration – Exil – Remigration"
nahm auch Felix Kreissler teil.
Felix Kreissler starb in der Nacht von 24. auf 25.
Oktober 2004 in seiner Wohnung in Montreuil bei Paris an einem Herzinfarkt.
Die Verabschiedung fand im Kreise der Familie sowie von FreundInnen und
KollegInnen aus Frankreich und Österreich am Freitag, den 29. Oktober
2004 im Crématorium du Père Lachaise in Paris statt.
Winfried R. Garscha
Version française:
Félix
Kreissler (1917–2004), historien – homme politique –
membre du comité d'honneur de l'ITH