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Zum Tod von Asja Steiner


Am 15. Februar 2004 ist in Moskau Asja Steiner im 89. Lebensjahr gestorben. Asja Steiner ist der ITH jahrzehntelang verbunden gewesen. Zuletzt hat sie in hohem Alter die Tagung im Jahr 1997 besucht.

Als 18-Jährige ist Asja mit der Betreuung von österreichischen Schutzbundkindern beauftragt worden, deren Eltern nach den Februarkämpfen 1934 nach Moskau emigriert waren. Seit dieser Zeit – in der sie das Wienerisch der Proletarierkinder gelernt hat – ist sie ihnen verbunden geblieben und hat etliche „ihrer“ Kinder noch bei ihrem letzten Besuch in Österreich getroffen.

Obwohl selbst von der Repression der 1930er Jahre betroffen – ihr Freund, der deutsche Lehrer am Kinderheim Fritz Beyes, wurde verhaftet und ist im Lager umgekommen; sie selbst wurde nach seiner Verhaftung genötigt, sich von ihm zu distanzieren – hat sie eine differenzierte Erinnerung an die sowjetische Epoche bewahrt. Die Veränderungen der Gorbatschow-Ära begrüßte sie. Der Zusammenbruch des Sowjetunion und der Systemwechsel haben ihr die Lebenswelt genommen; ihre Überzeugungen hat sie aber behalten.

Ihr historisches Interesse hat sie nach deren Öffnung in die sowjetischen Archive geführt, wo sie das weitere Umfeld ihrer persönlichen Geschichte und jener der Schutzbund-Emigration studierte. Die Stalinismusforschung, die auf Basis des neuen Archivmaterials einen gewaltigen Aufschwung nahm, hat sie mit lebhaftem Interesse verfolgt. Sie hat uns in die Archive begleitet und trotz ihres hohen Alters dort stundenlang recherchiert und übersetzt. In den letzten Jahren, als sie die Wohnung nur mehr selten und nicht ohne fremde Hilfe verlassen konnte, hat sie die fehlende Bewegungsfreiheit mit Lektüre ausgeglichen.

„Was zählt, sind echte Freunde“, pflegte sie zu sagen. Wir haben mit ihr eine Freundin verloren, bei der jeder Besuch von Herzlichkeit, Interesse und wachem Verstand geprägt war. Unsere Anteilnahme gilt insbesondere ihrer Schwester Tamara, mit der Asja in den letzten Jahren zusammen gelebt hat.

Berthold Unfried